Friederike Mayröcker: Ein Lesebuch

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Friederike Mayröcker: Ein Lesebuch

Mayröcker/Mayröcker-Ein Lesebuch

GUTEN MORGEN

guter Rosenbusch
mit meinem langen Arm
biege ich deinen schönsten Zweig
zu mir ins Grab

 

 

 

Das Licht am Ende des Tunnels

− Versuch über das Werk der Friederike Mayröcker. −

… und irgendwo fern, sagt Markus,
sehr fern, kommt die Spur eines Lichts
auf und leuchtet verheißungsvoll,
ohne sich zu nähern…
(„Fast ein Frühling des Markus M.“)

Zuerst, um solche Texte zu beschreiben wie die der 1924 geborenen Wienerin Friederike Mayröcker, braucht man Wörter für ihre -Oberflächengestalt, damit der Leser, der mit ihnen noch keine Erfahrung hat, wenigstens für den Anfang ein vages Zuordnungsschema an die Hand bekommt. Solche Wörter sind etwa: experimentelle Lyrik/Prosa, Surrealismus, Dada, écriture automatique, Assoziations- und Collagetechnik, Sprachmuster, Textstrukturen. Damit hat der Leser ungefähr die Richtung dessen; was ihn erwartet. Und wenn er das erste von dem guten Dutzend Bücher der Autorin aufschlägt, das ihm in die Hände fällt, wird er dennoch erst einmal hilflos sein. Und wenn er schon ein bißchen versiert ist, wird er vielleicht, schockiert vom Aufgehaltenwerden beim Wort, bei den Wörtern, ihren Verhakungen, ihrer perfiden Absperrung gegen übliches Sprechen und Erzählen, einen Plan ersinnen, wie er am vorteilhaftesten dies spröde Vorgefundene mit den Begriffen in Einklang bringt, die er für dergleichen Texte kennt. Wie wir zu lesen und zu arbeiten gewöhnt sind, würde dann, vermöge des bekannten Umkehrtricks, vermutlich zum Schluß für den Leser als Ableitung aus den Texten zu stehen kommen, was in Wirklichkeit im Verlauf der Arbeit nur die Auskleidung des Vorweggewußten mit dem neu Vorgefundenen war.
Ich schicke dies voraus, weil ich in einem solchen Verfahren, das sicher mit unserem Drill auf rezeptives Lesen zusammenhängt, den Grund sehe, warum ein so überaus erregendes und weit über unsere literarische Gegenwart hinaus greifendes Werk wie das der Friederike Mayröcker, eine unbeirrt fortschreitende literarische Arbeit, die sich mittlerweile über mehr als dreißig Jahre erstreckt, bisher so erstaunlich geringe öffentliche Resonanz gefunden hat.
Denn setze sich einer hin und versuche ernsthaft, das beschriebene Verfahren auf diese Texte anzuwenden. Natürlich geht auch das; nur bleiben die Texte dabei stumm und der Leser blind. Denn sie heischen (wie im Grunde alle guten Texte, nur bei den konventionelleren springt das nicht so ins Auge) des Lesers eigene Produktivität oder, wie Martin Walser es einmal formuliert hat, die Unterhaltung seiner Erfahrungen mit den Erfahrungen des Autors. Ein Leser, der sich bloß rezeptiv verhält, auf Zitierbares aus ist, auf Sätze und Wörter, die sich als Trägerbalken des Ganzen herausschälen, oder als die »langen Bäume des Webstuhls«, wie es in einem Gedicht der Mayröcker heißt – ein solcher Leser ist hier ziemlich verloren. Wie er es freilich auch wäre bei Texten von Georg Trakl, Ingeborg Bachmann, Paul Celan, Peter Huchel, Erich Arendt, zum Beispiel; vielleicht nur mit dem Unterschied, daß er sich dort noch in einem homogeneren Sprachraum vorfände als in den weit mehr zersplitterten Texten von Friederike Mayröcker. Ich halte es aber für ein Mißverständnis anderer Art, solche Zersplitterung zu schnell ineins zu setzen mit der ebensowenig mehr durchschaubaren, ebenso hoffnungslos zersplitterten Wirklichkeit, in der wir leben und deren sprachlicher Ausdruck dies sei. Denn das käme der Weigerung gleich, die Texte zunächst einmal zu „lesen“, was heißen soll, etwas mit ihnen zu machen. Das scheint mir der einzige Weg, sie progressiv, also fortschreitend, zu verstehen. Das freilich ist Arbeit, ebenso wie der nicht resignative Umgang mit unserer komplizierten Umwelt Arbeit ist. Umrisse erkennt hier erst, wer sich ans Dunkel gewöhnt hat; Umrisse, auch Zusammenhänge, ja, sogar – ansatzweise – Geschichten. Obwohl Friederike Mayröcker, in einem Interview, auf das sie sich zögernd einließ, gesagt hat:

… ich habe immer vermieden, eine Story zu machen, d.h. ich sehe nirgends eine Story. Ich sehe auch im Ablauf meines Lebens oder im Leben überhaupt keine storyähnlichen Erscheinungen. Und ich kann auch kein Buch lesen, das eine Story hat.

