Studium

Am meisten Zeit verlor ich an die Kunstgeschichte, an die Germanisten, aber auch an ein paar ausgestorbene Sprachen, die mich – wie Bergkristalle oder ausgestopfte Haustiere – wegen ihrer Absonderlichkeit faszinierten. Der Bolschewismus, durch Fritz Lieb im Rahmen der russischen Geistesgeschichte vermittelt, blieb mir wichtig wegen seiner Radikalität; er ist, vom Buddhismus abgesehen, die einzige atheistische Religion, und eine solche brauchte ich damals, um von Papi loszukommen, von der Autorität überhaupt, weg von diesem mütterlichen Vaterland.

Doch wie weiter? Und wozu?

Endlich war ich unterwegs; aber bald wurde klar, es war der falsche Weg, es war kein Weg, den ich da – also dort – unter den Füßen hatte, es war bloß ein Standort. Statt zu gehen, statt zu denken, stand ich links, wenn auch nur für mich selbst; ich stand zu Bakunin, zu Kropotkin, von denen her ich mein Unbehagen gegenüber Marx und meine Antipathie gegen Lenin zu begründen versuchte. Aber das neue Wort fiel nicht, der Anfang des Satzes blieb unausgesprochen; lernfähig war ich nur im Umgang mit Stirner, mit Lautréamont und Dostojewskij, und als ich letzteren – neben Freud – auf einem Gruppenbildnis der Surrealisten entdeckte, war ich sofort für Breton und die andern eingenommen, für Bataille und Leiris, später dann, ebenso wahllos wie konsequent, für Artaud und Queneau …

… doch für wie lange?

Ich fuhr auf ein Jahr nach Paris; besuchte Gräber und Überlebende, arbeitete als externer Assistent für das Musée de l’Homme (Museum des Menschen! ja, nur der museale Mensch konnte mich damals interessieren, der schon vergangene, der gerade eben vergehende), traf – Mitte der sechziger Jahre – nach einem Vortrag kurz mit Leiris zusammen, vor dem ich mich allerdings so radikal schämte (fühlte mich in seinem Angesicht bis zur Bewußtlosigkeit durchschaut), daß mir die Frage, die ich ihm eigentlich hatte stellen wollen, in dem Augenblick entfiel, da er mich bemerkte. Danach fand ich nächtelang keine Ruhe mehr, doch nie wieder ist mir jene Frage – eine existentielle, das steht fest, eine grundsätzliche Frage – in den Sinn gekommen, und ich bin fast sicher, daß sie, für mich, noch heute nicht beantwortet, also weiterhin zu beantworten ist. Vielleicht deshalb schreibe ich; um jener Frage nachzuspüren, die, falls ich sie nochmals zu stellen vermöchte, die Antwort wäre, nach der ich seit jeher suche.

So begann ich, ernüchtert, Hegel zu lesen; und vergaß darüber meine Surrealisten, ohne ihnen freilich untreu zu werden. Ich las; viermal las ich die »Phänomenologie des Geistes« durch, las völlig hingegeben (weil hingerissen), las ohne jedes Verständnis, nein, kein Wort (und schon gar nicht das neue, auf das es mir nun einmal ankam) konnte ich begreifen; keins. Eher griff ich wohl nach den Worten, als wären es Wörter, als wären es Dinge. Ich las mit einer Intensität und Naivität, zu der mich, Jahre früher, einzig Dostojewskij befähigt hatte; einzig vielleicht »Der Idiot«.

Und weiter trieb es mich, zurück, in die Provinz; ich tat nichts, las nur, schrieb auch gelegentlich schon. Gedichte. Von der Poesie her, durch Hölderlin, den mir der späte Walter Muschg pathetisch nahebrachte, kam ich erneut auf Hegel zurück, und als ich zum fünftenmal das vierte Kapitel der »Phänomenologie« vornahm, verstand ich plötzlich; ich begriff, es war da vom Diktator die Rede, vom Dichter.

Und jetzt konnte ich mich endlich dazu entschließen, »Literatur« versuchsweise zu praktizieren, statt sie bloß zu interpretieren. Die Theorie ließ ich – wie jenen Augenblick, da ich vor lauter Leiris meine Frage vergaß – vorübergehend hinter mir, so daß plötzlich alles wieder in der Zukunft lag; auch das Leben.

Soviel zu meinem Studium; mehr hat es nicht gebracht.

 

aus: Felix Philipp Ingold: Haupts Werk Das Leben
Ein Koordinatenbuch vom vorläufig letzten bis zum ersten Kapitel.

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