Dieter Schlesak: Licht Blicke

Schlesak-Licht Blicke

ZU HAUSE wusste ich nur
dass der Mensch so
wie er meint zu sein
nicht ist

Viel mehr als nur im blauen Schein
dieser Erde
kein Wunder – nur sie holen uns
aus Jahrmillionen Zeiten jetzt ein

Hier wo ich es täglich erlebe
will ich’s am Tage nicht wissen
schrecke nur manchmal auf
wenn sie in mir flüstern und tasten:

Vergiss endlich dein Heimweh:
du bist im Vergessen zu Haus.

 

 

Lyrik als Zwischenschaft

An meine Leser

Ja, ich bin in Transsylvanien geboren, flüchtete zur Ceausescu-Zeit nach Deutschland, bin dann auch aus Deutschland weggegangen, da ich die Illusion, es wäre alles in Ordnung, nicht ertragen konnte – nun eben nach Italien oder ins Dazwischen, in mein poetisches Absurdistan, denn wie Sie wissen, hat Poesie, dies Handwerk, laut Paul Celan nicht nur keinen goldenen, sondern überhaupt keinen Boden: ,,bce poety jidy“, sagte die russische Dichterin Marina Zwetajewa, alle Dichter sind heimatlose Juden. Ich wohne also seither in meinem Zwischenland Italien, lebe aber trotzdem wirklich, also in der Nähe von Lucca, Carrara, Viareggio, Florenz eigentlich schön, doch eingesperrt in der eigenen Haut und nirgends zu Hause – außer im Wort, dem deutschen freilich, das Gott sei Dank noch nicht vergangen ist, doch eine Vergangenheit hat, die ich nicht vergessen kann.
Da ich im Wort und ganz schön als Zwischenschaftler, also ZWISCHEN drei Ländern – Rumänien, Italien, Deutschland – lebe, habe ich das Glück gehabt, dass meine Gedichte in die Sprachen meiner drei Länder übersetzt worden sind, ich also reich bin, dreimal leben darf!

Dieter Schlesak

 

Stimmen der Kritik

Hier ist, um mit Musil zu reden, nicht nur eine neue Seele da, sondern auch der dazugehörige Stil. Das vitale Sprach- und Erfahrungsmaterial ist in großräumige Rhythmen übersetzt, die in der Ferne die Zentnerschwere einer lyrischen Tradition von Gryphius bis Günter und Klopstock ahnen lassen, bei denen die Form gerade noch die alles sprengende Erfahrung fasst… Man möchte auf die formale und sprachliche Kunstleistung hinweisen, auf die Vielfalt der Themen – und könnte doch nur sagen: Ecce Poeta. Viele dieser Gedichte lassen den Leser nicht los, sie greifen seine Erfahrung, sein Bewusstsein an.

Walter Hinderer, Frankfurter Allgemeine Zeitung

 

Dieter Schlesak legt Gedichte vor, die überwältigen. Sie stellen den Leser; sie beschwichtigen nie.

St. Galler Tagblatt

 

Hier ist das genaue Befragen der Wörter, der Worte, wie es Rilke etwa oder Celan exemplarisch vorgeübt haben, an die Schwelle zur extremen Verrätselung geführt. Sie ist der Gegenwert dafür, dass Schlesak die tradierte Erfahrung ausweitet und erst keimende Erfahrung ins Wort nimmt, statt Erwartetes im Nennen steril zu wiederholen.

Neue Zürcher Zeitung

 

Da versucht einer, einen neuen Lebenszusammenhang herzustellen und mit diesem Versuch der Literatur wieder den Rang zurückzugewinnen, den sie bis James Joyce und auch noch im Scheitern Robert Musils gehabt hat: ihrer Zeit voraus zu sein. Mit dem intuitiven Blick des Lyrikers ließ sich fassen, was bisher unfassbar erschien.

Jürgen Serke, in Die verbannten Dichter

 

Dieter Schlesak ist ein sinnierender, ein brütender Geist, der fortwährend über das Geheimnis unserer Existenz, über den, wie er sagt, „Abgrund dieser Gegenwart“ sich beugt. In dieser Hinsicht ist er dem 1979 verstorbenen Ernst Meister verwandt. Das Erstaunliche dabei ist, die Kritik hat schon darauf hingewiesen, wie weit Dieter Schlesak thematisch und formal zurückgeht: bis zur Barockzeit mit ihren metaphysischen Spekulationen. Diese Tradition kam dem Lyriker unserer Tage entgegen.

Rudolf Hartung, Sender Freies Berlin

 

Indien ist nicht weit; Ihr geistiger Weg musste zu einer Form der Mystik führen. Dennoch ist die äußere Welt auch da – von Siebenbürgen bis nach Mexiko; wobei immer im Hintergrund die Suche nach einer andern Wahrheit steht, einer tiefen Wahrheit, die der Geschichte entkommt oder sie überschreitet.

E.M. Cioran, in einem Brief an den Autor

 

Das ist ein dichter Dichter-Band! Das hat Substanz, das hat Karat, und einiges zähle ich zum Besten überhaupt in dieser Zeit. Jedenfalls ist das endlich mal etwas auf den Tisch, das man nicht „liest“ sondern  l i e s t , wo man nach dem Durchlesen das Gefühl hat, jetzt beginnt das Lesen.

