Elke Erb: Poet’s Corner 3

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Elke Erb: Poet’s Corner 3

Erb-Poet’s Corner 3

SCHER DICH!
Für Stefan Döring

Ich schicke die Empfindung,
in Stefans Zehnzeilern sprachwandelnd
brenne eine Zündschnur,
zurück nach dort, wo sie herkam:

Schwindel, Schwindel!
Eine Zündschnur brennt – unverschwistert!
Und es ist auch nicht Zukunft,
brennt sie noch nicht!

aaaaaStock, Stein, Kies, Sand?
aaaaaVielleicht ein paar Ameisen?
aaaaaSchnecken? Allerhand
aaaaaGräser, die nicken?

aaaaaZärtliches Knistern,
aaaaaSterne, die wispern,
aaaaanimmt euch auf ein Gedicht,
aaaaaoh, ihr botanischen Namen!

Die dem Ende nur brennend zuschrumpft,
sich mit nichts um sie her verbündend,
nichts, keine Lichtspur
in ihrer Nachbarschaft zündend,

abfackelt, fern von Stefan verschandelnd
im Ende mit Schrecken
treuloser Richtschnur
Weisheit auf kurzer Strecke!

 

 

 

mein Hineingedachtes zu Elke Erb : I Art Habseligkeit

„auch I Kälbchen hat Geburtstag“ – das sagte sie mir einmal, als ich sie nach ihrem Geburtsdatum fragte, weil ich doch alle Freundesgeburtstage vermerkt habe auf einem eigenen ewigen Geburtstagskalender, also es war immer I AMUSEMENT, sie anzuhören, ihre zarten Korrekturen, die sie anbrachte, wenn ich I Meinung äußerte (worüber auch immer, über die Schädlichkeit, sich in den Kopfpolster zu verbeißen : Kaprizerl!, etc.) anzunehmen oder abzuwägen oder einfach wieder zurückzunehmen, weil sie so überzeugend klang, so klug, so phantasievoll, so aberwitzig.
Daß sie I große Phantasie Façon hat, wissen wir alle, vielleicht weil sie in dieser wunderbar grauen Stadt aufgewachsen ist, dort ihre Studien betrieben hat −
ach, Elke!, wie mein Herz springt, denk’ ich an dich!

Friederike Mayröcker, 24.11.1997. Richard Pietraß, Brigitte Struzyk (Hrsg.): Was über dich erzählt wird. Eine Festschrift für Elke Erb zum 18.2.1998, Corvinus Presse, 1998

Nicht fertig

– In Gedanken an Elke notiert. –

Jaja, noch einmal zu dem Mütterchen, der schon weit über siebzigjährigen (!) Marja Kudźelina wandern, der in der Ober- wie Niederlausitz berühmten munteren Greisin und „Volkskünstlerin“, der Kudźelina, die uns mit frommer und kindlich-brüchiger Stimme – der Stimmbruch des Greisenalters? – ihre eigenhändig verfaßten Liedlein vorsingt im sorbischen Trebendorf/Trjebin, ihr schnurriges „Dudli dudli du / buj bala bu…“ – Kito Lorenc hat derlei in seine „Lieder aus Schleife“ hineingeschlungen als junger Poet, juduheh!:

„Breit’ dein Mäntelchen aus,
angebunden steht das Pferd an der Linde.

Naja. Aber auch „zukunftszugewandt“ und neuzeitlich: „A tón pucherk z swojim trekarjom…“; „Und der Kleine, so ein Specker, / hoch zu Roß auf seinem Trecker.“ (Na ja; man will ja nicht von gestern sein.) Und sie läßt, da sie so artig wie bröckelig trällert – gleich fliegen die Zähne heraus, fürchtet man –, die Herrschaften aus Berlin, die vermutlich im wesentlichen germanischen Gäste ihre nach ganz individuellen und von der Norm abweichenden Einfällen bepinselten sorbischen Ostereier bestaunen, die zum Verkauf bestimmt sind: „Ganz billig sind die nicht!“ (Kito beiseite: „Die am schönsten bemalten Eier behält sie immer für sich…“) Ja, die selbstbewußte „alte Kudźelina“, die man nach Kitos Meinung unbedingt besucht und bewundert haben muß, die Alte! Und jetzt brauche ich bloß um drei oder 13 Straßenecken herumgehen und – schon bin ich es, der 75 wird!, und beim Tippen sein Gebiß zwischen die Manuskriptblätter auf den Schreibtisch legt: Dieses hier ist eines ohne Gebiß, von einem Zahnlosen geschriebene Prosa! Und Elke ist 65 geworden, herrjeh, juduheh; wie denn das? Und Brigitte ist nun auch schon über 40 und innigen Gesprächen über die eventuelle Altersrente nicht abgeneigt… Und so ist alles! Und nichts richtig fertig!

