Gottfried Benn: Einsamer nie –

Benn/Schäfer-Einsamer nie –

ZWEI TRÄUME

Zwei Träume. der erste fragte,
wie ist nun dein Gesicht:
was deine Lippe sagte
oder das schluchzend Gewagte
bei verdämmertem Licht?

Der zweite sah dich klarer:
eine Rose oder Klee,
zart, süß – ein wunderbarer
uralter Weltenbewahrer
der Muschelformen der See.

Wird noch ein dritter kommen?
Der wäre von Trauer schwer:
Ein Traum der Muschel erglommen,
die Muschel von Fluten genommen
hin in ein anderes Meer.

 

 

Nachwort

Im März 1912 veröffentlicht der Berliner Verleger Alfred Richard Meyer als Heft 21 der Lyrischen Flugblätter Gottfried Benns Morgue und andere Gedichte. Übereinstimmend empört reagiert die etablierte Kritik; nur von wenigen Seiten kommt Zustimmung. Franz Pfemferts Zeitschrift Die Aktion öffnet der neuen Stimme ihre Spalten, von Ernst Stadler wird der unbekannte junge Dichter willkommen geheißen, von Else Lasker-Schüler wird er mit ekstatischen Worten begrüßt: „Jeder seiner Verse ist Leopardenbiß, ein Wildtiersprung. Der Knochen ist sein Griffel, mit dem er das Wort aufweckt.“
Am 2. Mai 1886 wird Gottfried Benn in einem evangelischen Pfarrhaus in Mansfeld (Westpriegnitz) geboren. Seit 1896 besucht er das Friedrich-Gymnasium in Frankfurt/Oder, wo er mit Alfred Henschke, dem späteren Dichter Klabund, Freundschaft schließt. Nach dem Abitur im Jahre 1903 nimmt Benn das Studium der Theologie und Philologie in Marburg auf und setzt es 1904 in Berlin fort. Ein Jahr später entschließt er sich zum Fakultätswechsel und beginnt 1906 an der Kaiser-Wilhelm-Akademie für militärärztliches Bildungswesen in Berlin das Medizinstudium. Der junge Mann, der pflichtbewußt und mit Erfolg seinen Studien obliegt, der 1910 den ersten Preis der Medizinischen Fakultät der Universität Berlin erhält, hat seit 1910, ohne damit besonderes Aufsehen zu erregen, Gedichte veröffentlicht. Mit Morgue ist ihm der künstlerische Durchbruch gelungen, mit diesem Zyklus hat er die traditioneller Naturlyrik verhafteten Gedichte seines Anfangs überwunden. Benn resümiert nach zwanzig Jahren: „Schon diese erste Gedichtsammlung brachte mir von seiten der Öffentlichkeit den Ruf eines brüchigen Roués ein, eines infernalischen Snobs und des typischen… Kaffeehausliteraten, während ich auf den Kartoffelfeldern der Uckermark die Regimentsübungen mitmarschierte und in Döberitz beim Stab des Divisionskommandeurs im englischen Trab über die Kiefernhügel setzte.“
Als Militärarzt auf Grund eines Leidens ausgemustert, folgt eine kurze Zeit in der Psychiatrie, aus welcher Benn sich als ungeeignet zurückzieht; er arbeitet als Pathologe und Serologe in Berlin. Mit zunehmender literarischer Produktivität veröffentlicht er seit 1912 in Die Aktion, mitunter auch in Herwarth Waldens Der Sturm, wobei sich allmählich die Beziehung zur Aktion verstärkt; auch Das neue Pathos und Die weißen Blätter zählen ihn bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieges zu den ständigen Mitarbeitern. Im Aktions-Kreis kommt Benn mit Franz Pfemfert, Carl Einstein, Paul Zech und Alfred Lichtenstein zusammen. Freundschaft verbindet ihn mit Else Lasker-Schüler.
Im Oktober 1913 erscheint – mit einer Widmung an die Lasker-Schüler – der zweite Gedichtband Söhne, dessen) Gedichte „D-Zug“, „Cafe“, „Kurkonzert“, „Untergrundbahn“, „Schnellzug“, „Der junge Hebbel“ zu den bemerkenswerten des Expressionismus gehören werden.
1914 fährt Benn für einige Monate als Schiffsarzt nach den USA. Im Juni kommt er aus New York zurück und wird im August als Militärarzt an die Westfront beordert. Im Oktober an das Militärgouvernement nach Brüssel versetzt, stationiert man ihn als Arzt an einem Prostituiertenkrankenhaus.
Zahlreiche Gedichte entstehen in jener Zeit, die in der Aktion, im Sturm, in Pan und in Die weißen Blätter veröffentlicht werden. In Brüssel schreibt Benn auch die sogenannten Rönne-Novellen, die 1916 unter dem Titel „Gehirne“ in Kurt Wolffs Sammlung Der jüngste Tag erscheinen. Ein Jahr später veröffentlicht der Verlag Die Aktion, als dritten Band der Aktions-Lyrik, Fleisch. Gesammelte Lyrik. Benn unterhält zahlreiche Kontakte zu deutschen Schriftstellern, die durch die Kriegsereignisse in Brüssel zusammengeweht werden, so mit Carl Einstein, Otto Flake, Wilhelm Hausenstein und Carl Sternheim.
Ende 1917 hat Benn eine Praxis als Spezialarzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten in Berlin SW eröffnet. Zur wichtigen expressionistischen Anthologie Menschheitsdämmerung, die Kurt Pinthus 1920 veranstaltet, steuert er neben acht Gedichten zwei autobiographische Sätze bei: „Geboren 1886 und aufgewachsen, in Dörfern der Provinz Brandenburg. Belangloser Entwicklungsgang, belangloses Dasein als Arzt in Berlin.“ – In jener Zeit liegt die erste Phase seiner literarischen Entwicklung bereits hinter ihm. Schon in Brüssel hat sich ein Neubeginn angekündigt. Unter die expressionistische Periode ist ein kategorischer Strich gezogen. Das „neue“ Bewußtsein bietet sich in Benns Resümee „Epilog und lyrisches Ich“ ernüchternd dar: „… siebenunddreißig Jahre und total erledigt, ich schreibe nichts mehr – man müßte mit Spulwürmern schreiben und Koprolalien; ich lese nichts mehr – wen denn? die alten ehrlichen Titaniden mit dem Ikaridenflügel im Stullenpapier? ich denke keinen Gedanken mehr zu Ende…“
Die geistige Situation Gottfried Benns, seine Negation der „Begriffswelt“, seine Hinwendung zum Mythischen, wie er sie in dem Essay „Das moderne Ich“ (1920) begründet, setzt Zeichen für einen deutlichen Wandel seines Weltbildes, für eine Abkehr von der ziellosen Protesthaltung der Frühzeit und für eine scharfe Konfrontation mit „Intellektualismus“ und Zivilisationsgedanken, für eine direkte Absage an das „Zeitalter der Aufklärung“, an das neunzehnte Jahrhundert der Ratio und der Entwicklungs-Idee. Sie kennzeichnen den Raum, in dem sich schließlich am Ende des Jahrzehnts seine vom Irrationalismus beförderte Faszination durch den Faschismus vorbereitet.
Vor allem die Schriften „Der neue Staat und die Intellektuellen“ (1933) und „Kunst und Macht“ (1934) sind es, in denen sich Benn mit der faschistischen Ideologie identifiziert und zum Apologeten des Regimes wird. Sie deuten retrospektiv das Ausmaß der geistigen Gefährdung des Dichters schon für das Ende der zwanziger Jahre an. Die Identifizierung mit dem NS-Regime stellt sich bei Benn allerdings niemals komplex dar. Und 1934 beginnt der Rückzug; wenigstens für seine Person begreift Benn immer deutlicher, daß er einem entsetzlichen Irrtum aufgesessen ist. Mancherlei Beschimpfungen und Drangsalierungen tun ein übriges, um ihn abzukühlen. Um den zunehmenden Schwierigkeiten auszuweichen, beginnt er eine Fluchtposition auszubauen. Er scheidet aus der Mitgliedschaft der Deutschen Akademie der Dichtung aus und sucht, wie er es formuliert, die „aristokratische Form der Emigration“, indem er sich als Militärarzt reaktivieren läßt. Für mehrere Jahre verläßt Benn Berlin, um in Hannover, später wieder in Berlin und in Landsberg (a.d. Warthe) Dienst zu tun. Weitere Angriffe, besonders durch die NS-Presse (Das schwarze Korps und Völkischer Beobachter) folgen 1936, nach seinem fünfzigsten Geburtstag, und als Reflex auf einen im gleichen Jahr veröffentlichten Gedichtband. Ein Jahr später gelingt es Benn, sich nach Berlin, der für ihn wesentlichen Stadt, zurückversetzen zu lassen. Die Attacken gegen ihn nehmen ihren Fortgang; im Jahr 1938 wird er aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen und endgültig mit Veröffentlichungsverbot belegt. Außer einem Privatdruck, Zweiundzwanzig Gedichte (1943), hat Benn in jener Zeit keinen Band mehr zum Druck geben können. Doch gerade diese Jahre sind reich an neuen Gedichten, an Prosastücken und Essays.
Mit Beginn des Jahres 1945 ist Benn wieder in Berlin ansässig; er eröffnet eine Praxis, die er bis zu seinem Tode betrieben hat. Mit der Veröffentlichung der Statischen Gedichte (1948), dem Prosaband Der Ptolemäer 1949, den Essays der „Ausdruckswelt“ und anderem kehrt er in die literarische Arena zurück. Am 7. Juli 1956 stirbt Gottfried Benn in Westberlin. Der Ruhm hat ihn wenige Jahre vor seinem Tode eingeholt.
Das Exemplarische und das Besondere des Dichters Gottfried Benn ist nicht ohne die theoretische Komponente zu sehen, in deren Zeichen das Werk steht. Infragestellen der Welt hat schon der junge Benn bis zum Extrem getrieben. Die Zeichnung krasser Leidenssituation in seiner „Sektionslyrik“ ist aber niemals nur ästhetisch fundiert, sie verharrt nicht in literarischer Attitüde. Sie entspringt der Konfrontation mit Wirklichkeit, die ihm bereits vor dem ersten Weltkrieg tief fragwürdig und ausweglos erscheint. Das Erlebnis des Krieges befördert die schon früher begonnene Anlehnung an Friedrich Nietzsche: „Denn was uns selbst angeht, unser Hintergrund war Nietzsche…“
Die Rönne-Prosa signalisiert Benns Negierung der herkömmlichen Begriffswelt. Dr. Rönne, eine Schlüssel- und Demonstrationsfigur, findet sich in einer von ihm als sinnlos und chaotisch erlebten Welt. Die Problematik der „Novellen“ mit dem mühelos als Dr. Benn zu erkennenden Protagonisten Rönne indiziert Verbindung mit restaurativer Weltanschauung, die mit dem Eintritt Deutschlands ins imperialistische Zeitalter zu grassieren beginnt. Die seit 1919 zunehmend antihistorische, antizivilisatorische und antidemokratische Haltung Benns findet ihre Nahrung aber nicht nur in steter, sein Leben begleitender Auseinandersetzung mit dem Phänomen Nietzsche. Das Erlebnis des Krieges, seine Sicht der Nachkriegssituation bestätigt sich für ihn in Theorien wie der Kulturkreislehre Oswald Spenglers.
