Elisabeth Borchers: Zu Hertha Kräftners Gedicht „,Anna‘, sagte der Mann“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Hertha Kräftners Gedicht „,Anna‘, sagte der Mann“ aus Hertha Kräftner: Das Werk. Gedichte, Skizzen, Tagebücher. –

 

 

 

 

HERTHA KRÄFTNER

„Anna“, sagte der Mann

„Anna“, sagte der Mann
„ich fahre jetzt heim. Im Schlafwagen…
Ich wollte immer schon einmal
im Schlafwagen reisen,
aber es war mir zu teuer.
Anna? Freust du dich nicht?
Es ist ein langer Zug.
Kannst du die Wagen zählen?“
Er hob die Hand aus seinem Totenbett
und zeigte auf die lange Reihe
der Einmachgläser auf dem Kleiderkasten;
das ist in kleinen Wohnungen üblich.
Da standen Aprikosen in dicken Säften,
geschälte, gelbliche Birnen und rote Beeren,
und die zarten Pfirsiche
leuchteten grün und ein wenig rosa.
„Ein schöner Zug“, sagte der Mann.
„Weine nicht, Anna. Es ist ein Glück,
so zu reisen. Ich glaube,
die Fahrkarte ist sehr teuer gewesen,
aber ich hab sie umsonst bekommen.“
Und die Birnen und Beeren
und die saftigen Aprikosen
begannen zu dampfen und zischen
und rollten in die Ewigkeit.

 

Märchen für arme Leute

Ein Gedicht? Ein Märchen! Ein Märchen für arme Leute. Ausgestattet mit drei Personen. Der Mann (nicht „arm“ nicht „alt“, nicht „krank“) und: Anna. Sie spricht nicht: wird lediglich angesprochen: Anna, sagte der Mann. Und ein Erzähler. Es wird erzählt, daß der Mann die Hand hebt aus seinem Totenbett, nachdem er Wesentliches erzählt hat. Zum Beispiel, er fahre jetzt heim; sein innigster Wunsch, einmal Schlafwagen zu fahren erfülle sich. Dieser Übergang zwischen Leben und Tod muß das Land sein, in dem Wünsche in Erfüllung gehen. Aus den leuchtenden Einmachgläsern oben auf dem Schrank wird ein schöner Zug.
Jedes Gedicht sucht sich seine Form, wenn es darauf besteht, vollendet zu sein. Das Besondere an diesem vollendeten Gedicht ist, daß das Formale nicht auf Kosten des Inhalts geht, daß beides aufeinander zukommt. Auf diese Weise geschehen zwei Wunder, das formale und das inhaltliche. Gedicht und Märchen. Und beide vertragen sich, sie vertragen sich so sehr, daß sie zum Glück werden. Wenn man Leben in Kleinheit und Armut zugebracht hat, dann 1st es gerecht und höchste Zeit, ganz schnell noch ein Märchen zu erleben, ein Märchen, das einen Wunsch erfüllt so daß man den Hinterbliebenen eine Wunscherfüllung zurücklassen kann. Statt einer Immobilie etwas Mobiles, und sei es ein Zug, der in die Ewigkeit fährt. Die Ewigkeit, ein Ehrenwort.
Während meiner Kinderzeit wohnte unweit, ja ganz in der Nähe, Kapitän Küppers, ein Geschichtenerzähler für Kinder. Unverheiratet, kinderlos, die Schwester führte den Haushalt. Und als er gestorben war, ließ sie uns, die Kinder der Nachbarschaft, ein ins Totenzimmer. Da lag er nun – der erste tote Mensch meines Lebens – inmitten der Dunkelheit, weiß war alles, die Kerze, das Flammenlicht, die Laken, die Haut, das Haar, der Bart, selbst das Lächeln war weiß. Da zieht er hin, sagte seine Schwester, das alte Fräulein Mathilde, auf seinem Kahn in die Ewigkeit. Dafür sind Gedichte gut, vor allem, wenn es Märchengedichte sind, sie zeigen den Weg.
Die Gedichte von Hertha Kräftner sind Einsamkeitsgedichte höchsten Grades. Es sind Totenlieder. Im Totenlied „An den großen Strömen“ wird die Geschichte erzählt von einem, der nach Amerika ging, und von einer, deren Herz zerbrach, weil sie sich hätten in den Strömen Europas ertränken sollen. Erst später dann ertränkt sich der Geliebte „in großer Einsamkeit im Hudson River“. Oder im Gedicht „Dorfabend“ begruben sie beim weißen Oleander ihr Kind, nachdem sie es erwürgt hatte. Der Schriftsteller Kurt Klinger hat nicht nur das grausame Gedicht „Abends“ interpretiert, er hat Hertha Kräftner auch noch gekannt, hat gesehen, wie heillos sie dasaß und las inmitten der anderen.
Man sollte nun nicht behaupten wollen, sie habe hier eine Art Lieblingsthema gefunden. Es muß wohl zu Hertha Kräftner gehört haben, wie die Überdosis an Schlaftabletten, die sie im Alter von dreiundzwanzig Jahren zu Tode brachte. Das war 1951. So viel Unheil kann in einem Menschen stecken. Soviel in einem Gedicht.

Elisabeth Borchersaus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Einundzwanzigster Band, Insel Verlag, 1998

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