Senilia

I

Die letzte schöpferische Geste eines jeden Autors sei – so hat es einst Ossip Mandelstam notiert – sein Tod; erst durch den Tod werde die Lebendigkeit des Werks beglaubigt. Unter heutigen Schriftstellern fände ein solch extremistisches Werkverständnis kaum noch Zuspruch. Der von Mandelstam privilegierten, gleichsam selbstmörderischen Vollendung ihres Lebenswerks ziehn sie dessen planvollen Abschluss durch ein spätes, vielleicht ein letztes Einzelwerk vor. Zwei Verfahrensweisen stehn dabei, je nach Lebenshaltung, im Vordergrund. Entweder soll das Werk – Elias Canettis autobiographische Trilogie oder Uwe Johnsons Jahres­tage sind beispielhaft dafür – durch eine zugleich künstlerische und persönliche Summa abgeschlossen werden oder man lässt es, den schwindenden Kräften nachgebend, allmählich ausklingen und macht somit aus der Not des Alterns eine literarische Tugend. Unter jenen minimalistischen Autoren, deren Spätwerk in Bezug auf das Gesamtwerk einen zu fast nichts tendierenden Epilog darstellt, haben sich – neben und nach Beckett – Michel Leiris, Robert Pinget, Marguerite Duras und E.M. Cioran besonders eindrücklich verabschiedet.

II

Cioran ist schon Jahre vor seinem Tod vom Schreiben abgekommen, und zwar mit dem Hinweis darauf, er habe sein «Ureigenstes» zeitlebens verausgabt und auf diese Weise viel zu früh seine vitale Substanz verloren: «Ein einziges Buch hätte genügt. Ich habe nicht die Weisheit besessen, meine Möglichkeiten brachliegen zu lassen, wie es die echten Weisen tun, die ich bewundere, jene, die ganz bewusst nichts aus ihrem Leben gemacht haben.» – Seit seinen Anfängen als Autor war Cioran auf das Ende fixiert, nichts hat er anders als unter dem Gesichtspunkt des Abbruchs, des Abschieds sehen können, Leben, Liebe, Literatur vermochten ihn einzig im Hinblick auf ihr notwendiges Scheitern zu interessieren. Eine seiner spätesten Aufzeichnungen ist dem Franzosenkönig Louis XVI gewidmet, der als letztes Wort, unmittelbar vor seiner Agonie, «Nichts» (Rien) in sein Tagebuch geschrieben hat – für Cioran der paradoxale Inbegriff menschlicher und literarischer Grösse.

III

Um jeden Preis zu schreiben und unablässig weiterzuschreiben, als Schriftstellerin erfolgreich zu sein und kraft solchen Erfolgs zur aktuellen Bücherflut beizutragen, das war eingestandenermassen das Begehren der Marguerite Duras. Auf eine nach Umfang und Umsatz beispiellose Serie graphomanischer Alterswerke liess aber auch sie kurz vor ihrem Tod ein schmales Büchlein folgen, das ihr letztes Wort sein sollte: Das ist alles (C’est tout). Tatsächlich gibt es in dem locker gefügten, vielleicht auch bloss hingeworfnen Text kaum noch diskursive Zusammenhänge, stattdessen umso mehr erratische Sätze, vereinzelte Ellipsen, Interjektionen, Klagen, Verwünschungen. «Ich glaube, mein Leben ist zu Ende. – Mein Mund ist müde. Es gibt keine Worte mehr. – Ich habe nichts mehr. Kein Papier mehr. – Es ist aus. Ich habe nichts mehr. Ich habe keinen Mund, kein Gesicht mehr … – Ihr seid ein grosser Haufen Idioten. – Ihr seid alle total kaputt. – Alles ist unerträglich.» Hier werden Text- und Lebensende nicht nur besprochen und gedeutet, die endzeitliche Rede zeigt sich im Versiegen der Sprache, realisiert sich als das Versiegen der Sprache. «Es gibt nur noch die Leere. Die Leeren. Diese Leere des letzten Terrains. Man ist nicht zwei. Jeder ist allein.» Und … aber: «Es gibt das Buch, das meinen Tod verlangt. – Wer ist der Autor. – Ich. Duras.» Dieses Ich, das Duras heisst und das noch immer Duras ist, geht so weit, dass es sich anmasst, den eignen Tod nicht nur anzukündigen, sondern ihn, aus dem Jenseits gleichsam schon, als vollendete Tatsache festzustellen : «Ich bin tot. Es ist aus. – Es gibt keine Duras mehr.» Doch gab es nach der Duras jemanden, der weitersprach und weiterschrieb, es gab den Leser Yann Andréa, der das gemeinsame Gespräch mit ihr über das Text- und Lebensende hinaus fortführte, der sie in ihren Worten weiterreden liess: «Und das zu schreibende Buch wäre Das verschwindende Buch, jenes Buch, das nicht erscheinen wird, denn Sie [Marguerite Duras] sind bekanntlich am 3. März 1996 gestorben. – Trotzdem muss man Bücher schreiben, man muss das durchmachen. Sich nicht an einem heroischen Schweigen festhalten, nein, im Gegenteil, so einfach wie möglich schreiben, sich nicht um die Wörter kümmern, nicht suchen, es gibt nichts zu finden, man weiss es, man weiss alles, nein, fangen Sie an, lassen Sie sich gehen, lassen Sie es zu, lassen Sie sich mitreissen, sehen Sie, wie ich es mache, ich kümmere mich um nichts, man erzählt mir vom Duras-Stil, wie Sie es machen usw. …, ich mache eben nichts. Ich schreibe. Das ist alles.» Zumindest dies vermag jeder Leser – den Text im Akt der Lektüre zu erneuern, anzureichern, ihn wie auch immer zu deuten (oder misszudeuten) und so dem Autor über dessen physischen Tod hinaus zum Überleben zu verhelfen.

