Elke Erb: Wegerich. Wahn. Denn wieso?

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Elke Erb: Wegerich. Wahn. Denn wieso?

Erb-Wegerich. Wahn. Denn wieso?

BETRACHTUNG IN VERS-ÄHNLICHEN KURZZEILEN

Wegerich. Wahn. Denn wieso?
Different ist leicht auch indifferent.

Sogar Wahn.
Ich glaube. Du kannst mir glauben.

Die Hände die Füße Hans hat
von jedem ein Paar.

Alte Nußknacker knacken Systeme
alte Knacker jedoch leicht nicht mehr.

Systeme knacken intransitiv.

Junge Knacker bullige Zornesader
Bei den alten dafür aber diese

geplatzten fein rinnsäligen Äderchen. So
behält er den Hut auf.

Wegerich, der
wo es geht auch leicht steht.

 

 

Die Hier gedruckten

„5-Minuten Notate“, wie die Autorin ihre Texte nennt, die zu Gedichten wurden, stehen auch in dem gleichzeitig erschienen Band Sonanz bei Urs Engeler Editor, dessen Umfang jedoch über 450 Einzeltexte beträgt, angeordnet nach den Tagen der Entstehung. Aus einer von der Autorin übersandten größeren Anzahl von ihnen, habe ich eine Auswahl getroffen, und, wie Elke Erb es sieht und gewünscht hat: nachdem aus den Worten Gedichte geworden sind, aus sechzehn Gedichten sozusagen meinen Text geformt, in der vorliegenden Sammlung ebenfalls der chronologischen Anordnung getreu. Zur bildlichen Ergänzung wurden vier Seiten aus dem Notizbuch der Autorin original wiedergegebenen und als Beilage eingebunden.

Am Schluß der Vorbemerkung in Sonanz teilt Elke Erb mit, wie es zu den Notaten gekommen war. Ulrike Draesner habe ihr erzählt, dass sie jeden Tag 5 Minuten lang etwas niederschreibt. Als sie meinte, sie könne das nicht, habe sie gesagt: „Wenn du nicht weiter weißt, schreibe einfach immer das letzte Wort, bis die Zeit um ist.“ Eben dies sei (nicht die Ermunterung sondern) der auslösende Reiz gewesen. Das Nichts, das die Hemmung wegstrich.

Vorbemerkung

 

„Es könnte ja auch ein Herz geben, oder?“

Die Schriftstellerin Elke Erb über veränderte Wahrnehmung in Sachen Frau

Ulrike Gramann: In Ihrem Text „Liebe Frauen“, den Sie für weibblick geschrieben haben, orientieren Sie sich ausschließlich am eigenen Geschlecht. Warum?

Elke Erb: Ja, der Text enthält eine Nachricht, die sehr merkwürdig ist: Also, wenn es ernst ist, dann orientiere ich mich an Frauen. Wenn es um etwas Ernstes, und zwar allgemein politisch Ernstes geht, gucke ich offenbar auf die Geschlechtsgenossinnen. Das war mir eine Eröffnung.

Gramann: Sie haben am Ende des Gedichts geschrieben, dass diese Nichtachtung der Männer bei Ihnen Reue ausgelöst hat.

Erb: Ja sicher. Das ist eine ganz automatische Geschichte, wenn Sie merken, dass Sie einen großen Teil der Menschen einfach auslassen. Der Witz ist nur, dass man es gewöhnlich andersherum sieht, dass Frauen ausgelassen werden und Männer nicht. So eine Meldung, die kommt von innen oder unten. Aber wenn weibliches Schreiben real ist, dann trägt auch das, was ich schreibe, Züge davon. Ich habe das bei mir nie beobachtet, vielleicht weil ich eine Frau bin. Es könnte sein, dass das von der weiblichen Zurückhaltung kommt, davon, dass die Frau zurückgehalten ist: von der Einmischung in politische Händel.

Gramann: Auch, dass sie sich zurückhält?

