Sagtun

Das Gedicht muss nach seinen eignen, also sprachlichen Gesetzen entstehen können und muss zugleich, in seiner Entstehung, gelenkt werden.

Das Schreiben des Gedichts ist ein intransitiver Vorgang, ist Schreiben schlechthin, bedeutet nichts anderes als dass geschrie­ben wird.

Das Gedicht wird geschrieben, damit ein – dieses, jenes – Gedicht da sei.

Das Gedicht zu schreiben ist ein inhaltlich neutrales Sagen, Versuch, die sprachliche Aussage durch das Sagen der Sprache zu überbieten.

Was der Dichter zu sagen hat, ist das, was das Gedicht, indem es lautet, sagt.

Das Gedicht lautet und verlautet zugleich. Insofern tendiert es eher zum Schweigen als zum Bedeuten. Das Schweigen des Gedichts reicht jedenfalls weiter als seine Bedeutung.

Was das Gedicht bedeutet, wenn es bedeutet, ist Nebenbedeutung, ist störende, beschwerende Beigabe zu dem, was es als rein sprachliches Sagen – nach Mandelstam: «beglückendes Wort ohne Sinn» – in seinem stetigen Verlauten wäre, nicht aber, da alles Sprachliche in irgendeiner Weise bedeutungshaft bleibt, sein kann.

Dichterisches Schreiben ist riskantes Schreiben, nicht absehbar in seiner Konsequenz, nie gänzlich kontrollierbar in seiner Eigenbewegung, nicht einzustellen oder auszurichten auf ein vorab gewünschtes Ergebnis (als «Aussage», «Wahrheit», «Effekt» u.ä.m.), eine Schreibbewegung mithin, die auch den Schreibenden selbst in Erstaunen, Verstörung, Enttäuschung versetzen kann, die oft über dessen Intentionen hinausweist, sie gelegentlich auch verunklärt oder ihnen gar zuwiderläuft. Was der Dichter «zu sagen» hat, ist – zuletzt – Sache des Lesers.

Dichterische Texte haben, bringen, behaupten kein Ergebnis; sie sind’s.

Das Gedicht muss sich notwendigerweise – sei’s durch minimale Abweichung, sei’s durch entschiedenes Abrücken – von der diskursiven Bedeutungsebene der Wörter emanzipieren, um einem latenten Sinn (wozu auch Unsinn, Eigensinn gehören) zum Durchbruch zu verhelfen, der sich immer erst nachträglich entfalten kann, der aber auch, beim Lesen, jedesmal neu entfaltet werden muss. Wäre es anders, bräuchten wir Shakespeares Sonette oder die grossen Poeme der Zwetajewa heute nicht mehr zu ergründen, nicht immer wieder neu zu übersetzen.

 

aus: Felix Philipp Ingold: Gegengabe
zusammengetragen aus kritischen, poetischen und privaten Feldern

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