Edith Södergran: Ich selbst bin Feuer CD

Södergran-Ich selbst bin Feuer CD

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„Mein Garten liegt voller Scherben“

Das Wesentliche der Södergranschen Dichtung sind nicht die Wörter, die Formen, das Modernistische oder Nichtmodernistische, sondern das Erlebnis, das Leben dahinter. Sie ist ein Glied in der uralten, trotz aller Kreuzigungen lebendigen Tradition, für die galt, daß das Wort Fleisch werden kann.
Gunnar Ekelöf

Vier Gedichtbände hat Edith Södergran, die finnlandschwedische Lyrikerin, zu ihren Lebzeiten veröffentlicht: 1916 Gedichte, 1917 Die Septemberlyra, 1919 Der Rosenaltar und 1920 Schatten der Zukunft. 1923, am 24. Juni, starb sie im Alter von 31 Jahren an Lungentuberkulose, und 1925 gaben Hagar Olsson und Elmer Diktonius unter dem Titel Das Land, das nicht ist Gedichte aus Edith Södergrans Nachlaß heraus. Olsson und Diktonius, beide ihrerseits Schriftsteller, hatten 1922 die (nur kurzlebige) Literaturzeitschrift Ultra gegründet und von Edith Södergran dafür noch fünf Gedichte erhalten.
Der posthumen Buchveröffentlichung hätte sie wohl nicht zugestimmt. „Nie mehr sollst du dichten. / Jedes Gedicht sei das Zerreißen eines Gedichts“, heißt es 1920 in Entschluß. „Glaube, daß ich meine Laufbahn als Dichter beendet habe“, schreibt sie am 16. April 1920 an Hagar Olsson und nennt das Gedicht „Der große Garten“ („Heimatlose Wanderer sind wir alle…“) ein „veraltetes Gedicht“. Und ihre Mutter, Helena Södergran, hatte sie beim Ordnen ihrer Papiere gebeten, nichts den literarischen „Leichenwürmern“ zu überlassen.
Das freilich waren Olsson und Diktonius nicht; „am letzten Tag meinte sie, wie schön, wenn Hagar und Diktonius hier wären. (…) Sie dachte oft an all das, was Hagar und Diktonius für sie getan haben“, schreibt die Mutter am 8. Juli an Hagar Olsson. Nicht zuletzt wird sie damit auf die (anonym gehaltene) finanzielle Hilfe von Jarl Hemmer angespielt haben, der Mutter und Tochter das Überleben in ärmlichsten Verhältnissen verdankten.

Hagar Olsson und Elmer Diktonius hatten sich für Edith Södergran eingesetzt, als deren Gedichte in der Presse „Narrengedichte“ oder „formlose Ausbrüche“ eines kranken Gehirns gescholten wurden. Dem Ton wie der Form nach stachen sie von der zeitgenössischen finnlandschwedischen Lyrik so sehr ab, daß die krasse Abfuhr zumindest begreiflich wird.
Dabei blieb lange ungewiß, ob Edith Södergran mit einem Buch in schwedischer Sprache debütieren würde. Sie war am 4. April 1892 in Petersburg geboren und hatte dort sechs Jahre lang die Deutsche Hauptschule St. Petri besucht. „O Petersburg, du grosse / Und nebelverhüllte Stadt“, schreibt sie im August 1907 – auf deutsch – in das schwarze Wachstuchheft, in dem sie so etwas wie ein lyrisches Tagebuch führt. Es enthält, im unüberhörbaren Ton Heinrich Heines, mehr als 200 Gedichte in deutscher, dazu fünf in französischer und eines in russischer Sprache. Nur die letzten zwei Dutzend Gedichte sind auf schwedisch geschrieben.
1921 übersetzt Edith Södergran Hagar Olssons Roman Die Frau und die Gnade (1919) ins Deutsche und schlägt als Titel dafür wahlweise Elkanas Frau oder Die Familie Elkana vor. Wie vertraut ihr das Deutsche geblieben war, zeigen Sätze aus ihrem Brief an Hagar Olsson vom 16. April 1920. „Deutsch ist meine beste Sprache. (…) Garantiere, daß meine Übersetzung tadellos sein wird.“
Sie hofft, durch einen Berliner Bekannten, einen Herrn Bogs, zu einem deutschen Verleger zu kommen. Gleichzeitig stellt sie eine Anthologie zeitgenössischer finnlandschwedischer Dichter in deutscher Übersetzung zusammen und schickt das Manuskript am 30. Dezember 1922 an den Ernst Rowohlt Verlag in Berlin. Doch der lehnt ab:

