Lichtgestalten

Überwältigende und durch Überwältigung erhellende Intelligenz erkenne, erfahre ich, als Leser, nur bei ganz wenigen Autoren − Lukrez, Plotin (auch ohne ihn im Detail zu verstehen), Montaigne, Pascal sowie bei Hegel und dessen Widerpart Schopenhauer, dann wieder bei Valéry, Wittgenstein und Foucault.
Die Auslese hat wohl eine gewisse Schwankungsbreite, kann sich gelegentlich um ein Weniges verändern, verschieben, steht aber im Wesentlichen fest. Eine Erklärung braucht sie und bekommt sie nicht; bloss diese Anmerkung: Andere − auch mindere − Autoren haben mich weit stärker geprägt und beeinflusst als die genannten. Denn der Überwältigte ist kaum je in der Lage und hat auch kaum je das Bedürfnis, dem Überwältiger nahzukommen, gar sich an ihm zu messen.
Gott, das Wort Gottes ist dafür ein eklatantes Beispiel. Was der Heilige Geist als die höchste Intelligenz verlauten lässt, ist − ob als Befehl oder als Prophezeiung artikuliert − in aller Regel so überwältigend, dass es darauf keine Antwort, sondern bloss die Erfüllung oder das Schweigen als Antwort geben kann. So schon das erste „Es werde!“ So noch die Verkündigung an Maria. Überwältigung durch Sprache − genauer: durch eine richtungslos einfallende Stimme − macht sprachlos.

 

aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne

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