Eugen Gomringer: Poesiealbum 342

Gomringer/Kovacic-Poesiealbum 342

DANK

wenn noras sprache sich nach aussen drängt
gehört will werden mit genuss der stimme
mit werten zündet dass ein feuer glimme
dann spricht ein geist der niemals eingezwängt

wenn ich nach ordnung meine sprache trimme
mein metrum worte für sonette fängt
ihr sinn nicht leicht aus jedem fenster hängt
so acht ich drauf dass nichts im nichts verschwimme

inmitten unsrer worte und gedichte
und selbst im bunde mit der sprache schätze
stehst nortrud du in unsrer beider lichte

für nora hältst du sicher frei die plätze
mir hilfst du kundig denken was ich sichte
wir danken dir der würdigste der sätze

 

 

Stimmen zum Autor

Da lebt etwas, das von weit her kommt.
Hermann Hesse

Der sozusagen sinnliche Reiz Gomringers konkreter Poesie war für mich stärker als alles andere, was ich zu der Zeit kannte. Dieser unmittelbare Reiz ging nicht von Assoziationen oder Bildern aus, das Bezeichnende lag gerade darin, daß das wegfiel. Die Reizfunktion ging aus gleichsam von Sprache selbst, von Wörtern, die aus der Fähigkeit, Metaphern zu bilden herausgenommen waren. Wörter selber hatten plötzlich so etwas wie sinnliche Ausstrahlung bekommen. Statt der Metapher wurde etwas sichtbar, was man den Bedeutungshof, den jede Vokabel besitzt, nennen könnte.
Helmut Heißenbüttel

Seine Möglichkeiten sind die des Indianers, seine Grenzen sind die des Schweizers.
Philip Rosenthal

Gomringers konkrete Poesie macht den Widerspruch zwischen der Sprache und dem Gegenstand der Sprache eklatant, indem sie sich rigoros von der dinglichen Welt entfernt, der Sprache ihre geläufige Beschreibungs- und Bedeutungsfunktion entzieht.
Ekkehardt Jürgen

„Avenidas“ ist ein Beispiel, wie eine materielle Entfernung zu einer virtuellen Entfaltung führt: es ist auf dem besten Wege, eines der bekanntesten Gedichte in Deutschland zu werden.
Peter Mühlbauer

Einen solchen Mann müssen wir bei uns haben.
Inge Aicher-Scholl

Es gibt im 20. Jahrhundert nur wenige Dichter, deren Gedichte zu internationalen Inkunabeln der Poesie geworden sind. Mit seinen ,Ideogrammen‘ und ,Konstellationen‘ hat Gomringer davon etliche kreiert, deren formbewußte Gestalt und Gestaltung die konkreten und assoziativen Ausdrucks-, Beziehungs- und Kommunikationspotentiale von Sprache und ihre Gebrauchsqualitäten erfahrbar machen. Sie sind in alle Weltsprachen übersetzt worden und in verschiedenen Aggregatzuständen denkbar bis hin zu Stillleben, Skulptur und Tableau vivant.
Michael Lentz

Eugen Gomringer

Sein Gedicht „avenidas“ löste die größte Debatte aus, die Poesie in jüngster Zeit erfahren hat: Während es Studentinnen auf den moralischen Index setzten, was zu seiner Demontage von einer Berliner Hochschulfassade führte, erkennen Andersdenkende in ihm vorbildhafte Sprachbewegungen der Konkreten Poesie, deren ästhetische Funktionen eine solche Bezichtigung gar nicht zulassen. Deshalb sollten Gomringers Gedichte, dessen Name für die Konkrete Poesie und deren Ästhetik steht, einer breiteren Leserschaft präsentiert werden.