Sie spricht, bescheidener und anspruchsvoller zugleich, von „Vorgängen“ und der Gleichzeitigkeit ungleichzeitiger Vorgänge im Bewußtsein, die sie in ihren Texten verarbeitet.
Ich will mich versuchsweise mit einem Beispiel auf die Spur solcher Arbeit begeben: einem Beispiel, das für mich einen Schlüssel zu diesen Texten enthält (sicher hätte es auch ein anderes sein können). Es sind die eben zitierten „langen Bäume des Webstuhls“, bei denen ich ansetzen will. Sie gehören zum Titel eines Gedichts in dem 1966 bei Rowohlt erschienenen, 1973 in der Sammlung Luchterhand nachgedruckten Sammelband Tod durch Musen, der „Poetische Texte“ aus den Jahren 1945 bis 1965 enthält (und übrigens einen, der mir bis in alle Ewigkeit nachgehen wird: „Retour an dich mein totes Kind“), gegliedert in die Abschnitte 1945 bis 1950, 1950 bis 1960, 1960 bis 1965, eingeführt durch den Zyklus „Tod durch Musen“ aus dem Jahr 1965. Das Gedicht (das in dem 1979 erschienenen Band Ausgewählte Gedichte 1944-1978 wieder abgedruckt ist) heißt vollständig „Text mit den langen Bäumen des Webstuhls“. Es gehört in die letzte Gruppe des Bandes Tod durch Musen (1960 bis 1965) und steht in der Nachbarschaft einer ganzen Anzahl anderer Arbeiten, deren Titel mit diesem „Text mit“ beginnt: „Text mit William Blake“ etwa, oder „Text mit Steinen“, „Text mit Erdteilen“; es gibt da auch andere Kombinationen: „Text dem Mazedonischen angenähert“, oder „Text ,bei mozambique‘“. Es gibt keinen „Text über“. Nichts wird mit dem ordnenden Griff von oben zusammengefaßt, alles entsteht im Dialog: mit einer Person, mit einem Gegenstand, einer Mitteilung, einer Figur. In den programmatischen („modell 1“ bis „modell 9“ überschriebenen) Texten Tod durch Musen wird das negativ gezeigt, es sind Dialoge mit tödlichem Ausgang. Der Dialog mit der Muse des Gesangs und der Tragödie, Melpomene, mündet in der vorletzten Zeile in den Ausruf: „entfesselte dame!“ und dann in die vernichtende Schlußzeile: „Und schon sind wir mitten drin in der suspekten abstraktion“; das „modell 1/cleo“ (das ist die Muse der Geschichtsschreibung) in die – graphisch abgesetzte – Zeile „(goebbels: ,… wollt ihr den totalen Krieg.. ?‘ – JAAA)“. Gesucht wird offenbar ein Weg, eine Möglichkeit der Sprache, die nicht die mannigfaltigen Erscheinungen durch Abstraktion bündelt (welche als tödlich erfahren wird, weil sie unterwegs die Erscheinungen selbst aus dem Auge verliert), sondern sie zunächst in ihrer Mannigfaltigkeit und Widersprüchlichkeit, in der gleichzeitigen Gegenwärtigkeit ungleichzeitiger Vorgänge, also in ihrem chaotischen Urzustand, zuläßt, aufnimmt, einsammelt und dann, als das so und nicht anders vorgefundene Material, bearbeitet, strukturiert, eindampft, verrätselt. „Da habe ich also versucht“, sagte die Autorin in jenem Interview zu ihrem zweiten Prosaband Das Licht in der Landschaft, „aus einem Prosakern heraus, der zuerst gar keinen so großen Umfang gehabt hat, die Sache weiterzuentwickeln. Ich bin dann auf ungefähr 1000 Manuskriptseiten gekommen und habe dann wieder destilliert, also wieder alles mögliche herausgezogen an Dingen, die sich für mich nicht als wesentlich erwiesen haben. Ich bin dann eben wieder auf so eine Manuskriptseitenzahl von etwa 140 Seiten geschrumpft.“
Offenbar ist der Dialog oder das dialogische Sprechen die adäquate Möglichkeit, diesen Weg zu gehen. Friederike Mayröcker hat ihn auch beibehalten, als sie Anfang der siebziger Jahre von der lyrischen zur Prosaform überging. Ihr 1971 begonnener, 1973 erschienener und als „erzählung“ bezeichneter Band je ein umwölkter gipfel besteht aus 23 Kapiteln, eben solchen eingedampften, jeweils nur wenige Seiten umfassenden Texten, mit einer erregenden Binnenstruktur der Sprache, wenn man ihnen erst auf die Fährte gekommen ist. Sie bestehen aus zunächst durchweg enigmatischen Sätzen, in die eingeschoben, an die angehängt wird, immer wieder, wie ein basso continuo: „sagte er“. Zum Beispiel beginnt das 19. Kapitel, überschrieben „aufenthalt zu zorn“, mit dem Satz: „breitbrüstig durch aufklaffendes chaos, sagte er, bahnten wir den weg“. Die hier verwendete Dialogform (das unermüdlich wiederholte „sagte er“ macht unermüdlich den Adressaten, die Adressatin präsent, die in Geste, Handlung, Rede antwortet) ist eine der vielen möglichen, die die Autorin schon in ihren Gedichten durchgespielt und dann immer weiter entwickelt hat. Ihr zweiter Prosaband, Das Licht in der Landschaft (1975) beginnt und endet als Briefroman („Lieber M. W. ich bin sehr beeindruckt von der Begegnung mit Ihnen, haben Sie Dank. Das wollte ich Ihnen nur schreiben…“, heißt es am Anfang) und ist wie der erste durchschossen mit einer beinahe stereotypen Dialogperson („sagte der Weltbiograph“, heißt es hier, immer wiederkehrend), und unter den Titel dieses Buches ist das Motto gedruckt:

Dies ist die Aufzeichnung einer Verwandlung
welcher alle Erscheinungsformen menschlichen
Lebens unterworfen sind, im Bewußtsein
brüderlichen Einsseins mit jeglichem
aus der Gegenwart Vergangenheit und
Zukunft wirkenden Stoff.

Ihr 1976 erschienenes Buch endlich, Fast ein Frühling des Markus M., ist gegliedert in fünfzehn Kapitel, die abwechselnd Markus M. und seiner Geliebten Hilda zugeschrieben sind, das erste ihm, auch das letzte ihm, doch in einem Anhang folgen Hildas Briefentwürfe an Ekke Hagen: einen anderen Mann, der zu ganz anderen Zeiten Gewicht in ihrem Leben hatte, aber jetzt so gegenwärtig ist wie die Gegenwart mit Markus M. Auch dies also ein (unmerklich zerrinnender) Dialog: zwischen Menschen, zwischen Zeiten.
In den letzten Büchern der Mayröcker, vor allem auch in ihrem 1978 erschienenen Buch Heiligenanstalt, das vier imaginäre Musikerbiographien enthält, wird so etwas wie eine Perspektive sichtbar, auf die sich ihre Texte hinbewegen. Angelegt ist sie schon viel früher.
Und damit komme ich zurück auf das Gedicht „Text mit den langen Bäumen des Webstuhls“. (Tod durch Musen) Auch dies ist ein durch und durch dialogischer Text, in mehrerlei Sinn und auf mehreren Ebenen. Es ist ein sehr langes Gedicht: es erstreckt sich über 4 ½ Buchseiten. Vorweg möchte ich sagen: nicht im entferntesten habe ich es ganz entschlüsseln können, und es ist auch die Frage, ob das überhaupt möglich ist und überdies wünschbar; vielleicht hätte das am Ende bloß einen tautologischen Effekt. Ich habe aber doch Spuren gefunden in diesem Dialog „mit den langen Bäumen des Webstuhls“, der offenbar unter anderem auch ein Dialog eines weiblichen mit einem männlichen Partner ist.

… stokowski signalisierte tropfenweis
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaasigmaringen
löste lilienkraut (HIRSCHKOMM!) &
trieb rückwärts die alster hinunter
alsterware

– dies sind die ersten fünf Zeilen des Gedichts; die 19. und 20. Zeile,

hast deine alster abgebrochen; hast blaue blume
gebrochen;
aaaaaaaaaaaaaaaamein stern!