R-w-lt hat geschrieben: die ök. Lage z.Z. katastrophal. Die deutsche Lyrik ist zum Schweigen verurteilt, daher kann er keine Fremden herausbringen. (…) Er meine, das Buch hätte „die kulturellen Beziehungen“ zwischen Deutschland und Finnland befördert, die Verlage müßten aber von vielen schönen Plänen Abstand nehmen. – Das ist Schicksal.

So Edith Södergran in einem Brief an Hagar Olsson vom 15. Januar 1923, gut fünf Monate vor ihrem Tode. Man wüßte gerne, ob Edith Södergran außer Texten von Eömer Diktonius, Ragnar Rudolf Eklund und Hagar Olsson in diese Anthologie auch eigene Gedichte in eigener deutscher Übersetzung aufgenommen hatte. Überliefert sind keine, und so dauerte es knapp zwanzig Jahre, bis 1942 in der Zeitschrift Nordlicht drei erste Gedichte von ihr auf deutsch erschienen: „Der Schmerz“, „Macht“ und „Der Mond“. Der Übersetzer war Otto Manninen, der für dieselbe Zeitschrift den Erinnerungsartikel „Das Grab in Raivola“ (1933) von Elmer Diktonius übersetzt hat. Diese Erstübersetzungen, die Klaus-Jürgen Liedtke ermittelt hat, waren in Band 170/1993 der Zeitschrift die horen nachzulesen.
Liedtke hat damals auch eigene Übersetzungen von zehn Gedichten Edith Södergrans vorgelegt. Sie finden sich wieder in dem Auswahlband Gedichte 1907–1922, den er im Berliner Gemini Verlag herausgebracht hat – nach den Gesammelten Gedichten (1977) bei Limes und den Gedichten und Briefen (1990) bei Reclam (Leipzig) die dritte umfassende Präsentation der Lyrik Edith Södergrans in deutscher Sprache.
Sie ist weniger umfangreich als die beiden früheren, bietet dafür aber die schwedischen Texte mit, und diese Zweisprachigkeit, die man sich für Ausgaben fremdsprachiger Lyrik als Selbstverständlichkeit wünschte, lenkt die Aufmerksamkeit noch stärker auf die Qualität der Übersetzung.
Daß Klaus-Jürgen Liedtke mit äußerster Sorgfalt gearbeitet hat, erhellt am besten aus einer Gegenüberstellung mit früheren deutschen Versionen, beispielsweise des Gedichts „Die Sterne“ („Stjärnorna“) aus Gedichte (1916):

När natten kommer
står jag på trappen och lyssnar,
stjärnorna svärma i trädgården
och jag står i mörkret.
Hör, en stjärna föll med en klang!
Gå icke ut i gräset med bara fötter;
min trädgård är full av skärvor.

*

Wenn die Nacht kommt,
lausch’ ich stehend an der Treppe:
die Sterne schwärmen im Garten,
und ich stehe im Dunkel.
Höre: ein Stern fiel tönend!
Geh nicht ins Gras hinaus mit bloßen Füßen;
mein Garten ist von Scherben voll.

Karl R. Kern (1977)

*

Wenn die Nacht kommt,
stehe ich auf der Treppe, lauschend,
die Sterne schwärmen im Garten
und ich stehe im Dunkel.
Hör, ein Stern fiel mit einem Klang!
Geh nicht ins Gras mit nackten Füßen;
mein Garten liegt voller Scherben.

Christiane Grosz (1990)

*

Wenn die Nacht naht
steh ich auf der Schwelle und lausche,
im Garten schwärmen die Sterne
und ich steh im Dunkel.
Horch, mit einem Klingen stürzte ein Stern!
Tritt nicht mit bloßen Füßen ins Gras;
mein Garten liegt voller Scherben.

