Kafka

»Ich kann«, schrie Schwimmer, »genauso schreiben wie die andern!« Und etwas leiser, als hätte ihn seine eigene Lautstärke erschreckt, fügte er hinzu: »Nur – ich habe ein besseres Gedächtnis als jene; ich habe das einstige Nicht-schreiben-Können nicht vergessen, und weil ich es nicht vergessen habe«, fuhr er, fast schon flüsternd, fort, »hilft mir mein jetziges Können auch nicht weiter: ich beherrsche das Schreiben genauso wenig wie Sie …«

… meinen die einen, »Kafka« stamme aus dem Slawischen und suchen auf Grund dessen die Bedeutung dieses Namens nachzuweisen. Andere wiederum sagen, er stamme aus dem Deutschen und sei vom Slawischen nur beeinflußt. Die Unsicherheit beider Deutungen läßt aber wohl mit Recht darauf schließen, daß keine zutrifft; dies schon deshalb, weil weder das Deutsche noch das Slawische für »Kafka« einen rechten Sinn ergibt, so daß auch seine Herkunft unklar bleibt.1

Natürlich würde sich niemand mit solchen Fragen befassen, wenn es nicht wirklich einen Autor gäbe, der Kafka heißt und der sich selbst, soweit die erhaltenen Photographien dies erkennen lassen, ausgesprochen ähnlich sieht. Man ist versucht zu glauben, dieser Autor habe zu Lebzeiten irgendeinen bürgerlichen Beruf gehabt, an dem er schließlich zerbrochen ist. Dies scheint aber nicht der Fall gewesen zu sein, denn nirgends auf all den vorliegenden Bildern sind Narben oder gar offene Wunden zu sehen, die auf etwas Derartiges hinweisen würden. Näheres läßt sich von ihm im übrigen nicht sagen, da Kafka, obwohl erstaunlich seßhaft, kaum zu fassen ist.

Er hält sich, seitdem der Ruhm ihn einzuholen droht, abwechselnd auf dem Dachboden, im Treppenhaus, im Kellergeschoß auf, ohne seinen Bau je zu verlassen. Manchmal bleibt er monatelang verschwunden; dann ist er wohl unterwegs, daheim – wie der chinesische Maler im Bild. Manchmal aber, wenn man den Kopf hebt, kann man sehen, daß er unten am Treppengeländer lehnt, und man hat, vom Lesen müde, Lust, ihn anzusprechen; mit Namen.

Doch zumeist lebt er, wie es sich für einen Autor gehört, zurückgezogen, einsam, nur mit seinen hoffnungslosen, ihm aber unentbehrlichen Untersuchungen beschäftigt. So lebt er hin, ohne freilich aus der Ferne den Überblick über seine spärliche Leserschaft zu verlieren; auch dringen im Flur öfter mal Nachrichten zu ihm, und hie und da läßt er gar von sich hören. Man behandelt ihn mit Hochachtung, versteht seine Seins- und Schreibweise nicht, nimmt sie ihm aber keineswegs übel, vielleicht fühlt man sich, da einem das Verständnis, sobald man ihm näherkommt, unwillkürlich abgeht, in seiner Schuld. Auch junge Autoren, die da und dort in der Ferne vorüberziehen (eine neue Generation, an deren Kindheit Kafka sich kaum dunkel erinnert), versagen ihm nicht den ehrerbietigen Gruß.

Man darf eben nicht außer acht lassen, daß er trotz seinen Sonderbarkeiten, die offen zutage liegen, bei weitem nicht völlig aus der Art schlägt. Es ist ja, wenn man’s bedenkt, mit der Autorschaft überhaupt wunderbar bestellt. Gibt es doch außer den Autoren vielerlei Arten von Menschen ringsumher, arme, geringe, fast schon stumme, auf einzelne Schreie eingeschränkte Wesen, denen die Autoren Namen zu geben und auf jede Weise zu helfen versuchen, um sie, wie es an einer Stelle bei Kafka heißt, »zu erziehen, zu veredeln und dergleichen …«. Dennoch sind sie ihm, darüber täuscht kein Wort hinweg, eher gleichgültig, er verwechselt bisweilen sogar die Menschen mit Leuten und sieht gänzlich von ihnen ab. Eines aber ist zu auffallend, als daß es ihm auf Dauer entgehen könnte; wie wenig sie nämlich, auch nur schon mit Hunden verglichen, zusammenhalten, wie fremd und wortfaul, ja feindselig sie aneinander vorübergehen; wie nur das niedrigste Interesse sie äußerlich – etwa durch einen Biß – verbinden kann und wie bei ihnen selbst ein solch gemeines Interesse von Haß diktiert bleibt.

Autoren dagegen!

Man kann doch wohl sagen, daß sie alle förmlich zuhauf leben, alle, so ähnlich sie sich selbst und so unähnlich sie einander sind mit ihren zahllosen Eigenarten und tiefliegenden Differenzen, die sich in langen Vorzeiten herausgebildet haben müssen.

Alle sind sie eins; ein Haufen!

Es drängt sie zueinander, also gegeneinander, und nichts kann sie hindern, diesem Drängen nachzugeben, denn alle ihre Konventionen und Institutionen, jene insbesondere, die sie längst vergessen haben, gehen zurück auf die Sehnsucht nach dem größten Glück, dessen sie überhaupt fähig sind (falls sie dazu auch willens wären) – dem wahren Beisammensein.

Nun ist aber, was Kafka heute betrifft, das Gegenteil der Fall. Kein anderer Autor lebt – und es geht hier, versteht sich, ums Überleben im Buch – so weithin zerstreut, keiner kennt so viele, gar nicht mehr überblickbare Unterschiede der Deutung, der Wertung wie er. Gerade sie, die Autoren, die, wo es um Versicherungsprämien, um Altersrenten und Ehrenmitgliedschaften geht, stets zusammenhalten wollen, was ihnen in überschwenglichen Augenblicken auch immer mal wieder gelingt, gerade sie leben in Tat und Wahrheit weit voneinander getrennt, in eigentümlichen, oft schon dem nächsten Kollegen unverständlichen Professionen, festhaltend an Interessen, die nicht die der Autorschaft sein können, ja eher gegen sie gerichtet sind; denn was hätte der Hauptberuf eines Versicherungsagenten oder Kathedervorstehers mit Schriftstellerei zu schaffen?

Schwierige Dinge sind das, Dinge, an die zu rühren nicht lohnt, solang man es als Leser mit den allemal unbescheiden aufwartenden Autoren nicht ganz verderben will. Fragt sich letztlich bloß, warum Kafka nicht freiwillig ins Netz geht, wo er, auf dem Rücken liegend, einer erdrückenden Mehrheit das Zappeln beibringen und zugleich sein eigenes Verenden beschleunigen könnte. Ja:

»Warum tue ich es nicht wie die andern«, lamentiert der Gimpel, der doch eigentlich ’ne Dohle ist und dies auch weiß, »und lebe einträchtig mit meinem schwarzen Volk und nehme das, was die Eintracht stört, stillschweigend hin, vernachlässige es als kleinen Fehler in der großen Rechnung und bleibe immer zugekehrt dem, was glücklich bindet, nicht dem, was, freilich immer wieder unwiderstehlich, uns aus dem Volkskreis zerrt? …«

»Ja!«

»Aber warum?«

 

aus: Felix Philipp Ingold: Haupts Werk Das Leben
Ein Koordinatenbuch vom vorläufig letzten bis zum ersten Kapitel.

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