Gerhard Falkner: Zu Gerhard Falkners Gedicht „Vielversprechend versprochene Kiesel oder falsche Äpfel“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Gerhard Falkners Gedicht „Vielversprechend versprochene Kiesel oder falsche Äpfel“.

 

 

 

 

GERHARD FALKNER

Vielversprechend versprochene Kiesel oder falsche Äpfel

lautet das Gedicht, zu dem ich Material anmerken möchte:

ich bin einszweiunddeutsch groß
spreche drei bis vier nicht-sprachen
und schätze glück auch auf die gefahr hin
keines zu sein

meine augen sind tätowiert
mit plätzen und palästen

mein inneres maß aber
bestimmt sich aus der architektur
menschlicher atemzüge

ich erinnere mich zu erinnern
daß ravenna zu dritt war

die hohe. die genausohohe. und die dritte.
für drei gibt es keinen kreuzweg.
sie bewegen sich in der schrift
diskursiv

ich sehe
die schiefgehaltene
bartstoppel
den kiesel durchbuchstabieren

durchquere den passus
über magellan
an seiner engsten stelle
und sitze endlich zu tisch
im sette / dodici
in torino

von schmerzen
geschüttelt
schäle ich
einem apfel
die haut
und denke
die gleiche
ruhe
bei solcher roheit
habe ich
nimmer

Im Sommer 1987 fuhr ich nach Ravenna und Mailand.
Eigentlich in erster Linie, um von dort aus nach Turin weiterzureisen.
Ich wollte im Piemonte ein paar Tage wandern.
Ich besichtigte S. Apollinare in Classe in Ravenna und danach in Mailand S. Maria delle Grazie von Bramante, so jedenfalls steht es in meinen Aufzeichnungen.
Wie auf jeder Reise hatte ich ein paar Lieblingsbücher dabei, die leuchtend orangerote Bibliothek Suhrkamp Ausgabe von „double you see double you“, wie Williams gerne vertraulich genannt wurde, Celans blaue Atemwende und die Limes Ausgabe der Ausgewählten Gedichte von Borges aus dem Jahre 1963.
„Se abre la verja del jardin / con la docilidad de la página“ oder „El arrabal es el reflejo / de la fatiga del viante“ (die Vorstadt ist die Spiegelung / der Müdigkeit des Wanderers) reflektierte vollendet meine Reisestimmung.
Ich arbeitete damals noch an meinem Band wemut, der dann 1989 erschien. Der Zyklus „Pulspflücker Rom-Worte“, den ich in der Casa Baldi, der Außenstelle der Villa Massimo begonnen hatte, war noch nicht fertig und mein Ärger über den schlechten Beobachter und den so sehr in seine Ignoranz vernarrten Brinkmann noch nicht verraucht.
Beides konnte etwas italienische Landluft gut vertragen.
Gleichzeitig arbeitete ich noch an dem Langgedicht: „ich, bitte antworten“ und an „der haß auf die freude“, capriccios, deren poetischer Schwerpunkt in der Wucht von Nichtigkeiten liegen sollte.
Ich wollte Beispiele liefern für die Importanz eines fallenden Blatt Papiers oder das Auftreffen einer Handfläche auf einem anderen Erdteil.
In Turin aß ich in einem Ristorante neben der Piazza Vittorio Veneto Angolotti mit geschabten Trüffeln und anschließend „büi“, was italienisiert bollito misto heißt.
Das „sette-dodici“, mit dem ich es im Gedicht ersetzt habe, liegt etwas außerhalb in den von Pavese beschriebenen Hügeln.
Nach dem postre brachte der Wirt frische Äpfel auf den Tisch.
Für mich gehört Apfel zu den Urworten schlechthin.
So wie Brot, – Haus, – oder Frau.
Die Sünde, der Erdball, der Augapfel, die Leibesfrucht, das Obst und Luthers Bild für die Hoffnung, neuerdings auch noch Macintosh, alles wird von dieser wie eine kleine, rote Faust geballten Frucht ikonographisch umfaßt.
Am Nebentisch wurden Äpfel geschält, ich begnügte mich damit, meine nur anzuschauen, nur mit den Augen anzubeißen, quasi nur in ein ungeschlechtliches Verhältnis mit ihnen zu treten.
Abends, in meinem Zimmer, das mit seinen Lamellenfensterläden auf die von Stimmen durchrauschte Piazza hinausging, las ich noch etwas kreuz und quer zwischen Williams und Celan, ein richtiges Wechselbad.
Hier die Metaphernwucht Celans, diese prunkvoll geführten Hiebe mit Sprache und dort nur ganz magere Bilder, kaum ein Adjektiv, Gedichte, so unberauscht aber auch so klar wie ein Glas Wasser.
Dann stieß ich auf Celans Gedicht