Aus Edlef Köppen: Poesiealbum 341, MärkischerVerlag Wilhelmshorst, 2018

Poesiealbum 342

Gomringers Gedicht „Avenidas“ an einer Berliner Hochschulfassade löste eine kontroverse Kampagne um enthaltenen Sexismus aus. – Es gibt im 20. Jahrhundert nur wenige Dichter, deren Gedichte zu internationalen Inkunabeln der Poesie geworden sind. Mit seinen ,Ideogrammen‘ und ,Konstellationen‘ hat Gomringer davon etliche kreiert, deren formbewußte Gestalt und Gestaltung die konkreten und assoziativen Ausdrucks-, Beziehungs- und Kommunikationspotentiale von Sprache und ihre Gebrauchsqualitäten erfahrbar machen. Sie sind in alle Weltsprachen übersetzt worden.

MärkischerVerlag Wilhelmshorst, Klappentext, 2018

 

Eugen Gomringer

Mir ihrem gemeinsam betriebenen Zeitschriftenprojekt Pin, das sie am unterschiedlichsten Exilort in England (Ambleside) und Frankreich (Limoges) brieflich miteinander verband, beabsichtigten Kurt Schwitters und Raoul Hausmann unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, der deutschen Nachkriegsliteratur die notwendigen Anstöße zu geben, die sie nach rückwärts mit der abgerissenen Tradition der avantgardistischen Kunst und Literatur der zwanziger Jahre – Dada und Merz – und aktuell mit den Entwicklungen der internationalen Moderne verbinden sollten: die schöpferischen Fähigkeiten seien in der Kriegszeit tief gesunken, notierte Schwitters in einem seiner Schreiben, und bedürften dringend neuer Impulse. Das projektierte Unternehmen scheiterte jedoch, zu einer Buchveröffentlichung der bereits ausgearbeiteten Manuskripte kam es erst 1962, als Schwitters längst gestorben war, und so verlor sich dieser Versuch, die Kontinuität der avantgardistischen deutschen Literatur über den Kunst- und Kulturatavismus der Nationalsozialisten in die neue Republik hinein zu retten; statt dessen dominierten die Themata und Stillagen der inneren Emigration, und es kam allenfalls zu Wiederbelebungen der expressionistischen Ausdrucksweisen.
Statt unmittelbar nach 1945 setzten deshalb ernsthafte Versuche zur literarischen Erneuerung im Sinne der experimentell-avantgardistischen Innovationspoetik erst in den späteren fünfziger und frühen sechziger Jahren und unter jenen eigenen Voraussetzungen ein, die aus der fortgeschrittenen historischen Situation resultierten. Unter ihnen kommt der sogenannten konkreten Poesie ein ganz entscheidender Stellenwert zu: ihr Initiator, einer ihrer zentralen Wortführer in Theorie und Praxis, wurde Eugen Gomringer. Am 20. Januar 1925 in Bolivien als Sohn einer Bolivianerin und eines Schweizers geboren, hatte er während des Krieges in der Schweiz die Schule besucht und sich 1944 an der Universität Bern als Student der politischen Wissenschaften immatrikuliert; unterbrochen durch den Besuch der Offiziersschulen in Zürich und Locarno, setzte er die Universitätsstudien 1947 in Rom, nun in Richtung Kunstgeschichte, fort: nach diversen journalistischen Tätigkeiten in Bern, einem Volontariat in der Redaktion der Zeitschrift Der Bund und verschiedenen wissenschaftlichen Reisen nach Frankreich, England, Spanien und Italien gründete er 1953 zusammen mit Marcel Wyss und Diter Rot die Kunstzeitschrift Spirale. Frühe literarische Versuche – Jugendpoesien des Achtzehnjährigen – standen noch im Bann Goethes und Rilkes: in bewußter Lösung aus diesen Anfängen und mit radikalem Positionswechsel