Vor ungefähr 32 Jahren ist es gewesen und ruft uns immer noch zu: „Dzelaý y Speway!“ Die versteckte alte Mühle im Tal bei Großhänchen; der Bauernschrank von 1844 mit den auf die Türen gemalten lilafarbenen und allmählich verblassenden Rosensträußchen, auf seiner zermorschenden Stirn die eindringliche Mahnung (vermutlich mehrmals aufgefrischt während der vielen Dezennien): „Dzelaý y Speway!“ Er blickt über die fleißig zusammengetragenen Sammlungen des Kantors Krawce hinweg, die er ein Leben lang in diesem seltsamen Haus deponiert hat, um sich im Alter – so hat er selber mitgeteilt – daran erfreuen zu können, an uralten sorbischen Gefäßen und Schriftwerken, auch an einem als „Wöchnerinnenbett“ ausgewiesenen Wöchnerinnenbett, in dem es sich ungewöhnlich schlecht schlafen läßt; es war von der mitleidlosen Elke keinem anderen als mir zugewiesen worden zunächst. – „Arbeite und singe!“, übersetzt uns Kito Lorenc den Spruch, und zwar in dem Augenblick, da das runzlige Bäuerlein Abraham aus dem nahen Großhänchen neugierig hereinschaut, um den Intellektuellen aus der Kreisstadt besserwisserisch zu korrigieren: „Nein, nein, das stimmt so nicht… ,Arbeite und bete‘ heißt das auf deutsch.“ Eine teils sorbisch, teils deutsch geführte heftige Auseinandersetzung zwischen Kito Lorenc und Bauer Abraham schließt sich an, die uns erahnen läßt, daß der alte Abraham einem speziellen sorbischen Dialekt verpflichtet ist, den er gegen den Protest Kitos „wendisch“ oder sogar „echt wendisch“ nennt; und die von Kito stotternd verteidigte sorbische „Literatursprache“ sei für ihn, den tief im „wendischen“ Boden Verwurzelten, nichts als ein oberschlauer Bautzener Dreck… Es ist einer der seltenen Momente, in denen ich Elke einmal nicht als bohrend und unerbittlich erlebe, sondern als sanft-korrupte Versöhnlerin: „Na, dann eben beides“, besänftigt Elke die Kontrahenten, „Singen und beten, ja?“ Der Kantor Krawce mag es genau gewußt haben, wenn er den Spruch vorsichtig mit schwarzer Farbe erneuert hat, in Erwartung eines genußvollen Alters im engen Verein mit seinen schönen Sammlungen…; und dann ist er doch ganz plötzlich gestorben, kurz vor dem Ziel. Und so ist alles, nicht wahr? Nichts kriegt man richtig fertig – und sein Leben schon garnicht!

Es ist die Zeit um meinen vierzigsten Geburtstag herum („Von grüner Kuppe kam ein Wirbelwind, / Die Wiesen rührend, steil hinab zum Wasser…“; naja!). Und Elke ist ungefähr dreiunddreißig und schreibt Essays über armenische und georgische Klassiker und fängt gerade erst richtig an mit der Dichterei. Ach, mein stetes Gemaule über die Qual der Nachdichtung der Lieder und Poeme des armenischen Nationaldichters Thumanjan, den Elke großartig herausgeben will und dann tatsächlich nach allerlei ekligen Querelen mit dem Titel Das Taubenkloster 1972 im Verlag Volk und Welt präsentiert, längst wieder vergessen das hübsche Buch… – Siebzehn Jahre später knattern Brigitte und ich im TRABANT die Landstraße zwischen Bautzen und Bischofswerda lang, bis ich Brigitte anstoße: „Du, bieg’ doch ’mal hier rechts ab!“ Und wir fahren ins hügelige Land hinein, auf der Suche nach dem Tal und der Mühle, die von Kito inzwischen in einem längeren Gedicht gefeiert worden sind, das ein bißchen zu süßlich beginnt:

Ein Tal auf der Welt
in dem Tal ein Paradies
in dem Paradies ein Gärtchen
in dem Gärtchen ein Häuschen…

naja! Nicht leicht zu finden das Tal, das Paradies, das Gärtchen, das Haus – „ein bißchen wie englischer Kriminalroman“, kommentiert Brigitte die Fahndung. Dann endlich ist der Platz eruiert: zwei Gebäude, unbewohnt, wie es scheint, und beide verschlossen… Wir wandern drumherum, und Brigitte fragt – was die Brigitte immer alles wissen will! –: „Sag’ ’mal, wo hat denn die Elke damals gesessen und gearbeitet?“ – „Da oben“, zeige ich, „da oben!“ Mh, ist es Elkes Schreibmaschine, die leise im Nebengebäude der Mühle klappert, oder ist es die Pappel, die mit ihren Blättern rasselt? Es ist kühl geworden und windig. Elke arbeitet trotzdem immer noch in der offenen Veranda, vor sich das weite herbstliche Wiesental, in das ein paarmal am Tag äsende Rehe hinaustreten, meistens zwei; und neben ihrer Schreibmaschine hat Elke das kleine Opernglas liegen… – Und Brigitte fragt siebzehn Jahre später: „Und wo hast du gesessen und geschrieben?“ – „Da drinnen, du kennst mich doch, da drinnen natürlich!“ (Komisch, daß nicht die Elke, sondern daß ich, der ewig Unbehauste, jedes Mal vier Wände um sich herum braucht, um schreiben zu können, ein Versteck, welches auch immer, eine Flucht-Höhle, irgendeine!) „Bitte, frag’ nicht so viel!“, sage ich um einen Hauch zu unwirsch. Mir ist eingefallen: Es ist immer noch nicht so richtig fertig, was ich damals in des verstorbenen Kantors niedriger Stube begonnen habe. Und so ist alles!

Ein paar Tage nach meinem Geburtstag ist Elke mit dem wüsten Maler und Maurer Bachmann losgezogen, um uns ein „Haus“ zu suchen im Vorgebirge hinter Bautzen. Es wurde dank Bachmann alsbald gefunden, das gut durchfeuchtete und partiell schon verwesende Ding, wieder eine lahmgelegte Mühle, bewohnt nur in der südlichen Ecke von einer Rentnerin namens „Frau Urban“, einer Witwe ohne Vornamen; ei, es hat uns, soll es mit gehässiger Wendung gegen das schwierige Heute angemerkt werden?, es hat uns nicht mehr und nicht weniger als 1.700,- Mark gekostet, werte Daniela Dahn! (Howhannes Thumanjan und Konsorten und unsere Sklavenarbeit als „Nachdichter“ hatten uns die notwendige Pinunse verschafft.) Wie ich mich kenne, bin ich trotz des geringen Preises mit Sicherheit „gegen das Haus“ gewesen; so lange ich denken kann, bin ich „gegen das Haus“, wie verlockend es auch beschaffen sein mag, ich, das personifizierte Anti-Haus, ja, das Un-Haus schlechthin, wie Elke es in einem Porträtgedicht über mich so verwundert wie verständnis-innig auf eine symbolistische Formel gebracht hat: „So als ob das Haus an dieser Stelle zu keiner Zeit bewahrt werden konnte…“ Für Elke dagegen, hoffentlich drück’ ich es annähernd richtig aus?, ist das „Haus“ so etwas wie eine Brücke gewesen, weit hinausreichend über den Horizont des normalen europäischen „Häuslebauers“, ja, eine Brücke (ist es auch heute noch), schwer zu sagen, wohin… Vielleicht sieht es sich irgendwer mal genauer an, auf welche Weise „das Haus“ wie auch das Häusliche in Elkes Poesien und Prosastücken zum immer wieder umspielten, wenn nicht sogar wild umtanzten Motiv wird: „… und ging – und entging – und kam / an ein kleines haus // (wiederum an ein haus!) / (wieder noch an ein haus!) // und sei es am ende…“ Undsoweiter. Das Keim-Haus der kleinen literarischen Häuser-Plantage Elke Erbs dürfte das ihrer Kindheit in der Eifel sein, aus dem sie mit elf in die trübe Stadt Halle/Saale hinüber gehext worden ist (eins der schlimmeren Märchen), es ist das Haus des Gedichts „UNSERE“, das so geht:

UNSERE

früher, in dem Haus
mit dem Blick auf das Siebengebirge:

Im Erdgeschoß rechts
in dem Koben lag auf Stroh
stand und fraß am Trog

die natürliche weiße Ziege.

Stand, Elke, stand? Sie steht und frißt immer noch, die Ziege, und sie meckert beifällig zu mir hoch, da ich Ludwig Hohl zitiere: „Wer nicht zaubern kann, der ist verloren!“ Du kannst es, Elke!

Trotzdem: Ganz und gar fertig wird nie etwas!, oder, um es einmal auf sächsisch zu sagen, bestenfalls „dreiviertelst fertig“. Naja,

Adolf Endler, neue deutsche literatur, Heft 548, März/April 2003

Meine Bewunderung gilt

so tapferen Einzelgängern wie der 1938 geborenen Lyrikerin Elke Erb. Wenn ich sie anrufe, erzählt sie mir von ihren Schreibprojekten, zitiert Verse von Ossip Mandelstam, berichtet von ihren Turnübungen und Teebaumöl-Bädern, innerlich immer in Bewegung, wissbegierig, selbstkritisch, voller Fragen und staunend wie ein Kind. So kann man neunzig werden – und alterslos bleiben. Das Leben als work in progress.

Ilma Rakusa, aus Ilma Rakusa: Mein Alphabet, Literaturverlag Droschl, 2019

 

Es gibt genug zu tun für die Kunst

Manfred Nehls: Frau Erb, Klaus Wagenbach hat in Hinblick auf seine verlegerische Tätigkeit des Bücherherstellens in dieser Zeit einmal geäußert: „Verrückt muß man sein, um das zu tun…“ Läßt sich Ähnliches auch in Hinblick auf das Gedichteschreiben sagen?

Elke Erb: Es gibt immer zwei Zeiten. Die eine beginnt damit, daß man geboren wird. Dann gibt es eine von Handel und Wandel bestimmte Zeit. In dieser zweiten Zeit ist, daß man Lyrik schreibt, sicher nicht ergiebig.
In der ersten Zeit, die damit beginnt, daß man geboren wird, ist es für den Dichter unerläßlich. Dafür muß man nicht verrückt sein, sondern eher trotzig, oder stur, oder… Es gibt viele Eigenschaften, die es mit sich bringen, daß man Gedichte schreibt.

Nehls: Werden die schlechten Zeiten für Poesie in Zukunft noch schlechter?

Erb: Ich glaube nicht. Wenn man den Zeitbegriff in einer größeren Dimension faßt, werden wir möglicherweise in der Dichtkunst viel zu tun haben mit der Befragung von Codes, weil die die Seele beherrschenden Strategien vorbei sind.
Ich denke, man hat sich künftig auseinanderzusetzen mit Dingen, die unterhalb der Ideologien die Seele dirigieren. Mit den Abläufen, in denen sich das Denken und das Fühlen bewegt. Das wird allgemein notwendig und wird die Lyrik auf neue Weise herausfordern und sie auf neue Weise dienlich machen. Es gibt genug zu tun für die Kunst überhaupt. Kunst hat die Zukunft für sich.

Nehls: Wenn ein Lyriker heute wenige Tausend Exemplare von seinem Gedichtband verkauft, wird er froh sein. Andererseits sind wir ein Volk von mittlerweile 80 Millionen. Das sagt doch auch etwas aus über den gesellschaftlichen Stellenwert des Dichters in dieser Zeit.
Ich habe das Gefühl, daß es immer weniger Menschen gibt, die Gedichte lesen.

