Michail Senkewitsch

MORGENDÄMMERUNG
(nach Baudelaire)

Früh morgens dröhnt das Horn in den Kasernenhöfen,
Dem Wind, dem Nebel stehen die Laternen offen,
Im Fenster flimmert schon das fahle Tageslicht,
Die Lampe schlägt ihr rotes Auge auf, erhellt die Sicht.
Es ist die Stunde, da in qualvoll geilen Träumen
Die Knaben sich vor Lust in ihren Betten bäumen;
Mit dem erwachten Fleisch tut sich die Seele schwer,
So wie die Lampe mit der Tageshelle um sich her;
Die feuchte Luft verwischt der Wind wie Tränen,
Und auch die Jammerschatten werden sich entfernen.
Der Dichter ist es müd zu schreiben und die Frau
Hat alle Liebe satt … Ein erster Rauch steigt auf …
Erschöpft von Gier und Trunkenheit sind die Hetären
Und ihre Augenhöhlen sehen aus wie Schwären,
Die armen Weiber spannen ihre kranke Brust
Und prusten hustend in die schwache Ofenglut …
An ihren Mutterbäuchen tragen sie noch schwerer,
Gebückt von Übelkeit, bedrängt von ihren Quälern,
Bis endlich da und dort ein Hahnenschrei sich reckt
Und – abbricht, wie von einem Blutsturz weggefegt …
Der Nebel steht … wie in Spitälern der Gestank der Kranken,
Die röchelnd durch die langen Agonien wanken –
Sie hinterlassen nichts als ihr zerwalktes Bett …
Derweil der Wüstling mit dem Spieler heimwärts wetzt …

Die Dämmerung, bekränzt mit rosa Diamanten,
Steigt aus der Seine, der braun-und-grauen, altbekannten,
Paris erwacht und sucht sich seinen Tagelohn,
Der Strassendreck, der Russ, der Lärm – sie warten schon.

(ca. 1910; aus dem Russischen)

 

aus: Felix Philipp Ingold: Gegengabe
zusammengetragen aus kritischen, poetischen und privaten Feldern

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.