Klaus-Jürgen Liedtke (1993/2002)

Der Schlüssel zu allen Geheimnissen lautet der Titel des neuen Auswahlbandes. Es ist der Anfang einer Zeile von Edith Södergrans Gedicht „Bäume meiner Kindheit“ (Juni 1922), einer Zeile, die schließt: „… liegt im Gras am Himbeerhang.“ Gunnar Ekelöf zitiert sie gleich am Anfang seines Aufsatzes „Die Landschaft von Edith Södergrans Dichtung“ (1943), den Liedtke seiner Auswahl beigegeben hat (auf ein eigenes Vor- oder Nachwort hat er verzichtet) und der daran erinnert, daß Klaus-Jürgen Liedtke der Herausgeber und Übersetzer einer Ausgabe von Gunnar Ekelöfs Werken ist, die seit 1991 beim Verlag Kleinheinrich in Münster erscheint und von der bisher vier Bände vorliegen, als letzter, 1999, Der ketzerische Orpheus mit Essays, Skizzen und Briefen zu Autobiographie und Poetik.

In diesem Band steht auch „Eine Wallfahrt“ – 1938, der Bericht von einer Reise, die Gunnar Ekelöf 1938 zusammen mit Elmer Diktonius nach Raivola, zu Edith Södergrans (inzwischen fast blinder) Mutter gemacht hat. Auch darin zitiert Ekelöf Bäume meiner Kindheit mit der „Schlüssel“-Zeile, die zugleich den Schlüssel zu Klaus-Jürgen Liedtkes Auswahl aus den Gedichten Edith Södergrans enthält.
Ekelöf spricht nämlich von einer „Reihe kleiner Gedichte voll feinster Stimmungsmalerei“ aus Edith Södergrans frühester Produktion und fährt fort:

Ist man (…) erst einmal über die jugendliche Phase nietzscheanischer Hypertrophie hinausgelangt, kehrt man gern zu ihnen zurück und folgt damit nur dem Beispiel, das Edith Södergran selbst in den berühmten Gedichten aus ihrem letzten Sommer gegeben hat.

„Der Schlüssel zu allen Geheimnissen“, meint Ekelöf, „liegt in der Kindheit, im Naturerleben der Kindheit, in dem, was dieses Erleben an ,Apriorischem‘ enthält. Die Lebensgeheimnisse sind apriorisch, nicht empirisch“
Klaus-Jürgen Liedtke seinerseits folgt dem Beispiel, das Gunnar Ekelöf in seinen beiden Aufsätzen gegeben hat. Daraus erklärt sich, daß er aus den Sammlungen Die Septemberlyra (1918) und Der Rosenaltar (1919) in seine Auswahl jeweils nur sieben Gedichte aufgenommen hat – aus jenen beiden Sammlungen also, in denen nach Ekelöf Edith Södergrans jugendliche „nietzscheanische Hypertrophie“ dominiert. (Zum Vergleich: Die Auswahl bei Reclam bringt aus der Septemberlyra 19, aus dem Rosenaltar 24 Stücke.)
Auch wenn es nicht ausdrücklich erläutert wird, ist das ein in sich stimmiges und sinnvolles Auswahlprinzip. Es ermuntert den Leser, ohne ihn zu bevormunden, und leitet ihn auf den richtigen und den wichtigen Wegen durch Edith Södergrans reiches lyrisches Werk.
Daß sie in buchstäblichem Sinne nahe am Tode gebaut hatte, daran erinnert Gunnar Ekelöf in seiner „Wallfahrt – 1938“:

In einem Winkel des Kirchhofs mit Ausblick über den See lag das Grab (…). Man muß diese Bäume und Sträucher gesehen haben, in denen öde der Wind rauscht, und das Magnetische der Umgebung verspürt haben, um die Zeilen recht zu verstehen, die auf dem Stein eingemeißelt waren:

Sieh hier den Strand der Ewigkeit
hier braust der Strom vorbei,
und der Tod spielt im Gesträuch
sein immergleiches Einerlei…