des poetischen Programms veröffentlichte Gomringer 1953 das dreisprachige Bändchen konstellationen constellations constellaciones und öffnete sich mit ihm den Weg für seine innovative, die Fesseln der Tradition sprengende poetische Praxis und die sie begleitende Theorie: eine am 31. Juli 1953 in der Neuen Zürcher Zeitung veröffentlichte Proklamation und der 1954/1955 in der Zeitschrift Alpha gedruckte Essay „vom vers zur konstellation, zweck und form einer neuen dichtung“ markieren in dieser Hinsicht die Startposition.
1954 avancierte Gomringer zum Sekretär des Rektors der Ulmer Hochschule für Gestaltung – Max Bill – und knüpfte in dieser Funktion, die er bis 1958 wahrnahm, wichtige künstlerische Kontakte zu Malern, Architekten und Schriftstellern wie Josef Albers, Friedrich Vordemberge-Gildewart, Mavignier, Walter Gropius, Max Bense, Helmut Heißenbüttel u.a.m. Bill verkörperte damals exemplarisch die Tendenzen abstrakt-konstruktivistischer Kunst, wie sie nach der Jahrhundertwende und dann noch einmal ab der Mitte der zwanziger Jahre dominant geworden waren; er konnte während des Krieges in der Schweiz weiterhin ausstellen und gewann dort frühen Einfluß auf die junge Künstlergeneration, die nach dem Kriegsende in den Vordergrund trat; wie Bill stellte auch Gropius eine lebendige Rückverbindung zum Bauhaus her, dessen Prinzipien sich die Ulmer Hochschule verbunden fühlte; Bense aber sollte – als philosophischer Kopf und publizistischer Nestor einer avantgardistischen Künstler- und Literatenformation in Stuttgart, der sogenannten Stuttgarter Gruppe – sehr rasch eine stark nach vorwärts weisende Funktion erhalten, zentrierten sich doch um ihn bald jene literarischen Bestrebungen, die unter dem Signet der konkreten Poesie auf einen massiven Innovationsschub hinausliefen, der die gerade eben wieder restaurierten traditionellen Kunst- und Literaturanschauungen der unmittelbaren Nachkriegsperiode herausforderte: die Benennung erfolgte in Anlehnung an die gleichgerichteten Bestrebungen der Noigandres-Gruppe in Sao-Paulo, zu der Gomringer Beziehungen über Decio Pignatari entwickelte, den er 1955 in Ulm kennen lernte.
Als Bill nach Ablauf seines Rektorats Ulm und die dortige Hochschule verließ, kehrte Gomringer in die Schweiz zurück und arbeitete als Werbeleiter für Industrieunternehmen, Geschäftsführer (des Schweizerischen Werkbundes), Fachzeitschriftenredakteur und Industrial Designer. Von 1976 bis 1985 war er als Kulturbeauftragter der Rosenthal AG in Selb tätig, danach als freier Berater; 1976/77 wurde er in eine Dozentur bzw. Professur für Theorie der Ästhetik an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf berufen, 1986 nahm er eine Poetik-Gastprofessur an der Universität Bamberg wahr: gleichzeitig agierte er in all diesen Jahren weltweit als unermüdlicher Ausstellungs- und Symposiums-Organisator, Vortragsreisender, Projektplaner, Diskutant, Herausgeber und als Mitglied des bundesdeutschen PEN-Zentrums, der Berliner Akademie der Künste, des Deutschen Werkbundes, des Schweizer Werkbunds sowie der Swiss Industrial Designers etc.