Erb: Ja. Das ist aber eine andere Sache. Ebenso hält sich der Arbeiter zurück und so weiter. Unterdrückte halten sich gern zurück. Sie machen sich sonst nur Ärger. Das ist doch wirklich eine Zumutung, wo du doch schon dein Unterdrücktenleben hast, und da ist das Maß voll von Dingen, die zu verkraften sind, und infolgedessen nimmst du nicht noch etwas auf, wo du dich dann durchsetzen musst. Du hast genug mit dem üblichen Alltag zu tun, wo du eine Nebenrolle spielst. Ich spielte die ja bis zur Stasi. Also, wie die anfingen mit diesen ersten Ermittlungen, da war ich eigentlich das Anhängsel von meinem Mann. Nachher eiferte ich – aus der Sicht männlicher Rezensenten – der Prenzlauer-Berg-Avantgarde nach. Und so weiter. Und dann kam noch dazu, dass ich eine intellektuelle Frau bin. Das ist ja auch schwierig für die Männer, so was Lebendiges, das eigentlich ein Subjekt ist, für ein Subjekt zu halten.

Gramann: Gibt es denn nicht für das Denken und für das Schreiben etwas wie eine Kategorie Geschlecht? In der Praxis?

Erb: Nein. Das ist ja eine biologische Kategorie. Ich bin, bei einem Vortrag damals, nur bis zur sozialen Kategorie gekommen. Das waren ein paar merkwürdige Dinge damals.
Die Sarah [Kirsch] hatte ein Gedicht, wo sie erzählt, sie fliegt in den Himmel und knöpft den Mantel zu. Da dachte ich, das ist eine Aufmerksamkeit, die hätte kein Mann. Da wurde ich darauf aufmerksam, dass Frauen ja einen intakten Haushalt zu führen haben, dass ihnen das einen Blick auf das Ganze gibt. Es waren auch noch andere Dinge. Es war die plötzliche, unvermutete scharfe Bemerkung, das plötzliche Aufleuchten eines Gedankens: Die Männer unterhalten sich, und die Frau steht am Herd, und dann dreht sie sich um und sagt was. Obwohl ich die Situation nie so gesehen habe, war mir, als sei das ein richtiges Standardbild. Dann sind die Männer erst mal still, und die Frau wendet sich wieder ihren Töpfen zu. Die Männer verknusen es derweil, bis der männliche Sermon wieder beginnt. Und das habe ich in Gedichten gesehen. Und dann glaube ich nicht, dass Männer sich berufen, aber Frauen berufen sich auf ihre Kindheit. Ich wollte das ausarbeiten und veröffentlichen, später, weil ich gern in die biologische Struktur hinein wollte, die das ganze sozial Bedingte hält. Das ist nicht gelungen. Das Mütterliche, das Kokette ist auch soziologisch bestimmt.

Gramann: Aber nicht biologisch.

Erb: Dass Frauen diesen Haushalt sehr genau „wissen“, das hat sich später, als ich ein Kind bekam, bestätigt und präzisiert, dass sie nämlich eine lückenlose Abfolge von Dingen verfolgen müssen, weil das Kind versorgt werden muss. Was die Männer haben, ist Stückwerk, die gesamte Kultur. Und ich hatte daran auch Teil gehabt. Sonst wäre es mir ja nicht aufgefallen, nicht wahr?

Gramann: Es gibt Texte, in denen das reflektiert wird, zum Beispiel „Die Mutter holt Kartoffeln“. [u.a. in: Nachts, halb zwei, zu Hause, Leipzig: Reclam 1991.] Der hat am Schluss eine überraschende, unsentimentale Zusammenfassung: Die Mutter ist verwirrt, weil das Kind nicht essen will, was sie in dieser langen Abfolge produziert hat. Den Text könnte ein Mann nicht schreiben. Das ist das soziale Geschlecht.

Erb: Natürlich hängt das Muttersein im Sozialen. Ich denke aber, wenn man Lyrik schreibt, hat man überhaupt eine andere Aufmerksamkeit für marginal meldungsfähige Dinge. Man muss viel Intuition haben. Intuition ist eine phantastische Form gebündelter Aufmerksamkeit. Und übrigens hasse ich das sehr, wenn die Frauen erzählen, sie schreiben aus dem Bauch und solche schrecklichen Geschichten. Es könnte ja auch ein Herz geben, oder? Mindestens, nicht? Aber da ist etwas, was einen Konkurrenzbetrieb aufnimmt, und der ähnelt immer dem, mit dem er konkurriert. Ich kann nicht aus dem Bauch schreiben, wo anscheinend alles weich und organisch zugeht, wenn es in der Welt Gefängnisse gibt. Übrigens habe ich schon öfter weibliches Schreiben studieren müssen, als Jurymitglied bei Lyrikwettbewerben. Und das war schon sehr beeindruckend. Ich hatte eigentlich das Bedürfnis, mich mit einem Megaphon vor die Frauen hinzustellen und ihnen was zu flöten. Erst mal holten sie sich das Ideale im menschenfernen Bereich. Und dann haben sie sich um die Grammatik herumgepfuscht. Ich dachte: „Was willst du hier mit mir? Ich nehme jedes Wort ernst, das ich schreibe, und  ich weiß, dass du, wenn du einen Kuchen machst, jedes Gramm ernst nimmst, das du da rein tust. Was bildest du dir eigentlich ein, was du mit den Worten machen kannst?“ Das hat dann darin gegipfelt, dass ich in einer Tischrunde mit mehreren Leuten sagte, die Frauen neigen zum Pfusch.

