Erich Fried: Zu Peter Paul Zahls Gedicht „Mittel der Obrigkeit“

Im Kern

Im Kern

– Zu Peter Paul Zahls Gedicht „Mittel der Obrigkeit“ aus Peter Paul Zahl: Schutzimpfung. –

 

 

 

 

PETER PAUL ZAHL

Mittel der Obrigkeit

man muß sie gesehen haben
diese gesichter unter dem tschako
während der schläge

man muß sie gesehen haben
diese gesichter unter dem tschako
zwischen schlag und schlag

man muß sie gesehen haben
diese gesichter unter dem tschako
nach den schlägen

sag nicht: diese schweine
sag: wer hat sie dazu gebracht

 

Ein Meister der Aussparung

Dieses Gedicht geht mir wahrscheinlich deshalb nicht aus dem Kopf, weil es eines der sparsamsten, zurückhaltendsten und zugleich präzisesten ist, die ich kenne, präzise durch Aussparungen. Das finde ich noch bemerkenswerter, seit ich weiß, daß es im Gefängnis entstanden ist, denn Verse hinter Gittern sind meist unbeherrschter anspruchsvoller, reicher an Adjektiven, frommen und unfrommen Wünschen.
Der Dichter beginnt mit drei Momentaufnahmen. In seinen ersten drei Dreizeilern gibt immer nur eine Zeile den Unterschied zwischen den Bildern an: „während der schläge“, „zwischen schlag und schlag“, „nach den schlägen“. Daß die Schläger Polizisten sind, wird durch den Tschako angedeutet; gesagt wird es nicht. Gesagt wird nicht einmal, daß sie schlagen. Dem Satzbau nach könnten die Gesichter unter dem Tschako auch die Geschlagenen sein. Alles bleibt dem Denken des Lesers überlassen und seiner eigenen Erfahrung als Zeitgenosse. Das Gedicht will nicht zu einer feststehenden Meinung zwingen, sondern zum Denken. Auch wenn es, psalmenhaft wiederholend, dreimal einhämmert „man muß sie gesehen haben“, sagt es nicht, was man in diesen Gesichtern gesehen haben muß.
Der Leser wird auch nicht auf Polizeiknüppel aufmerksam gemacht, auch nicht auf dreinschlagende Hände oder Fäuste, nein, auf Gesichter, die selbst nichts oder wenig tun, in denen aber Entschlossenheit oder Verkrampftheit, Zögern, Angst, Grausamkeit oder Automatismus des Schlagens zu lesen sein müssen. Dem Leser wird nicht gesagt, was er lesen soll, wahrscheinlich weil Peter Paul Zahl seine dreimalige Aussage „man muß sie gesehen haben“ wörtlich meint und deshalb dichterische Zurückhaltung übt.
Damit ist das Gedicht schon fast beendet. Nur noch zwei Zeilen:

sag nicht: diese schweine!
sag: wer hat sie dazu gebracht

Die Bezeichnung „schweine“ stünde nach Meinung des Dichters offenbar dem Erkenntnisprozeß im Wege, den schon sein Hinweis auf die Gesichter eingeleitet hat, obwohl er selbst nach drei Blicken auf die Prügelszene und in die Gesichter der Schläger das Schimpfwort offenbar so verführerisch naheliegend findet, daß er sofort vor ihm warnen muß. Noch mehr als der Schimpfverzicht um des Verstehens willen erweitert die Schlußzeile das Gedicht. Sie ist der Form nach eine Frage, birgt aber schon so viel Erkenntnis und unmittelbar bevorstehende Aussage, daß sie nicht mit „Frag“, sondern mit der viel wirksameren Wiederholung „sag“ eingeleitet wird. Peter Paul Zahl schlägt dem Leser wieder keine fertige Antwort vor, sondern läßt ihn mit einer offenen Frage zurück. Sie kann die Widersprüche und Entfremdungen einer Gesellschaft meinen, die Menschen einander so aggressiv gegenüberstellt, sie kann auch aus jeder Schwarzweißmalerei ausbrechen, die die Verrohung immer nur auf der Gegenseite sehen möchte, nicht als etwas, was beide Seiten einander aufzwingen.
Durch ihr Offenbleiben hören diese Verse freilich nicht auf, ein engagiertes Gedicht zu sein, sondern werden erst eines. Als Sammlung ausgesprochener, in sich geschlossener Vor-Urteile wären sie nur ein Aufruf in Versen und ungleich weniger wirksam als diese Anleitung zum Selbst-Ausdenken und Nacherleben.
Träger einer Wertung – und damit indirekt einer Anklage – ist eigentlich nur der Titel des Gedichtes, der aussagt, daß Menschen als Mittel einer Obrigkeit in Aktion treten, also instrumentalisiert, verdinglicht. Gegen Verdinglichung von Menschen wehrt sich das ganze Gedicht.

Erich Fried, Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Bd. 2, Insel Verlag, 1977

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