Café des zwanzigsten Jahrhunderts

CAFÉ DES ZWANZIGSTEN JAHRHUNDERTS. Im runden, leicht gewölbten Eckspiegel, der das Lokal in einem Bild zusammenfaßt, sehe ich, wie hinter meinem Rücken zwei ältere, ziemlich aufwendig gekleidete Damen gemeinsam in einer »Illustrierten« oder »Bunten« blättern; wie sie mit dem kleinen Finger über die Seiten fahren, bald den Zeilen eines Texts entlang, bald die Konturen eines Gesichts, einer Landschaft ertastend. Ich höre, wie sie einander, immer heftiger und lauter werdend, aus dem Fortsetzungsroman, aus dem Horoskop, aus der Gerichtsreportage vorlesen; wie sie die Abbildungen kommentieren. – »Nein, aber nicht doch! Die Frau ist schuld! Ganz klar! Schau sie dir an! Der Mann da – sieht er nicht überhaupt deinem Karl ähnlich? – der kann es unmöglich gewesen sein!« – »Wie denn? Ist für mich ein klarer Fall, ganz klar. Der hat es getan! Und du sagst – das geht nun wirklich etwas weit, wenn du sagst, daß der dem Karl …« – »Na, komm …« – »Nein, wirklich, dabei ist das wirklich der Mörder, er, nicht sie, die hatte doch Kinder!« – » Was? Wo? Das ist sie doch gar nicht! Nicht die! Die daneben ist’s gewesen, du-die da!«- »Ach …« – Und so fort, bis nur noch ein keifendes Hin und Her von »gelogen!«, »untersteh dich!« und »jetzt aber reicht’s!« zu hören ist.

(Kurz vor Weihnachten. Tonhalle Zürich. Klavierabend mit Buchbinder.)

Unruhiges Publikum; oft wird gehustet, man schneuzt sich, mein Nachbar lutscht schmatzend ein Bonbon, ein zweites und noch eins.

Schon nach dem ersten Bis bricht man auf, drängt zu den Garderoben; man hastet zum Ausgang, nach Haus.

Draußen vor der Tür – es hat nochmals geschneit inzwischen – sitzen, mit dem Rücken an die Wand gelehnt, die gespreizten Beine ausgestreckt, zwei vielleicht fünfzehnjährige Mädchen in Jeans und schwarzen Kunststoffjacken, von denen das eine unablässig-laut vernehmlich-furzt und das andere in aggressivem Singsang, sich ständig wiederholend und dabei sich steigernd, einfällt:

»… Gaskrieggaskrieggaskrieggaskrieg …«

Vor meinem Fenster, mitten in der Nacht, plötzlicher Motorenlärm, mehrstimmiges Lachen, unartikuliertes Geschrei.

Es regnet leicht.

Unter der Straßenlampe, gegenüber, erkenne ich zwei Jungen, die mit angezogenen Beinen auf ihren Mopeds hocken; außerdem ein Mädchen, das zwischen ihnen auf dem Bauch am Boden liegt.

Ich kann hören, wie der eine – wohl der ältere – der beiden Jungen mit noch merklich gebrochener Stimme zu dem Mädchen, das sich nun auf den Rücken dreht, hinunterbrüllt:

»… also was? Willst du? Willst du, daß ich dir eine schenke? …«

Und sie brüllt zurück:

»Du, mach schon! Worauf wartest du? Komm!«

Worauf er langsam – sein Begleiter schreit: »Du, gib’s ihr! Los!« – eine Handvoll Zigaretten aus der Brusttasche zieht, sich eine davon zwischen die Zähne steckt und vom Mädchen Feuer verlangt.

Er reicht ihr die Streichhölzer, sie springt auf, hält ihm die Flamme vors Gesicht und versucht gleichzeitig, ihm eine Zigarette zu entwenden; in diesem Augenblick gibt er ihr einen Stoß vor die Brust, sie fällt hin und beginnt mit den Fäusten auf den Asphalt einzuschlagen.

Die Jungen lacken, können sich kaum halten, kicken die Motoren wieder an.

»Willst du?« schreit der Ältere: »Nicht wahr, du willst!«

»Scheißkerl!« schreit das Mädchen.

»Selber Scheiß!« schreit der Jüngere.

»Komm, du!« schreit der Ältere und wirft eine Zigarette über die Schulter nach hinten auf den naßen Gehsteig: »Da!«

Sofort erhebt sich das Mädchen, macht einen Schritt, doch dann hält sie ein, schreit wieder:

»Du Scheißkerl!«

»Selber Scheiß!« schreit der Jüngere, und der Ältere stößt ihr die Faust, mit der er noch immer seine Zigaretten umklammert, ins Gesicht.

Das Mädchen taumelt, fällt aber nicht hin; und während die Jungen mit ihren Mopeds fluchtartig verreisen, sammelt sie in aller Ruhe die am Boden verstreuten Zigaretten auf, reibt eine davon an ihrem Ärmel trocken, steckt sie an und geht langsam, ohne sich umzusehen, ihres Wegs.

 

aus: Felix Philipp Ingold: Haupts Werk Das Leben
Ein Koordinatenbuch vom vorläufig letzten bis zum ersten Kapitel.

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