Gramann: Die Schriftstellerin Kathrin Schmidt neigt nicht zum Pfusch.

Erb: Nein. Das ist jetzt eine generelle Aussage.

Gramann: Aber die Frauen, deren Beiträge Sie bei Wettbewerben gelesen haben, waren keine Literatinnen.

Erb: Das ist massenhaft weibliches Schreiben. Ich sage intuitiv: Es gibt eine spezifische Art von pfuschenden Frauen. Und es erinnert mich an bestimmte Bewegungen, die sie machen. Warum guckt sie nicht hin? Da schließt sich das Bild der Konflikte hinweglügenden Frau an, und dieser Marter sind auch die männlichen Kinder ausgesetzt. Es ist eine ganz lange Geschichte, die die Frauen bei ihren Emanzipationsbestrebungen nicht beachten, dass Männer Produkte von Frauen sind.

Gramann: Nicht nur.

Erb: Ja, ja. Aber da müssten ganz scharfe Sachen sein. Da waren die Sozialisten, Marx und Engels, schärfer im Griff als die Emanzen, Emanzipationstheoretikerinnen trotz des 68er Kauderwelsch. Wobei ich das immer noch gern habe. In Innsbruck begegnete mir eine Frau, die machte immer eine scharfe Bemerkung, wo man merkte, die rechnet damit, dass es auch noch Unterdrückte gibt. Aus dem Blickfeld vieler Menschen ist das verschwunden. Ich habe nach und während der Wende das Gefühl gehabt, wie sie da redeten – dass ich allein wusste, dass es in der DDR eine Arbeiterklasse gibt. Und das nicht, weil mein Sohn beim VEB-Baureparaturen Maurer lernte. Ich hätte es auch so beachtet. Die haben sich keinen Deut um diese Leute gekümmert, die Intellektuellen schienen die Macht zu stürzen, die Künstler. Und an die Arbeiter überhaupt nicht zu denken, fand ich schon finster.

Gramann: Aber es wird jetzt auch nicht an die gedacht, die für den Reichtum hier arbeiten.

Erb: Jetzt haben wir überhaupt nicht die Situation, wo daran zu denken wäre. Jetzt bist du wieder als Literatin oder Künstlerin in deinem Gebiet tätig. Damals ging es um politisches Denken. Heiner Müller war der einzige, der dazu aufforderte, eine Gewerkschaft zu gründen, jenseits der DDR-Gewerkschaft.

Gramann: Sehen Sie einen Unterschied gegenüber der Zeit vor ’89, was das Verhältnis von Literatur und Politik angeht? Für sich?

Erb: Für mich? Das ist so nicht zu beantworten. Weil das eben im Osten war, und da gab es andere Verhältnisse und andere Spannungen, weil sich nicht nur für Künstlerinnen ein Zeichenlesertum entwickelt hat. So waren wir imstande, gesellschaftliche Entwicklungen zu betrachten und auch etwas hineinzutun, was wirkte. In meinen Texten gibt es immer wieder welche, die auf politische Themen zurückgehen. Und das eigentlich nun offener, mit direkter Benennung. Das ist das eine. Und das andere: Ich kann jetzt keine zwei Schritte mehr denken, was die Gesellschaft im Ganzen und als politische Einheit betrifft. Früher konntest du denken „Das ist kein Sozialismus, es müßte eigentlich so sein…“, und da konntest du ziemlich weit gehen. Vielleicht ist man jetzt politisch indifferent.

Gramann: Wer ist man?

