Memento mori

In seinen Aperçues (2018), einer Sammlung von Mikroessays und verstreuten Notaten, berichtet Georges Didi-Huberman von einem merkwürdigen Experiment. Um den Zerfall eines technisch perfekt ausgearbeiteten Bildwerks zu beobachten, liess er über kleinem Feuer den lebensechten, originalgross aus Wachs modellierten Kopf des französisch-italienischen Staatsmanns Léon Gambetta einschmelzen. Das Objekt stammte aus dem Depositum des Pariser Musée Grévin; dort war es einst als integraler Teil einer Ganzfigur ausgestellt.
Die Einschmelzung des abgebrochenen, leicht beschädigten Kopfs dauerte rund dreieinhalb Stunden und wurde in Echtzeit von einer vertikal überm Schmelzbecken montierten Kamera aufgenommen. Das Ergebnis war nach Didi-Hubermans eigener Einschätzung ein „extrem langweiliger Film“, den er denn auch nie öffentlich aufführte noch privat weitergab.
Ich stelle mir indes vor, dass gerade die Überlänge und die relative Ereignislosigkeit der Bildfolge äusserst spannend hätte sein können … hätte sein müssen, da man ja nicht vorab schon wissen konnte, wie lang der Schmelzprozess dauern und wie er im Einzelnen verlaufen würde − ob die Verflüssigung mehr oder minder gleichförmig (wie bei einem Wachswürfel, einer -kugel) vor sich gehen oder ob einzelne Teilformen (Stirnwülste, Nase, Kinnlade) mit unterschiedlicher Geschwindigkeit ihre Gestalt verlieren würden.
Als einzigen Überraschungsmoment notiert der Experimentator − ungefähr in der Mitte des Schwundprozesses − die Ablösung der Glasaugen und deren lautloses Hochtauchen aus der schmelzenden Wachsmasse, wenig später dann die Abstossung der borstigen Barttracht und des fülligen, künstlich gefertigten Kopfhaars.
Das attraktive, dem jungen Gambetta in realistischer Manier nachgebildete Konterfei wurde somit allmählich zurückverwandelt in die formlose Wachsmasse, aus der es einst mit höchster Sorgfalt gefertigt worden war und − aus der es nun eigentlich erneut geschaffen werden könnte. Der Verfall einer menschlichen, mithin einmaligen Physiognomie binnen dreieinhalb Stunden ist ein Gegenzug von geradezu dramatischer Schnelligkeit, wenn man dabei an die vielen Wochen denkt, die für deren Ausformung ursprünglich eingesetzt werden mussten; und noch mehr − wenn man sich vergegenwärtigt, dass es drei, vier Jahrzehnte brauchte, bis Gambettas eigenes (sein natürliches) Gesicht seine definitive Ausprägung fand.
So betrachtet erweist sich Didi-Hubermans Einschmelzungsexperiment als ein memento mori von eklatanter, wiewohl minimaler Ausdruckskraft. Nachhaltig visualisiert es das gleichermassen zerstörerische und produktive Wechselspiel des Werdens und Vergehens.
Hinzugefügt sei, dass Léon Gambetta zu Lebzeiten ein Glasauge trug. Womöglich hat man dieses Originalauge für den Wachskopf verwendet und ein zweites, nach dessen Vorbild, eigens hergestellt? Künstlichkeit und Naturhaftigkeit sind an dieser Stelle kaum noch zu unterscheiden.

 

aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne

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