Hanns Grössel, die horen, Heft 211, 3. Quartal 2003

Ediths Schlüssel zu allen Geheimnissen

Klaus-Jürgen Liedtke, der bekannte Übersetzer schwedischer und finnlandschwedischer Lyrik, hat nunmehr in einer zweisprachigen Ausgabe eine repräsentative Auswahl der Gedichte Edith Södergrans vorgelegt. Sie reicht von ihren frühen Versuchen in russischer und deutscher Sprache bis zu den Meisterwerken ihrer 1925 posthum veröffentlichten Sammlung Das Land das nirgendwo ist.
Das Buch besticht durch seine geschmackvolle bibliophile Ausstattung wie auch durch die Sorgfalt der Übersetzung, die danach trachtet, so nahe wie möglich am Original zu bleiben und gleichzeitig etwas von dem eigenen dichterischen Ton der Södergran in der deutschen Wiedergabe spüren zu lassen. Dies ist wahrhaft keine leichte Aufgabe und hat womöglich auch Einfluß auf die Auswahl gehabt.
Statt eines eigenen Nachwortes läßt Liedtke den schwedischen Dichter Gunnar Ekelöf zu Wort kommen, der 1943 – zwanzig Jahre nach dem Tod der Dichterin – die karelische Landschaft in ihrer Dichtung in einer sehr persönlichen Betrachtung wieder auferstehen läßt. Der um fünfzehn Jahre jüngere Gunnar Ekelöf, um dessen Wiedergabe in deutscher Sprache sich Liedtke ebenfalls große Verdienste erworben hat, ist in der Tat der angemessene Interpret Edith Södergrans. Wenn man so will, hat Edith Södergran in großer Isoliertheit das Tor zur skandinavischen Moderne aufgestoßen, die in der Dichtung des weltläufigen Gunnar Ekelöf ihre volle Entfaltung finden sollte.

Bereits Hans Magnus Enzensberger hat 1960 die finnlandschwedische Dichterin mit fünf Gedichten in seine epochemachende Anthologie Museum der modernen Poesie aufgenommen, so auch mit dem Gedicht „Die Hölle“, das aus ihrer Debütsammlung von 1916 stammt, hier in der Übersetzung von Klaus-Jürgen Liedtke:

O wie herrlich die Hölle ist!
In der Hölle spricht niemand vom Tod.
In die Eingeweide der Erde ist die Hölle gemauert
und mit glühenden Blüten geschmückt…
In der Hölle spricht niemand ein hohles Wort…
In der Hölle hat niemand getrunken und niemand geschlafen
niemand ruht aus und niemand sitzt still.
In der Hölle spricht niemand, doch alle schreien,
dort sind Tränen nicht Tränen und ohne Kraft aller Kummer.
In der Hölle wird niemand krank und niemand ermüdet.
Unveränderlich ist die Hölle und ewig.

Die Hölle wird mit einer fast masochistischen Wollust beschrieben, die traditionell Vorgegebenes in einem neuen Licht erscheinen läßt. Das Gedicht hat durch die Erfahrung der totalen Isolation, der Edith Södergran in ihrem karelischen Dorf ausgesetzt war, und durch ihren täglichen Umgang mit Krankheit und Tod, einen sehr persönlichen Ausgangspunkt. Dennoch gelingt es, durch die suggestive Bilderabfolge und den ihr eigenen Ton einen Gegenentwurf zu ihrer Existenz zu entwerfen, der – gerade weil er die in diesem Gedicht angesprochenen Ambivalenzen nicht auflöst – eine Umwertung aller Dinge in greifbare Nähe rücken läßt und so einen Ausweg – wenn auch nur im Gedicht – aus ihrer Isoliertheit eröffnet.

Edith Södergran, Tochter finnlandschwedischer Eltern, wurde am 4. April 1892 in St. Petersburg geboren. Sie wuchs dreisprachig auf. Die Familiensprache war schwedisch. Deutsch und russisch lernte sie vor allem an der Höheren Töchterschule der deutschen St. Petri Hauptschule, die sie in den Jahren 1902 bis 1908 besuchte. Die Umgangssprache zwischen den Schülerinnen verschiedener Herkunft war offenbar deutsch. In dieser Sprache hat sie auch ihre ersten dichterischen Versuche gemacht.
Der Vater starb 1907 an Lungentuberkulose, 1908 diagnostizierte man die gleiche Krankheit an ihr. Sanatoriumsaufenthalte in Finnland und in den Jahren 1911 bis 1914 in der Schweiz, vor allem in Davos, bestimmten ihr weiteres Leben. Die Jahre bis zu ihrem frühen Tode 1923 verbrachte sie mit ihrer Mutter in dem kleinen Ort Raivola, auf der karelischen Halbinsel, wo die Familie kurz nach der Geburt Edith Södergrans eine Sommerresidenz erworben hatte.
Das Gedicht „Die Fackeln“ ist wie viele andere Gedichte Edith Södergrans ganz von der Botschaft durchdrungen, die die Dichterin zu verkünden nicht müde wurde: „Ohne Schönheit lebt der Mensch keine Sekunde.“

