J. H.

Kurz bei J. H. in Paris vorbeigeschaut. Wir haben uns lange nicht gesehen. Inzwischen ist, wie ich nun erfahre, seine Mutter gestorben. Sie habe ihn zu sich rufen lassen, als er gerade eben mit seinem Projekt für Amsterdam beschäftigt gewesen sei. Ausgerechnet! Aber ihr zuliebe habe er die Arbeit unterbrochen. Schon am andern Morgen sei er abgereist. Nur ihn, er sei ihr einziges Kind gewesen, habe sie in ihrer Nähe geduldet. Doch habe sie gewünscht, daß er Frauenkleider trage; daß er ihr, die nie eine Fremdsprache gelernt hatte, »französische Verse« deklamiere. Sie habe ihm das Versprechen abgenommen, daß er keinen Mann, auch nicht seinen Vater, den schon gar nicht, ihr Sterbezimmer betreten lasse. Er solle, wenn sie nicht mehr da sei, bis zur Bestattung an ihrem Körper wachen. Damit er sich nicht langweile dabei, könne er ja gleich den Fernseher herüberholen; die Programmzeitschrift für die kommende Woche sei auch schon da, sie liege draußen in der Küche …

»Was für ein Streß!« fügt J. H. lachend bei: »Ich war bis zu ihrem letzten Atemzug an ihrer Seite, hielt den Vater von ihr fern, las ihr Verlaine vor, machte sie sauber, fütterte sie, notierte, was sie mit sich selbst so redete und welche Namen sie mir gab. Bis sie endlich abkratzte. Uff!«

J. H. plant jetzt eine Arbeit über »Das unvoreilige Sterben meiner Mutter«.

 

aus: Felix Philipp Ingold: Haupts Werk Das Leben
Ein Koordinatenbuch vom vorläufig letzten bis zum ersten Kapitel.

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