Gomringers literarische Bedeutung beruht auf einigen wenigen – dafür aber programmatisch-markanten, in sich fortschreitenden und daher künstlerisch konsequenten – Publikationen, auf seinen Manifesten und theoretischen Äußerungen zu einem neuen Textbegriff in der Literatur und auf seinen editorischen Bemühungen, die 1959 in der Gründung der eugen gomringer press, 1960 bis 1965 in der Herausgabe der Broschürenreihe konkrete poesie – poesia concreta, 1970/1971 in der Herausgabe der Kunstmappen edition keller und 1972/73 in der Edition der Buchreihe Kunst und Umwelt ihre markantesten Stationen haben. Festzuhalten in diesem Zusammenhang ist auch die Gründung eines Archivs für konkrete Poesie 1973 in Schloß Erkersreuth, die dem Rückblick auf diese Kunst- und Literaturbewegung, ihrer Archivierung verpflichtet ist und doch zugleich auch ihrer Aktualisierung gilt.
Den neuen, durch ihn in die Gegenwartsliteratur eingeführten poetischen Begriff Konstellation hat Gomringer in seinem programmatischen Statement „Vom Vers zur Konstellation“ selbst wie folgt definiert: die Konstellation ist die einfachste Gestaltungsmöglichkeit der auf dem Wort beruhenden Dichtung. Als unmittelbare Herausforderung wird die „schnelle Kommunikation“ der modernen Zivilisation benannt. Unsere Sprachen befinden sich auf dem Weg der formalen Vereinfachung. Es bilden sich reduzierte, knappe Formen. Oft geht der Inhalt eines Satzes in einen Einwortbegriff über, oft werden längere Ausführungen in Form kleiner Buchstabengruppen dargestellt. Es zeigt sich auch die Tendenz, viele Sprachen durch einige wenige, allgemeingültige zu ersetzen. Was die künstlerische Tendenz zur Abstraktion angeht, werden Kandinsky, Klee und Mondrian namhaft gemacht; für die Befreiung des Wortes aus dem Satzzusammenhang werden der literarische Futurismus und der Züricher Dadaismus als unmittelbare Vorläufer angeführt. Zweck dieser neuen Dichtung sei es, so die Folgerung, der Dichtung wieder eine organische Funktion in der Gesellschaft zu geben und damit den Platz des Dichters zu seinem Nutzen und zum Nutzen der Gesellschaft neu zu bestimmen. Da dabei an die formale Vereinfachung unserer Sprachen und den Zeichencharakter der Schrift zu denken ist, kann von einer organischen Funktion der Dichtung nur dann gesprochen werden, wenn sie sich in diese Sprachvorgänge einschaltet. Das neue Gedicht ist deshalb als Ganzes und in den Teilen einfach und überschaubar. Es wird zum Seh- und Gebrauchsgegenstand: Denkgegenstand – Denkspiel.
Ganz in diesem Sinne bezeichnete Gomringer die Konstellation als „letztmögliches absolutes Gedicht“, als „Baustein internationaler Kommunikation“ und – im besten Fall – als „weises Spiel“, denn: um die Möglichkeiten des Spiels zu wissen, sei „heute gleichbedeutend dem Wissen um eine endgültige Klassiker-Satzung“. Zunächst umfaßt die neue Form eine „Gruppe von Worten“ in Analogie zu einer „Gruppe von Sternen“, später fügte Gomringer hinzu, es seien neben den Wort-Konstellationen auch Buchstaben- und Satz-Konstellationen möglich; durch ihre Anordnung auf der weißen Fläche des Papiers unter Einbeziehung ihres Zwischen- und Umgebungsraumes würden die einzelnen Elemente nicht nur getrennt, sondern auch miteinander verbunden, wodurch Assoziationsmöglichkeiten geschaffen würden; auf verbale Bindemittel werde verzichtet, die Elemente tendieren deshalb – dabei Semantisches miteinbeziehend – zur Inversion. Zur Veranschaulichung Gomringers wohl bekannteste Konstellation, in der das Wort schweigen als Wortreihe und Wortblock und zugleich – eben mit Hilfe der gewählten Anordnung – als Lücke und Leerfleck vorgeführt wird:

schweigen     schweigen     schweigen
schweigen     schweigen     schweigen
schweigen     schweigen     schweigen
schweigen     schweigen     schweigen
schweigen     schweigen     schweigen

Die unmittelbare Wirkung poetischer Produktionen, die dieser Poetik verpflichtet waren, läßt sich mit Heißenbüttel dahingehend belegen, daß es sich hier um einen Akt der Befreiung von allzu viel ,Bedeutsamkeit‘ handle, die seit jeher gerade dem lyrischen Gebilde aufgelastet und abverlangt worden sei, wie etwa der Text „ping pong“ zeige, der lediglich diese beiden aufs Tischtennisspiel verweisenden Lautsignale wiederhole und in eine graphische Anordnung bringe, genügte dem konkreten Gedicht – der Konstellation nach dem Muster Gomringers – einfach eine „Abfolge rhythmisch geordneter Silben (…) ohne jede symbolische Hintergründigkeit, ohne erläuternden, verinnerlichenden Hinweis, nackt, kahl, sie selbst“. Verknappung, Vereinfachung, Überschaubarkeit, Nachvollziehbarkeit lauten die inhaltlichen und stilistischen Forderungen, die an die neue Textform gestellt werden: das schließt zwar Provokation und Rätselhaftigkeit nicht aus, dennoch konstatierte die Kritik eine allzu willfährige Anpassung an den technischen Prozeß oder die Praktiken der Werbung und monierte von hier aus die Preisgabe jener umfassenden Vorstellungen, die seit jeher mit Dichtung verbunden seien, einschließlich ihrer oppositionellen und kritischen Funktion. In seinem „Das Gelegenheitsgedicht“ überschriebenen Akzente-Aufsatz von 1961 polemisierte Günter Grass gegen eine Gruppe von Schriftstellern, die er mit dem Sammelnamen „Labordichter“ belegte; von diesem „Labordichter“ sagte er, er sitze „mit kleingeschriebenen Hausschuhen in seinem Labor“, „Max Bense im Rücken“, „die Zettelkästchen griffbereit“: „Er montiert und verhackstückt Beliebiges (…), tut das mit Ernst, Selbstkritik und Fleiß, weiß nach seinem Achtstundentag – sofern man ihm, den Zeitaufheber, von einem Achtstundentag sprechen kann – was er getan hat; er hat experimentiert und morgen darf er weiterexperimentieren.
Demgegenüber unterstreicht Heißenbüttel in seinem Aufsatz über Konkrete Poesie, daß sich der tiefere, hier angesprochene Problemzusammenhang durch solche polemische Abwehr nicht erledige. Vielmehr handle es sich bei derlei neuen Dichtungsversuchen um neue „Muster für die Einstellung zur Welt“, die ihren Ausgangspunkt denn doch in sprachkritischen Reflexionen hätten:

es scheint, als ob das menschliche Bewußtsein in eine Situation geraten ist, in der Erfahrungen und Impulse nicht mehr voll mit dem vorgeprägten System in Deckung gebracht werden können. Dabei wird offenbar das freigesetzt, was die Sprache an einfachen Benennungen enthält. Diese Benennungen geben etwas von der Energie, die bisher von den Verknüpfungen verbraucht wurde, her, und das Einzelwort erscheint nun in sich tatsächlich konkreter als in irgendeinem syntaktischen Zusammenhang.