Erb: Das kann schon sein. Andererseits gehen immer wieder Leute zu Lyriklesungen. Für mich gibt es neben dem Gedichteschreiben nichts Schöneres als Gedichte zu hören. Da ist ein Unterschied zwischen Lesen und Hören. Als ob Hören unmittelbarer sei. Ich bekomme neue Initiativkräfte, mir gefällt etwas, ich bin gerührt; solche Anbindungen, die dem im Geschäftsleben fixierten Menschen fehlen, die kann er dort bekommen.
In dieser multikulturellen Gesellschaft, in der wir nun leben, mußt du vielen Dingen begegnen können. In der normalen Denkweise hast du keine Chance mehr, mit dem Tempo und den technischen Entwicklungsprozessen Schritt zu halten. Die Lyrik hat Techniken und Möglichkeiten, Dinge aufzugreifen und in ein Verhältnis zueinander zu bringen, über die das normale Denken nicht verfügt.

Nehls: Dennoch sehe ich die Entwicklung innerhalb der Gesellschaft anders als Sie. Der Dichtkunst gehörte einmal die Krone innerhalb der literarischen Gattungen.
Heute führt sie ein Mauerblümchendasein, und man muß schon einen sehr guten Freund bei einem Verlag haben, um einen Gedichtband unterzubringen.

Erb: Natürlich sind Gedichte kein Geschäft. Andererseits könnte auch die Poesie dahinkommen, Bereiche zu erfassen, die heute von normalem kommerziellen Denken beherrscht sind. Es ist schon so, daß Leute in den Verlagen Dinge nicht annehmen, weil sie denken, es geht nicht auf dem Markt. Ich habe meine eigene Haltung dazu, weil ich meine, daß es unter anderem Sache der Verlage ist, neue Leser zu gewinnen. Das tun sie in der Regel heute nicht. Sie haben zu viel Angst.
Und in der Angst liegt auch eine Verdummung. Die Leistungsgesellschaft produziert die Nichtleistung. Wie informiert mein Verlag meine Leser?
Und ich, solange ich noch irgendwie leben kann, bin ich nicht provoziert, die Kommerzschranken zu knacken.

Nehls: Wird Poesie in der modernen Gesellschaft nicht eher belächelt als ein Überbleibsel einer vergangenen Zeit ohne Bezug zum heutigen Dasein?

Erb: Eine negative Sicht ist für mich unproduktiv. Ich möchte mir natürlich nicht den Blick mit Illusionen verbauen. Aber Lyrik hat auch eine eminent theoretische Seite. Sie ist arbeitendes Bewußtsein.
Es ist für mich durchaus vorstellbar, daß es Problemstellungen geben wird, bei denen sich Manager oder andere Leute, die von Lyrik keine Ahnung haben, an dieser orientieren können. Wenn diese sich ihrerseits entwickelt. Wenn sie nicht so tut, oder gehalten wird, als sei sie nur etwas für eine sich in der Freizeit befindende sogenannte Seele.

Nehls: Nun ist die Frage, welche Zukunft die Lyrik selbst hat? Für Sie ist der Reim zum Beispiel eine gediegene, althergebrachte, überholte Form.
Aber auch das Neue war doch alles schon mal da. Ob surrealistisch, dadaistisch, ob konkrete Poesie gejandelt oder freie Rhythmen, es ist doch nichts mehr neu.

Erb: Nun gut, wir mußten uns durchsetzen mit den freien Rhythmen. Zum Beispiel in Rußland setzt sich diese Form erst in jüngerer Zeit durch. Ich meine auch gar nicht, daß der Reim etwas Überholtes ist. Ein Gedicht ist sowieso eine Lautgestalt.
Es ist nicht ablesbar von irgendwelchem Inhalt, was ein Gedicht macht. Die Laute sind entscheidend.
Wenn ich jetzt an die künftigen Beschleunigungen des Denkens per Computer und so weiter denke, könnte ich mir sehr gut vorstellen, daß auch der Reim zum Beispiel recht nett Organisationselement, ein Schalt-, ein Passagierelement sein könnte. Zur Konzentration des Denkens.

