Dieter Wellershoff: Zu Rolf Dieter Brinkmanns Gedicht „Samstagmittag“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Rolf Dieter Brinkmanns Gedicht „Samstagmittag“ aus Rolf Dieter Brinkmann: Standphotos. 

 

 

 

 

ROLF DIETER BRINKMANN

Samstagmittag

Ein Männerarm (nackt) mit einem
Stückchen Unterhemd
zieht die Gardine wieder zu.

Vor ein anderes Fenster ist
ein Stück Pappe geheftet.

Ein großer grüner Kaktus ist
nach draußen gestellt worden.
Er soll noch größer werden.

Weil es regnet; hier… und da.

 

Alltäglichkeit

Ist das überhaupt ein Gedicht? Diese Frage wird wahrscheinlich gestellt werden. Aber ehe ich zu definieren versuche, was ein Gedicht ist und was nicht, beschränke ich mich lieber auf den Hinweis, daß Rolf Dieter Brinkmann den zitierten kleinen Text in seinem dritten Gedichtband veröffentlicht hat, der unter dem Titel Gras 1970 erschienen ist.
Er enthält einige kurze, minimalistische Texte und sehr lange, assoziativ gleitende oder sprunghaft sich fortbewegende Texte, die wie mit Mottenlöchern von Leerstellen durchsetzt sind, in denen sich die Zusammenhänge aufzulösen drohen. Dabei entsteht der Eindruck eines taumelnden Denkens, das sich von Einzelheit zu Einzelheit weitertastet.
Das ist das Gegenteil von „Verdichtung“, also des oft zitierten Konzentrationsprozesses, aus dem laut klassischer Ästhetik die Gestalt und Bedeutungstiefe von exemplarischen Gedichten entstehen. Brinkmann hat nach eigenem Zeugnis mit der Denkmalhaftigkeit der literarischen Werke, die in der Schule besprochen wurden, Schwierigkeiten gehabt. Sie paßten nicht zu seinem Lebensgefühl. Deshalb hat er, angeregt durch zeitgenössische amerikanische Lyriker, auf die traditionelle Ästhetik der Verdichtung mit einer Ästhetik der Zerstreuung reagiert.
Im Vorwort seines 1968 erschienenen zweiten Gedichtbandes Die Piloten hat er geschrieben, er verstehe das Gedicht als eine geeignete Form, um „spontan erfaßte Vorgänge und Bewegungen, eine nur in einem Augenblick sich zeigende Empfindlichkeit konkret als snap-shot festzuhalten“. Das Gedicht könne nur Material aufnehmen, das alltäglich abfalle. „Da geht es um das genaue Hinsehen und die richtige Einstellung zum Kaffeerest in der Tasse.“ Alltag, aber entdeckt als Faszinosum.
Das ist die Pop-Art-Variante eines älteren Konzepts der Moderne. Als literarisches Thema wurde der Alltag unüberhörbar eingeläutet, als James Joyce in seinem Roman Ulysses die Irrfahrten des Odysseus als einen Tag im Leben eines Dubliner Anzeigenacquisiteurs beschrieb und die mythischen Gestalten und Ungeheuer ironisch ins kleinbürgerliche Format übersetzte. Dagegen hatte der an der Wirklichkeit leidende Hölderlin versucht, sich die immer wieder angerufenen Götter noch als entrückte, aber das Leben prägende Potenzen vorzustellen.
Auch bei Gottfried Benn tauchten nach dem Kälteschock der Gedichte aus dem Leichenschauhaus jahrzehntelang in Liebesgedichten und Sehnsuchtspanoramen Götter und Mythen als pathetisches Dekor auf, bevor er in der Melancholie eines Kneipengedichtes eine bodennahe Abschiedstonart fand. Bei Brinkmann gibt es keine mythischen Hintergründe und Ideenwelten, vor deren ewigen Mustern alles Alltägliche als blasse, verminderte Analogie erscheint. Alles ist vielmehr nur das, was es ist, wenn auch immer in der fragmentarischen, momentanen Art, wie es sich uns jeweils zeigt.
Zum Beispiel als ein „Samstagmittag“ in der Stadt, wahrgenommen aus einem Fenster mit einem Blick auf ein anderes Fenster, wo ein nackter Männerarm eine Gardine zuzieht, vielleicht weil sich der Mann beobachtet fühlte. Nun ist wieder nichts Besonderes zu sehen, nur die gegenüberstehende Gebäudefront in einem, wie ich mir vorstelle, großstädtischen Hinterhof, dessen Bewohner trotz oder wegen der Enge nicht in nachbarschaftlichen Beziehungen leben.
Sind es arme Leute oder gleichgültige, die kein Interesse an ihrer Wohnung haben? Jedenfalls haben sie eine beschädigte Fensterscheibe nur provisorisch mit einem Stück Pappe überklebt. Andererseits steht auf einer Fensterbank ein großer grüner Kaktus. Man hat ihn nach draußen in den Regen gestellt, der gerade fällt.
Sonst ist nichts zu sehen. Es ist Samstagmittag, eine gesichtslose Zeit. Die Menschen haben sich zurückgezogen. Die Szene ist leer. Aber aus wenigen Einzelheiten hat sich ein Bild aufgebaut, das seine Suggestion gerade aus dem Informationsentzug bezieht. Was wird sich zeigen, wo sich noch nichts zeigt? Es hätte das Anfangsbild eines Films der Nouvelle Vague sein können.
Aber dieser Film ist nicht geschrieben worden. Denn Brinkmann war kein Geschichtenerzähler, sondern ein Trophäenjäger, der mit seiner Kamera in den Zwischenräumen der organisierten Welt nach dem Zufälligen und Momentanen suchte, das noch nicht von etablierten Bedeutungen besetzt war. Darin entdeckte er immer wieder den Überfluß der Wirklichkeit. Grundiert war das von dem leisen Erstaunen darüber, daß überhaupt etwas ist und nicht vielmehr nichts.

Dieter Wellershoffaus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Einunddreißigster Band, Insel Verlag, 2007

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