Behauptungen

Denn bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts gibt es in der Tat so etwas wie das Leben nicht, es gibt bloß Lebewesen, Lebensläufe. Im Anfang aber – dort! – sei das Wort gewesen; in Stein geritzt, ins Wasser geschrieben. Noch heute ist, hält man das Negativ ins Gegenlicht, die Wüste zu sehen, jene neue Konfiguration, die den alten Raum der Naturgeschichte endgültig – bis zur vollkommenen Schwärze – trüben sollte. Haupt, dies sei vorweggenommen, ist der Mann des strukturierten Sichtbaren und der charakteristischen Benennung, er ist jedoch nicht der Mann des Lebens. Man sollte folglich die Naturgeschichte, so wie sie sich inzwischen entwickelt hat, nicht als Lebensphilosophie verkennen, und sei diese auch noch so dunkel, noch so stammelnd. Sein Eigen- und Innenleben ersetzt Haupt in der Tat durch heroische Geometrie: er ist nach jeder Richtung begrenzt. Die Grenzen bestimmen Haupts Gestalt. Haupt tritt auf, zeigt Eigenschaften, steht zu seinem Namen. Die Oberfläche ist Haupts Grenze, bestimmt sein Gesicht und kündigt manches an. Haupt steht ausschließlich im Raum, versteckt sich allerdings nicht selten in der Weile, um sich mit deren Hilfe zu bewegen. Die Ausdehnung des Raums ist dergestalt, daß man nach allen Seiten kleine oder auch gar keine Behauptungen aufstellen kann. Tritt die Weile ein, beginnen die Behauptungen, wenn auch bloß vorübergehend, zu wuchern. Nein, schon gar nicht mit Haupt ist unser Raum identisch, ja, Haupt hat etwas Heroisches. Haupt ist da!1

 

aus: Felix Philipp Ingold: Haupts Werk Das Leben
Ein Koordinatenbuch vom vorläufig letzten bis zum ersten Kapitel.

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