(in denen durch die Verschiebung von „alster“ zu „aster“, durch die uralten poetischen Wörter „blume“ („blaue blume“) und „stern“ die romantische Poesie, kristallisiert in Brentanos „O Stern und Blume, Geist und Kleid, / Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!“ wieder gegenwärtig werden, vielleicht auch Gottfried Benns „Astern – schwälende Tage, / alte Beschwörung, Bann, / die Götter halten die Waage / eine zögernde Stunde an.“, oder das frühe, bittere aus der Sammlung Morgue, „kleine Aster“ („Ein ersoffener Bierfahrer wurde auf den Tisch gestemmt. / Irgendeiner hatte ihm eine dunkelhellila Aster / zwischen die Zähne geklemmt. / … / ruhe sanft, kleine Aster“) – die 19. und 20. Zeile stellen die Verbindung her zwischen dem lyrischen Ich und seiner Figur Stokowski (der vielleicht mit Vornamen Leopold heißt, und sein Beruf, Dirigent, wäre dann eine Spur für die Gegensätzlichkeit der Dialogpartner, die ja in diesen Zeilen schon anklingt). 12 Zeilen weiter heißt es dann

oz-oz-oz-oz: in ihrer hilflosigkeit gefährlich
(„… eigentlich langweilt sie mich…“)

er muß es eben sublimieren
− a mouthful of your kisses!

Spätestens hier ist der fast unüberbrückbare Abgrund zwischen den Partnern festgeschrieben, der schon einige Zeilen vorher in einem Bild durchgespielt wurde: .

… ins blau deiner alster tritt rot
ein ungenaues; ein zitterndes; ein von illusionen
befallenes)
midget-rot; spanisch-rot; midget-rot −
großen und ganzen haben wir uns 
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa(er muß es eben; er muß es
eben übertauchen; er muß es
sublimieren  :

Das Netz des Textes ist damit ausgespannt, die „langen Bäume des Webstuhls“, mit denen der Text Dialog hält, sind sichtbar geworden: im Blau der gebrochenen Alster (Aster), im „ungenauen, zitternden, von Illusionen befallenen midget-rot“ (und was ließe sich alles sagen zu diesem „midget“-, diesem „zwergen“-rot, das Zeilen später immer weiter durchgespielt wird: „midget-midget; midget-inmidget; inmitten, in-midget“!). Und in diesem dialogischen Muster schreitet der Text fort, ein imaginäres Streitgespräch zwischen den seit beinahe Ewigkeiten entfremdeten Partnern (natürlich ist dies auch eine Liebesgeschichte mit allen Qualen des Dennochgetrenntbleibens); und es strömt in das Text-Netz hinein eine Fülle von Assoziationen, Gedankensplittern, Ansichten, ansatzweisen Deutungen zeitgeschichtlicher Zusammenhänge, wie etwa in der Zeile:

… das alster-übel in jeder gesellschaft zu finden −,

oder in diesen Zeilen, die, vor 1965, das Debakel von Vietnam beschwören:

sie machten alle taschen-geste; taschen machten
hand-geste
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa(immer
nur GREIFEN! – nehmen/greifen/greifen/greifen/
greifen!)
in die menschheit getaucht;
zwei schritte
aaaaaaaaaaavor unserem bewußtsein
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaavor entlaubter weide
(liebevolles aufmerk-
friedliches zusammen-
leidenschaftliches offen- .. )
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaRANGER’S digest & morgenwellen
zwischen unüberbrückbarer dinglichkeit & taubheit der
ordnung.

Und dagegengesetzt, mit graphischem Abstand:

why-not-syringen-weisheit? – in den gebüschen die
nacht-gaben
unser und gewiß auch euer dritter gedanke
kennenlernen & lieben;
einander begegnen & zuwenden
einerseits & anderseits empfinden…

Der Dialog wird also durchgehalten, der Streit wird durchgehalten, zwischen alsterblau und midget-rot, zwischen „sublimieren müssen“ und „einerseits & anderseits empfinden“; der Streit spitzt sich zu gegen Ende des Gedichts, der Dialog wird dichter, schneller;

„und in einem so geführten dialog entdecken wir“, heißt es da,

… baum trägt … HÄRTER! -: traum b…
midget kann nicht träumen/
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaHIRSCHKOMM!

Sein letzter Teil beginnt dann mit den Zeilen

einfach sublimieren
& ihr fühlt euch wohl/neu/gereinigt/weiß/reif/gerettet!
! wohl/neu/gereinigt/weiß/reif/gerettet!

und er endet so:

aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaadenn:
(,… ER HAT UNS ZUERST GELIEBT…‘).

