Auslese

Es ist schon äusserst selten, dass mich ein zeitgenössischer literarischer Autor tatsächlich zum Lesen anhält. In den meisten Fällen genügen mir die erste und die letzte Seite, dazu ein paar Abschnitte zwischendurch, um mit einiger Sicherheit abzuschätzen, ob das nun ein Buch ist, das ich gelesen haben müsste. Noch rascher würde ich naturgemäss erkennen, ob ich’s lesen möchte. Mit der Qualität des Geschriebnen haben solche Entscheidungen nur indirekt etwas zu tun. Es gibt durchaus starke Bücher, die ich nicht zu lesen brauche, weil ich zu rasch erkennen kann, wie sie gemacht sind und was der Autor damit hat sagen, durchsetzen, bewirken wollen; es gibt anderseits schwächere, sogar misslungene Texte, deren Lektüre mir hilfreich sein kann, weil aus dem Scheitern – dem fremden wie dem eignen – in aller Regel mehr zu lernen ist als aus einem noch so strahlenden Sieg.

 

aus: Felix Philipp Ingold: Gegengabe
zusammengetragen aus kritischen, poetischen und privaten Feldern

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