Nehls: Vielleicht genügt es nicht, nur formal etwas Neues zu wollen. Könnte es sein, daß durch gewollte Sprachexperimente Lyrik einen Grad von Subjektivität erreicht hat, der dem Leser oder Hörer den Zugang unmöglich macht?

Erb: Die Praxis beweist das Gegenteil. Es hat jeder Text, jede Art und jede Mentalität – es ist ja auch Mentalität, was ein Lyriker vorträgt – auch neue Hörer. Es gibt junge Lyriker, die haben ein ganz eigenes Publikum, das sich übrigens auch befreit fühlt von den Zwängen, sich in konventionellen Bahnen bewegen zu müssen. Und das Spaß daran hat, Sprache als Arbeitsmaterial aufzufassen.
Es geht nicht darum, absichtlich zu verschlüsseln, sondern darum, eine Regung, die du hast, so aufmerksam wie möglich wiederzugeben. Du baust damit etwas auf, du entwickelst etwas, und da, wo es manchmal am kompliziertesten erscheint, öffnet sich etwas. Und manchmal denke ich, der Mathematiker, der Philosoph, der Techniker müßten eigentlich an eine Situation dieses Typs gewöhnt sein.

Nehls: Mir erscheint moderne Lyrik nicht selten blutarm, karg an Bildhaftigkeit, Sinnlichkeit und mitgeteilter Erlebnisfähigkeit. Unser Leben ist doch schon theoretisch, unsinnlich und intellektuell steril genug?

Erb: Ich denke, der Lyriker hat in seinen Mitteln mit der gesellschaftlichen Entwicklung Schritt zu halten. Auch um seiner Hörer und Leser willen.

Nehls: Früher politische Zensur, heute kommerzielles Diktat. Was ist der Dichtkunst abträglicher?

Erb: Sicherlich kann sich das Leben in dieser Gesellschaft so gestalten, daß man keine Zeit hat, sich zu besinnen. Aber immer wieder beginnt in jeder Gesellschaft so etwas wie eine Lebensrettung. Immer wieder beginnt eine neue Generation die zeitgenössischen Probleme zu verarbeiten, auf sie zu reagieren. Widerstandskräfte werden mobilisiert. Es ist wirklich etwas Lebensrettendes im Schreiben.
Das Orientierungssystem hat sich verändert, vieles ist verwirrend, manches durchaus beunruhigend. Kann ich aber schreibend darauf reagieren, ist das für mich eine Lebensweise. Viel wichtiger als die Frage, ob ich materiellen Spielraum habe. Ich habe nie einen finanziellen Spielraum gehabt. Wenn ich weiß, ich komme einigermaßen über die Runden, kann ich arbeiten. Ich glaube auch, dieser Vergleich Kommerz – politische Zensur geht nicht.

Nehls: Ist Poesie unerklärlich?

Erb: Ich bin gegen diese Behauptung. Ich erlaube sie nicht. Ich habe eine Regung, ich begegne dieser Regung aufmerksam, beobachte sie, folge ihr. Diese Regung entspringt doch aber einem ganz normalen Ich, ist doch nicht schon Poesie selber. Poesie ist nicht unerklärlicher als irgend etwas anderes Lebendiges. Hinter der Behauptung, sie sei unerklärlich, steckt der Anspruch einer tötenden Auflösung. Oder eine Diffamierung des Erklärens.

Nehls: Das Leben, besonders in der Großstadt, ist so angefüllt von einem Übermaß an äußeren Reizen, die den Menschen geradezu zudecken. Wie bewahren Sie sich Ihre Aufmerksamkeit nach innen?

Erb: Auch ich bin abgelenkt von außen, draußen. Und das ist mehr als nur Ablenkung. Diese ganzen Stasigeschichten jetzt zum Beispiel, das ist fast so, als würde einem das Denksortiment durcheinandergeworfen. Es geht mir körperlich schlecht davon. Und trotzdem habe ich gerade jetzt viele Gedichte geschrieben. Schreiben ist geistiges Atmen. Man kommt auf Dauer nicht damit aus, immer irgendwelchen Ersatz zu leben.