Einer also, in der Überlieferung schon nach Jahrtausenden zählend (der Satz steht im 1. Johannesbrief Kap. 4,19 und heißt vollständig: „Lasset uns ihn lieben, denn er hat uns zuerst geliebt“.) – einer ist immer schon voraus, hat Zukunft und Vergangenheit in sich verschlungen, Geschichte und Utopie, Tradition und Traum. Doch als aus dem „zuerst“ ein Anspruch wurde, übertragen offenbar auf das männliche Geschlecht, muß auch die Liebe aufgehört haben oder verwiesen worden sein in einen bloß inoffiziellen Schonraum, der immer wieder als im Grunde gefährliche Kluft erfahren („in ihrer Hilflosigkeit gefährlich“), schnell zugedeckt werden muß:

… er muß es
eben übertauchen; er muß es
sublimieren  :

Dialog scheint so, als Muster für einen neuen, einen nicht chauvinistischen Umgang der Menschen miteinander, als Plädoyer für „syringen-weisheit“ („es nistete auch schon überall, sagte er, die syringen waren lila. das hat der theodor storm aufgebracht, sagte er, aber es riecht einfach besser als als wort, besser als als wort flieder“, heißt es im „lehrstück liliengracht“, im ersten Prosaband je ein umwölkter gipfel) – der Dialog scheint als ein solches Muster vorerst gescheitert. Die Wirklichkeit ist offenbar anders strukturiert als dieser Dialog, der zu ihr ein Gegenentwurf ist; dessen Offenheit als Kluft zu stehen kommt, ständig der Brocken bedürftig, weil Scheitern ein Makel ist, der weggeleugnet werden muß.
Vorerst. Denn das Gedicht führt vor, wie das Scheitern angenommen werden kann, ohne daß darum alles verloren wäre: es ist als Text ja da und kann sich sehr wohl behaupten, im Sinne der gutgeschriebenen Erfahrung, daß das partielle Scheitern noch lange nicht den totalen Zusammenbruch nach sich ziehen muß. (Dies übrigens ist auch eine spezifische Qualität der Werke von Ingeborg Bachmann, der man zu Unrecht so gern ihre partielle Hilflosigkeit als Koketterie ausgelegt hat.) Das Gedicht ist da: als energischer Entwurf, als Utopie in einem anderen Sinne, als Utopien bisher ersonnen wurden, nämlich so: „… baum träg … HÄRTER! -: traum b…“ Denn von solchen Utopien ist einer der Dialogpartner ausgeschlossen: „midget kann nicht träumen“. Nicht umsonst folgt dieser Zeile wieder das fordernde Liebeswort „Hirschkomm!“, das das ganze Gedicht durchzieht: wegsehen, wo die Verständigung aushakt, ich liebe dich jetzt einfach. Ich dich. Nicht wir uns. An anderer Stelle, hinter dem immer wiederholten bitteren Satz „er muß es eben sublimieren“, steht der Ausruf „- a mouthful of your kisses!“ – auch dies eine (berückende!) Brücke über den Abgrund des Verstummens: eine Brücke, die nur in einer Richtung begehbar ist, begangen werden kann. „Your kisses“: du küssest mich. Nicht wir uns. Und ganz entsprechend, mit dem sozusagen inoffiziellen „denn“ des lyrischen Ich eingeleitet, steht am Ende des Gedichts, in Klammern und Großbuchstaben, gleichbedeutend mit der Bemerkung „So kennt man das ja“, das amputierte Johanneswort: ,… ER HAT UNS ZUERST GELIEBT..‘ Doch dieses kleine einleitende, inoffizielle „denn“ zeigt mit dem Finger auf die Amputation, es nötigt zum Zurückschauen, was vor dem „denn“ wohl gestanden haben mag, bevor das Zitat so losgelöst als Kulturgut gehandelt wurde: „Lasset uns ihn lieben, denn er hat uns zuerst geliebt.“ Das Angebot der Gegenseitigkeit wurde im Verlaufe der Geschichte seit jenem Johannes-Brief pervertiert in das Gesetz des Ersten oder des Stärkeren.
In diesem „Text mit den langen Bäumen des Webstuhls“ scheint mir die Gleich-Zeitigkeit ungleichzeitiger Vorgänge schon vollkommen eingeholt, die Friederike Mayröcker in ihren letzten Prosabüchern immer intensiver durchgespielt hat, immer atemloser, immer dichter, so daß sie sich von der Lyrik, deren äußeres Kennzeichen der Zeilenbruch ist, paradoxerweise nur durch ihre Zeitintensität unterscheiden: ihre Prosa ist kondensierter, also lyrischer als ihre Lyrik; sie scheint zu dem einzigen Zweck erfunden, die Wörter näher beieinanderzulassen. Und von daher scheint mir nun auch klar, warum die Autorin sich außerstande erklärt, ein Buch zu lesen, das eine Story hat. Denn Stories gehorchen; sollen sie gut sein, wie wir es gelernt haben, den Gesetzen der Ausdehnung innerhalb eines jeweiligen hic et nunc, eines Hier und Jetzt. Sie sparen den Spiel- oder Diffusionsraum aus, in dem Empfindungen sich der Geschichte als einer Abfolge von Gesetzmäßigkeiten, die weiß Gott wer aus welchen jeweils plausiblen Gründen auch immer abstrahierend erfand, widersetzen.
Widersetzlichkeit – nicht Verweigerung gegenüber den bestehenden Verhältnissen; nicht der mühsam bezwungene Ekel, geboren zu sein; nicht das halsstarrige Bestehen auf der Richtigkeit historischer Darstellung en detail; nicht das mühsame Ergründen subjektiver Wahrhaftigkeit; nicht die wohlbegründeten Skrupel gegenüber der literarischen Fiktion – dieses ganze eindrucksvoll melancholische Arsenal nicht, sondern die listig-hilflose Widersetzlichkeit gegen dies alles ist es, die so überaus poetischen, nämlich strengen und zarten Werke der Mayröcker zutagefördern. Es könnte sein, dies wäre ein neues hic et nunc, die Wiedervergegenwärtigung nämlich des Einfachen, das unterwegs verloren ging:

