Böswald

Als ich noch kaum zur Schule ging, es mag 1946, 1947 gewesen sein, wurde eines Tages Herr Böswald, unser Nachbar an der Rosentalstraße in Kleinbasel, während der Mittagspause in seiner Wohnung festgenommen und sofort in den Lohnhof verbracht. Gesehen hatte ich nichts, gehört nur das Klingeln am andern Ende des Korridors, etwas später dann, sehr laut, das Wort »verhaftet«, ein Stimmengewirr, in dem die Fragen zu überwiegen schienen, schließlich das regelmäßige, rasch sich entfernende Hupen des Überfallwagens.

Böswald, der freundliche, stets schwarz gekleidete Herr mit den rosigen Wangen, ist nie zurückgekehrt; er soll wegen »Landesverrats«, vielleicht auch weil er »Jude« und »Vertreter« war – die Erklärungen der Erwachsenen blieben in diesem Punkt merkwürdig unbestimmt – zu lebenslänglicher »Haft« verurteilt worden sein.

Den ganzen Vorfall, der immerhin ein paar Tage zu reden gab, vergaß ich bald. Nicht so die Wörter und Namen, die ich damals zum erstenmal aus aller Mund hörte; Namen und Wörter, denen ich während Jahren nicht auf den Grund zu kommen vermochte und die ich noch als Halbwüchsiger wie Fetische mit mir herumtrug.

Fetische? Fragen, die zu meinen tiefsten Heimlichkeiten wurden und die ich auf keinen Fall beantwortet haben wollte; war Böswald nun »Landesverräter« oder »Landesvertreter« gewesen? Was hatte er, als »Jude«, mit jenem Herrn Jud von nebenan zu tun, den wir als Kinder, da er nie zu sehen war, »Herrn Anders« nannten? Und was hieß das wohl – in »Haft«, »verhaftet«? Ich stellte mir darunter, noch während Jahren, die allerschlimmste Todesart vor: sehr langsam – ja eben »lebenslänglich« – ums Leben gebracht zu werden.

 

aus: Felix Philipp Ingold: Haupts Werk Das Leben
Ein Koordinatenbuch vom vorläufig letzten bis zum ersten Kapitel.

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