Elfriede Czurda: Wo bin ich Wo ist es

Czurda-Wo bin ich Wo ist es

WOCHE EINES ALPHABETS

am samstag liegt ein stück papier
am schreibtisch strotzt vor schweiß
am sonntag liegt es auch noch hier
ist nach wie vor ganz weiß
am montag ringelt sich ein a
links oben in der ecke
es ringelt sich sehr langsam zu
wie eine anisschnecke
am dienstag fügt sich etwas an
doch was? fragt sich der kluge
ein a am anfang ist nicht neu
es steht mit recht und fuge
an seinem linken obern platz
verteidigt seinen ersten satz
der dienstag kommt bestimmt
was dann? wer steht dem a dann bei
als b? als buchstabencollegerey?
wenn nicht der aberwitz es will
daß schon ein c im auftact stecct
und jene gier nach d erweckt
das als detail und deckung still
dem absatz in den auftakt kommt
was erst dem mittwoch – nein! nicht frommt!
es pfriemelt sich ein cis-vokal
ins trans-ed-proto-forte,
auf deutsch in ein helenental
aus e und f und g und h
in gute friffe horte
und droben, wild, winkt kurdistan
und drüben jott, jerusalem
und überhaupt. verjuxt vertan
ein lotterleben sehr bequem
und lebenslang ein donnerstag
der l und m verschmäht und der
n o und p mit not und plag
zum freitag hilft. quersummentod.
quast rast saust tost bemüht sich nicht.
geht schließlich schon aufs ende zu: ein u
zuerst dann victory! vergiß ihn nie!
das w: wenn was zuendegeht: zu spät!
der xte samstag: viel zu spät!
der zelot ruft den sabbat aus
da ist x y zuhaus am weißen blatt papier
am samstag. hier. zelot du schuft
an wißbegier! die mords-weiß-unbe-
schriebenheit von einem weißen
blatt papier die endet hier:
her z
kur z
stur z

 

 

 

Elfriede Czurdas Gedichte

seien „,ritualisierte Litaneien‘, die subtil oder mit trotziger Wahrhaftigkeit von privatem Unglück sprechen und doch eine große Misere meinen“, war in der NZZ zum Band UnGlüxReflexe (1995) zu lesen. Die Mittel allerdings, derer sich Elfriede Czurda bedient (oder die sich ihrer bedienen), sind heiter und gewitzt, in ihnen zumindest waltet der Verstand, wenn auch über Abgründen der Unvernunft. Die Autorin bringt das ganze Arsenal an Techniken, die OULIPO (die Werkstatt für potenzielle Literatur) entwickelt hat, zur fröhlichen Anwendung, jedoch:

… die wellen von lust
von weltuntergang
aufstehn am morgen…

Gegen die Zumutungen des Lebens hat die Dichterin nur das Alphabet zur Hand, und auch darauf ist nicht immer Verlass. Nicht die souveräne Autorin und ihr rundum abgeschlossenes Werk versammelt dieser Gedichtband. Vielmehr sind es viele Anläufe in vielerlei Techniken, den allgemeinen Unzumutbar­keiten etwas entgegenzusetzen, was durchaus fragmentarisch auftritt, sich mit dem Un-Sinn verbandelt und der Herrschaft des Ichs entsagt.
Im höchsten Maße besitzen diese Gedichte jenen unnachahmlichen, speziell österreichischen Witz der Verzweiflung, der einige der besten Lyriker des Jahrhunderts kennzeichnete:

die tage sind dem ab
dem aberwitz dem
abgrund zu
und drüben auf dem
andern seile singt lieb ein
drama seine letzte
stufe steigt von vers
zu vers dem
abschied in den rachen

Literaturverlag Droschl, Ankündigung

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + Archiv

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