why-not-syringen-weisheit? – in den gebüschen
die nacht-gaben
unser und gewiß auch euer dritter gedanke
kennenlernen & lieben;
einander begegnen & zuwenden
einerseits & anderseits empfinden…

Wie die Dinge stehen, ist dies vielleicht ohnehin unsere einzige Überlebenschance.

Gisela Lindemann, Vorwort

Editorische Notiz

Diese Auswahl aus dem bisherigen Werk der Friederike Mayröcker ist eine näherungsweise thematisch orientierte Komposition. Es sollen darin alle literarischen Formen in einzelnen Beispielen vorgeführt werden, die die Autorin im Laufe ihrer Schaffensjahre durchgespielt hat: unterschiedliche Formen von Lyrik, szenische Prosa, Hörspiel, erzählende Prosa. Das Schlußkapitel ist eine Art Engführung, in der alle diese Formen ansatzweise noch einmal vorkommen.
Das erste Kapitel enthält Gedichte bis zum Jahr 1965, darunter die, auf die sich der einführende Essay besonders beruft, und eine Auswahl aus einem Bändchen mit lyrischen Kurztexten und Graphiken, Sägespäne für mein Herzbluten, veröffentlicht 1967/1973. Das zweite Kapitel ist eine Komposition aus szenischen Prosastücken und einer Bildergeschichte im Anhang, in der Sprache und Graphik eine Einheit bilden. Das dritte Kapitel besteht aus einer einzigen großen Erzählung, je ein umwölkter gipfel, die 1973 erschienen, inzwischen vergriffen und deshalb hier vollständig abgedruckt ist. Das vierte Kapitel ist eine Komposition aus im engeren Sinne experimentellen Texten, in denen Sprache und Bildzeichen gleichermaßen als literarisches Material vorgeführt und verarbeitet werden. Das fünfte Kapitel enthält ein längeres und ein kürzeres Hörspiel, beide in den letzten Jahren entstanden: „Bocca della Verità“ und „Der Tod und das Mädchen“. Das sechste Kapitel präsentiert nochmals Prosa: zwei bisher unveröffentlichte Texte und in der Mitte zwischen beiden den Anfang und den Schluß des Prosabuches Das Licht in der Landschaft, erschienen 1975. Diese Texte sind so zusammengestellt, daß sie einander gegenseitig erhellen. Das siebte und letzte Kapitel, überschrieben wie einer der Texte, „verzückter Bereich“ (nach einer Bilderfolge von René Magritte), kann gelesen werden als eine Folge von sechs verschiedenartigen Texten zum Thema Kreativität, die nicht nur ein spezielles Künstlerproblem ist, sondern ein Problem jeglicher menschlichen Existenz. Hier sind jüngst veröffentlichte Texte (aus rot ist unten) mit Texten der früheren siebziger Jahre zusammengebracht, darunter eine der seltenen theoretischen Äußerungen der Autorin zu ihrer Arbeit („DADA“); am Schluß steht noch einmal ein Gedicht aus den frühen Sechzigerjahren zum Thema, „Ode an des Frühlings Bast-Geweih und an seinen sanften weißbestrumpften Fuß“. Die Graphiken des Bandes, zum Teil bisher unveröffentlicht oder nur in Fachzeitschriften reproduziert, sind als Textbestandteil aufgenommen: nicht nur, weil immer auch Textzeichen darin vorkommen, sondern weil sie selbst, als Komposition, Texte sind.

