Profan

Gen statt Genie: Mehr und mehr scheint die Überzeugung (oder auch bloss das Bewusstsein) sich durchzusetzen, dass die genetische Prägung nicht merklich zu korrigieren, nicht zu überbieten ist durch Milieu- und Erziehungseinflüsse. Krankheiten aller Art, kriminelles Verhalten, spezifische Talente und Fertigkeiten lassen sich offenbar immer genauer als Erbmasse bestimmen und somit auch einem jeweils programmierten Schicksal zuordnen.
Dass dieser Sachverhalt, wenn er sich denn definitiv bestätigt, nach einer neuen Ethik verlangt, nach neuen religiösen und sozialen Grundeinstellungen, liegt auf der Hand. Ob die «Fertigkeit» künstlerischer Autorschaft ebenfalls genetisch übertragen wird, ist eine Frage, die hin und wieder – vorab im Rückblick auf «geniale» Musiker- und Mathematikerfamilien wie Bach oder Bernoulli – aufgeworfen wird. Im Bereich literarischer Kreativität gibt es derartige familiäre Häufungen von Genialität auffallenderweise nicht. Hier dominiert denn auch am nachhaltigsten der Geniegedanke, wenn es um Autorschaft, um die Frage nach dem Autor und dessen Werkhoheit geht. Der kreative Einzelgänger, der aus dem Stand und aus dem Bauch sein Werk schafft, entspricht der allgemeinen Publikumserwartung noch immer weit mehr als der genetisch programmierte Künstler, der schlicht und einfach das tut, was er kraft seiner Veranlagung kann – Wuchern mit dem angeborenen Talent.
Dass Genialität mehr mit Zeugung, mit Herkunft zu tun hat als mit Inspiration und Erleuchtung, geht schon aus der etymologischen Verwandtschaft von lateinisch genius (Genie) und ge­nerare (zeugen) hervor. Genialität bleibt somit auf Generation bezogen; der Genius wird demnach eher geschaffen, als dass er schafft, und er ist eher unpersönlich denn persönlich bedingt – eine persönlichkeitsneutrale Kraft, aus der der sogenannte Autor seine sogenannten schöpferischen Impulse gewinnt. Also kann es 
kein Schaffen geben, das den Autor als Person rechtfertigt, kein Werk, das ihm letztlich zu eigen und zuzuschreiben wäre.
Das Werk selbst realisiert sich durch diesen oder jenen Autor, der lediglich mehrt, was in ihm noch vor seinem Willen angelegt ist. Das Schaffen, das Werk ist eben das, was dem Autor dazu verhilft, unpersönlich zu werden, zu verschwinden hinter dem, was er aus ererbten Talenten und überlieferten Vorlagen gemacht und durch seine Signatur als ein Anderes – nämlich etwas anderes als er selbst – ausgewiesen hat: «Ich ist was Anderes.» So wäre Rimbauds oft zitierte Notiz (je est un autre) richtig verstanden. Das Andere – das Neutrum – ist das, was das Genie, was die Originalität und was nicht den Autor ausmacht.
In meinem Konzept von Autorschaft, das individuelle Schöpfermacht und persönliche Originalität relativiert, indem es sie reduziert auf ordnende Gesten des Verbindens, Verrückens, Vertauschens und wieder Holens, entspricht der genetisch-genealogischen Rückbindung und Einschränkung menschlicher Subjektivität  zumindest  auf  der  Werkebene.  Denn  nach  meiner Beobachtung, auch nach eigner Erfahrung ist jede Form künstlerischer Arbeit zurückgebunden auf die jeweilige künstlerische Tradition. Diese bleibt – gleichviel, ob sie akzeptiert oder verworfen wird – bestimmend und wird nur in seltensten Fällen durch Erneuerung oder Fortentwicklung überboten. Aber selbst dann ist der Rückgriff auf Vorhandenes allemal stärker als der Vorgriff auf Unerschlossenes. Und nie ist der Vorgriff ein Ergreifen des Neuen, sondern – da das Neue als das noch nicht Vorhandene ohnehin nicht zu greifen ist – eine kombinatorische Aufarbeitung des Tradierten, also nichts anderes (und auch nichts weniger) als der künstlerische Mehrwert eines neuartigen Arrangements überlieferter Stoffe, Formen, Methoden.

 

aus: Felix Philipp Ingold: Gegengabe
zusammengetragen aus kritischen, poetischen und privaten Feldern

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