Die Vorgeschichte von Benns „Einmünden“ in den Faschismus ist weit gefächert, und sie besitzt viele Seiten. Schlaglichtartig wird seine Position und die demokratische und sozialistische Gegenposition durch einen Streit erhellt, der 1929 in und um „Die neue Bücherschau“ geführt wird und seine Fortsetzung in einer Rundfunkdiskussion zwischen Johannes R. Becher und Gottfried Benn findet. Es geht dabei um den Standort des Schriftstellers in der Kunst der Zeit. In der Auseinandersetzung zwischen Becher und Benn wird die gegensätzliche Rollenauffassung von Literatur klar erkennbar. In direkter Polemik gegen Becher, der seine schriftstellerische Arbeit in den Dienst der Arbeiterklasse und des Menschheitsfortschritts stellt, polemisiert Benn gegen das ihm sinnlos erscheinende Unterfangen, jemandem – und sei es der ausgepowerte Arbeiter – „helfen“ zu wollen und helfen zu können:
„Soziale Bewegungen gab es doch von jeher. Die Armen wollten immer hoch und die Reichen nicht herunter: Schaurige Welt, kapitalistische Welt, seit Ägypten den Weihrauchhandel monopolisierte und babylonische Bankiers die Geldgeschäfte begannen… und immer die Gegenbewegungen: mal die Helotenhorden in den kyrenischen Gerbereien, mal die Sklavenkriege in der römischen Zeit, die Armen wollten hoch und die Reichen nicht herunter, schaurige Welt, aber nach drei Jahrtausenden Vorgang darf man sich wohl dem Gedanken nähern, dies sei alIes weder gut noch böse, sondern rein phänomenal.“
Die Ablehnung des Entwicklungsgedankens verstellt Benn merklich die Sicht auf das Gesellschaftswesen Mensch. Wut und Verzweiflung, Benns oft schwer zu ergründender Haß auf die „kapitalistische Welt“ wirken in ihrer Intensität erstaunlich. Seine Attacke erweist sich aber schließlich eher als eine andere Form von heftiger Klage, von aggressiver Trauer über die „Nivellierung aller Werte“. Seine konservative Position des Bewahrenwollens „alter Bindungen“ agiert oft in der Pose des Rebellen und mit dem Pathos des antikapialistischen Revoluzzers. Das von ihm attackierte „Leben“, das jede Substanz verloren habe, das sich in der Produktion und Reproduktion eines unschöpferischen Durchschnittsmenschen, des „Zivilisationstyps“, erschöpfe, erscheint ihm absolut sinnentleert. Der Verlust jedes „höheren“ metaphysischen, mythischen Gehalts im bürgerlichen Dasein gilt ihm als Sinn-Verlust des Lebens selbst: „Es ist ein Irrtum, anzunehmen, der Mensch habe noch einen Inhalt oder müsse einen haben. Der Mensch hat Nahrungssorgen, Familiensorgen, Fortkommenssorgen, Ehrgeiz, Neurosen, aber das ist kein Inhalt im metaphysischen Sinne mehr…“, sagt er in seinem Vortrag „Nietzsche – nach fünfzig Jahren“ (1950). Und dann übersteigert Benn vollends, wenn er feststellt: „Es ist überhaupt kein Mensch mehr da, nur noch seine Symptome.“
Der vehemente Hang Gottfried Benns zur Transzendenz, der sich mit antidemokratischen Tendenzen und Ressentiments vermischt, führt ihn zu genereller Ablehnung von Geschichte und Wirklichkeit. Der Weltekel des eigentlich nüchtern ansetzenden Analytikers Benn führt ihn als Feind des „Nihilismus“ zu immer neuem Evozieren des so empfundenen „Chaos“, des keiner höheren Ordnung mehr unterworfenen Daseins. Wenn auch modifiziert, kreist das Denken stets um den gleichen Pol: Es gibt keinen Sinn im Leben und in der Geschichte. Im nachgelassenen Essay „Der Radardenker“ heißt es resignierend: „Unsereins sucht überall Zusammenhänge, aber findet keine, auf der Jagd nach Einzelheiten verbringt man sein Leben.“ Diese Haltung mischt sich untrennbar mit Trauer und Melancholie, besonders angesichts der „Unbarmherzigkeit“ von Natur, angesichts von „Gleichgültigkeit“ in der Menschengesellschaft. Allenthalben stößt man in Benns Œvre auf den Zwiespalt eines großen dichterischen Ansatzes und Einsatzes einerseits und andererseits auf eine stets relevante, agnostisch tendierende Denkweise, eine zur realistischen Analyse untaugliche Weltauffassung.
Als Benn im Frühjahr 1935 aus bisherigen Bindungen sich löst, hinter Kasernenmauern sich bergen zu müssen glaubt, sogar Berlin für Jahre verläßt, liegt eine Zeit großer Wirrnis und Enttäuschung hinter ihm. Die ersten Monate nach dem faschistischen Machtantritt sind für ihn noch voll falscher Hoffnungen. Als die Sektion für Dichtung der Preußischen Akademie der Künste, deren ordentliches Mitglied er seit 1932 ist, einer „Selbstreinigung“ unterzogen wird und ihre hervorragendsten künstlerischen Persönlichkeiten verstößt, bleibt nur eine kleine Anzahl der „alten“ Mitglieder zurück. Auch Benn bleibt. Es ist die Zeit seiner Identifizierung mit dem Faschismus. Mit grundsätzlichen Schriften beteiligt er sich an Bekundungen für das neue Regime.
Am 24. Mai 1933 trägt Benn seine „Antwort an die literarischen Emigranten“ im Rundfunk vor und reagiert damit auf einen an ihn gerichteten offenen Brief Klaus Manns aus Frankreich. In seinem Schreiben hatte Mann den Versuch unternommen, das komplizierte Phänomen eines auf die falsche Seite Geratenen auf eine Formel zu bringen. So sehr vereinfacht sie auf den ersten Blick erscheint, so entschieden die Argumente vom Adressaten zurückgewiesen werden, so folgerichtig stellt sich Klaus Manns Argumentation noch heute dar: „… In welcher Gesellschaft befinden Sie sich dort? Was konnte Sie dahin bringen, Ihren Namen, der uns der Inbegriff des höchsten Niveaus und einer geradezu fanatischen Reinheit gewesen ist, denen zur Verfügung zu stellen, deren Niveaulosigkeit absolut beispiellos in der europäischen Geschichte ist und von deren moralischer Unreinheit sich die Welt mit Abscheu abwendet?… Wer versteht Sie denn dort? Wer hat denn dort nur Ohren für Ihre Sprache, deren radikales Pathos den Herren… höchst befremdlich wenn nicht als der purste Kulturbolschewismus in den Ohren klingen dürfte?…“
Klaus Mann kommt zum weltanschaulichen Kern der Sache, wenn er feststellt: „… Es scheint ja heute ein beinah zwangsläufiges Gesetz, daß eine zu starke Sympathie mit dem Irrationalen zur politischen Reaktion führt, wenn man nicht höllisch genau achtgibt. Erst die große Gebärde gegen die ,Zivilisation‘ – eine Gebärde, die, wie ich weiß, den geistigen Menschen nur zu stark anzieht −; plötzlich ist man beim Kultus der Gewalt, und dann schon beim Adolf Hitler. –“
Die späte Erklärung Benns – aus dem Jahr 1950 – über die damalige „innere Bedrängnis, in der ich stand… Ich glaubte an eine echte Erneuerung des deutschen Volkes, die einen Ausweg aus Rationalismus, Funktionalismus, zivilisatorischer Erstarrung finden würde“, bestätigt die Schlußfolgerungen Klaus Manns nur noch. „Innere Bedrängnis“ soll Benn nicht bestritten werden; in jenen ersten Monaten der braunen Herrschaft scheint sie als Haltung des Autors kaum zum Tragen gekommen zu sein. Jedenfalls wird das weder in der Akademie der Künste sichtbar, als seine Bedenklichkeit offensichtlich nicht ausreicht, um den drangsalierten Künstlerkollegen auch nur ein Quentchen Solidarität zu beweisen, noch angesichts der allgemeinen kulturellen „Gleichschaltung“, der barbarischen Bücherverbrennungen und Verbote, noch besonders angesichts des maßlosen physischen Terrors, der zu jener Zeit Deutschland überflutet. Gottfried Benn, der es schon in der Weimarer Republik weit von sich gewiesen hatte, Schriftsteller als „Lieferanten politischen Propagandamaterials“ (Max Herrmann-Neiße) zu akzeptieren, wird nun zeitweise zum Propagandisten der braunen Usurpatoren. Den in ihrer Existenz bedrohten Exilierten bestreitet er in dem erwähnten Radio-Vortrag nicht nur das Recht, im Namen Deutschlands aufzutreten, er spricht ihnen auch das Empfinden ab, „den ihnen so fremden Begriff des Volkes nicht gedanklich, sondern erlebnismäßig, nicht abstrakt, sondern in gedrungener Natur in sich wachsen zu fühlen…“.
Wiederum erweist sich Geschichte als neuralgischer Begriff für Benn, an Hand dessen er seine Position abzustecken versucht. Er hält den Exilierten vor, sie begriffen „die Geschichte nicht weiter als den Kontoauszug…, den Ihr bürgerliches Neunzehntes-Jahrhundert-Gehirn der Schöpfung präsentierte“, er erhebt den Vorwurf, sie übersähen ganz und gar die anthropologische Dimension der jüngsten Ereignisse.
Eines der frappierendsten Merkmale der Bennschen „Antwort“ ist zweifellos ihr Mangel an Humanität, ihre in der Berührung mit dem Regime sich hervorkehrende politische Substanzlosigkeit, die, an den braunen Fanatismus sich anlehnend, nicht davor zurückschreckt, NS-Tagesagitation zu rekapitulieren. Daß solche Versuche, das Regime zu umarmen, einer realen Einschätzung faschistischer Politik und Zielsetzung wie der Bestimmung der persönlichen Situation in keiner Weise entsprechen, muß Benn schmerzhaft erfahren. Spätestens im Sommer 1934 beginnen seine Ablösungsversuche vom Nazismus. Im Essay über den „Expressionismus“, entstanden im Herbst 1933, finden sich eingangs die Worte: „Das Maß an Interesse, das die Führung des neuen Deutschlands den Fragen der Kunst entgegenbringt, ist außerordentlich…“ In einem Brief an den Freund Friedrich Wilhelm Oelze heißt es am 24.11.1934: „Die Worte im Anfang des ,Expressionismus‘ sind aus dem vorigen Jahr, als noch viel Glaube, Liebe, Hoffnung war, heute würde ich sie gewiß nicht schreiben. Heute würde ich schreiben: ,Die Fresse von Caesaren und das Gehirn von Troglodyten‘…“ An den selben Adressaten formuliert Benn in einem Brief vom Mai 1936, mitten in den Auseinandersetzungen um die Angriffe der NS-Presse gegen seine Person:

… Den einen bekämpft man, weil er ostisch ist, den anderen, weil er mediterran ist, den dritten, weil er humanistisch ist, den vierten, weil er christlich ist – alles bekämpfen sie, bloß selber leisten, das können sie nicht. Ausmerzen, abtöten, niederhalten, diese Seite der Züchtung beherrschen sie, aber die andere: die Schöpfungskraft ahnend führen und erweitern, schweigend sie leiten, im Dunkel sie gebären lassen, das ist nicht Sieghaft genug, unnordisch, davon ahnen sie nichts…

Ein Mitläufer der Nazis im einschichtigen Sinn, ein Karrierist, auf Posten und öffentliches Ansehen im „neuen Reich“ spekulierend, ist Benn sicher nicht gewesen. Er „wurzelt“ auch nicht „in dem gleichen Boden, in dem das erneuerte Deutschland in seinen letzten Tiefen wurzelt“, wie ein bombastischer Klappentext aus den dreißiger Jahren ihn mit Haut und Haaren für das NS-Regime vereinnahmend feststellen zu können glaubt. Doch seine radikalistische Zivilisationskritik hat ihn in die gleiche Richtung und an das nämliche Tor geführt, hinter dem auch die Vernichtung alles Geistigen anhebt und vor dem er schließlich erschrocken haltmacht.
Der Rang des Bennschen Werkes – „trotz“ des vielfach gescholtenen totalen Pessimismus und „trotz“ einer Ideologie ästhetischen Hochmuts – erklärt sich wohl nicht allein aus poetisch geschickt arrangiertem „Krisenbewußtsein“. – Zunächst einmal scheint es nicht immer überzeugend, was von Kritikern des Dichters konstatiert wird, das lyrische Werk enthalte keine konkreten Sujets. Wenigstens der frühe Benn hat den konkreten Konzentrationspunkt menschlichen Leidens mit inbrünstiger Verzweiflung dargestellt. In der angesichts von Qual oft zynisch gebrochenen Gestalt „würdiger“ Worte wird Äußerstes an Leid, an physischer Verrottung und psychischer Belastung vorgeführt. Zu Beginn des dichterischen Aufbruchs, in den Bänden Morgue und Söhne, findet sich, wenn auch ohne historische Komponente und ohne soziales Engagement, ein zielloser antikapitalistischer Protest, der, obwohl ihm deutlich das signifikante expressionistische „Menschheitspathos“ fehlt, bei seinem Auftreten doch starken Eindruck hinterläßt. In Carl Sternheims Kampf der Metapher (1918) lesen wir: „Einer der wenigen, die bei des Nachwuchses Musterung ich tauglich fand, morsche Vorstellungen aus Fesseln zu lösen, ihr Essentielles auf heutige Lebensfähigkeit zu prüfen und sogar neue Weltatmosphäre hinzu zugewinnen, sei früh genug genannt, daß die Interessierten schon jetzt auf fernerem Lebensweg ihn begleiten können: Gottfried Benn. Zwei schmale Hefte liegen gedruckt von ihm vor: Fleisch, Verse, und Gehirne, Prosastücke. Im Verlag der Aktion jenes, dies bei K.W. Wolff. In ihnen wird seit Ernst Stadlers Versen zum erstenmal Menschliches in deutscher Sprache wieder vorwärts gestoßen. Benn ist der wahrhaft Aufständische. Aus den Atomen heraus, nicht an der Oberfläche revoltiert er; erschüttert Begriffe von innen her, daß Sprache wankt und Bürger platt auf Bauch und Nase liegen.“
Stets hat sich Benn zur expressionistischen „Generation“ bekannt, sogar in der für ihn schwierigen Situation bald nach der faschistischen Machtergreifung. In seinem politisch durchaus zwiespältigen Essay „Expressionismus“ von 1933 bekennt er sich ausdrücklich zu diesem wichtigen literarischen Strom und beharrt darauf, sich „psychologisch in seinem Reich zu bewegen und seine Methode… als mir eingeboren zu empfinden…“. Das kann nicht bedeuten, daß Benn damit auch solche Grundpositionen des Expressionismus wie gesellschaftliches Engagement und Suche nach neuer Gemeinschaft akzeptieren will. Dennoch ist er mit einem gewichtigen Teil seines Werkes jener Entwicklung verhaftet. Auch er bricht mit lyrischen Konventionen, auch er predigt den Aufstand der Söhne gegen die Väter und gegen die bürgerliche Idylle. Mit glänzender Nonchalance und in grimmigem Ton provoziert er mittels Instrumenten aus dem Arsenal des Expressionismus. Er inszeniert die Welt der Kranken, des Irreseins, der Huren und Zuhälter, der Kriminellen und anderer Außenseiter der Gesellschaft. Er leistet Besonderes. Sein Erlebnis-Reservoir ist reicher gefüllt, und sein Sprachmaterial ist prägnanter als das so manches Mitstreiters. Er setzt satirische und ironische Mittel ein, ohne daß sie in systematische Gesellschaftskritik oder gar in revolutionäre Tendenz einmündeten.
Die „Sektionslyrik“ von Morgue, deren klinische Kühle, deren „wie unbeteiligte Sachlichkeit“ (Stadler) Erschütterung und Verzweiflung dennoch nicht verhehlt, wird schon im Band Fleisch von 1917 in der „weltanschaulichen“ Überhöhung physischen Verfalls zu einer Negation des „Menschheitsaufbruchs“ geführt. Es kommt gleichsam zur Absage an Hoffnung und Zukunft für den „abendländischen Menschen“. Die Verneinung des „utilitaristischen“ Denkens trifft – im Essay wie im Gedicht jener Jahre – Vergangenheit und Gegenwart, bürgerlichen Fortschrittsglauben wie soziale Utopie; sie wendet sich bereits gegen sozialistische Gesellschaftsvorstellung.
Zu Beginn der zwanziger Jahre geht Benn zunehmend auf die Positionen einer melodisch-melancholischen Klage über, zur Feier eines rauschhaft-irrationalen Bewußtseinszustandes, des monoman monologisierenden Ich. „Die Krone der Schöpfung, das Schwein, der Mensch…“ – diese bis in die Diktion von Nietzsche beeindruckte Haltung des jungen Dichters wird vom Beginn des zweiten Jahrzehnts durch Hinwendung zu Rausch und Mythe ersetzt. Traumlande tauchen auf, „südliches Wort“, mittelmeerische Welt werden beschworen, Vorzeit wird erinnert. Sehnsucht nach dem Zustand des Urahns, nach der Herrschaft des Totems, des „Schleims“, der „Monade“ wird evoziert. Umrisse eines Plateaus werden erkennbar, dessen „Harmonie“ im Zeitalter der Erkenntnis und des Entwicklungsgedankens „zerstört“ wurde.
Der Einschnitt, die Wende wird von Benn schon für die Brüsseler Zeit fixiert: „… das Leben schwang in einer Sphäre von Schweigen und Verlorenheit, ich lebte am Rande, wo das Dasein fällt und das Ich beginnt…“ Ein grundsätzlich veränderndes Erlebnis deutet sich an. Carl Einstein hat den Übergang so beschrieben:

Die frühen Gedichte Benns weisen noch dualistische Außenmotive, doch deren Wirkung ist entsetzte Flucht. Es folgen Gedichte des Sichwegschlafens, der Betäubung, Gedichte einer schmerzhaften Katharsis. Zeitlich mögen dann einige Hymnen der Liebe folgen. Dann wird alles nach außen gestellte Du selten. Nun beginnen die Hymnen vom Selbst. Anrufung des Alleinseienden an die eigene Seele tönt auf, man endet in autistischer Beschwörung…

Die Welt erscheint sinnlos; nur noch Einzelheiten vermag der Dichter wahrzunehmen. Allenthalben stößt er auf die „Vergreisung“ von Zivilisation, mit Nietzsche stellt er die Nivellierung aller höheren Werte fest. So sehr Benn gegen den „Nihilismus“ Sturm läuft, so sehr lebt er in diesem Gefühl, macht er sich zur dichterischen Stimme der „Inhaltlosigkeit“ menschlichen Daseins. Aus der „Sinnlosigkeit“ der Gegenwart flieht er in die von ihm romantisierte Vorzeit des Menschen. Seine Gedichte gedeihen zum Amalgam aus Traum, Beschwörung, Mythe, anthropologischem Material und „Rückerinnerung“ durch Imagination.
Diese Poesie brillant formulierten Weltekels ist weitgehend restaurativem Denken verpflichtet. Darüber vermag kein noch so wegwerfender Gestus antikapitalistisch sich gebärdender „Kritik“ hinwegzutäuschen. Realitätsflucht charakterisiert die Dichtung. Benns Ablehnung von Geschichte, von Ratio, von „utilitaristischer“ Wissenschaft wird durch seinen Hang zur Transzendenz entschieden befördert. Aufklärung und Wissenschaft brachten nach Benn nichts als Verfall, Zerstörung, Sinnlosigkeit des Daseins.
Diese im Sinne Nietzsches regressive Kulturkritik, die im weiteren durch Gedanken von Dacqué, Frobenius, Klages und Spengler aufgeladen wird, findet auch in den Gedichten prägnanten Ausdruck. Die Klage, „ein armer Hirnhund“ zu sein, „der Stirn so satt“, deutet den Hang zur Transzendenz und die Wendung gegen Rationalismus zeitig an. Seiner „Apotheose des Nichts“ entspricht Benns verzweifelte Konstatierung der Sinnlosigkeit und Leere der Welt.
Die „Schöpferische Konfession“ von 1920 zielt bereits auf das Wesen dieser Dichtung: „Mich sensationiert eben das Wort ohne jede Rücksicht auf seinen beschreibenden Charakter rein als assoziatives Motiv, und dann empfinde ich ganz gegenständlich seine Eigenschaft des logischen Begriffs als den Querschnitt durch kondensierte Katastrophen. Und da ich nie Personen sehe, sondern immer nur das Ich, und nie Geschehnisse, sondern immer nur das Dasein, da ich keine Kunst kenne und keinen Glauben, keine Wissenschaft und keine Mythe, sondern immer nur die Bewußtheit, ewig sinnlos, ewig qualbestürmt – so ist es im Grunde diese, gegen die ich mich wehre, mit der südlichen Zermalmung, und sie, die ich abzuleiten trachte in ligurische Komplexe bis zur Überhöhung oder bis zum Verlöschen im Außersich des Rausches oder des Vergehens.“ Die Wendung zu mittelmeerischer Weh, zu antiker Mythe, das Registrieren des „ewig gleichen Verfalls“ geschieht nun im beruhigten Tonfall eines, der sich mit der „Melancholie des Nichts“ abfindet. Das „späte Ich“ Benns erlebt die „Glücke des Namenlos“ zwar als „Chaos“, aber anstelle des früheren Selbsthasses tritt nun weiches Einverständnis mit Verzicht, Identifizierung mit „der Zeiten und Zonen leerer Melancholie“. Das Bekenntnis zur Sinn-Losigkeit des Daseins, nicht mehr das Wüten dagegen, charakterisiert das Melos des Bennschen Gedichts. Das Einverständnis mit dem Bewußtsein vom „Ende“, Passivität gegenüber der Provokation durch das „Nichts“ kennzeichnet schon die Gedichte der zwanziger Jahre. Dem Künstler bleibt lediglich das Einverständnis mit dem Vorgefundenen, mit dem „Finalzustand“ der Welt, dem er dichterischen Ausdruck zu verleihen hat.
Seit den dreißiger Jahren und in den vierziger Jahren, vor allem in den Statischen Gedichten, wird sichtbar, daß Benns „tragisches“ Bewußtsein als das „absolute Ich“ dichterische Gestalt annimmt. „Das von Benn ,vertretene Reich‘ ist das ,des Gegenglücks, des Geistes‘“, sagt Alfred Andersch. „Eigentümlich ist aber, daß trotzdem keine reine Gedankenlyrik entsteht, sondern etwas Höheres: eine Art Wort-Magie, die nicht weiter erklärt werden kann. Alle diese Gedichte beherrscht ein tiefer Leidenszug und das Gefühl einsamer, resignativer Größe…“ – Fern von sozialer Bezüglichkeit, fern vom frühen Reflex konkreten Leidens wird müde, resignierte Kälte, sterbende Schönheit in einer von Untergängen erfüllten Welt zelebriert. Monologische Ich-Besessenheit, Fatalismus und beharrliche Agnostik bestimmen den dichterischen Impetus. „Statik also heißt Rückzug auf Maß und Form“, sagt Benn, „es heißt natürlich auch ein gewisser Zweifel an Entwicklung, und es heißt auch Resignation…“
Eine Dichtung, die sich entschieden der Wortmagie bedient – „die Dinge mystisch bannen durch das Wort“ −, eine Dichtung, die als Ausdruck der „Autonomität“ der Kunst gesehen werden will, wird nicht mit herkömmlichen Mitteln angestrebt. Die Beschwörungsformeln und Worthäufungen des Bennschen Gedichts zielen in ihrer unbegrenzten Subjektivität nicht auf Sinnzusammenhang. Eher geht es Benn um eine „musikalische“ Komponente, das Herstellen eines „Tons“ im Gedicht. Als Ausdruck von Entfremdung, als Nebeneinander des Unvereinbaren läßt der Autor den Beziehungsreichtum des Textes spielen, meidet er Eindeutigkeit und das Ausführen von Bildern. Die Kunst der Bennschen Anspielung, des beziehungsreichen Andeutens eröffnet ein weites Feld der Identifizierung zwischen Lust und Trauer, Trance und Luzidität.
„Sinnlose Existenzen“ werden als ewige Wiederkehr des „Bagno“ gezeichnet. Angesichts dessen wird wieder und wieder die Frage nach dem Wozu, nach dem Sinn artikuliert. Trauer über eine götterlose Welt findet ihre Entsprechung im „tragischen“ Ich-Bewußtsein des Dichters, dem erst spät die „relativierende“ Einführung eines „schöpferischen Geistes“ begegnet. In der einzigen Funktion, formal bändigend zu wirken, wird er inauguriert. Das späte Bekenntnis zur Form als Sinn einer poetischen Konfession, als Gegengewicht zum Chaos, gibt zugleich die Möglichkeit des Einverständnisses mit dem „Finalzustand“ der (kapitalistischen) Welt.
Das Wortmaterial des Bennschen Gedichts – medizinischer Bericht, naturwissenschaftlich-philosophisches Vokabular, griechische Mythe, versetzt mit Argot, Modewort und Neologismen – wird kontrastierend, auch parodistisch, montiert und steigert sich zu perfekt kalkulierter Wortmagie. Assoziativ und alogisch unterbrechend, provokant und melancholisch reiht sich im Gedicht der Überfall durch Sprache. Die Zeichnung der Apokalypse der Anatomie wie das spätere Zelebrieren des Rausches und der Trauer – in klassischem Formenkanon und in artistischer Bemühung – erzielt in der Montagekunst des Dichters, im funkelnden und oszillierenden Nebeneinander des Heterogenen, eine euphorisch-kalte Spannung. Der Autor bleibt in diesem Spannungsfeld immer Gefangener der Resignation, von der Wirklichkeit weitgehend isoliert durch einen philosophisch grundierten Nihilismus, Dabei gelingen ihm souveräne Mischungen, die seinen lyrischen Gestus zu formal vollkommenen Gebilden kristallisieren lassen, und in denen auch, ausgehend von Entfremdungskritik, Sehnsucht nach menschlicher Größe aufkeimt.
Der Glanz seines elitären Ästhetizismus verschafft dem Namen Benn in den fünfziger Jahren auf eine Weise Geltung, die das Exemplarische so manchen Gedichts und Prosatextes in den Sog von Modetrends und provoziertem Tagesbeifall geraten lassen. Dieses späte Echo, der verspätete Erfolg des Autors, kommt nicht von ungefähr. Der Suggestion durch die Sprachmagie Benns erliegen ratlose Intellektuelle und junge Dichter um so eher, als sie vor allem im Bennschen Spätwerk Sinn-Gebung und künstlerisch formal überzeugende Realisierung ihrer Existenznöte erblicken zu können glauben. Die Fortune des alten Benn ist nicht ohne den politisch-kulturpolitischen Hintergrund restaurativer Nachkriegsentwicklung in der Bundesrepublik erklärlich. Vor allem die Würdigung des Agnostischen und Isolationistischen im Bennschen Werk, das Hervorheben des Elitären und Ästhetizistischen in seiner Dichtung geschieht im Rahmen einer zeitweiligen Konsolidierung der spätbürgerlichen Gesellschaft. Benn wird von konservativer Kulturkritik ostentativ, mit deutlicher Konfrontation zum sozialistischen Gesellschaftsideal und zu realistischer Literatur, als der große alte Mann, als der größte zeitgenössische deutsche Dichter stilisiert. Nur auf dieser Ebene erklärt sich der zum Teil spektakuläre Beifall gegenüber einem anspruchsvollen und nicht eben leicht zugänglichen Werk.
In seinem Essay „Probleme der Lyrik“ von 1951 hat der Dichter ein entschiedenes Plädoyer für den Begriff der Artistik gehalten, als „Versuch der Kunst, innerhalb des allgemeinen Verfalls der Inhalte sich selber als Inhalt zu erleben und aus diesem Erlebnis einen neuen Stil zu bilden, es ist der Versuch, gegen den allgemeinen Nihilismus der Werte eine neue Transzendenz zu setzen: die Transzendenz der schöpferischen Lust“.
Der schließliche und ausdrückliche Verzicht auf „Inhalte“ im Gedicht, auf stoffliche Reflexe zu Geschichte und Gegenwart korrespondiert bei Benn aufs engste mit Weltflucht, Wiederholt bekennt er sich zum monologischen Gedicht, das für ihn in einer „erbarmungslosen Leere“ entsteht, da, wo es „kalt, tiefblau“ ist, „und das Menschliche zählt nicht dazu“. Für ihn ist das „moderne Gedicht, das absolute Gedicht… das Gedicht ohne Glauben, das Gedicht ohne Hoffnung, das Gedicht an niemanden gerichtet…“ −
In der schroffen Absage an jedes Engagement und jeglichen Adressaten von Dichtung hat Gottfried Benn seine Konfession von einer dauerhaften, reinen, sich selbst genügenden Dichtung zu forciertem Anspruch gebracht. Die Flucht des Dichters aus Ratlosigkeit, Verzweiflung und Leere führt auf eiskalte Höhen absoluter Poesie: „Im Grunde also meine ich, es gibt keinen anderen Gegenstand für die Lyrik als den Lyriker selbst.“
In der dichterischen Praxis verhält sich Benn allerdings zur nahezu solipsistisch geprägten Programmerklärung keineswegs immer deckungsgleich. Selbst in den späten Lyrikbänden gibt es, vor dem Hintergrund von „Wiederholungszwängen“ und partiell erkennbarer Erschlaffung der poetischen Innovation, wesentliche Gedichte. Trotz der sich bis zum Überdruß einer wegwerfenden Gebärde bedienenden Verse zeigt sich eine Intaktheit des lyrischen Spannungsfeldes, die noch immer zu großem poetischem Blick befähigt und dichterische Gebilde von Vollendung ermöglicht.

