Felix Philipp Ingold: Aufs Wort (genau) – Solche …

Aufs Wort (genau) – Teil 34

 

Teil 33 siehe hier

Solche Aufarbeitung lässt Ponge in immer wieder neuen Annäherungen einer langen Reihe disparater Wortdinge angedeihen; dazu gehören nebst Anderem „der Zinnkrug“, „der Jodtropfen“, „die Uhr“, „das Fenster“, „das Olivenöl“ sowie – als Meisterstücke poetischer Vergegenwärtigung – „der Blumenstrauss“ und „die Gasbeleuchtung“. In einem kurzen poetologischen „Memorandum“ vom September 1936 appelliert Ponge an sich selbst: „Schreiten wir voran in der Beschreibung einfacher Dinge. Gehen wir vom einen zum anderen. Mehren wir solchermassen die Quantität unserer Qualitäten, bleiben wir auf festem Grund und allzeit entfernt von den Theorien.“
Es versteht sich, dass Francis Ponge unter solchen poetologischen Voraussetzungen die grossen literarischen Formen – Roman, Drama, Epos – ebenso wenig akzeptieren kann wie den Typus des Grossschriftstellers und Meinungsführers. „Wir schreiben weder Prosa noch Poesie“, hält er in einer Notiz zur „Theorie und Praxis des Gegenspiels“ fest: „Wir praktizieren das Gegenspiel. Mag man dem Ergebnis einiger unserer Übungen einen literarischen, um nicht zu sagen: dichterischen Wert beimessen … tut nichts zur Sache.“ Ponge selbst sieht sich lediglich als diskreten „Botschafter der stummen Welt“ der Gegenstände, die seine „einzige Heimat“ sei und der er eine gleichrangige Sprachrealität zuordnen möchte.
Als forcierte Assonanzen haben vorab der Binnen– und der Endreim zu gelten, der ja weit über die Dichtkunst hinaus praktiziert wird. Dabei wird vermutlich in ungefähr ausgeglichenem Verhältnis bald von der Lautgestalt der Reimwörter ausgegangen, bald von der Bedeutung (Aussage) des Reimpaars. Die deutschen Reimpaare LUST::BRUST und HERZ::SCHMERZ sind zum Klischee geworden, weil sie formal wie inhaltlich perfekt aufeinander abgestimmt zu sein scheinen – in Wirklichkeit ist es reiner Zufall, dass diese doppelte Übereinstimmung zustande kommt: In den meisten Fällen ist die Reimpaarung ein aufwendiger (oft als «Knobelei» ironisierter) Prozess, bei dem die Assonanz beziehungsweise die gleiche Lautung Vorrang hat vor der Wortbedeutung, und mehr als das – die Bedeutung wird nicht selten zugunsten der Reimqualität erzwungen und kann infolgedessen von der allenfalls intendierten Aussage des Autors abweichen, sie sogar konterkarieren.
In formaler Hinsicht gelten für den Endreim je nach Epochenstil unterschiedliche Qualitätskriterien: Der perfekte, klanglich und rhythmisch übereinstimmende Reim kann im Wechsel der Epochen mal als «reich», dann wieder als «arm» gelten, was umgekehrt genau so auf den irregulären («ungenauen») Reim zutrifft. Man vergleiche und prüfe diesbezüglich – beispielshalber – exakte Paarungen wie FALL::BALL, LOTSE::ROTHSEE, ZUSAMMEN::ENTSTAMMEN einerseits, unreine (bewusst verunreinigte, auch arythmische) Wortpaare wie BEIL::BLEI, BRILLE::RIPPE, VERERBEN::BETRETEN, SCHNÉEFALL::BEFÁLL andrerseits; und viele mehr.

… Fortsetzung hier

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