DEN VERKIESELTEN SPRUCH in der Faust
vergißt du, daß du vergißt,

am Handgelenk schießen
blinkend die Satzzeichen an,

durch die zum Kamm
gespaltene Erde
kommen die Pausen geritten,

dort, bei
der Opferstaude,
wo das Gedächtnis entbrennt,
greift euch der Eine

Hauch auf

Ich fragte mich, warum Celan nicht „durch die zum Kamm / gesägte Erde /“ geschrieben hatte, denn durch Spaltung entstehen im Allgemeinen nicht Zwischenräume, sondern zwei Teile, aber als ich dann etwas tiefer ins Bild eindrang, wurde es mir doch schlüssig.
Am nächsten Morgen schrieb ich das obenstehende Gedicht, jedenfalls den ersten Entwurf.
Zunächst merkte ich gar nicht, daß da noch Reste der gestrigen Lektüre nachklangen.
Auch bei meinem Gedicht handelt es sich ja um ein Entzifferungsgedicht mit einem gewissen Bedrohlichkeitspotential.
Auch bei mir steht ja Kiesel für ein verschlossenes Alfabet.
„Vergißt du, daß du vergißt“ wird en passant aufgegriffen von „ich erinnere mich zu erinnern“ und was bei Celan der Fluch des Opfers, ist bei mir, wie es scheint, der Fluch des Schicksals.
Auch ein paar andere Anklänge sind wohl in meinem Kamm hängengeblieben. Die drei Schicksalsgöttinen, die Nornen, die das Buch des Schicksals schreiben, heißen in der Edda als die drei Geheimnisvollen: Die Hohe. Die Genausohohe. Und die Dritte sind ihre Namen. Ihr anderer Name lautet: Die Schreiberinnen. Hier wäre also das poetische Handgelenk, an dem Celans blinkende Satzzeichen anschießen (könnten).
Mit der Edda hatte ich mich kurz vorher beschäftigt. Mit Schicksalsgöttinen beschäftigte ich mich eigentlich immer wieder.
Obwohl meine eigentliche Vorliebe den griechischen Erinnyen oder Eumeniden gilt, die im Falle des Orest gedroht hatten, falls der Vatermord nicht entsühnt würde, einen Tropfen ihres Herzbluts zu Boden fallen zu lassen und Athen damit zu vernichten.
Das Herzblut ist dabei als ein Euphemismus für Menstruationsblut aufzufassen, mit dem auf alte matriarchalische Vorrechte gepocht werden sollte und Herzblut halte ich auch beim Gedicht für eine wichtige Sache.
Aus diesem Gemisch, (ein Wort, für das heute gerne der Ausdruck „Gemengelage“ verwendet wird, worunter man ursprünglich eigentlich den Zustand einer Ackerflur mit verstreut liegenden Parzellen bezeichnete), aus diesem Gemisch also aus Reise und Lektüre wird dieses Gedicht hervorgegangen sein und zu den Einflüssen hinzugefügt haben, was ihm von meiner ganz eigenen Sprache dazuwuchs. Auch Williams war ja nicht spurlos an meinem Gedicht vorübergegangen. Die schlanke Apfelpassage am Ende des Gedichts vollzieht fast die gleichen Fastenrituale wie etwa dessen Gedichte „Between Walls“ oder „This Is Just to Say“. Später entschloß ich mich, nur diesen letzten Teil zu den acht „capriccios“ in meinen Band wemut aufzunehmen, und verzichtete ganz auf das Übrige.

Damit könnte man es nun für unser Thema eigentlich belassen, aber ich möchte abschließend doch zugeben, daß so gut wie nichts stimmt von dem, was ich bisher erzählt habe.
Ich war zwar in Ravenna, Mailand und Turin, bin auch im Piemonte gewandert, aber zu anderer Zeit und unter anderen Umständen.
Ich habe zwar, sogar fast immer, Gedichtbände auf meine Reise mitgenommen, nie jedoch Celan.
Celan habe ich zur Kenntnis genommen, für sehr groß befunden, und Abstand gesucht.
Alle Gedichte, die nach Celan klingen und nicht von ihm selbst sind, sind unerträglich, – dies war mir schnell klar.
Williams hatte ich auch nie dabei, ich mag ihn, aber er ist nicht mein amerikanischer Lieblingsdichter und Borges würde ich nicht mit nach Italien nehmen, so wie ich in Spanien auch keinen Retsina trinken würde.

Ich wollte mit meinen Lügen von oben nur zeigen, wie leicht Dinge sich aufpolstern lassen und wie berechenbar Interpretation ist.
Im Allgemeinen, um mit meiner Meinung nicht hinter dem Berg zu halten, lasse ich mich nur höchst selten von Material zu Gedichten inspirieren, sondern bevorzuge als Anstoß meine Sinne.
Material definiert sich durch Brauchbarkeit, Anwendbarkeit und Festigkeit, welche alle dem Gedicht im Prinzip zuwiderlaufen.
Natürlich gilt dies nur tendenziell und mit der Einschränkung, Material im engeren Sinne als anstoßgebend aufzufassen.
Am aufregendsten finde ich ein Gedicht, in dem praktisch nichts zu finden ist als sein eigener Vorgang, so wie das Schneien der eigene Vorgang des Schnees ist.

Ich persönlich möchte durch Gedichte nicht informiert werden, nicht über Magellan, Kopernikus, Pasteur noch über Forensik, Fotografie oder sonst etwas. Ich habe noch nie durch ein Gedicht eine Information erhalten, die nicht eine völlig ungesunde Verallgemeinerung gewesen wäre.
Musik informiert mich ja auch nicht über Noten.
Gedichte, die in Materialbauten bestehen, fungieren meist als die höheren Kreuzworträtsel von Kulturbetriebsungetümen und bilden meist den äußersten Gegensatz zu dem, was man als das „pralle Leben“ bezeichnet.
Ich probiere Sprache so lange aus, bis sie ihren Widerstand aufgibt. Gelingt mir das, kanns losgehen.
Gelingt es mir nicht, habe ich Pech gehabt.

Aus Manfred Enzensperger (Hrsg.): Die Hölderlin Ameisen, DuMont, 2005

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