Bei Gottfried Benn, im komplizierten Fall dieses Dichterlebens, seiner literarischen Leistung, seiner geistigen Berührungen und Verführungen, kann eine einfache Formel für eine der Weltanschauung des Autors entsprechende dichterische Aussage nicht konstatiert werden. Seine geistige Welt läßt sich nicht schlechthin als geschlossenes reaktionäres System identifizieren, als dessen Kehrseite seine Dichtung fungiert. Sein Werk war und ist umstrittener Bestandteil der deutschen Literatur der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Vergessen sei über den Einseitigkeiten, den Irrwegen und über dem Versagen Benns nicht der bedeutende Dichter, der – und sei es im fruchtbaren Widerspruch – gelesen werden möchte. Die Auseinandersetzung mit Gottfried Benn, zu der an dieser Stelle nur ein bescheidener Beitrag geleistet werden kann, wird sich im kritischen Respekt vor einem lyrischen Werk fortsetzen, das Anstoß erregt und Anstöße zu geben vermag.

Joachim Schreck, Nachwort, Mai 1984

Gottfried Benn

Die Lyrik ist der Hauptbestandteil des Werkes von Gottfried Benn (1886-1956), das außerdem Prosa, Essayistik und dramatische Versuche umfaßt. Bereits seine ersten expressionistischen Gedichte erregten Aufsehen. Mit großer sprachlicher Präzision stellt Benn die Zerstörung des Menschen dar, vor allem durch Krankheit, wie in dem berühmten Gedicht „Mann und Frau gehen durch die Krebsbaracke“, weniger die sozialen und gesellschaftlichen Ursachen solcher Zerstörungen. Er neigte, um einen Vergleich aus seinem Arztberuf zu nehmen, zur Pathologie, zum Sezieren dessen, was schon gestorben ist oder kaum wieder gesunden kann.
Benns Menschenbild reproduziert – schärfer als das der meisten anderen Schriftsteller – die Isolation des bürgerlichen Künstlers in der imperialistischen Gesellschaft. Geschichtliche Prozesse bleiben außerhalb seines Gesichtsfeldes, so daß er – besonders in seiner zweiten Lebenshälfte nur in der Kunst einen Halt finden zu können glaubte. Wenn Johannes R. Becher gegenüber der These Benns, ein Dichter überdaure bestenfalls mit fünf Gedichten, vehement auf das Lebenswerk und die Lebensleistung verwies, ein Dichter „müsse sich in seiner Ganzheit selbst gestalten“, so benennt er genau das Dilemma Gottfried Benns.
Freilich gibt gerade Becher Anregungen dafür, wie die kritische Auseinandersetzung mit Künstlern wie Benn von unserer sozialistischen Position aus zu führen ist: Es gilt jene Werke zu entdecken, die über die biographische und gesellschaftliche Misere des Individuums hinausgehen und hinausweisen.

Verlag Volk und Welt, Begleitzettel, 1989

 

Stichworte bei meiner Lektüre

− Über Gottfried Benn. −

Wenn man regelmäßig liest, denkt man gewöhnlich nicht darüber nach, weshalb man eigentlich liest oder weshalb man auch nur gerade dies oder jenes Buch liest. Lesen ist eine Gewohnheit geworden, etwas wie essen, trinken, schlafen, und ich kann mir tatsächlich kaum vorstellen, daß es in meinem Leben keine Bücher mehr gäbe. Kein noch so faszinierendes neues Medium könnte mich, so denke ich, von dieser Gewohnheit des Lesens abbringen. Dabei hat es natürlich auch bei mir nicht an Gelegenheiten oder Situationen gefehlt, in denen ich keine Lust mehr zum Lesen hatte, in denen die Vorstellung, ich würde nun so und so lange kein Buch mehr sehen, für kurze Zeit etwas Verlockendes hatte. Solche Gelegenheiten stellten sich leichter ein, seit ich nicht nur privat, sondern auch berufsmäßig lesen muß, als Rundfunkredakteur, der eine Buchbesprechungsreihe verwaltet, und als Kritiker, der Bücher bespricht. In beiden Tätigkeiten muß ich auf dem laufenden sein, wie man sagt, oder ich fühle zumindest die Verpflichtung, mich auf dem laufenden zu halten. Das heißt aber, ich lese nicht nur das, was mich zum Lesen reizt, ich lese auch Bücher, deren Inhalt ich nach der Lektüre ziemlich rasch wieder vergesse. Ich lese, um mich zu informieren. Und obwohl ich in lektüremageren Zeiten dazu neige, zu behaupten, ich würde, wenn nichts anderes da wäre, alte Zeitungen vor- und rückwärts lesen, spüre ich doch bei dieser Informationslektüre, wie meine Spannung nachläßt. Dann stockt etwas in mir, die Buchstaben dehnen sich zu einem endlosen Feld, über das ich nie hinwegkommen werde, und ich frage mich, wozu ich überhaupt lese. Solche Mechanismen treten regelmäßig dann in Kraft, wenn neue Bücher in größeren Mengen erscheinen, also etwa in der Saison der herbstlichen Buchmessen, wenn ich mich umringt fühle von Leseexemplaren, Umbruchexemplaren und Fahnenabzügen. Ich blättere hier und da herum, lese in drei verschiedenen Büchern zugleich, in keinem kontinuierlich und gebe es schließlich auf.
So habe ich es aufgegeben, als ich zuletzt in den Aushängebögen der Briefe an Felice von Franz Kafka gelesen hatte, aber von anderem, das ich davor angelesen hatte, zu sehr abgelenkt war, um fortzufahren. Dennoch wirkte das Gelesene nach, der Ton dieser Briefe, das Gefühl, hier nun wirklich an etwas teilzunehmen, was für keinen Außenstehenden bestimmt war. Eine vage Erinnerung mischte sich ein. Ich suchte in den Buchregalen herum. Der Band mit einer Auswahl von Briefen Gottfried Benns fiel mir in die Augen, ich schlug ihn auf, ich wußte plötzlich, daß ich die Briefe Benns an Gertrud Zenzes hatte nachlesen und vergleichen wollen. Ich glitt jedoch darüber weg, gerade diese Briefe waren und sind für mich ein Musterbeispiel an Peinlichkeit. Aber ich hörte nicht auf, in Benns Briefen zu lesen.
Ich kam zu dem Brief, den Benn am 18. September 1948 an seinen späteren Verleger Max Niedermayer schrieb und in dem er ihm zwei Buchmanuskripte anbot: das des Ptolemäer und Essays, die später unter dem Titel Ausdruckswelt gedruckt wurden. Ich las:

Ich sende beide Manuskripte getrennt, jedes als eingeschriebenen Wertbrief morgen an Sie ab. Zögernd sende ich sie ab, zögernd und mit gemischten Gefühlen. Ach, ahnte doch jemand, wie schwer es ist, Dinge zu schreiben, die man später selber als zu problematisch und fragwürdig empfindet, nicht weil sie schlecht wären – das steht auf einem anderen Blatt – sondern weil sie abwegig und neurotisch sind – und damit sind wir schon wieder beim „Phänotyp“, dessen einziges Thema die Neurose ist, vielmehr der selber und als solcher eine Neurose ist, nämlich eine Ausdrucks- und Darstellungsneurose bei völlig zerstörtem Objekt-Subjektverhältnis und bei völlig abgebauter Psychologie.

