Wiedergeholt

«Hier also fahre ich fort und fasse zusammen.» Mit diesem Satz spurt Alain Robbe-Grillet einen schlanken Roman ein, den er sich 2002 unterm Titel La reprise zu seinem achtzigsten Geburtstag selbst offeriert hat und der bald darauf auch in deutscher Übersetzung vorlag. Der Eröffnungssatz – er könnte doch wohl, als Standardformel, an jedem Romanbeginn stehen! – ist eine explikative Wiederholung (und ist zugleich die Fortschreibung) des Werktitels «Die Wiederholung». Das Erzählen wird hier als ein gross angelegtes Wortspiel praktiziert, die Wörter sind zugleich Träger, Agenten, Helden und auch Requisiten des Romans, in dem und zu dem sie sich, ständig fluktuierend zwischen Wahn und Sinn, entfalten, um eine fiktive Welt mit eigenem Wirklichkeitsstatus hervorzubringen.
Was Robbe-Grillet, um erzählend «fortzufahren», hier «zusammenfasst», ist letztlich nichts andres als die homonyme Bedeutungsvielfalt des Titelworts «Wiederholung» (reprise), das, von seiner Grundbedeutung abgesehen, so unterschiedliche Vorgänge und Gesten bezeichnen kann wie «Neubeginn» oder «Nachvollzug», «Zurücknahme» oder «Aufschwung». Durch die Wiederholung wird ein Gleiches immer wieder als ein Andres vergegenwärtigt, und eben dadurch, dass es wiederholt wird, gewinnt es – nach Kierkegaards «Wiederholung», der das Motto zu Robbe-Grillets «Wiederholung» entnommen ist – die Qualität einer «Erinnerung in vorwärtiger Richtung».
Diese vorwärtige, entwerfende Erinnerung wird aktiviert durch klangähnliche (oder gleichlautende) Begriffe und Namen, die als Reizwörter den Text gleichsam spermatisch durchwirken, indem sie immer wieder neue Intensitätspunkte setzen, die immer wieder neue Links zu immer wieder neuen Motiven, Figuren und Projektionen ermöglichen. Robbe-Grillets entwerfende Schreibbewegung ist demzufolge gleichermassen retrospektiv und prospektiv, sie weckt – beim Autor ebenso wie bei seinem geneigten Leser – unterschiedlichste Reminiszenzen und Assoziationen, sie evoziert und realisiert Traum-, Wunsch-, Angstvorstellungen aller Art, stellt aber auch diskrete Bezüge her zur Realität andrer fiktionaler Texte (etwa von Carroll, Kafka, Bataille, Nabokov), die in der «Wiederholung» neu aufgenommen, eigenwillig fortgesponnen und auf überraschende Weise vernetzt werden.
Das lautliche Wechselspiel von Orts- und Personennamen erzeugt die dynamische Textur eines «Romans» (so die Gattungsbezeichnung der «Wiederholung»), der eigentlich aus lauter Romananfängen besteht, von denen keiner ausgeführt wird, die sich aber insgesamt zu einem Werkganzen von staunenswerter Ge
schlossenheit zusammenfügen. Als hauptsächlicher Schauplatz des kleinteilig fragmentierten Erzählgeschehens wird, zumindest punktuell, das im Zweiten Weltkrieg zerbombte Berlin erkennbar, das die ebenfalls zerstörte Heimatstadt des Autors, Brest, in Erinnerung ruft – allein schon die anagrammatische Verquickung der Wurzelsilben «Ber-» und «Bre-» bewirkt die gegenseitige Überblendung von dokumentarischen und persönlichen Erinnerungsbildern, ganz zu schweigen von den zahlreichen Überblendungen mythologischer, literarischer, historischer Art, die sich in der «Wiederholung» durch die vielfache Verknüpfung realer oder fiktiver Eigennamen ergeben und die auf der Erzählebene des Texts in Form von Spiegeln, Kopien, Fälschungen, Imitationen, Schatten sowie Zwillingen, Doppelgängern und Doppelagenten ihre Entsprechung finden.
