Herr und Knecht

Dieses Thema – Schreiben, um den Tod abzuwenden – hat in unserer Kultur, nach Foucault, eine Metamorphose erfahren: »Das Schreiben ist heute an das Opfer gebunden, selbst an das Opfer des Lebens; an das freiwillige Auslöschen, das in den Büchern –

(… jedenfalls in einem Buch wie diesem …)

– nicht dargestellt werden kann, da es im Leben des Schriftstellers selbst sich vollzieht. Das Werk, das die Aufgabe hatte, unsterblich zu machen, hat das Recht erhalten, zu töten, seinen Autor umzubringen: … das Kennzeichen des Schriftstellers ist nur noch die Einmaligkeit seiner Abwesenheit; er muß die Rolle des Toten im Schreib-Spiel übernehmen.«

Joyce, Lenin; was diese recht gegensätzlichen Autoren miteinander verbindet, ist ihr Abscheu vor »Schuld und Sühne«, ihre Bewunderung für »Herr und Knecht«.
Herr und Knecht – beides versuchte Tolstoj in einem zu sein; als Angehöriger eines alten russischen Adelsgeschlechts trug er während Jahrzehnten den Bauernkittel, verrichtete harte Feldarbeit und mochte auch als Schriftsteller nicht auf sein schlichtes Kostüm verzichten. Es gibt Photos, die ihn beim Pflügen, beim Schreiben zeigen; seine Haltung – tief vornübergebeugt – war allemal die gleiche, ob er nun den Boden beackerte oder mit der Stahlfeder auf leeres Papier einhieb. Draußen im Feld war er der Herr in Knechtsgestalt, drinnen am Schreibtisch ein Knecht in der Rolle – und mit dem Titel – des Herrn.
Durch dieses besondere Rollenverständnis scheint nicht zuletzt auch Tolstojs Selbstverständnis als Autor – seine Beziehung zum Leser, zur Nachwelt – geprägt gewesen zu sein. Wie denn? Wohl doch etwa so, wie er es in der Novelle »Herr und Knecht« veranschaulicht hat.

Nach einem winterlichen Kirchfest, bei widrigem Wetter, schickt der Herr sich an, rasch noch mit Pferd und Schlitten auszurücken, um im benachbarten Weiler ein Geschäft zu tätigen, das offenbar, da mit Konkurrenz zu rechnen ist, keinen Aufschub duldet. Es geht um den Erwerb eines Waldstücks, also darum, den bereits recht respektablen Besitzstand zu mehren, die eigene Machtfülle, die eigene Aussicht auf Unsterblichkeit zu festigen, wobei durchaus offenbleibt, ob Tolstojs Herr, ob Tolstoj selbst derartige Spekulationen auch nur erwogen, geschweige denn ernsthaft bedacht hat. Tatsache bleibt jedoch, daß der Herr – er ist von seinem Knecht Nikita begleitet – an dem geschäftlichen Vorhaben mit sturer Unbedingtheit festhält, obwohl er bei zunehmendem Schneefall und früh hereinbrechender Dunkelheit mehrfach vom Weg abkommt. Selbst dann noch, als der Schlitten irgendwo im Abseits unverrückbar liegenbleibt, gibt Wassilij Andrejewitsch nicht auf: mitten in der Nacht spannt er seinen Hengst aus und sucht, den Knecht seinem (wessen?) Schicksal überlassend, das Weite; sein Ziel. Doch wie der Wolf, der ihn umkreist, umkreist nun, ohne sich dessen bewußt zu sein, der Herr seinen Knecht und gelangt schließlich, nach einem langen beschwerlichen Ritt, zum Schlittenwrack zurück. Fast stolpert er über den in Lumpen gekleideten, auf einer Strohwelle liegenden, vom Schnee beinahe zugewehten, kaum noch atmenden, vielleicht – gerade jetzt – erfrierenden oder – eben erst – erfrorenen Nikita, und da – im selben Augenblick – begreift er, daß sein Ziel nicht mehr dort – in der Ferne – liegt, sondern hier; unmittelbar vor ihm. Der Herr wählt die Nähe dessen, der ihm – dem er – in dieser Stunde unversehens zum Verwechseln ähnlich geworden ist und mit dem er nun – sogleich – vollends zusammenfallen wird.

