Genormt

Immer wieder begegne ich auf dem Weg zur Post oder zur Drogerie mongoloiden Jugendlichen, die mir einzeln oder in Gruppen entgegenwanken, immer knapp vorm Stolpern, den Kopf hin und her werfend, leise und irgendwie inständig stammelnd, mich kaum zur Kenntnis nehmend, nur gelegentlich aus rot geränderten Augen einen stumpfen Blick momentweise auf mir ruhen lassend.
Diese Menschen geben sich unter all den übrigen Passanten durch ihre Körperhaltung, durch irgendeine Geste, einen grunzenden Laut als nicht normal zu erkennen; was ja auch bedeutet, dass wir andern – die grössern Heere – unsre Normalität als gegeben voraussetzen.
Ich habe mir das Verhältnis zwischen uns Genormten und jenen Ausserordentlichen auch schon umgekehrt gedacht, nämlich so, dass die Mongoloiden, im Verein mit allen übrigen Anormalen, die normale Mehrheit der Menschen bilden würden, und die anormale Minderheit bestünde aus den wenigen Verrückten, die stark denken und stark formulieren können.
Die Zivilisation würde zusammenbrechen; es gäbe keine kohärente Politik, keine tragfähige Wirtschaft und insgesamt keinen «Betrieb» mehr, vermutlich auch keinen Krieg, keine Korruption, keine Verbrechen, keinen Fortschritt. Die kleine Minderheit der abnormen Mozarts und Einsteins würde, von der mongoloid genormten Mehrheit sanftmütig geduldet, vor sich hin schaffen, echolos, wirkungslos, gänzlich unerkannt in ihrem Tun und Lassen.
Eine solche Welt wäre, denke ich, weder besser noch schlechter als die, die wir haben; es wäre ja dennoch eine Menschenwelt.

 

aus: Felix Philipp Ingold: Gegengabe
zusammengetragen aus kritischen, poetischen und privaten Feldern

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