Aufsicht

Ich wohne, wenn ich in der Stadt zu tun habe, im dritten Stock eines Mehrfamilienhauses. Meinen Arbeitsplatz habe ich, steil über der Strasse, in einem erkerartigen geschlossnen Balkon eingerichtet. Über die Schreibtischkante sehe ich hinunter auf die immer gleiche, stetig wechselnde Reihe der geparkten Autos. Jetzt gerade versucht jemand, einen schweren schwarzen Landrover in die letzte noch offne Parklücke zu manövrieren. Ich beobachte hinter der Frontscheibe, ohne den Fahrer sehn zu können, zwei riesige kraftvolle Hände, die sich auf dem Lenkrad zupackend hin und her, ab und auf bewegen. Das Einparken gelingt nach zwei, drei Versuchen; und jetzt gleitet eine kleine schmale Frau vom Fahrersitz, an deren dünnen Armen wie Boxhandschuhe die übergrossen Fäuste baumeln.

 

aus: Felix Philipp Ingold: Gegengabe
zusammengetragen aus kritischen, poetischen und privaten Feldern

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

0:00
0:00