Ich las diese Sätze und erinnerte mich plötzlich an etwas, das schon halb verschüttet schien. Ich erinnerte mich daran, wie ein Studienfreund, der heute Schulrat ist, mir erzählte, er habe eben Walter Boehlich getroffen von Ernst Robert Curtius kommend, und der habe darüber geschimpft, daß es für den bedeutendsten lebenden deutschen Lyriker keine Publikationsmöglichkeit gebe. Ich fragte nach dem Namen dieses Lyrikers. Es war Gottfried Benn. Ich erinnerte den Namen vage und wußte konkret nur, daß ich ihn auf dem Prospekt des Rowohlt Verlags für William Faulkners Wendemarke kurz vor dem Krieg oder Anfang des Krieges gelesen hatte. Erinnerung in der Erinnerung. Wann habe ich zuerst Gedichte von Benn gelesen? Wann den Ptolemäer, wann Doppelleben?
Ich kann diese Fragen nicht genau beantworten; wenn ich die Erscheinungsjahre dieser Bücher nachschlage, weiß ich, es kann nicht davor gewesen sein. Ich erinnerte etwas anderes. Ein Leseklima, oder wie soll ich es nennen. Die Aufregung beim Anblick dieser Bücher. Das Gefühl von etwas Neuern, von Neuland, ein Gefühl davon, daß etwas ganz neu verfügbar geworden war. Ich lese im „Roman des Phänotyp“, dem Mittelstück des Ptolemäer nach und erfahre plötzlich noch einmal diese merkwürdige Bewegung, die damals Sätze in mir hervorriefen wie dieser: „Dafür hat es jene Blicke, jene Anfälle von Blicken auf Himmel und Sommertage ferner Zeiten, kommender Geschlechter, anderer Daseinsempfinder −, Anfälle schleierloser Blicke zum Beispiel auf Sommerliches, Hohes, etwas Üppiges: heiße Städte, alles sehr ähnlich, derselbe As-Dur-Walzer von Chopin und doch sehr anders.“ Oder dieser Satz: „Meine Zeit reicht nur von den Monaten der Sommer in Sils Maria (,Vorrede zu den frühen Schriften‘) und des Vorgebirges von Antibes, als es Monet malte, bis in diese Winter der Verdamnis und der Feuernächte, – aber selbst davon vergaß ich und der Ablauf ist zerstückelt.“ Ist es heute verständlich, was solche Sätze für einen Leser von 29/30 Jahren um 1950 bedeuteten?
Ist es die Sentimentalität der Erinnerung an etwas Verlorenes, die solche Sätze jetzt färbt. Ich bin ja heute überzeugt, daß Gottfried Benn nicht der große Schriftsteller war, als der er eine Weile erschien. Es ist nicht der objektive Wert dieser Lektüre, der mich heute, in der Erinnerung daran, beunruhigt. Aber ist es, umgekehrt, nur die subjektive Bedeutung, der autobiographische und private Stellenwert? Ich denke nicht. Ich spreche nicht für mich allein. Benn zeigte uns, die wir uns nach 1945 an eine neue Lektüre gewöhnten und begierig aufgriffen, was wir nicht kannten, eine Möglichkeit. Eine Möglichkeit mit Literatur und für Literatur zu leben. Er lehrte uns; daß es genügt, ein paar Sätze, ein paar Verse geschrieben zu haben, sprachlich formuliert zu haben, was sonst doch sinnlos und undurchdringlich bleiben mußte. Benns erste Nachkriegsbücher wurden, so kann ich vielleicht etwas pathetisch sagen, zum Symptom einer Generation junger Leser. Das hat nichts damit zu tun, daß er in irgendeinem Sinn Schule machte (wo er Schule machte, da taugte sie nicht allzuviel). Benns Bücher öffneten einen neuen Leseinstinkt, eine Neugier, die vorher nicht geweckt war. Erst über die Lektüre Benns hinweg waren wir, als deutsche Leser, fähig, auf eigene Faust Buch- und Lektüreentdeckungen zu machen, neues und fremdes Land der Literatur zu erkennen.
Ich lese weiter im Brief Gottfried Benns an Max Niedermayer über den Phänotyp, zu dem Benn sich selber ernannte: „Für ihn gibt es keine Vergangenheit und keine Zukunft, das sind ja bürgerlich-kommerzielle Vorstellungen, es gibt keine tragfähige Substanz mehr im Inneren und kein psychologisches Gefüge − − aber er muß einen Satz schreiben, wie also muß der aussehn? − −: In jedem Satz muß alles stehn, er kann sich auf nichts außerhalb seiner selbst mehr beziehn, es gibt ja keinen Anfang und es gibt ja kein Ende, das wären ja Raum-Zeitvorstellungen aus einer anderen chaotischen Welt, er muß also sich selber ordnen, selber tragen, alles umschlingen, für alles stehn…: er muß – um seinem Inneren zu genügen – absolut sein in jeder Chiffre, in jedem Wort. Das ist die Krise!“

Helmut Heißenbüttel, Hessischer Rundfunk, 21.8.1967

„Phase II“ oder „Ein Mensch in Anführungsstrichen“

Gottfried Benn und Helmut Heißenbüttel – der Briefwechsel

Sehr geehrter Herr Dr. Benn!                                                                                             Hamburg, 2.5.51

Wie ich in der Zeitung lese, haben Sie heute Geburtstag. Seit Ihrem 60., im „Doppelleben“ erwähnten, Geburtstag ist Ihr Name in die Öffentlichkeit gedrungen. Ich kann nicht beurteilen, inwieweit Ihnen selbst dies angenehm ist. Den Vorteil, den ich selber darin sehe, ist der, daß so, und nur so, einem einzelnen, wie mir, die Möglichkeit gegeben wurde, Ihr Werk zu erkennen. Und nicht Ihre allgemeine, von Zeitungen und Rundfunk gepflegte Berühmtheit, die ja durchaus ihre fragwürdige Seite hat, ist es, die mich bewogen hat, Ihnen zu schreiben und Ihnen einen Geburtstagsgruß zu senden, sondern allein, glauben Sie mir dies, die Berührung, die ich durch Ihr Werk empfangen habe.
Sie haben das Alter meines Vaters, eine Generation steht zwischen Ihnen und mir. Dennoch sind Sie der Einzige, der mir eindeutig gezeigt hat, was zu tun sei. Ich habe vor kurzem im
Merkur die Einwendung Rudolf Kaßners gegen den von Ihnen geprägten Begriff „Doppelleben“ gelesen. Die Stelle ist zu kurz, um etwas eindeutiges darüber zu sagen, aber ich meine, daß Kaßner Sie mißverstanden hat, und zwar mißverstanden eigentlich aus der Zugehörigkeit einer anderen Generation heraus (was ja bei Kaßner seinerseits durchaus gegeben ist). Das Wesentliche und das, was ich Ihnen sagen möchte, ist aber dies: daß mir an dieser Stelle plötzlich klar geworden ist, daß Sie in Deutschland der Einzige sind, der eindeutig der Generation, der ich angehöre, zu sagen, zu zeigen vermag, wo sie steht. Vielleicht ist es gleichgültig, ob man Wegweiser hat, schließlich muß sich zeigen, ob man in der Lage ist, die Lage zu erkennen, ob man fähig ist zu wissen, was nottut. Dennoch ist es gut, Wegweiser zu haben.
Und wenn ich Ihnen danke, wofür soll ich Ihnen danken? Dafür, daß es Sie gibt? Immerhin. Bitte nehmen Sie diesen Brief und die beigelegten Versuche als Geburtstagsgruß von einem Ihrer unbekannten und, wie ich denke, wirklichen Leser.

Ihr Helmut Heißenbüttel

Und zu allem Überfluß bringt das Radio in diesem Augenblick einen Bericht von Herrn Thilo Koch zu Ihrem Geburtstag. Naja.

Ein Brief vom damals unbekannten Helmut Heißenbüttel an den nach Kriegsende zu nachhaltigem Ruhm und definitiver Ehre gelangten Gottfried Benn, der zusammen mit der kurzen und pointierten Antwort von Benn wohlgemerkt den vollständigen Briefwechsel der beiden Schriftsteller darstellt. Daß zwei so unterschiedliche Autoren wie Benn und Heißenbüttel aneinander Gefallen finden, erstaunt doch nachträglich ehr, da Heißenbüttel später in seinem umfangreichen literaturtheoretischen Werk nur an wenigen Stellen auf Benn eingeht. Der knappe schriftliche Austausch fand im Mai 1951 statt, zwei Generationen von Schriftstellern treffen hier aufeinander. Benn, der einen nicht unwesentlichen Beitrag zu den ästhetisch radikalen Anstrengungen am Anfang des 20. Jahrhunderts leistete, und Heißenbüttel, der sich für diese von den Nazis unterdrückten Spielarten von Literatur zeit seines Lebens interessierte und dem sie letztlich als ständige Inspiration für seine literarischen Arbeiten dienten. Zu einer wirklichen Begegnung der beiden, einem persönlichen Gespräch etwa, kam es nie. Wohl aber hat Heißenbüttel Benn in den fünfziger Jahren im Auditorium maximum der Hamburger Universität lesen hören, dabei erschien er ihm „wie ein Krankenkassenarzt hinterm Schreibtisch“.
Der später mal als „Doyen der experimentellen Literatur“ bezeichnete Neuling behauptet in diesem Brief, daß allein das Interesse am dichterischen Werk von Benn ihn zur schriftlichen Übermittlung eines Geburtstagsgrußes bewogen habe. Trotzdem schimmert bei aller Spontaneität, die der Beginn dieses Briefes vermittelt (man bekommt den Eindruck, Heißenbüttel habe morgens die Zeitung aufgeschlagen, Benns Jahrestag festgestellt und sich daraufhin entschlossen, ihm einen Glückwunsch und ein paar eigene Gedichte zu schicken), ein Moment des Kalküls desjenigen durch, der nicht nur zweckfrei einem wichtigen zeitgenössischen Dichter seine Anerkennung aussprechen möchte, sondern vielmehr mit dieser Post eine Reaktion provozieren will.
Heißenbüttel wird seine erste literarische Arbeit 1953 veröffentlichen und wartete bei der Abfassung des Textes 1951 noch auf Publikationsmöglichkeiten. Vielleicht konnte er im stillen auf mehrere Dinge hoffen: zum einen auf ein Lob vom Meister, das er ja wie Benns Antwort zeigt, auch bekommen hat, zum anderen auf eine Vermittlung seiner Texte durch den arrivierten Autor an einen Verlag, wozu es dann aber offensichtlich nicht gekommen ist. Oder schlicht auf den Beginn eines längereren Briefwechsels, denn Heißenbüttel bezieht sich auf die „Einwendung Rudolf Kaßners“ im Merkur, vielleicht in der Absicht, mit Benn über diesen Gegenstand tiefergehend zu diskutieren.
Gerade im Vergleich zu Heißenbüttels späteren Briefen – man schaue sich nur den „Briefwechsel über Literatur“ mit Heinrich Vormweg an – fällt hier eine gewisse Unregelmäßigkeit in der Handhabung der sprachlichen Mittel dem Leser ins Auge. Es scheint, als sei Heißenbüttel sich unsicher gewesen, mit welchen Worten er sich an Benn richten sollte. Tatsächlich ist der pathetische Tonfall für Heißenbüttels Briefwerk ungewöhnlich, für die Sprache der Literatur in den fünfziger Jahren aber erklärlich. Seine Versicherungen, daß er nicht zu den Trittbrettfahrern zu zählen sei, die dem populären Dichter mal gerade anerkennend am Geburtstag auf die Schulter klopfen möchten, sind zahlreich: Sein Interesse an Benn resultiere einzig aus der „Berührung“, die er durch die Literatur dieses Mannes „empfangen“ habe; das klingt enorm weihevoll und hat einen fast religiösen Unterton.
Auch die Umständlichkeit, mit der er zu Anfang des Briefes versucht, einen Konnex zwischen dem Geburtstag und der Berühmtheit des Dichters, der fragwürdigen Seite der Popularität und seinem wirklichen Anliegen zu erstellen, verleitet zu der Annahme, Heißenbüttel sei eher ungeübt gewesen im Verfassen solcherlei Briefe. Bei genauerer Lektüre erscheint die Sachlage aber doppelbödiger; betrachten wir nur einmal die Wiederholungsstrukturen in den folgenden Sätzen:

Vielleicht ist es gleichgültig, ob man Wegweiser hat, schließlich muß sich zeigen, ob man in der Lage ist, die Lage zu erkennen, ob man fähig ist zu wissen, was nottut. Dennoch ist es gut, Wegweiser zu haben.

