Bartleby

Der Schreiber verzichtet gern darauf, und das ist seine Art, radi­kal zu sein, sich im Schreiben wie übrigens auch im Leben irgendwie zur Geltung zu bringen, und wäre es bloss durch die eigne Handschrift, ganz zu schweigen von dem, was er zu sagen hätte und was er aber, um es zu wahren, also in ungebrochner, unausgesprochner Wahrheit zu behalten, für sich behält. Bartleby nimmt sich mit seiner trotzigen Bescheidenheitsformel – I’d prefer not to – zurück bis zum Verschwinden und drängt sich dennoch mächtig auf als der, der sich versagt, ohne explizit Nein zu sagen.

Der Skandal, den Bartleby in der Leideform vorlebt, besteht darin, dass er die Sprache von Bedeutung, den Text von jeder Autorschaft freizuhalten sucht. Insofern gleicht er dem Mystiker.

 

aus: Felix Philipp Ingold: Gegengabe
zusammengetragen aus kritischen, poetischen und privaten Feldern

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