»Wassilij Andrejewitsch blieb etwa eine halbe Minute lang schweigend und unbeweglich stehen, dann trat er plötzlich entschlossen einen Schritt zurück, streifte die Ärmel des Pelzes in die Höhe und begann nun mit beiden Händen den Schnee von Nikita und aus dem Schlitten hinwegzuräumen. Als er damit fertig war, beeilte er sich, seinen Gürtel loszubinden, seinen Pelz auszubreiten, und dann gab er dem Nikita einen Stoß, legte sich auf ihn und bedeckte ihn nicht nur mit seinem Pelz, sondern auch mit seinem warmen, erhitzten Körper.«

Der Herr stirbt an diesem Liebesdienst; er erfriert, während der Knecht in seiner Umarmung allmählich wieder zu sich kommt. Mit dem Knecht – in ihm – überlebt aber auch der Herr, der an seiner Stelle den Tod auf sich genommen, der alle materiellen Ambitionen und damit auch den Willen zur Macht, den Willen zur persönlichen Unsterblichkeit aufgegeben hat:

»In dieser Welt sah, hörte und fühlte nun Wassilij Andrejewitsch nichts mehr. Ringsum dampfte es nach wie vor. Die nämlichen Schneewirbel erhoben sich und bedeckten den Pelz des toten Wassilij Andrejewitsch, den zitternden Hengst, den kaum noch sichtbaren Schlitten und den tief unten, unter seinem toten Herrn liegenden, erwärmten Nikita.«

Umkehrung des Totenopfers: nicht dem Toten wird geopfert, der Tote opfert sich; in den Lebenden überleben die Toten, ohne sich zu überleben. (Daseinsentwürfe vielleicht? ein Sichvorausschicken zu sich selbst? eine Art Heimkehr? Einkehr vielleicht, wie Paul Celan in seinem Gang ins Gebirg sie versucht, mit seinem Sprung in den Fluß sie vollbracht hat?)

Was mag Joyce, was mag Lenin an »Herr und Knecht« bewundert haben? Die Novelle – eine simple, distanziert erzählte Geschichte ohne moralischen oder gar klassenkämpferischen Impetus – ist künstlerisch wie auch politisch von geringem Interesse. Worin bestünde denn aber ihr Faszinosum?
Für Joyce wie für Lenin war wohl fraglos klar, daß ihr Werk – Text oder Tat – sie überdauern sollte; daß sie selbst, als Autoren, auch nach ihrem Tod – und dann, vielleicht, erst recht – das Sagen haben würden; daß sie aber nicht aus eigener Kraft, sondern nur durch Vermittlung der Nachgeborenen wirklich würden überleben und Unsterblichkeit erwerben können. Ich vermute, sie haben beide, als sie Tolstojs Novelle lasen, in einer Art von Epiphanie begriffen, was es mit dem Tod des »Herrn«, mit dem Fortleben des »Knechts« und mit deren gemeinsamer, für immer präsentisch gewordener »Geschichte« auf sich hat.

Denn nirgends in der neueren Literatur (bis hin zu Blanchot und Canetti) ist das Ringen, das Bangen des Autors um die eigene Unsterblichkeit so exemplarisch und doch so frei von jedem ideologischen Spurenelement vergegenwärtigt worden wie hier; bei Tolstoj. »Das Überleben hat seinen Stachel verloren, und das Reich der Feindschaft ist zu Ende.« In diesem versöhnlichen Satz – er beschließt den ersten Teil von Elias Canettis »Masse und Macht« – ist kurz und bündig die Hoffnung artikuliert, die sich aus der Geschichte vom Herrn und seinem Knecht gewinnen läßt.

Eine Hoffnung nicht nur für Autoren.

(»Der Einfluß des Schriftstellers«, heißt es bei Blanchot, »ist an dies Vorrecht, Herr zu sein über das Ganze, gebunden. Aber in dieser Weise ist er nur Herr eben über das Ganze und verfügt nur über das Unendliche; das Endliche ist ihm versagt, und die Grenze entgleitet ihm. Im Unendlichen aber ist kein Handeln, im Unbegrenzten wird nichts vollbracht, dergestalt, daß der Schriftsteller, obschon er wirklich handelt, wenn er jenen realen Gegenstand, den wir ein Buch nennen, hervorbringt, durch die Art und Weise seines Handelns doch auch zugleich alles Handeln entwertet, indem er die Welt der endlichen Dinge und der bestimmten Arbeit durch eine Welt ersetzt, in der alles unmittelbar gegeben ist und nichts weiter zu tun ist, als es lesend zu genießen.«)

 

aus: Felix Philipp Ingold: Haupts Werk Das Leben
Ein Koordinatenbuch vom vorläufig letzten bis zum ersten Kapitel.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.