Bei der doppelten Verwendung des Wortes „Lage“ kommen verschiedene Bedeutungen zum Tragen. Einmal die Fähigkeit dessen, der „in der Lage“ ist, bestimmte Dinge zu tun, und zum anderen „die Lage“ als die Zustandsbeschreibung einer Situation: zum Beispiel „die Lage“ der Literatur im Adenauer-Deutschland. Außerdem, und das ist hier wichtig, lebt der Terminus stark von seinem Gebrauch in Gottfried Benns „Doppelleben“. Dort heißt es an einer markanten Stelle:

Dir geht es gut – außen verdienst du dir dein Geld und innen gibst du deinem Affen Zucker, mehr kann nicht sein, das ist die Lage, erkenne sie, verlange nicht, was unmöglich ist!

In diesem Satz verbirgt sich die Bennsche Philosophie des „Doppellebens“. Die Trennung von „innen“ und „außen“ besagt, daß die Radikalität des Denkens nicht notwendig mit der Lebenswelt des Denkenden korrespondieren muß; im Grunde stellt dies einen eher konservativen Gedanken dar, denn das Ziel einer Kongruenz von Theorie und Praxis wird für obsolet erklärt. Auch in den Texten seines ersten Gedichtbandes mit dem Titel Kombinationen setzt Heißenbüttel das Mittel der Wiederholung gezielt ein. Als Belege können die Arbeiten „Bruchstück 1“ oder „Einst“ angeführt werden.
Wenn Heißenbüttel nun behauptet, daß Benn „der Einzige“ sei, „der eindeutig der Generation“, der er angehört, „zu sagen, zu zeigen vermag, wo sie steht“, dann würde man doch gern präziser wissen wollen, was denn Benn der Generation von Helmut Heißenbüttel hat zeigen können. Aus diesem Brief wird es nicht ersichtlich, doch lassen wir zur Beantwortung dieser Frage Heißenbüttel über dreißig Jahre später noch einmal zu Wort kommen:

Der Tonfall der Bennschen Gedichte, der damals noch viele verführt hat und von dem manche sich bis heute nicht losmachen können, hatte keine Suggestivkraft für mich, wurde in seiner Suggestivkraft von vorneherein neutralisiert dadurch, daß ich das Programm der „Phase II“, wie Benn die theoretisch-programmatischen Formulierungen nannte, wortwörtlich nahm, ja in seiner Anwendbarkeit noch zu radikalisieren suchte.

Erstaunlich, daß er hier den Einfluß der Bennschen Lyrik auf ihn leugnet, da Benn doch einem breiteren Publikum vor allem durch seine Gedichte bekannt wurde; doch in der Tat, es findet sich in seinem Brief auch wirklich kein Vermerk, der auf die Bewunderung des Lyrikers Benn hinweist. Er diente ihm also als ein „Wegweiser“, vor allem durch das Programm der „Phase II“. Doch was besagt die „Phase II“? Hierzu entnehmen wir dem „Doppelleben“ die folgende Passage:

Der Mensch muß neu zusammengesetzt werden aus Redensarten, Sprichwörtern, sinnlosen Bezügen, aus Spitzfindigkeiten, breit basiert −: Ein Mensch in Anführungsstrichen. Seine Darstellung wird in Schwung gehalten durch formale Tricks, Wiederholungen von Worten und Motiven – Einfälle werden eingeschlagen wie Nägel und daran Suiten aufgehängt. Herkunft, Lebenslauf – Unsinn! Aus Jüterborg oder Königsberg stammen die meisten, und in irgendeinem Schwarzwald endet man seit je. Jetzt werden Gedankengänge gruppiert, Geographie herangeholt, Träumereien eingesponnen und wieder fallengelassen. Nichts wird stofflich-psychologisch mehr verflochten, alles angeschlagen, nichts durchgeführt. Alles bleibt offen. Antisynthetik. Verharren vor dem Unvereinbaren. Bedarf größten Geistes und größten Griffs, sonst Spielerei und kindisch. Bedarf größten tragischen Sinns, sonst nicht überzeugend. Aber wenn der Mann danach ist, dann kann der erste Vers aus dem Kursbuch sein und der zweite eine Gesangbuchstrophe und der dritte ein Mikoschwitz und das Ganze ist doch ein Gedicht. Und wenn der Mann nicht danach ist, dann können die Ehegatten ihre Frauen und die Mütter ihre Großtanten im Lehnstuhl oder im Abendfrieden vielstrophig anreimen und selbst der Laie wird bald merken, daß das keine Lyrik mehr ist.

Mit Blick auf Heißenbüttels literarisches Werk wird nur allzu schnell deutlich, was ihn an der „Phase II“ interessiert haben wird. Natürlich ist es der „Mensch in Anführungsstrichen“ und damit der Versuch, eine Literatur zu begründen, die nun nicht mehr direkt die Welt und den Menschen mit der dem Schriftsteller „eigenen“ Sprache beschreibt, die diese Verfahren vielmehr für abgehandelt und unmöglich hält, und die an die Stelle solch einer originären Schreibweise schließlich das Zitat setzt. Wirklichkeit wird in der Literatur also nur noch erfahrbar, indem bestimmte einmal geäußerte Sätze oder Wörter auf eine spezifische Weise zusammengesetzt werden. Im Vergleich zu Gottfried Benn hat das Verfahren der Montage von daher bei Heißenbüttel einen ungleich höheren Stellenwert erlangt.
Benn meint mit der „Phase II“ zum einen die Fortsetzung „des nachantiken Menschen“ und zum anderen eine Weiterführung des „expressionistischen Stils“? Auch für ihn ist Lyrik immer an die Zeitläufte gebunden, denn im letzten Satz des Zitats setzt er gegen die Melange aus Kursbuch, „Gesangbuch“ und „Mikoschwitz“ die für ihn veraltete Vorstellung des „vielstrophigen“ Andichtens der Ehefrauen. Nicht umsonst ist der Abschnitt im „Doppelleben“, der die Passage über die „Phase II“ enthält, mit „Der Stil der Zukunft“ überschrieben. Ganz offensichtlich zeigt sich hier noch eine Analogie zwischen Heißenbüttel und Benn. Literatur bezieht ihre Legitimität immer aus dem Verhältnis zu den aktuellen Tendenzen der Zeit, und ein Autor, der beharrlich die überlieferten literarischen Formen weiterverwendet, sich also nicht von den zeitgleichen Strömungen in Wissenschaft, Kunst oder Gesellschaft beeinflussen läßt, muß als hoffnungslos rückständig gelten.
Von diesen Dingen taucht freilich kein Wort auf in dem Geburtstagsbrief. Darf man also nicht eher davon ausgehen, daß Heißenbüttels 1983 für die Frankfurter Rundschau geschriebener Text eine verklärende Rückprojektion und den Wunsch, die eigene literarische Position etwas vorzuverlegen, darstellt? Damit täte man ihm unrecht; auch wenn nun nicht mehr zu eruieren ist, welche „Versuche“ Heißenbüttel an Benn geschickt hat, so wurde der Brief, wie schon erwähnt, im Jahre 1951 verfaßt. In Heißenbüttels erstem Gedichtband Kombinationen befinden sich einige Gedichte aus diesem Jahr des Briefwechsels. Müßig bleibt die Spekulation, ob Benn nun gerade diese Gedichte per Post bekam, doch kann wohl eher davon ausgegangen werden, daß Heißenbüttel Teile seiner aktuellen Produktion, also vermutlich von 1951, als weitaus ältere Texte an Benn gesendet hat. Immerhin besteht die Möglichkeit, daß das Lob von Benn ihn dazu animiert haben könnte, die an Benn geschickten Gedichte in den Band Kombinationen mit aufzunehmen. Auf jeden Fall geben die aus diesem Jahr in dem Buch versammelten Texte aber einen Eindruck von Heißenbüttels damaliger Schreibweise. Außerdem entkräften sie enorm den oben geäußerten Verdacht, Heißenbüttel habe sich an  den Einfluß von Benn bewußt schemenhaft-verklärend erinnert.
Die dritte Strophe des Gedichts „Beispielsweise“ lautet so:

Fremdfühler Phase II Verfremder
Verführer und sich selbst Verführende
Heimwehzyniker
Handhaber von Durchsteckverfahren Glanzlichtspezialisten und Spiegeljongleure.

Auch in der Lyrik-Produktion der Zeit taucht der Ausdruck „Phase II“ direkt auf, was jedenfalls deutlich macht, daß Heißenbüttel die Vorstellungen Benns mit Sicherheit schon damals zur Kenntnis genommen hat. Im übrigen macht er in diesen frühen Texten bereits das, was er Benn als Leistung abspricht: Er versucht das Programm der „Phase II“ literarisch umzusetzen. Daß er nie ein wirklicher „Benn-Eleve oder Benn-Nachahmer wurde“, so Heißenbüttel, läge vermutlich daran, daß er die „Phase II“ nicht in „Benns eigener Lyrik realisiert sah“. Eine präzise Analyse der frühen Heißenbüttelschen Lyrik ist hier sicher nicht möglich; was aber unverkennbar bereits im Frühwerk auftritt, ist der literarische Modus des Zitierens. Vor allem das Hineinweben von Schlagertexten in die Gedichte scheint eines der probatesten Mittel des jungen Schriftstellers zu sein, sich der „Phase II“ anzunähern. Das Frühwerk Heißenbüttels zeigt damit bereits an, in welche Richtung er schließlich literarisch gehen wird. Stellen diese ersten publizierten Texte noch Zwitterwesen dar, die sowohl aus zitierten Materialien und originärer Sprache bestehen, so folgen in den sechziger Jahren dann Arbeiten, wie „Deutschland 1944“, die nur noch aus Zitaten bestehen.
Heißenbüttel versucht in dem Brief die Altersdifferenz zwischen den beiden Autoren zu überbrücken, indem er andeutet, welche Bedeutung doch Gottfried Benn für seine Generation hat. Die altersmäßige Gleichsetzung mit seinem Vater, die er nur nüchtern konstatiert, macht natürlich den Unterschied der Generationen deutlich; sie zeigt aber auch, welche emotionale Qualität in dieser literarischen Ahnenforschung steckt. Mit der Analogie zum Vater wird eine moralische Komponente betont, was bedeutet, daß hier nicht nur der Einfluß und die Übernahme bestimmter Schreibverfahren verhandelt werden, sondern vielmehr Benns Denken auch eine ganz lebensweltliche Orientierung für den jungen Heißenbüttel lieferte.
Mit Blick auf die von Heißenbüttel angesprochene „Einwendung Rudolf Kaßners“ gegen Benns Begriff des „Doppellebens“ (wobei der Ausdruck „Einwendung“ eher ungewöhnlich und steif klingt, und die Frage offen bleibt, wieso hier nicht „Einwände“ geschrieben steht) läßt sich die Altersproblematik nochmals verschärfen. Heißenbüttel glaubt, daß Kaßner Benn mißverstanden hätte, weil er einer anderen Generation angehört und damit Benns Argumente nicht begriffen hat. Worum geht es aber bei Kaßners Stellungnahme? Genau wie Heißenbüttel sagt, ist die Stelle wohl zu kurz, um präzise Aussagen zu machen. Für Kaßner ist der Ausdruck „Doppelleben“, der ja die Einheit der Persönlichkeit negiert, ein defizitärer Begriff, da er das Moment der Geschichtlichkeit ignoriere. Sicher ließe sich trefflich gegen die Bennsche Vorstellung von Geschichte argumentieren, doch gibt der recht kurze Abschnitt von Kaßner keinen klaren Hinweis auf einen definitiven Zusammenhang von Ahistorizität und verdoppelter Persönlichkeit bei Benn. Auch Heißenbüttel schärft sein Argument nicht nach und zeigt präziser, wie die Position Kaßners ein Resultat unterschiedlichen Alters sein kann.
Ganz am Schluß seines Briefes weist Heißenbüttel dann nochmals auf die fragwürdige Seite der Bennschen Berühmtheit hin:

Und zu allem Überfluß bringt das Radio in diesem Augenblick einen Bericht von Herrn Thilo Koch zu Ihrem Geburtstag. Naja.