Erb: Ich. Wobei: Wenn ich von mir als „man“ rede, heißt das keineswegs, dass ich mich an den Rand gedrückt fühle. Ich dachte, ich sei indifferent geworden, weil offenbar der Geist nicht mehr taugte, die politischen Verhältnisse zu verarbeiten. Und es fehlen mir da ein paar entscheidende Dinge, Einsichten, Gewohnheiten. Wenn ich sehe, dass ich Denkgewohnheiten habe, die mich hindern, etwas aufzufassen, dann bin ich gegen sie, ich bin generell gegen Kodierungen,

Gramann: Was bedeutet Kodierung in diesem Zusammenhang?

Erb: Programmierung. Immer wieder entdeckt man solche Voraussetzungen, denen man anhaftet, und die tatsächlich den geistigen Körper modellieren. Ich kapituliere vor den geistigen Aufgaben, die diese Gesellschaft stellt. Ich verstehe nicht, wie die Börse funktioniert. Ich habe früher schon gedacht, es lohnt sich nicht zu denken, wenn man nicht in Getreidepreisen denkt. Das ist ein politisches Herangehen. Aber ich habe es nie weiter gebracht. Wir betreiben eine Art Kalkulation in Intuition, indem wir etwas ändern an einem Textverlauf. Da kommst du ohne solche Dinge aus, offenbar. Es kann auch sein, dass man die Mathematik kritisiert, ohne je Mathematiker zu sein, sozusagen vom lebenden Hinweiß her. Und ich bin im Kern politisch, und zwar scharf politisch.

Gramann: Sie haben in einem Gespräch gesagt: „ Ich benutze rücksichtslos dieses ,Ich‘. Wenn ich ,ich‘ sage, kann überhaupt niemand mehr bestreiten, dass ich das gesehen habe.“ Was bedeutet ,rücksichtslos‘ sich selbst gegenüber?

Erb: Nein. Normalerweise hat man nicht von sich zu sprechen, noch dazu wenn du etwas beobachtest. Und jetzt gibt es dieses lyrische Ich, und das benutze ich eben. „Ich habe gesehen“, das heißt, ich gebe keinen objektiven Satz von mir. Aber er ist andererseits auch unbestreitbar. Wirklich rücksichtslos ist es aber insofern, als dieses „ich“ ein „wir“ enthält.

Gramann: Weil andere etwas auch gesehen haben?

Erb: Gesehen haben vielleicht nicht. In mir ist im Hintergrund ein Wir, eine Art politisches Wir. Es ist so wie „meine Generation“ oder „wir Menschen,  die durch Elternhaus, Schule und weiteren beruflichen Gang verformt sind“. Mit dem spreche ich, und das spricht aus mir, und zu dem sage ich „ich“. „Ich habe“ ist wirklich wie eine Zeugenaussage. Ich hole etwas aus dem Alltag und lasse das reden. Das läuft ja mit, dieses noch Unbestimmte in dem Denken. Das ist schwer zu bezeichnen, aber quellend, und liefert dir alles, wovon du überhaupt lebst, geistig, psychisch und so weiter. Wenn das tot ist, bist du tot. Wenn ich sage, ich mache rücksichtslos Gebrauch, ist es absolut vielfältig einsetzbar. Aber es ist immer dieser Lichtpunkt, dieser Moment, wo etwas Lebendes dazutritt und etwas ansieht und als lebendes Wesen Zeugnis ablegt, Zeugnis ist, sogar zeugt.

Gramann: Das scheint mir etwas zu sein, was man aufheben muss, Aufheben als Behalten.

Erb: Behalten klingt zu konservativ. Ich überanstrenge dieses Ich nicht. Es wird benutzt wie Alpha oder etwas Elementares, eine Gleichungseinheit.

Gramann: Mathematik ist Ihnen wichtig?

Erb: Ja, obwohl das, was ich real an Mathematik praktiziere, nicht über Oberschule hinausgeht. Was mich am Praktizieren hindert: Ich habe eine Leistungsunfähigkeit, was algebraisches Denken betrifft. Ich kann nicht rechts und links wechseln lassen und so weiter. Ob das weiblich ist, weiß ich nicht. Das müßte man untersuchen. Warum haben Sie nach Mathematik gefragt?

Gramann: Weil das in Ihrer Rede mehrmals eine Rolle gespielt hat, bis hin zu dieser Ich-Geschichte. Die Mathematik hat auch eine eigene Sprache. Alles andere hat die Sprache als Sprache. Einige Ihrer Texte aber bilden eine andere, neue Form, vor allem in Vexierbild.