Man könnte dieses Schreibverfahren auf eine Poetik der Attraktivitäten zurückführen, auf klangliche, motivische, mythologische und andre «Anzüglichkeiten», die sich in wechselseitiger Verschlingung zu einem dichten Sprachteppich verbinden und auf diese Weise einen Text entstehn lassen, als dessen Hauptheld eben dieses Attraktionsverfahren – und nicht irgendeine der vielen flüchtigen Romangestalten – zu gelten haben. «Jedes Wort ruft (oder befiehlt) viele andre hervor, nicht nur durch die Macht der Bilder, die es wie ein Magnet an sich zieht, sondern manchmal auch durch seine blosse Form, durch einfache Assonanzen, die gleich den formalen Notwendigkeiten von Syntax, Rhythmus und Komposition sich oft genauso fruchtbar erweisen wie seine vielfachen Bedeutungen.» Was einst Claude Simon mit diesen Worten (in Der blinde Orion) als seine Mikropoetik beschrieben hat, trifft weit eher auf Robbe-Grillets Prosa zu und ist, darüber hinaus, auch generell für die Dichtung von Belang.
Dieser Poetik entsprechend geht der zentrale Erzählimpuls zur Wiederholung nicht vom Icherzähler selbst aus, sondern von dessen Namen, der ständig variiert und als unerschöpfliche Assoziationsquelle genutzt wird: «Henri Robin», Klangmaske des Autors 
Alain Robbe,  ist auch «H.R.»  (in französischer Aussprache «Ascher»), tritt als geheimdienstlicher Kundschafter unter diversen Pseudonymen auf, trägt u.a. auch den Zwillingsnamen Markus und Walther «von Brücke» (d.i. «Dupont» in Robbe-Grillets früherem Roman Les gommes), ist mit einer Geliebten namens «Joëlle Kast» (Jokaste!) zugang und findet sich unversehens in der Rolle des Ödipus wieder…
Man braucht das vom Autor ingeniös ausgelegte Netzwerk von direkten und indirekten Zitaten nicht zu durchschauen, um Lust am Text der «Wiederholung» zu gewinnen. Dieser bietet zwar keine rekapitulierbare Handlung und auch keine Identifikationsfiguren an, dafür aber eine rasante Abfolge von unvergleichlich prägnanten Gegenstands-, Situations- oder Personenbeschreibungen, die ihrerseits parodistisch eingebettet sind in das triviale Fluidum von Polit- und Psychothrillern, von Sex-, Comics-, Horror- und Kriminalgeschichten.
Wie produktiv diese Erzähltechnik sein kann, ist durch Robbe-Grillets letztes Buch belegt, einen «Kino-Roman», der Die Wie­derholung im Zeitkontext des mittleren 19. Jahrhunderts noch einmal – nach Motiven von Delacroix, Baudelaire und Flaubert – in nordafrikanischem Dekor wiederholt, ohne dass auch nur ansatzweise der Eindruck einer Reprise entsteht. Auch das neue Werk, Hier spricht Gradiva (C’est Gradiva qui vous appelle) entfaltet sich, dem assoziativen Zauber Dutzender von Namen folgend, «in vorwärtiger Richtung», während es gleichzeitig ein «ungesühntes Verbrechen» vergegenwärtigt und dessen Opfer – Hermione Gradivetski alias Gradiva – als schillernde Kunstfigur auferstehn lässt. «Sie können sie anfassen, um herauszufinden, ob sie echt ist oder nicht.» Lektüre würde so zu einer Art von Körperkontakt zwischen Leser und Text, wie er subtiler, aber auch intensiver nicht sein könnte.

 

aus: Felix Philipp Ingold: Gegengabe
zusammengetragen aus kritischen, poetischen und privaten Feldern

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