2007-08-11

Bin zu Besuch bei meiner Mutter zum Frühstück auf der Festspielinsel; vor der Terrasse das weitläufige, sorgsam gepflegte Gelände, das sich in der Art eines Golfplatzes zum Strand hin erstreckt; alter Baumbestand, Palmen und Eschen, völlig reglose, mit fauligem Laub versiegelte Teiche; Simon Morris bereitet eine Regatta vor, es geht um die Startaufstellung der Boote, das Qualifying hat anderswo bereits stattgefunden; immer mehr Leute, meist Senioren, drängen sich im Frühstücksbereich unter freiem Himmel; da kommt auch Tamara Nabokova in Begleitung mancher mir unbekannter Personen, sie überreicht mir ein Buch von Asta Scheib mit der Frage, ob ich es kenne, und mit dem Hinweis, dass Frau Scheib bei Vladimir Nabokov eine Audienz erbeten habe; ich halte den schmalen, aber grossformatigen und auffallend schweren Band in der Hand und stelle erstaunt fest, dass er von 1935 datiert ist; nun wird zum Aufbruch gemahnt, offenbar soll eine Massenaudienz bei Nabokov stattfinden; ich suche nach meiner Jacke, meiner Kravatte, die ich irgendwo abgelegt und vergessen habe, es ist mir klar, man muss hier tadellos gekleidet sein; das Volk drängt zum Ausgang, zum Lift; ich sehe senkrecht von oben, als stünde ich (stehe ich?) auf einem Dachvorsprung, zur Strasse hinunter und sehe, wie die Leute das hohe Haus verlassen, die Strasse überqueren und dort in einem ähnlich gewaltigen Haus aus der Gründerzeit verschwinden; ich eile ihnen nach, die Mutter am Arm mit mir führend und deshalb immer nicht schnell genug; endlich kommt der Lift wieder im Erdgeschoss an, die Tür öffnet sich langsam, aber der Lift ist bereits voll besetzt, ich finde grade noch neben Ulrich Schmid einen Platz, muss mich aber ganz schmal machen dafür; der Lift sinkt sanft nach oben; wir verlassen ihn jetzt, müssen in einen bereitstehenden Bus umsteigen, der uns nach Bettingen bringen soll, und von dort aus ginge es dann zu Fuss weiter zu den Nabokovs; der Bus wird von Irina Tschernowa chauffiert, er ist voll besetzt, ich habe einen Stehplatz hinter der Fahrerin, der ich den mir gut bekannten Weg bis zur Endstation diktiere; wie in einer Prozession bewegen sich all die gut gekleideten Besucher langsam bergwärts, in der Ferne ist schon Nabokovs Villa zu erkennen; ich muss aber unbedingt noch einkaufen, weiss nur nicht was, es muss etwas längst Vergessnes sein; im Dorfladen kann ich’s jedenfalls nicht finden; wieder auf der Strasse stelle ich fest, dass die Leute sich verlaufen haben, niemand ist mehr da; aber so kurzfristig, finde ich, kannst du eine Audienz doch nicht absagen, Vater.

 

aus: Felix Philipp Ingold: Gegengabe
zusammengetragen aus kritischen, poetischen und privaten Feldern

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