Fast etwas spöttisch reagiert er hier auf die Tatsache, daß der Rundfunk einen Beitrag von Thilo Koch zu Ehren von Benns Geburtstag bringt. Doch wieso eigentlich? Koch war schon damals gerade in Verbindung mit Gottfried Benn kein Unbekannter. Die Rundfunkdiskussion zwischen Benn und Peter de Mendelssohn mit dem Titel Der Schriftsteller und die Emigration wurde ein Jahr vorher vom ihm geleitet. Was außerdem in diesem Zusammenhang noch interessiert, ist das Gespräch mit dem Lyriker über die „Phase II“ von 1949, in dem Benn teilweise wörtlich seine Thesen aus dem „Doppelleben“ wiedergibt. Keineswegs ist Thilo Koch also zu denen zu zählen, die dem Dichter ohne Kenntnis des literarischen Werkes als Auftragsarbeit ein Geburtstagständchen singen. Von daher bleibt offen, wieso Heißenbüttel die Sendung für überflüssig hält; illegitim, weil er dem Beiträger die Kompetenz abspricht, oder unpassend, da Heißenbüttel dadurch noch stärker seiner eigenen Rolle als treuer Danksager gewahr wird?
Schauen wir uns aber nun Benns Antwort auf diesen angenehm freundlichen, fast devoten Brief von Helmut Heißenbüttel an:

Sehr geehrter Herr Heissenbüttel,
Dank für Ihren Brief u. Ihre Gedichte. Ich bekomme sehr viele Gedichtmanuskripte zugeschickt, die meisten lese ich nicht, die Ihren begann ich zu lesen. Es gefällt mir Manches daran, es ist Etwas dran. Das heißt nicht, dass sie sofort gedruckt werden müssen oder können. Aber vielleicht genügt Ihnen im Augenblick mein Eindruck, dass Sie Anlagen haben. Nochmals: es ist Etwas dran – was dran ist, müssen Sie innerlich festhalten, entwickeln und allmählich erfahren. Ein Process voll Bitterniss und Kummer. Wenn Sie ihn auf sich nehmen wollen, werden Sie vielleicht einmal am Ende Ihrer Tage jene 6 Gedichte geschaffen haben, über die kein Lyriker hinausgekommen ist. 40 Jahre Arbeit u. 6 Gedichte! Meine Lehre lautet: spät ankommen – bei sich selbst u. bei den Festivals, – arbeiten u. schweigen.
Meine Wünsche u. Grüsse.
Ihr Gottfried Benn
wenden:
Da Sie mir gefallen, senden Sie mir bitte nicht sofort weitere Gedichte. Be

Eine routinierte Antwort des arrivierten Schriftstellers, der, wie der Brief darlegt, viele Lyrikmanuskripte zugeschickt bekommt, von denen er die meisten aber gar nicht liest. Benn scheint auch Heißenbüttels Arbeiten nur eher flüchtig zur Kenntnis genommen zu haben, da er schreibt, daß er mit der Lektüre angefangen habe, woraus sich wohl der Verzicht einer gründlichen Lesart ergibt. Er benennt auch nur mehr schematisch, was ihm an den Texten gefallen hat: „Es gefällt mir Manches daran, es ist Etwas dran.“
Was mag ihm wohl genau an den Gedichten imponiert haben? Vielleicht der Versuch einer Umsetzung seiner „Phase II“? Inhaltlich läßt sich der Brief in zwei Teile gliedern, einem nüchternen ersten Teil, der eine Höflichkeit des berühmten Benn an den unbekannten Heißenbüttel, eine Aufmunterung an den lyrischen Neuling darstellt, steht ein wesentlich pathetischerer zweiter Teil gegenüber. Was Benn hier formuliert, taucht schließlich fast wörtlich in seinem 1951 in Marburg gehaltenen Vortrag „Probleme der Lyrik“ wieder auf. Dort heißt es:

… keiner auch der großen Lyriker unserer Zeit hat mehr als sechs bis acht vollendete Gedichte hinterlassen, die übrigen mögen interessant sein unter dem Gesichtspunkt des Biographischen und Entwicklungsmäßigen des Autors, aber in sich ruhend, aus sich leuchtend, voll langer Faszination sind nur wenige – also um diese sechs Gedichte die dreißig bis fünfzig Jahre Askese, Leiden und Kampf.

Am Schluß der Rede kommt er dann auf seine literarische Arbeitsethik zu sprechen:

Ein Talent kann sich durch Arbeit ausbreiten, und ein Talent kann enden. Meine Lehre lautet: Spät ankommen, spät bei sich selbst, spät beim Ruhm, spät bei den Festivals.

Beide Zitate finden sich in wenig veränderter Form auch in der Antwort an Heißenbüttel wieder. Der Vortrag wurde am 21. August in Marburg gehalten, das als Druckvorlage an den Limes Verlag geschickte Typoskript ist auf den 4. Juli 1951 datiert, und der Brief an Heißenbüttel ist vom 5. Mai. Unverkennbar, wie Benn sich bei der Niederschrift des Briefes durch das Projekt des Lyrik-Vortrages hat beeinflussen lassen.
Auch wird in dem Brief die Betonung des Subjekts deutlich. So schreibt Benn, daß Heißenbüttel „Anlagen“ habe, was an den Gedichten aber „dran“ sei, müßte er „innerlich festhalten, entwickeln und allmählich erfahren.“ In „Probleme der Lyrik“ heißt es dazu: „Ein Gedicht ist immer die Frage nach dem Ich, …“
Entwicklungen sind für Benn also ständig auch Prozesse der Selbsterforschung, und das Fortschreiten eines Schriftstellers im literarischen Leben erfolgt immer durch die Beschäftigung mit sich selbst. Dies sei aber, so Benn, ein „Process voll Bitterniss und Kummer“, und spätestens an dieser Stelle wechselt der Tonfall von einem nüchternen, höflichen, mutmachenden Akzent hin zur pathetischen Geste. Dichten ist für Benn keinesfalls eine Tätigkeit uneingeschränkter Freude mit der Zuversicht auf schnelle Anerkennung, eine Erkenntnis, die mit Sicherheit auch aus den langen Jahren resultiert, in denen Benn nicht publizieren konnte. Trotzdem sieht er die „Bitternis“ und den „Kummer“ nicht nur in der Ablehnung begründet, die die Zeitgenossen den lyrischen Ergebnissen des Schriftstellers oftmals entgegenbringen, sondern vermutlich auch in der intensiven Beschäftigung mit sich selbst, die das Schreiben oftmals vom Subjekt fordert. Daß Literatur damit zu einer Form der Selbstentblößung wird und häufig mit Enttäuschungen verbunden ist, scheint durchaus plausibel. Wie erinnert sich Heißenbüttel an die Antwort von Gottfried Benn?

Irgendwo muß noch der Brief stecken, den Gottfried Benn mir, einem unbekannten Verfasser von Gedichten, der ihn mit der Zusendung solcher Gedichte belästigt hatte, als Antwort geschickt hat, handschriftlich, kurz, höflich, vorsichtig ermunternd. Warum habe ich ihm Gedichte geschickt? Hat mir damals jemand erzählt, er würde antworten? Wann fand dieser Austausch statt? Nicht vor 1950, in einem der beiden Jahre danach? Da der Brief noch in den unausgepackten Restkisten meines letzten Umzugs verborgen ist, kann ich mir selber diese Fragen nicht beantworten. Ist die Antwort wichtig? Kaum.

Inhaltlich hat Heißenbüttel anscheinend nur den ersten Teil im Kopf behalten, „handschriftlich, kurz, höflich, vorsichtig ermunternd“, mit diesen Worten ist nur unzureichend gekennzeichnet, was dann im zweiten Abschnitt des Briefes folgt. Daß Benn ihm nämlich die Fähigkeiten zutraut, mal in ferner Zukunft auf die besagten „6 Gedichte“ zurückblicken zu können, stellt ein für den Neuling großes Lob dar. Allerdings hat es den Anschein, als habe Benn viele Leute auf diese Weise zu ermuntern versucht. In „Probleme der Lyrik“ klingt das so:

Also dichten auch Sie ruhig weiter, wenn Sie glauben, den neuen unbetretenen Weg zu den sechs Gedichten gehen zu müssen, von denen ich sprach. […] Äußere Mißerfolge, innerliche Zerstörungen sind Ihnen sicher, Tage, wo Sie sich kaum noch kennen, Nächte, wo Sie nicht weitersehen.

Ein Aufruf an die Zuhörer des Vortrags, der den Anschein erweckt, als sei weniger die Begabung und das Talent ausschlaggebend für die Entstehung dieser „ewigen“ sechs Gedichte, sondern eher die Hartnäckigkeit und langjährige Arbeit des Schriftstellers.
Der Rückblick Heißenbüttels auf diesen kurzen Briefwechsel enthüllt den abnehmenden Einfluß von Benn auf seine literarische Tätigkeit. Er kann sich nicht mehr präzise daran erinnern, wann der Austausch stattfand. Selbst nach den Motiven, die ihn zur Abfassung des Briefes führten, kann Heißenbüttel nur ahnungslos sich selbst befragen. In der Tat wird dadurch deutlich, daß die Anziehungskraft von Benn auf Heißenbüttel sich vermutlich auf wenige Jahre in der Nachkriegszeit beschränkt und dann doch schließlich abnimmt. Jedenfalls ist in den ab 1960 sukzessiv erscheinenden „Textbüchern“, meiner Einsicht nach, keine Bennsche Handschrift mehr direkt zu erkennen.
Dieser kurze Briefwechsel wird aber durch die Tatsache interessant, daß er den Kontakt zweier Schriftsteller an einer historischen Stelle markiert, die für eine ganze Generation junger Autoren (darunter auch Heißenbüttel) einen Neubeginn darstellte. Wir schreiben das Jahr 1951, der Krieg war also bereits sechs Jahre vorbei, doch die durch das Nazi-Regime provozierte Rezeptionssperre von Futurismus, Expressionismus, Dadaismus und Surrealismus hinterließ auch in der unmittelbaren Nachkriegszeit noch einen Lektürekrater. An welchen Autoren sollten sich die jungen, für eine unkonventionelle Ästhetik offenen Schriftsteller orientieren?
Wie Urs Widmer in seiner Dissertation gezeigt hat, war die Literatur nach 1945 vor allem auch durch eine starke Skepsis an der durch die Nazis mißhandelten Sprache gekennzeichnet. Die oben angeführten Spielarten der Avantgarde zeichnen sich durch eine starke Sprachreflexion aus, so daß vor allem in den fünfziger Jahren bei einigen Schriftstellern eine Hinwendung zu dieser verschütteten Moderne stattfand. Benn gehörte nun als ehemals verfemter Expressionist zur Generation der verfolgten Avantgardisten und ist damit als Autor für den jungen Helmut Heißenbüttel von Interesse. Daß Heißenbüttel sich dann später, wie die Zitate zeigen, von Benn distanziert hat, ist aus heutiger Sicht verständlich. Benn dichtete schlicht „inhaltlicher“, stärker bezugnehmend auf Gegenstände und Sachverhalte der empirisch wahrnehmbaren Wirklichkeit als zum Beispiel August Stramm, Kurt Schwitters oder Hugo Ball, für die die Materialität der Sprache mehr im Vordergrund stand.
Dennoch gibt es gerade beim späten Benn Ansätze, die ein Interesse am Gegenstand Sprache zeigen. Ein Beispiel:

SATZBAU

Alle haben den Himmel, die Liebe und das Grab,
damit wollen wir uns nicht befassen,
das ist für den Kulturkreis gesprochen und durchgearbeitet.
Was aber neu ist, ist die Frage nach dem Satzbau
und die ist dringend:
warum drücken wir etwas aus?