Nehls: Sie haben dieses Thema selbst angesprochen. Sie haben mit Menschen gearbeitet, bei denen sich nun herausgestellt hat, daß sie andere Leute, menschliche Beziehungen, Denkhaltungen denunziert haben. Wie begegnen Sie diesen Menschen heute?

Erb: Ich stehe vor der schwierigen Aufgabe, neue Aspekte einzuräumen. Ich habe früher nicht bis dahin gedacht. Es ist mir aber nicht egal, ob sich jemand so oder so verhalten hat. Es ist schwer. Ich muß mich auch wehren innerlich. War mein Bild, mein Begriff von einem Menschen nicht ausreichend, ist die Konsequenz in erster Linie eine Korrektur des Denkens. Eine Chance.

Nehls: Bedeutet diese Konsequenz, daß Sie sich abwenden von diesen Leuten?

Erb: Ich kann ihnen gegenüber nicht so tun, als sei nichts gewesen. Ich weiß nicht, was sein wird. Abwenden ist auch nichts. Ich bin nicht auf dem Theater. Man wird sehen. Ich möchte nicht bevormunden, was geschehen kann.

Nehls: Sind Sie der Meinung, das hätte jedem, auch Ihnen passieren können?

Erb: Nein. Ich denke, das kann mir nicht passieren. Aber das ist eine Zeitaussage. Überhaupt dürfen wir unsere Aussagen nicht so absolut nehmen. Ich meine trotzdem, daß es mir nicht passieren könnte. Basta. So was darf man eigentlich nicht veröffentlichen, weil es einer dummen Selbstgerechtigkeit ins Messer läuft.

Nehls: Politiker haben weltweit versagt darin, den Menschen eine Vision von einem erstrebenswerten Leben zu liefern. Ebenso die Wissenschaftler, indem sie unter Außerachtlassung ethischer Fragestellungen alles tun, was wissenschaftlich-technisch machbar ist.
Ist es an der Zeit, wieder den Künstler nach einer Vision zu befragen?

Erb: Wenn wir etwas weiter schauen, über 25, 30 Jahre hinaus, werden die Künstler eine entscheidende Rolle spielen. Wenn die Menschen sich ihrer Zeit stellen wollen und das müssen sie sonst sind sie ihrer Zeit nicht gewachsen, wird in der Zukunft die Kunst an Bedeutung gewinnen.
Ich weiß nicht, ob sie jetzt schon so weit ist, diese Aufgabe zu erfüllen. Sicherlich überfordert es sie, eine Vision für viele Menschen zu liefern. Der Künstler ist zuerst der, der es nicht aushält, wie es ist. So ist er imstande, es zu problematisieren.
Aber es bleibt ja nicht aus, daß alle anderen Menschen es auch problematisieren müssen. Es geht ja nichts so weiter, wie es bisher gegangen ist. Der Künstler bringt in diesen Prozeß, Dinge ins Bewußtsein zu rücken, andere Möglichkeiten ein als der Wissenschaftler oder der Politiker: Dabei gibt es durchaus Hochzeiten zwischen Wissenschaft und Poesie.

Nehls: Liegt eine mögliche Vision darin, das scheinbar Undenkbare anzudenken?

Erb: Ja, nur wie. Das bedeutet doch, daß das scheinbar Unmögliche ausdrückbar wäre mit den Mitteln und Praktiken des Möglichen, die bisher gewesen sind.
Ein gefährlicher Denkfehler. Da muß eine wirkliche Wandlung mit entscheidenden Konsequenzen geschehen. Es gibt ästhetische Antworten auf zeitgenössische Probleme, die anderer Natur sind als die üblichen.

Nehls: Verliert die Sprache als Kommunikationsmittel ihre Bedeutung beim Beschreiten dieser neuen Wege, der Anwendung neuer Techniken?

Erb: Ich denke nein. Ich kann mir keine technik-feindliche Poesie vorstellen. Und ich kann mir auch nicht vorstellen, daß sich der Mensch verkleinert in seinen vielfältigen Möglichkeiten, auf seine Umwelt zu reagieren und einzuwirken, Entwicklungen zu beeinflussen, Prozesse zu humanisieren. Warum sollte er die Sprache als ein wunderbares Mittel, die Welt verstehbarer zu machen, weggeben?