Meine Fackeln will ich entzünden über der Erde.
Mein Fackel soll stehn
auf jedem nächtlichen Hof
in den Alpen, wo die Luft ein Segen,
in den Tundren, wo der Himmel Melancholie.
O meine Fackel, leucht dem Verschreckten ins Angesicht,
dem Verweinten, Verdunkelten, Verunreinigten.
Ein sanfter Gott reicht euch die Hand:
ohne Schönheit lebt der Mensch nicht eine Sekunde.

Die Sammlung Der Rosenaltar, in der dieses Gedicht steht, lag schon wenige Monate nach der zu Weihnachten 1918 erschienenen Septemberlyra dem Publikum vor. Edith Södergran muß in diesen Monaten wie in einem Rausch gearbeitet haben. Dies lag vielleicht auch daran, daß sie in dieser Zeit zum ersten Male eine persönliche Resonanz erfuhr, die ihrem Schaffen neue Impulse geben sollte.
Nach dem Erscheinen der Septemberlyra trat sie in einen Briefwechsel mit der in Helsinki lebenden jungen Kritikerin und Schriftstellerin Hagar Olsson, die zur engsten Vertrauten der mit ihrer Mutter in größter Einsamkeit und Armut lebenden Dichterin werden sollte.
Die Briefe Ediths, die Hagar Olsson erst nach langem Zögern – eigentlich auch gegen den letzten Willen der Dichterin – 1955 der Öffentlichkeit zur Verfügung stellte, geben ein bewegendes Bild der letzten Jahre im karelischen Raivola. Sie legen auch Zeugnis darüber ab, welch große Rolle Nietzsche gerade in der Entstehungszeit der beiden Sammlungen Septemberlyra und Der Rosenaltar gespielt hat.
So schreibt sie am 26. März 1919:

Es ist, als ob Flammen aus mir schlügen, ich sehne mich nach Sturm, Leiden und Schwangerschaft. Auf der Straße und in den Geschäften spreche ich alle Deutschen an, die ich sehe, und frage sie, ob sie ein Buch von Nietzsche haben.

Vor diesem Hintergrund ist auch das Gedicht „Die Fackeln“ zu sehen.

Die Modernität ihrer Verse wurde von vielen Kritikern, die darauf nicht vorbereitet waren, nicht verstanden. Gegen alle Konvention schickt sie ihrem Gedichtband Septemberlyra eine „Einleitende Bemerkung“ voraus, aus der folgender Auszug zitiert sei:

Meine Gedichte sind als hingeworfene Skizzen aufzufassen. Was den Inhalt betrifft, lasse ich meinen Instinkt aufbauen, was mein Intellekt in abwartender Haltung betrachtet. Meine Selbstsicherheit beruht darauf, daß ich meine Dimensionen entdeckt habe. Mir steht es nicht an, mich kleiner zu machen als ich bin.

Der Anspruch, den sie hier formuliert, hat am ehesten seine dichterische Entsprechung in dem kleinen Gedicht „Hoffnung“ das in die Entstehungszeit der Septemberlyra fällt, aber erst 1925 im Nachlaßband Das Land das nirgendwo ist veröffentlicht wurde:

Ich will unbefangen sein –
drum pfeife ich auf edle Stile,
die Ärmel kremple ich hoch.
Der Teig des Gedichtes gärt…
O welch Kummer – nicht Kathedralen backen zu können…
Hoheit der Formen –
inständiges Sehnsuchtsziel.
Kind der Gegenwart –
fehlt deinem Geist seine richtige Schale?
Ehe ich sterbe
backe ich eine Kathedrale.