IV

Ganz anders nimmt sich demgegenüber das finale Werk des Erzählers und Dramatikers Robert Pinget aus. Lakonisch, luzide, mit subtilem Witz hat Pinget in seinen letzten Lebensjahren dem Tod (la mort), den er liebevoll als «mon cher Mortin» anspricht und damit zu einer männlichen Symbolgestalt macht, Paroli geboten. Aus disparaten Textsplittern, die er zu immer schmaler werdenden Büchern bündelte, liess Pinget, völlig unaufgeregt, einen durchweg melancholisch grundierten Epilog entstehen, der sein umfangreiches Werk ebenso wie sein ereignisarmes Leben beschliessen, es zum Tod hin öffnen sollte: «Mit den Jahren hat sich um mich herum die Leere aufgebaut, mein lieber Mortin. Beweis dafür, dass ich nur noch dich zum Plaudern habe.» Bestätigung aber auch für seine bald tröstliche, bald beängstigende Erfahrung, wonach «man zu zweit ist, auch wenn man allein schreibt …» Von Mortin, dem einfühlsamen und wohlmeinenden Gevatter Tod, lässt Pinget sich die Idee, vielleicht den Wunsch soufflieren, «einen einzigen Satz sagen oder schreiben zu können, der sein ganzes Leben zusammenfassen würde, seine Freuden, seine Hoffnungen, seine Enttäuschungen». Auch eine Summa; hier jedoch nicht als Panoramafahrt praktiziert, vielmehr als ein letztes Ein- und Anhalten von besondrer Intensität. In seinem diskreten Zwiegespräch mit sich selbst und Mortin beschränkt sich Pinget auf Nächstliegendes, Alltägliches, Hinfälliges, er hält punktuelle Eindrücke und Erinnerungen fest, lässt jähe Gedankenblitze, bange Fragen, immer wieder auch Irritationen aufkommen, ohne jemals – wie Cioran, Canetti, Mayröcker, Aichinger – in unwirsche Klagen über Gott und die Welt zu verfallen. «Die Nacht», Pinget wusste es, «macht nur denen Angst, die keinen Schatten haben.» Für ihn hatte «die Nacht» weder den Tod noch das Vergessen zu bedeuten – sie ist nur einfach ein Wort, ein letztes, das vor aller Bedeutung erklingt, verklingt: «Die Nacht. Noch immer die Nacht. – Was bringt sie dir? – Ihren Vokal. – Wiederholen Nacht Nacht.» Denn: «Es ist die pralle Sonne, und nicht die Nacht, die dem Tod Gestalt gibt. – Erstere tötet. Letztere schenkt Leben.»

 

aus: Felix Philipp Ingold: Gegengabe
zusammengetragen aus kritischen, poetischen und privaten Feldern

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