Fauxpas

Ich erinnere mich an die erste Bahnfahrt, die ich, vielleicht acht, neun Jahre alt, ohne Begleitung unternehmen durfte, um meine Grosseltern zu besuchen. Der Waggon war überfüllt, ich stand eingekeilt zwischen den dicht gedrängten grossen Leuten, deren Köpfe hoch über mir mit dem Rütteln des Zugs hin und her schwankten. Die grimmigen Mienen, die sich in der Froschperspektive zur Karikatur verzerrten, kamen mir halb komisch, halb bedrohlich vor. Ich musste, nach einem Schluckauf, plötzlich lachen. Ein Herr neben mir, mit Hut und Brille und Krawatte, blickte kurz zu mir herunter und sagte vorwurfsvoll: «Und das amüsiert Sie?» – Ich fuhr zusammen; dass ich als Kind gesiezt wurde, machte meinen Fauxpas umso schlimmer, die Rüge umso vernichtender. Als ich ankam, weinte ich meiner Grossmutter zur Begrüssung in die harten Hände.

 

aus: Felix Philipp Ingold: Gegengabe
zusammengetragen aus kritischen, poetischen und privaten Feldern

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