Erb: Die auf dem Blatt verteilten Wortgruppen, das ist einfach eine optische Form, in der man gleichzeitig mehreres geltend machen kann. Das diente der Befreiung des Ausdrucks von Dingen, Inhalten oder Regungen von der Verpflichtung zur Linearität. Auch die mündliche Rede ist ja linear, das nächste Wort und das nächste Wort und das nächste Wort. Du musst alles, was du im Hirn hast und was komplexer Natur ist, in einer einzigen Marschrichtung unterbringen. Natürlich haben die Menschen viele Tricks entwickelt, um damit doch noch Belange auszudrücken, und ich bin selbst trickreich. Mit dem danach entwickelten Schreiben habe ich das Rhetorische in meiner Sprache freigelegt, dieses Verführen.

Gramann: Hat das auch ein magisches Moment?

Erb: Das wird behauptet, ich kann das nicht erkennen.

Gramann: Gut, dann sage ich Ihnen, was mir eine Freundin erzählt hat. Es gibt folgendes Gedicht von Ihnen:

Das kriegen wir hin
Ich, meine Katze. Meine Katze, ich.
Wir leben im Lande, wir schlippen die Milch,
Unser Kikeriki scheucht den Garaus.

Meine Freundin sagt, dass sie dieses Gedicht so magisch findet, dass sie manchmal vorm Spiegel steht und es vor sich hin sagt.

Erb: Es ist magisch in dem Sinne, dass es von rechts nach links wechselt. Wobei allerdings Beschwörungsformeln, magische, keineswegs so sind. Du kreist eine Sache ein. Dann kommt das mit dem Reim: „Wir schlippen die Milch. Ich, meine Katze, Meine Katze, ich.“ Da ist das Ich in die Milch hineingefummelt. Dann unser Kikeriki, nachdem ich die Formeln gemacht habe – es ist schon wirklich charmant, nicht? Da haben Sie dieses Übermütige, das überhaupt nicht die eingeschüchterte Frau ist. Jetzt kommt unser Kikeriki, alles, was wir jetzt sagen, scheucht den Garaus. Eine Person, die immer „ich“ sagt: Frei gehört ihr der Hahnschrei. Das hängt zusammen mit einer unterbliebenen Einordnung in politische Händel. Ich bin infolgedessen nicht untergebuttert.
Das ist ein sehr interessanter Aspekt, denn die Frauen in der Emanzipation werden immer wieder die andere Seite hervorkehren. Ich habe diese im Kopf. Da ist natürlich auch etwas Kindliches drin. Als kleines Mädchen ahnst du ja nicht, wohin das dann an der Seite deines Mannes zu führen hat. Ich gebe zu, das Gedicht hat die Abmessungen einer Formel. Wenn es dann noch jemanden gibt, der das immer murmelt, das ist ganz hinreißend für mich. Aber ich habe darüber noch mal einen Text geschrieben, direkt nach der Wende. Die hat bei mir Potenzen freigesetzt und zwar nicht wegen des andern neuen Landes, sondern aufgrund der Befreiung von dem alten Verhängnis. „Spurentour“ heißt das. [in: Unschuld, du Licht meiner Augen Göttingen: Steidl Verlag 1994.] Das war nachher nicht mehr erreichbar, wie lebhaft diese Sache war.

Gramann: Können Sie sagen, wohin es nun geht?

Erb: Nachdem diese mich bestimmende Welt sich auflöste und verschwand, trachtete ich nach Ganzheitssymbolen. Da taucht das Haus auf, dann das Denken als Kreis, sehr viele Tiere. Da liegt in einem Beet ein Pferd, wie ausgeschnitten aus Pappe und übernickt von Astern, und dann geht es immer weiter in dieser Art. Dann will ich wissen, was ist innen in einem Türschloss, was haben sie mir verborgen? Es kam alles folgerichtig: Jetzt interessieren mich Teilungen, Dinge, die nicht zusammengehören, die man bisher für zusammengehörend gehalten hatte, und nun sieht man, da sind nicht einmal Brücken dazwischen. Das ist eine eher morphologische Betrachtung oder morphologische Entwicklung des Denkens, ganz eindeutig. Was so herauskam nach der Wende, war regelrecht eine Explosion von Bewegungen, zum Beispiel in „Engel auf Erden“ – über die Steifheit, die Gymnastik… „Sie sind doch nicht steif geboren.“ Der Text hat eine lebhafte Tanzbewegung. [in: Unschuld, du Licht meiner Augen Göttingen: Steidl Verlag 1994.] Das geht immer so weiter, als würde ich Lektionen durchnehmen. Jetzt gibt es, erstmals, Texte, die sich um das Älterwerden drehen. Ach, ich habe einen schönen Text, den les’ ich dir noch vor. Oder soll ich den sogar dem weibblick schenken?