Diese etwas summarischen Feststellungen sollen nur andeuten, in welcher Weise man über den relativ engen Rahmen hinaus, den Gomringer und die Brasilianer sich zunächst gesteckt haben, von Konkreter Poesie sprechen könnte.
Mit dem Terminus ,Ideogramm‘ schuf sich Gomringer einen Ergänzungs- bzw. Parallelbegriff zu ,Konstellation‘ und erklärte Ihn wie ,Palindrom‘ („griechisch, Bezeichnung für Wörter oder Wortfolgen, die vorwärts und rückwärts gelesen werden können und den gleichen oder einen anderen Sinn ergeben“), ,Typogramm‘ (Poesie entdeckt sich in Buchstaben, verändert sie und verändert ganze Textbilder, die dadurch gleichzeitig dichterisch interpretiert werden) und ,Piktogramm‘ („ausschließlich visuell kommunizierbare Gebilde“) oder wie die Verfahrensweisen der ,Kombination‘ und der ,Permutation‘ zum charakteristischen Gestaltungsprinzip der Konkreten Poesie: es handle sich, heißt es in den definitionen zur visuelle poesie, um „einprägsame Sehgegenstände von logischem Aufbau“, die als „geschlossene Gebilde“ wirken. Der Terminus dient denn auch als Zwischentitel jener Sammlung von Texten, die 1977 – mit einem Vorwort von Helmut Heißenbüttel – erschien: separat, als Ideogramme ausgewiesen, erscheinen hier Texte wie „ping pong“ oder „schweigen“, auf die bereits hingewiesen wurde.
Peter Demetz zählt gerade diese Texte zu Gomringers „kühnsten Publikationen“, da sie sich kein geringeres Ziel als die Reduktion der Distanz zwischen Zeichen und Bezeichnetem setzten und den Versuch unternähmen, „das Bezeichnete, d.h. die Natur und ihre Prozesse, im Worte selbst zu unmittelbarer Gestalt zu erheben“, er verweist in diesem Zusammenhang auf den Text „wind“, der die Lettern des Wortes „w/i/n/d“ so über die Druckseite verstreut, daß diese Anordnung zum unmittelbaren Äquivalent dessen wird, „was der Wind als Kraft der bewegenden Natur anzurichten vermag“.
„Vom Gedicht zum Gedichtbuch“ ist ein weiterer kleiner programmatischer Aufsatz Gomringers aus dem Jahre 1966 überschrieben, der die Idee eines Gedichtbuches diskutiert, das mehr ist als ein zufälliges Arrangement unterschiedlicher Texte: er verweist damit auf das bereits 1965 erschienene Stundenbuch zurück, das eine große Konzeption aus einem Guß zu realisieren und die bislang lediglich auf kleine Formen angewandte Poetik der Konkreten Poesie in die Großform zu wenden versucht. Wilhelm Gössmann erinnert in seinem Vorwort zur Erstausgabe an religiös-meditative Traditionen und spricht von „meditativen Konstellationen“, und natürlich werden durch den Titel Rilke-Assoziationen geweckt.
Den vierundzwanzig Stunden eines Tages entsprechend, geht der Autor von vierundzwanzig Worten aus, aus denen durch unterschiedliche Kombinationsverfahren zweimal vier und zweimal vierundzwanzig Gedichte entstehen; der Wortschatz umfaßt außer den Pronomina „mein“ und „dein“ lediglich Substantive, zum Beispiel: „Geist“, „Wort“, „Frage“, „Antwort“, „Lied“, „Gedicht“, „Leib“, „Blick“, „Kraft“, „Freude“, „Trauer“, „Schweigen“ etc.: „Dieses reduzierte Lexikon, das wir z.T. schon aus Gomringers Konstellationen kennen, drängt zu eher irdischen als theologischen Meditationen; die Nomina ,Geist‘ und ,Tod‘ fehlen nicht, aber die Bedeutungen der vier Wortgruppen sind menschlichen Erfahrungen, nicht transzendenten Offenbarungen verbunden – die erste Wortgruppe nennt Intellektuelles und Poetisches, die zweite unsere Körperlichkeit und ihre Emotionen, die dritte Werden und Vergeblichkeit und Verharren“, so Peter Demetz, der das Werk „die strengste und konsequenteste von Gomringers bisher publizierten Arbeiten“ nennt.
Die wesentlichen Markierungen im literarischen Werk Eugen Gomringers sind mit den genannten Publikationen gesetzt; die nachfolgenden – spärlichen – Veröffentlichungen erweitern den Blick allenfalls in diese oder jene Richtung. Was nach außen wie eine Art Verstummen aussehen mag, wird vom Autor selbst wie folgt angesprochen:

ich halte auch das tägliche Leben, an dem ich bekanntlich sehr beteiligt bin, für ebenso wichtig wie künstlerische Arbeit (…), dazu kommt aber auch, daß ich keinen Verleger habe, mit dem ich mich aussprechen kann, nie gehabt habe, es war also nie ein wichtiger Anstößer da, so kommt einiges zusammen, jedoch keine Resignation (…) mehr und mehr sehe ich die Lösung Stefan Georges, zu schreiben und zu korrespondieren mit einem sozusagen geschlossenen Kreis, für richtig. Das Verstummen betrifft eigentlich mehr das von Verlagen Vermittelte.