Reiner Kunze, in einem Brief an den Autor

 

Vertiefung der Sprache zu An-Deutungen; Bilder als Spiegel innerer Vorgänge von Schau und Abwehr, von Versenkungen, ja, geistigen Andachten und Grenzahnungen, wo sich das Wort versagt. Die deutsche Sprache ist Schlesak Notbehelf im Geistigen. Seine Mystik, gespeist aus einem unmittelbaren Bezug zu uralt trächtigem Kulturboden – der Autor lebt zumeist in Italien – wendet sich in Auffächerungen unserer Identität zu.

Inge Meidinger-Geise, Die Warte

 

Seit Goethes und Jean Pauls Zeiten gehört Schlesak zu den beeindruckendsten Traumerzählern.

Holger Jergius, Nürnberger Zeitung

 

Das „Aus-Land“ ist freilich mehr als nur Chiffre für ein individuelles Außenseiterdasein. Letztlich meint sie eine existenzielle Sackgasse: die Fremdheit des Menschen im „Gefängnis“ seines Körpers und der Zeit, die angesichts des Massenvernichtungspotenzials auf ihr Ende zutreibt. Was bleibt, sind tastende Ausgriffe in den Bezirk der Mystik.

Hans-Rüdiger Schwab, Frankfurter Allgemeine Zeitung

 

Die Ausführungen von Dieter Schlesak haben den Vorzug der Klarheit. Was bei Heiner Müller bisher dunkel „deutsches Verhängnis“, „Kolonisation“ oder „Überfremdung“, bei Volker Braun locker „das nicht Nennenswerte“ hieß und von Christa Wolf als „dunkle wilde Jagd“ bedichtet wird … was also zwischen Kreuzestod und altfränkischer Schicksalsrhetorik kaum hinreichend verständlich wurde… ist hier plötzlich deutlich.

Iris Radisch, Die Zeit

 

Sein Ich ist sich des Zeitsprungs gewiss, sein Ich warnt den Leser vor allzu großen Erwartungen: „Was wirklich wahr ist, gibt’s noch nicht. / Und alles andere ist vergangen. / Die schnelle Geschwindigkeit dieses Tages / setzt du auch morgen nicht zusammen.“ Die enge Verbindung von gegenwärtigem Geschehen, das das Bewusstsein noch nicht aufnehmen kann, und einer eben abgelaufenen Vergangenheit, die als Traumsequenz in eine Zukunft reicht, in welcher alles erst entwickelt wird, was im Präsens zu schnell vorüberjagt, ist der Übergang, in dem das Schlesaksche Ich stehen geblieben ist, um in der Fülle des Augenblicks seine vielschichtigen Beobachtungen machen zu können. Es wählt den quälenden Weg der Offenlegung von Wunden im Zeitbewusstsein am Ende des 20. Jahrhunderts.

Wolfgang Schlott, Kommune 2

 

Ein an barocke Vergänglichkeitsklagen erinnernder Ton ist Signal: das Begehren nach dem Augenblicks begehren verstummt; wahre Liebe will Ewigkeit. ,,Doch die Liebe ist Leben für immer“, heißt der Sammeltitel für eine der Gedichtreihen… die poetischen Bilder leiten uns unaufdringlich, aber unausweichlich zur Frage nach unserer Endlichkeit, kurz, dies ist ein großes Gedicht.

Walter Hinck, Frankfurter Allgemeine Zeitung

 

Dieter Schlesak vorstellen, heißt einen großen Dichter der modernen Poesie vorstellen; wir haben es hier mit einem Dichter zu tun, der die moderne Poesie deutscher Sprache und Europas seit den Anfängen des achtzehnten Jahrhunderts, die in Deutschland mit Hölderlin beginnt und ihren Höhepunkt mit Paul Celan erreicht, bis an ihre extremen Grenzen führt. Nicht zufällig beeinflussen die Themen und Rhythmen Hölderlins und dann die Paul Celans die Gedichte von Dieter Schlesak… Ich glaube, es ist wichtig, was die Einmaligkeit des Phänomens Schlesak betrifft, einen anderen wichtigen Standpunkt zu beachten: die Themen in Schlesaks Poesie sind an einen historischen Moment gebunden! Und da muss von einem Werk der Grenze gesprochen werden, ein Werk, das als „Zwischenschaft“ bezeichnet wurde… also an die Grenze, ins „Zwischen“; die Überwindung also einer Schwelle, was historisch und auch poietisch zur Deutung dieser Poesie sehr wichtig ist.

Luciano Zagari, ehem. Lehrstuhlinhaber der Pisaner Germanstik, in einem Vortrag über Dieter Schlesak

 

Zum 70. Geburtstag des Autors:

Neu: Ost-West-Lektionen
Stuttgarter Zeitung, 6.8.2004

Zum 80. Geburtstag des Autors:

Elisabeth Krause: Zwischenschaftler und Vermittler
Siebenbürgische Zeitung, 7.8.2014

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