Gisela Lindemann, Nachwort

 

Die vorliegende Auswahl

aus dem bisherigen Werk von Friederike Mayröcker ist eine näherungsweise thematisch orientierte Komposition. Es sollen darin alle literarischen Formen vorgeführt werden, die die Autorin im Laufe ihrer Jahre durchgespielt hat: unterschiedliche Formen von Lyrik, szenischer Prosa, Hörspiel, erzählender Prosa. Das Schlußkapitel ist eine Art Engführung, in der alle diese Formen ansatzweise noch einmal vorkommen.

Suhrkamp Verlag, Klappentext, 1979

Charakteristisch

für die Entwicklung von Friederike Mayröckers Lyrik ist die beständige Erweiterung ihres Formenschatzes, das sukzessive Fortschreiten aus geschlossenen in offene dichterische Systeme, eine geradezu besessen zu nennende Bemühung um die Gleichrangigkeit auch kleinster Sprachelemente, um alle Partikelchen, die es, um das evozierte Thema oder Bild vorzutragen, aufzuspüren und einzufügen gilt.

Reinhard Priessnitz, Klappentext, 1979

 

Beiträge zu diesem Buch:

Anonym: o. T.
Esslinger Zeitung, 28.3.1980

Alfred Focke: o. T.
Literatur und Kritik, Heft 151, 1981

Hans Heinz Hahnl: o. T.
Arbeiter-Zeitung, 30.1.1980

Gerhard Jaschke: Im Anblick der tausend Meere
Börsenkurier, 31.10.1979

M. C. K.: o. T.
Berliner Morgenpost, 21.11.1979

S. M.: Mayröckers Sprachmagie
Kleine Zeitung, 18.1.1980

Ingeborg Teuffenbach: An des Frühlings Bastgeweih
Tiroler Tageszeitung, 14.6.1980

Alfred Warnes: Mayröcker-Lesebuch
Wiener Zeitung, 30.11.1979

Rüdiger Wischenbart: Friederike Mayröckers Lesebuch
Neue Zeit, 21.12.1979

Dorothea Zeemann: o. T.
Österreichischer Rundfunk, 1979

 

VORHABEN WTTERN
Für Friederike Mayröcker

Wie nur kann man Regen und Wind,
also Fallen und Wehn, und Felsenkammpfad
und Hagebutte und eiserner Mund
und Flügel in einer klaren Luft
und Verschlucken an ihr zugleich sein?

Elke Erb

 

Fakten und Vermutungen zur Herausgeberin

Im Juni 1997 trafen sich in der Literaturwerkstatt Berlin zwei der bedeutendsten Autorinnen der deutschsprachigen Gegenwartslyrik: Friederike Mayröcker und Elke Erb.

Protokoll einer Audienz. Otto Brusatti trifft Mayröcker: Ein Kontinent namens F. M.

 

 

Zum 70. Geburtstag der Autorin:

Daniela Riess-Beger: „ein Kopf, zwei Jerusalemtische, ein Traum“
Katalog Lebensveranstaltung : Erfindungen Findungen einer Sprache Friederike Mayröcker, 1994

Ernst Jandl: Rede an Friederike Mayröcker
Ernst Jandl: lechts und rinks, gedichte, statements, perppermints, Luchterhand Verlag, 1995

Zum 75. Geburtstag der Autorin:

Bettina Steiner: Chaos und Form, Magie und Kalkül
Die Presse, 20.12.1999

Zum 80. Geburtstag der Autorin:

Nico Bleutge: Das manische Zungenmaterial
Stuttgarter Zeitung, 18.12.2004

Klaus Kastberger: Bettlerin des Wortes
Die Presse, 18.12.2004

Ronald Pohl: Priesterin der entzündeten Sprache
Der Standard, 18./19.12.2004

Michael Braun: Die Engel der Schrift
Der Tagesspiegel, 20.12.2004.
Auch in: Basler Zeitung, 20.12.2004