Als gegenläufig festzuhalten ist allerdings der Wechsel hinüber in stärker kunstpublizistisch geprägte Zusammenhänge, der dennoch mit einiger Kontinuität vollzogen wird. Er findet seinen Niederschlag in gemeinsamen Publikationen mit Günther Ücker und Anton Stankowski sowie in der Zusammenarbeit mit Max Imdahl, Ludwig Gebhard u.a. Separat hinzuweisen ist auf die durch Gomringer bereits im Jahre 1958 besorgte Festschrift für Max Bill und auf zahlreiche Künstlermonographien der späteren und späten Jahre, so über Josef Albers (1968), Camille Graeser (1968), Richard Paul Lohse (1974, Mitautor), Günter Fruhtrunk (1979), Natale Sapone (1984).
Was die Konkrete Poesie angeht, deren wichtigster Mitbegründer und theoretischer Programmatiker er in den fünfziger und sechziger Jahren war, übernahm Gomringer in den siebziger und achtziger Jahren die wichtige Funktion eines produktiven Archivars und Ausstellungsinitiators sowie des Sammlers, der das Wesentliche dieser Bewegung, aus der in den sechzig er Jahren Autoren wie Helmut Heißenbüttel, Franz Mon, Claus Bremer, Jürgen Becker, Ernst Jandl, Gerhard Rühm, Ludwig Harig u.a.m. hervorgingen, fixierte und so in eine klare literarhistorische Kontur brachte. Vielleicht liegt in der produktiven Rolle des Neufinders, die Gomringer einen festen Platz in der neueren deutschen Literaturgeschichte zuweist, aber auch ein gewisses Handikap, das ihn hinderte, die Formen des Experiments zu überschreiten und fruchtbar werden zu lassen für jene Modifikationen der herkömmlichen Gattungen, die doch auch ein wichtiges Moment des literarischen Prozesses darstellen. Doch: war es nicht immer schon so, daß dies denen vorbehalten blieb, die sich den Programmatikern anschlossen und ihre Erfindungen anzuwenden und in die Breite zu treiben suchten? Avanti!

Karl Riha, aus Eugen Gomringer: konkrete poesie 1962–1992, Galerie im Stadttheater Ingolstadt, 5. Juni– 5. Juli 1992

 

Fakten und Vermutungen zum Poesiealbum + wiederentdeckt +
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shi 詩 yan 言 kou 口

 

Richard Pietraß: Dichterleben – Michael Lentz

 

Michael Lentz – Performance wie es früher war beim PROPOSTA-Festival Barcelona im November 2002.

Zum 85. Geburtstag des Autors:

Nora Gomringer: Gedichtanalyse 2.0
Nora Gomringer: Ich werde etwas mit der Sprache machen, Verlag Voland & Quist, 2011

Zum 90. Geburtstag des Autors:

Katharina Kohm: mein thema sei im wandel das was bleibt“
signaturen-magazin.de

Dirk Kruse: Eugen Gomringer wird 90
br.de, 20.1.2015

Rehau: Eugen Gomringer feiert 90. Geburtstag
tvo.de, 21.1.2015

Thomas Morawitzky: „Ich könnte jeden Tag ein Sonett schreiben“
Stuttgarter Nachrichten, 9.2.2015

Lisa Berins: Vom Vers zur Konstellation – und zurück
Thüringische Landeszeitung, 26.9.2015

Ingrid Isermann: „Eugen Gomringer: Der Wortzauberer“
Literatur & Kunst, Heft 76, 03/2015

Fakten und Vermutungen zum Autor + KLG
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Dirk Skibas Autorenporträts + Galerie Foto Gezett
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Eugen Gomringer: kein fehler im system.

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