L’image, Nr. 29, März 1992

 

Poet’s Corner in jede Manteltasche! Michael Krüger: Gegen die Muskelprotze

Hans Joachim Funke: Poeten zwischen Tradition und Moderne. Eine neue Lyrikreihe aus der Unabhängigen Verlagsbuchhandlung Ackerstraße.

 

 

Gedichtverdachte: Zum Werk Elke Erbs. Im Rahmen der Ausstellungseröffnung In den Vordergrund sprechen Hendrik Jackson, Steffen Popp, Monika Rinck und Saskia Warzecha über Elke Erbs Werk.

 

Franz Hofner: Hinter der Scheibe. Notizen zu Elke Erb

Elke Erb: Die irdische Seele (Ein schriftlich geführtes Interview)

Elke Erbs Dankesrede zur Verleihung des Roswitha-Preises 2012.

Im Juni 1997 trafen sich in der Literaturwerkstatt Berlin zwei der bedeutendsten Autorinnen der deutschsprachigen Gegenwartslyrik: Elke Erb und Friederike Mayröcker.

 

 

Klassiker der Gegenwartslyrik: Elke Erb liest und diskutiert am 19.11.2013 in der literaturWERKstatt berlin mit Steffen Popp.

 

Lesung von Elke Erb zur Buchmesse 2014

 

 

 

Zum 70. Geburtstag der Autorin:

Steffen Popp: Elke Erb zum Siebzigsten Geburtstag
literaturkritik.de

Zum 80. Geburtstag der Autorin:

Waltraud Schwab: Mit den Gedanken fliegen
taz, 10.2.2018

Olga Martynova: Kastanienallee 30, nachmittags halb fünf
Süddeutsche Zeitung, 15.2.2018

Michael Braun: Da kamen Kram-Gedanken
Badische Zeitung, 17.2.2018

Michael Braun: Die Königin des poetischen Eigensinns
Die Zeit, 18.2.2018

Karin Großmann: Und ich sitze und halte still
Sächsische Zeitung, 17.2.2018

Christian Eger: Dichterin aus Halle – Wie Literatur und Sprache Lebensimpulse für Elke Erb wurden
Mitteldeutsche Zeitung, 17.2.2018

Ilma Rakusa: Mensch sein, im Wort sein
Neue Zürcher Zeitung, 18.2.2018

Oleg Jurjew: Elke Erb: Bis die Sprache ihr Okay gibt
Die Furche, 8.3.2018

 

Annett Gröschner: Gebt Elke Erb endlich den Georg-Büchner-Preis!
piqd.de, 27.6.2017

Zum Georg-Büchner-Preis an Elke Erb: FR 1 & 2 + MOZStZSZ +
EchoWelt + WAZ + BR24 + TTB + MAZ + FAZ 1 & 2 + TS + DP +
rbb +taz 1 & 2 + NZZ +mdr 1 & 2 + Zeit + JW + SZ 1 & 2 +

 

 

Zur Georg-Büchner-Preis-Verleihung an Elke Erb: BaZBZStZ +
AZ + FAZ + SZ

 

Verleihung des Georg-Büchner-Preises 2020 an Elke Erb am 31.10.2020 im Staatstheater Darmstadt.

 

Fakten und Vermutungen zur Autorin + KLGIMDb + Archiv + PIA +
weiteres  1, 23 +
Georg-Büchner-Preis 1 & 2
Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde Ohlbaum + Keystone-SDA +
Autorenarchiv Susanne Schleyer + Dirk Skiba Autorenporträts +
Brigitte Friedrich Autorenfotos + Galerie Foto Gezett 1, 23 +
deutsche FOTOTHEK
shi 詩 yan 言 kou 口

 

Bild von Juliane Duda mit den Übermalungen von C.M.P. Schleime und den Texten von Andreas Koziol aus seinem Bestiarium Literaricum. Hier „Die Elkeerb“.

 

Beitragsbild von Juliane Duda zu Richard Pietraß: Dichterleben – Elke Erb

 

Elke Erb liest auf dem XVII. International Poetry Festival von Medellín 2007.

 

Elke Erb liest bei OST meets WEST – Festival der freien Künste, 6.11.2009.

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