Elke Erb: Zu Daniela Seels Gedicht „Ich kann diese stelle nicht wiederfinden“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

− Zu Daniela Seels Gedicht „Ich kann diese stelle nicht wiederfinden“ aus dem Gedichtband Daniela Seel: ich kann diese stelle nicht wiederfinden. −

 

 

 

 

So könnte es weitergehen

Bei der ersten Begegnung mit diesem Gedicht dachte ich, als sie es las: So könnte es weitergehen in Zukunft / wenn ich in Zukunft schreibe. Nein, ich dachte, während ich ihr zuhörte: Oh, das ist tapfer. Nein, oh das geht durch ein Dickicht, durch ein Dickicht: so könnte ich, das wäre es, wenn ich, in Zukunft, durchs Dickicht…
Vermutlich hatte ich etwas beendet, befand mich im Leeren, oder teilte das Zuhören, holte es sich das Vakuum erst, weil ich das Dickicht empfand… es war Leere, Freiheit entstanden… dank tapfer und Dickicht. Fast in aller Situation weiß ich ja nichts von meinem eigenen Gang.
Das, so, wenn ich es könnte, wäre es, was ich zu tun hätte; das könnte es sein ja. (Nein, nicht: sollte es sein – ich hörte ja weiter zu). Durchs Dicke, hindurch durch, es versteckt, verhehlt sich ja immer, läßt sich nicht blicken… da aber, bei Daniela, war es ja und kam, erschien, vergegenwartete sich, und sie, die zarte kleine Stimme lässt nicht ab… der Eindruck, der gehörte Anblick, war so sichtbar, dass ich danach auch, als Orsolya Kalász las, die Tapferkeit erkannte, ein guter Tag! bei ihr war das Dickicht die Fremde, zwischen ihr und… Ach, wenn ich, ach, das müsste ich… Diese beiden!
Ja, da erschien ein Vorbild, nicht wahr. Es ging nicht um die besonderen Umstände, ein Vorbild verallgemeinert, nicht? (Ich hatte nie eins.) (Es auch nicht vermisst). (Auch nicht das Gegenteil davon.) Es kam unerwartet. Vielleicht komme ich ja noch dahin.
Es ist ein paar Jahre her und ich bin noch nicht durch das Liegende, Schwere, irgendwo am Grunde – Innere, ach wie denn? Habe ja auch ein schlechtes Gewissen, wenn ich es spüre, dem gegenüber…
Ich schaue in das Buch, das Gedicht steht hinten, ich kann ein wenig nachverfolgen, woher die Wirkung kam, an einzelnen Effekten:
… ich kannte die hand nicht – Blindzeilen-Pause, weiße – die mich ans bett band [. . .] licht ich lag – es nimmt mir den Atem, das lag! dieses breite a, dieses atemberaubende lag!! – hinter den scheiben sah stirnen…
Beim Lesen, ohne den Schutz der fortlaufenden (nicht beharrenden) Zeit während des Hörens, was fang ich nur an, ich fange die Erregungen hintereinander widerstandslos auf, könnte den gesamten Text so skandieren, es nimmt mich mit auch der eilende Rhythmus, lag – als hätte ich selbst… niemals… gesprochen … nie hielt ich dich / nicht als ich schlief / nicht als durch mich / und durch mich hindurch / ging / dein tod / und mich übrigließ

Elke Erb

 

DANIELA SEEL

– –
ich kann diese stelle nicht wiederfinden

– –
nur schemen nur ihre blanken gesichter
überbelichtet sie richteten lampen aus
ich kannte die hand nicht

die mich ans bett band linke hand rechte hand
linker fuß rechter fuß fixiert mit versiertem griff dann
die maske der schlauch das schneidende
licht ich lag hinter den scheiben sah stirnen
gestalten mit mundschürzen die mich meinten
die meine entzweiung begingen geschäftige finger
trainierter begriff während ich schlief und ich schlief
lang

– –
jahre als hätte ich niemals davon gesprochen was
wächst denn wenn schweigen wächst wie das gras
vor den scheiben was bedeutet dir hoffnung sag
war ich je so voller hoffnung wie da ich
ihr unterlag

– –
ich kann diese stelle nicht wiederfinden ich weiß nicht
erinnere ich mich oder stelle ich mir ihre gesichter bloß vor
und was sag mir machte den unterschied

– –
habe ich eingewilligt in meine entzweiung hat mich wer oder
war ich dann vorbereitet und müssten meine hände nicht
immer noch zittern dass die fixierung sich endlich löst

– –
dieser schmerz kent keinen anfang
kein ende nicht dreißig sekunden
bäumen des mundes dann ruhe
nur runde um runde hinüber

über die schwelle dessen
was möglich schien

taubheit in rücken und füßen
gerüche spürbar als übelkeit
willen versiegt schließlich stimme
kein ich verfügt über mich

aber verstand setzt nicht aus
angst setzt nicht aus ich

kann sich nicht dahin bringen in ohnmacht zu sinken
kein bewusstsein zu haben noch bewusst
zu sein

– –
kannte ich denn die hand die die maske führte das schweigen
das atemlos schlafen macht warten wachen
wann kannte ich dich und erkannte dich nicht
schlaf im schlaf

die meine hände banden als bänden sie mich begründeten nicht
das war ich als ich schlief mit zitternden fingern als wären es meine hände
die dies begingen als begriffen sie mich

ich kann diese meine hände nicht wiederfinden warten sie noch
schlafend das wachen zu lernen das lösende wort
in ihrer mitte

– –
nie hielt ich dich
nicht als ich schlief
nicht als durch mich
und durch mich hindurch
ging tod
dein tod
und mich übrigließ

– –
wie kann ich die lampen löschen die stellungen lösen ich höre
mein heiseres jauchzen das wächst wie das gras
vor den scheiben wie sollte ich schweigen wollte ich schlafen bein
an bein als wüsst ich zu weinen als wär keine schwerkraft
mich zu halten mich zu entbinden vom fall
ins erwachen

– –
sie könnten ruhig etwas mithelfen warum ist die noch wach
jahrelang diese fordernde stimme der schwester
im ohr den vorwurf der ärztin an den anästhesisten

als sei das leichthin gesagte mit dem man nicht fertig wird
winziger stachel aus demütigung schuld scham was tun wir
einander lächelnd an ich frage noch einmal was tun wir
einander gutes und wann

– –
steh ich auf vom tisch der kein bett war und finde das wort
für tod

– –
sag es sags noch mal markier diese stelle da
das reißende mich übersteigt nenn schwerkraft
was mich weinen lässt atmen
atmen

markier wiederholung als ort wohin ich
zurückkehren kann der empfindlichkeit
bindet

– –
habe entzweite zwei hände entzweite zwei füße
augen zu sehen beine zu gehen höre dich atmen
im schlaf erwachend erinnere ich mich
und erinnere von dieser stelle das gras

Die Texte wurden entnommen aus: die horen, Heft 246, Wallstein Verlag, 2. Quartal 2012

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