Gunnar Decker: Nur für Nervenmenschen
Neues Deutschland, 20.12.2004

Jörg Drews: In Böen wechselt mein Sinn
Süddeutsche Zeitung, 20.12.2004

Sabine Rohlf: Anleitungen zu poetischem Verhalten
Berliner Zeitung, 20.12.2004

Michael Lentz: Die Lebenszeilenfinderin
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.12.2004

Wendelin Schmidt-Dengler: Friederike Mayröcker

Zum 85. Geburtstag der Autorin:

Elfriede Jelinek, und andere: Wer ist Friederike Mayröcker?
Die Presse, 12.12.2009

Gunnar Decker: Vom Anfang
Neues Deutschland, 19./20.12.2009

Zum 90. Geburtstag der Autorin:

Herbert Fuchs: Sprachmagie
literaturkritik.de, Dezember 2014

Andrea Marggraf: Die Wiener Sprachkünstlerin wird 90
deutschlandradiokultur.de, 12.12.2014

Klaus Kastberger: Ich lebe ich schreibe
Die Presse, 12.12.2014

Barbara Mader: Die Welt bleibt ein Rätsel
Kurier, 16.12.2014

Sebastian Fasthuber: „Ich habe noch viel vor“
falter, Heft 51, 2014

Marcel Beyer: Friederike Mayröcker zum 90. Geburtstag am 20. Dezember 2014
logbuch-suhrkamp.de, 19.1.2.2014

Maja-Maria Becker: schwarz die Quelle, schwarz das Meer
fixpoetry.de, 19.12.2014

Sabine Rohlf: In meinem hohen donnernden Alter
Berliner Zeitung, 19.12.2014

Tobias Lehmkuhl: Lachend über Tränen reden
Süddeutsche Zeitung, 20.12.2014

Arno Widmann: Es kreuzten Hirsche unsern Weg
Frankfurter Rundschau, 19.12.2014

Nico Bleutge: Die schöne Wirrnis dieser Welt
Der Tagesspiegel, 20.12.2014

Elfriede Czurda: Glückwünsche für Friederike Mayröcker
Manuskripte, Heft 206, Dezember 2014

Kurt Neumann: Capitaine Fritzi
Manuskripte, Heft 206, Dezember 2014

Elke Laznia: Friederike Mayröcker
Manuskripte, Heft 206, Dezember 2014

Hans Eichhorn: Benennen und anstiften
Manuskripte, Heft 206, Dezember 2014

Barbara Maria Kloos: Stadt, die auf Eisschollen glimmt
Manuskripte, Heft 206, Dezember 2014

Oswald Egger: Für Friederike Mayröcker zum 90. Geburtstag
Manuskripte, Heft 206, Dezember 2014

Péter Esterházy: Für sie
Manuskripte, Heft 206, Dezember 2014

 

Zum 93. Geburtstag der Autorin:

Einsame Poetin, elegische Träumerin, ewige Kinderseele
Die Presse, 4.12.2017

Zum 95. Geburtstag der Autorin:

Claudia Schülke: Wenn Verse das Zimmer überwuchern
Badische Zeitung, 19.12.0219

Christiana Puschak: Utopischer Wohnsitz: Sprache
junge Welt, 20.12.2019

Marie Luise Knott: Es lichtet! Für Friederike Mayröcker
perlentaucher.de, 20.12.2019

Herbert Fuchs: „Nur nicht enden möge diese Seligkeit dieses Lebens“
literaturkritik.de, Dezember 2019

Claudia Schülke: Der Kopf ist voll: Alles muss raus!
neues deutschland, 20.12.2019

Mayröcker: „Ich versteh’ gar nicht, wie man so alt werden kann!
Der Standart, 20.12.2019

Fakten und Vermutungen zur Autorin und Interview 1 + 2 + 3 + 4
Archiv 1 + 2 + KLGIMDb + ÖM
DAS&D + Georg-Büchner-Preis
Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde Ohlbaum + Galerie Foto Gezett +
Dirk Skiba Autorenporträts
shi 詩 yan 言 kou 口

 

Bild von Juliane Duda mit den Zeichnungen von Klaus Ensikat und den Texten von Fritz J. Raddatz aus seinem Bestiarium der deutschen Literatur. Hier „Mayröcker, der“.

 

Friederike Mayröcker – Trailer zum Dokumentarfilm Das Schreiben und das Schweigen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

0:00
0:00