Trinkt, oh Augen, was die Wimper hält

Auf Frauen, die älter sind als ich, nur fünf, sechs Jahre älter schon, fast in meinem Alter, blicke ich, wie ich entdecke, als sollte mir ihre Verwitterung (das verschwundene Reh) reden von Weltfahrt, -erfahrung, nach ihrer Rückkehr. Auf Frauen in dem gegenüberliegenden Alter der Jugend blicke ich, über ihr Rehbild hinweg, als hätten sie eine gelungene Weltfahrt vor.

Aus: Weibblick, Heft 5, 1999

Auf Polianders Zeitreisen schreibt Ulrike Gramann noch einmal über das Wiedersehen mit dem Interviewtext.

 

Franz Hofner: Hinter der Scheibe. Notizen zu Elke Erb

Elke Erb: Die irdische Seele (Ein schriftlich geführtes Interview)

Elke Erbs Dankesrede zur Verleihung des Roswitha-Preises 2012.

Im Juni 1997 trafen sich in der Literaturwerkstatt Berlin zwei der bedeutendsten Autorinnen der deutschsprachigen Gegenwartslyrik: Elke Erb und Friederike Mayröcker.

 

 

Klassiker der Gegenwartslyrik: Elke Erb liest und diskutiert am 19.11.2013 in der literaturWERKstatt berlin mit Steffen Popp.

 

Lesung von Elke Erb zur Buchmesse 2014

 

 

Zum 70. Geburtstag der Autorin:

Steffen Popp: Elke Erb zum Siebzigsten Geburtstag
literaturkritik.de

Zum 80. Geburtstag der Autorin:

Waltraud Schwab: Mit den Gedanken fliegen
taz, 10.2.2018

Olga Martynova: Kastanienallee 30, nachmittags halb fünf
Süddeutsche Zeitung, 15.2.2018

Michael Braun: Da kamen Kram-Gedanken
Badische Zeitung, 17.2.2018

Michael Braun: Die Königin des poetischen Eigensinns
Die Zeit, 18.2.2018

Karin Großmann: Und ich sitze und halte still
Sächsische Zeitung, 17.2.2018

Christian Eger: Dichterin aus Halle – Wie Literatur und Sprache Lebensimpulse für Elke Erb wurden
Mitteldeutsche Zeitung, 17.2.2018

Ilma Rakusa: Mensch sein, im Wort sein
Neue Zürcher Zeitung, 18.2.2018

Oleg Jurjew: Elke Erb: Bis die Sprache ihr Okay gibt
Die Furche, 8.3.2018

 

Annett Gröschner: Gebt Elke Erb endlich den Georg-Büchner-Preis!
piqd.de, 27.6.2017

Zum Georg-Büchner-Preis an Elke Erb: FR 1 & 2 + MOZStZSZ +
EchoWelt + WAZ + BR24 + TTB + MAZ + FAZ 1 & 2 + TS + DP +
rbbtazNZZ + mdr + Zeit + JW + SZ 1 & 2 +

 

 

Fakten und Vermutungen zur Autorin + KLGIMDb
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Bild von Juliane Duda mit den Übermalungen von C.M.P. Schleime und den Texten von Andreas Koziol aus seinem Bestiarium Literaricum. Hier „Die Elkeerb“.

 

Beitragsbild von Juliane Duda zu Richard Pietraß: Dichterleben – Elke Erb

 

Elke Erb liest auf dem XVII. International Poetry Festival von Medellín 2007.

 

Elke Erb liest bei OST meets WEST – Festival der freien Künste, 6.11.2009.

1 Antwort : Elke Erb: Wegerich. Wahn. Denn wieso?”

  1. Redaktion sagt:

    Wir sind ihnen sehr dankbar für diesen Text einer Zeitreise und wünschen Ihnen auch weiterhin solche lyrischen Wiedererkennungsmomente.

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