Leserleben

Spätabends auf «arte» eine TV-Sendung über Marcel Proust. Seit langem das Eindrücklichste, auch Tröstlichste, was mir an «Kultur» im Fernsehn vorgekommen ist. Einfache, namenlose Zeitgenossen – jüngere, ältere, Frauen, Männer – werden zu Proust und seiner Bedeutung in ihrem Leben, für ihr Leben befragt. Man rapportiert Leseerfahrungen als Lebenserfahrungen, berichtet spontan, oft erregt, manchmal mit Tränen, mit Zorn, immer mit hohem persönlichem Engagement. Der bei solchen Sendungen übliche intellektuelle Stuss, den man aus der Befragung von Experten kennt, fehlt hier ganz. Die Leute werden in ihrem Lebensalltag gezeigt, jeder hat seinen Proust in Griffnähe, sei’s als Pléïade-Ausgabe auf dem Bücherbrett, sei’s als Taschenbuch auf dem Sofa oder auf dem Knie. Jeder scheint affiziert zu sein von zufälligen oder auch systematischen Proust-Lektüren. Eine junge Frau, kinderlos, beteuert glaubhaft, sie hätte selbst Proust sein wollen; ein Mann mittleren Alters mit schwerem schwarzen Brillengestell vorm Gesicht führt seine sexuellen Schwierigkeiten und Vorlieben auf die frühe Begegnung mit Proust zurück; andere Gesprächsteilnehmer verdanken ihm die Schärfung ihrer sinnlichen Wahrnehmung, den Respekt vor der Dingwelt, seine jedermann verständliche und zugängliche Menschlichkeit, die offenkundig viele Identifikationsmöglichkeiten eröffnet; alle sprechen sehr offen, manchmal suchend, sehr ernst, manchmal glücklich. Jeder liest nach seinem Votum eine ihm besonders wichtige Passage aus der Suche nach der ver­lorenen Zeit vor; es ist ein hoch emotionales Schwanken zwischen Pathos und Rührseligkeit. Tröstlich dabei: Kunst völlig selbstverständlich auf gleicher Ebene mit dem Leben zu sehn, ohne dass sie deswegen trivialisiert wird, zu sehn auch, wie Proust, der Dandy und Libertin, seine Leser zu ihrer menschlichen Höchstform auflaufen lässt; wie alles, was überhaupt von Belang ist, plötzlich präsent wird, und alles eitel Nebensächliche von allein fortfällt. Tage, Stunden des Lesens als Ausnahmemomente des Menschseins und Selbstseins.

 

aus: Felix Philipp Ingold: Gegengabe
zusammengetragen aus kritischen, poetischen und privaten Feldern

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

0:00
0:00