Die oben angesprochene Spannung zwischen Intellekt und Instinkt findet in diesem Text ihre dichterische Gestaltung. Aus der strikten Ablehnung überkommener Formen, die sie als „edle Stile“ apostrophiert, gelangt sie in diesem Gedicht trotz vieler Selbstzweifel zu der Gewißheit, eines Tages etwas absolut Neues zu schaffen. So schließt das Gedicht mit einer Vision, die durch die Kühnheit ihrer Metapher die von ihr formulierte Intention schon ein Stück weit einlöst:

Ehe ich sterbe
backe ich eine Kathedrale.

Offenbar war die Kühnheit der Vorstellung, Kathedralen zu backen, auch für Edith Södergran noch so neu, daß sie in einer handschriftlich überlieferten Fassung bei dem konventionellen „baue ich eine Kathedrale“ bleibt.

„Gedichte über den Kosmos können nur aus Flüstern bestehen.“ Etwas von dieser Vorstellung findet sich auch in dem Gedicht „Das Land das nirgendwo ist“, das vermutlich im Herbst 1922 entstanden ist:

Mich verlangt nach dem Land das nirgendwo ist,
alles was ist, bin zu begehren ich müde.
In silbernen Runen erzählt mir der Mond
vom Land das nirgendwo ist.
Das Land wo sich all unsre Wünsche wundersam erfüllen,
das Land wo all unsre Ketten fallen,
das Land wo wir unsre zerfetzten Stirnen kühlen
im Tau des Monds.
Mein Leben war ein heißer Wahn.
Eins aber hab ich gefunden, eins hab ich wahrhaftig gewonnen –
den Weg zu dem Land das nirgendwo ist.
Im Land das nirgendwo ist
geht mein Geliebter mit funkelnder Krone.
Wer ist mein Geliebter? Finster die Nacht
die Sterne flimmern mir Antwort.
Wer ist mein Geliebter? Wie lautet sein Name?
Es wölben die Himmel sich höher und höher,
in endlosen Nebeln ertrinkt ein Menschenkind
und weiß keine Antwort.
Doch ein Menschenkind ist nichts als Gewißheit,
es reckt seine Arme höher als alle Himmel.
Und es kommt eine Antwort: Ich bin der den du liebst und immer lieben wirst.

Der ekstatische Ton früherer Gedichte ist hier gewichen. An Intensität allerdings hat dieses Gedicht, das man als einen Psalm bezeichnen könnte, nichts eingebüßt. Das Land das nirgendwo ist, ersehnt sie mit einer religiösen Inbrunst, die es zu einer inneren Realität werden läßt. Alle durchlebten Leiden rücken in weite Ferne. „Mein Leben war ein heißer Wahn.“

Die Wirren der russischen Revolution hatten Edith Södergran, die mit ihrer Mutter in dem kleinen karelischen Raivola lebt, völlig verarmen lassen. Ihr Vermögen, angelegt in russischen Aktien und Staatspapieren, war nichts mehr wert. Ihre 1919 und 1920 publizierten Gedichtbände Der Rosenaltar und Schatten der Zukunft hatten ihr wenigstens bei den jungen finnlandschwedischen Modernisten eine gewisse Anerkennung verschafft, die in ihr fast eine Leitfigur sahen. In der tonangebenden Presse und beim großen Publikum jedoch blieb sie weitgehend unverstanden.
In den letzten Jahren unternimmt sie verschiedene Versuche, ihre Isolierung aufzubrechen. Sie beschäftigt sich intensiv mit der Anthroposophie Rudolf Steiners. Schließlich wendet sie sich dem Christentum zu, wovon auch das oben zitierte Gedicht Zeugnis ablegt. Der Versuch, eine Anthologie finnlandschwedischer Lyrik, von ihr ins Deutsche übersetzt, bei Rowohlt unterzubringen, scheitert. Dies scheint ihre letzten Kräfte gekostet zu haben. Am 24. Juni 1923 ist sie in Raivola gestorben.
Aus den letzten Jahren sind nur wenige Gedichte erhalten, die neben vielen anderen in den 1925 von Elmer Diktonius und Hagar Olsson herausgegebenen Band Das Land das nirgendwo ist Einlaß finden. Dazu gehört auch das Gedicht, das dieser Sammlung den Titel gegeben hat.

Marianne Riegel und Gerd Enno Riegel, die horen, Heft 211, 3. Quartal 2003

 

Der Blogger jay schreibt hier über Edith Södergran.

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