Warum reimen wir oder zeichnen ein Mädchen
direkt oder als Spiegelbild
oder stricheln auf eine Handbreit Büttenpapier
unzählige Pflanzen, Baumkronen, Mauern,
letztere als dicke Raupen mit Schildkrötenkopf
sich unheimlich niedrig hinziehend
in bestimmter Anordnung?

Überwältigend unbeantwortbar!
Honoraraussicht ist es nicht,
viele verhungern darüber. Nein,
es ist ein Antrieb in der Hand,
ferngesteuert, eine Gehirnlage,
vielleicht ein verspäteter Heilbringer oder Totemtier,
auf Kosten des Inhalts ein formaler Priapismus,
er wird vorübergehn,
aber heute ist der Satzbau,
das Primäre.

„Die wenigen, die was davon erkannt“ – (Goethe) −
wovon eigentlich?
Ich nehme an: vom Satzbau.

Der Text aus der Nachkriegszeit drückt Benns strukturelles Interesse an Sprache oder zumindest seine Zurkenntnisnahme dieses Problembereichs aus. Vielleicht auch durch seinen Hang zur Wissenschaft und den in diesem Sektor damals um sich greifenden „linguistic turn“ hervorgerufen, werden hier nun die Phänomene von Religion, Eros und Tod als für den „Kulturkreis“ sekundär und abgehandelt beschrieben, an deren Stelle der Satzbau tritt und trotzdem offen bleibt, wieso denn der Struktur der Sätze ein solch hohes Erkenntnisinteresse entgegengebracht wird.
Man würde doch meinen, daß die sprachliche Architektur eine Marginalie darstellt gegenüber den ganz existentiellen Tatsachen der Liebe, des Todes oder der Religion.
Vielleicht steckt die Vermutung dahinter, daß der Satzbau nicht willkürlich ist, keine unmittelbare Konvention der Sprechenden markiert, sondern vielmehr ein tieferer Zusammenhang zwischen sprachlicher und weltlicher Struktur existiert. Damit ist die Frage „warum drücken wir etwas aus?“ doch eigentlich irreführend, müßte es nicht, um dem „Satzbau“ auf die Schliche zu kommen, heißen: „wie drücken wir etwas aus?“ Offensichtlich wird hier auf eine generelle Problematik des Künstlers verwiesen; die Idee des „Satzbaus“ wirft in diesem Gedicht die Frage auf, warum bestimmte Menschen ein, starkes Verlangen nach künstlerischem Ausdruck besitzen und sich dadurch von anderen unterscheiden.
Dieser Text wurde 1951 in dem Band Fragmente veröffentlicht; eine zeitliche Übereinstimmung mit dem Brief findet sich, die nochmals deutlich zeigt, daß es zwischen den unterschiedlichen literarischen Konzepten von Heißenbüttel und Benn zu Beginn der fünfziger Jahre einen wirklich markanten Berührungspunkt gab.
Was fällt noch an dem Bennschen Brief ins Auge? Natürlich der Satz, den Benn auf die Rückseite des Blattes geschrieben hat: „Da Sie mir gefallen, senden Sie mir bitte nicht sofort weitere Gedichte.“
Mit einiger philologischer Mühe konnte schließlich der Verdacht entkräftet werden, daß in diesem Satz das erste „Sie“ kleingeschrieben wird und dann nicht Heißenbüttel, sondern die Gedichte gemeint sind. Heißenbüttel hat anscheinend nicht nur durch die „beigelegten Versuche“, sondern auch mit seinem Geburtstagsgruß, mit der Art und Weise, wie er sich als junger Autor an den wesentlich älteren Kollegen gewandt hat, Eindruck auf Benn gemacht. Trotzdem erweckt die „Pointe“ am Schluß doch ein Lächeln beim Leser; unklar bleibt hingegen, was mit der Paradoxie gemeint sein könnte. Wenn ihm die Gedichte gefallen haben, wieso wollte er dann nicht mehr davon haben? Vielleicht erklärt der Anfang des Briefes diesen Gegensatz, denn um die monatliche Flut von Zusendungen einzudämmen, kann Benn guten Grundes diese Aufforderung formuliert haben. Außerdem hat es den Anschein, als würde Benn zwar mit einem gewissen wohlmeinenden Interesse sich der Lyrikproduktion anderer widmen, er aber vermutlich trotzdem zeitlich gar nicht die Möglichkeit einer ausgiebigen und intensiven Beschäftigung hatte.
Damit sollte gezeigt werden, wie die Verbindungslinien zwischen dem Werk von Helmut Heißenbüttel und Gottfried Benn liegen, soweit sie sich aus diesem kurzen Briefwechsel für den Beginn der fünfziger Jahre ableiten lassen. Wie wir aus späteren Quellen erschließen konnten, hat sich Helmut Heißenbüttel vor allem für Benns Idee der „Phase II“ interessiert. Dies provoziert trotzdem die Frage, wieso er Benn in seinem Brief nicht auf das Konzept angesprochen hat, und ihm seinen Dank für diese Inspiration vermittelte, anstatt auf einen Artikel von Rudolf Kaßner im Merkur zu referieren.
Was aber den literarischen Einfluß betrifft, so finden wir natürlich eine Einbahnstraße vor: Heißenbüttel konnte sich zu einer bestimmten Phase seines literarischen Schaffens einer Prägung durch Benn nicht erwehren. Benn selbst hat wohl durch die Lektüre der gesendeten Versuche sich nicht zu Veränderungen der eigenen literarischen Technik hinreißen lassen; doch wie gezeigt wurde, hat er bereits sehr früh, nämlich 1949, auf dieses Jahr kann die „Phase II“ datiert werden, erkannt, daß eine Veränderung des „Stils“ zugunsten der Verwendung von zitierten Sprachmaterialien stattfinden wird. Exemplarisch kann diese Veränderung an dem Werk Helmut Heißenbüttels aufgezeigt werden, dabei sollte aber nicht in Vergessenheit geraten, daß dieser natürlich nicht der einzige war, der forciert mit Zitaten gearbeitet hat. Genauso können die Namen von Arno Schmidt, Alexander Kluge, Franz Mon oder Friederike Mayröcker für die Umsetzung der „Phase II“ genannt werden. Die wenigsten Autoren, die Montagetechniken nach 1945 verwendet haben, würden sich wohl auf den Einfluß und die Anregung Gottfried Benns stützen wollen. Manchmal, das sollte jedenfalls dieser kurze Briefwechsel gezeigt haben, entstehen Verbindungen zwischen zwei Autoren, wo der erste Blick jede Gemeinsamkeit negiert, bei genauerem Hinschauen aber eine Nähe sichtbar wird.

Thomas Combrink, Akzente. Zeitschrift für Literatur, Heft 2, April 2006

Dichtung an sich

− Rundfunkgespräch Gottried Benn und Johannes R. Becher am 6.3.1930. −

Gottfried Benn: Dichtung an sich, das ist vermutlich nicht Ihre These, Herr Becher, welche würden Sie aus Ihrer Auffassung heraus ihr gegenüberstellen?

Johannes R. Becher: Ich von meinem Standpunkt aus vertrete die These: Dichtung als Tendenz, und zwar als ganz bestimmte Tendenz.

Benn: Welche Tendenz, Herr Becher, wollen Sie mit Ihrer Dichtung vertreten?

Becher: Ich verfolge mit meiner Dichtung die Tendenz, die heute meiner Meinung nach jede Dichtung aufweisen muß, die Anspruch darauf macht, eine lebendige Dichtung zu sein, das heißt eine Dichtung, die in den entscheidenden Kräften dieser Zeit wurzelnd, ein wahres und geschlossenes Weltbild zu gestalten vermag. Ich diene mit meinen Dichtungen einzig und ausschließlich der geschichtlichen Bewegung, von deren Durchbruch in die Zukunft das Schicksal der gesamten Menschheit abhängt. Ich diene auch als Dichter dem Befreiungskampf des Proletariats.

Benn: Das ist noch etwas allgemein. Sie haben doch in Ihrer geistigen Entwicklung den Übergang vollzogen vom reinen Lyriker, also vom Dichter an sich, zum ausgesprochenen Tendenzdichter. Darf ich fragen, wie sind Sie zu diesem Entwicklungsgang gekommen?

Becher: Es ist richtig, auch ich habe an die Dichtung an sich Möglichkeit einer reinen Kunst geglaubt, denn ich habe an einen Geist geglaubt, der über den Wassern schwebt. Ich war demnach von der Souveränität und der Unabhängigkeit der Dichtung tief überzeugt, bis ich eines Tages auf Grund von Erlebnissen und Erkenntnissen Einsicht bekam in den Klassenmechanismus, der die Geschichte des Menschen und ganz besonders die heutige Geschichte der heutigen Menschen beherrscht. Es ist selbstverständlich, daß mit dieser für mich zentralen Erkenntnis sich auch ein Umbruch in meiner Dichtung vollziehen mußte. Ich könnte sagen, ich stieg in meiner Dichtung von dem Himmel zur Erde herab, ich hob das Jenseits auch in meiner Dichtung auf. Ich erkannte, daß es nicht in erster Linie wichtig ist, welche Meinungen, welche Vorstellungen die Menschen über sich selbst haben, sondern, daß es darauf ankommt, welche Punktion die Menschen in der Geschichte einnehmen, was die Menschen wirklich sind. Ich erkannte, daß der reine Dichter, der ich zu sein glaubte, in Wirklichkeit ein höchst unreiner Dichter war, ein Dichter einer bestimmten Klasse, der bürgerlichen Klasse. Mein Glauben an die reine Dichtung hatte sich als eine Fiktion erwiesen. Immer hatte ich, wenn auch noch so versteckt, Klasseninhalte gedichtet, und die Tendenz bestand nicht nur in dem, was ich dichtete, sondern auch in dem, was ich nicht dichtete, was ich verschwieg. Und ich verschwieg damals in meiner ganzen Dichtung das, was ich heute ausspreche, daß die Geschichte eine Geschichte von Klassenkämpfen ist. Dieser Klassenmechanismus ist eine Zwangsstellung, es gibt kein Darüber, es gibt kein Heraus. Wir sind nicht Menschen, wir sind Klassenmenschen, Menschen der einen oder der anderen Klasse und auch die Dichtung ist klassengebunden, auch das Wort ist dem Klassengesetz untertan. Jede Zeit hat ihre Aufgabe, und die Aufgabe dieser Zeit ist die Befreiung des Proletariats und darüber hinaus die Befreiung der gesamten Menschheit. Dieser Aufgabe dienen meine Dichtungen. Wer sich als Dichter dieser Aufgabe entzieht, hat sich der Aufgabe entzogen, die ihm als Mensch und Dichter von der Zeit gestellt ist. Es gibt auch für den Dichter keinen Sprung über die Aufgaben der Zeit hinweg in die Ewigkeit. Ich habe Ihnen damit ganz kurz den wesentlichen Teil des Getriebes aufgedeckt, nach dem meine Dichtung funktioniert. Sie fragen, was will ich mit meiner Dichtung erreichen? Will ich etwas erreichen? Nach all dem Vorhergesagten: Ja! Ich will mit vorstoßen, die Durchbruchstelle erweitern.

Benn: Eine der glücklichsten Gaben an die Menschheit ist zweifellos ihr schlechtes Gedächtnis. Es übersieht höchstens ein bis zwei Generationen; daher ihr Optimismus, ihr „ruchloser Optimismus“, wie ihn Nietzsche ihn nennt. Daher der Glaube jedes Zeitalters, Aufgang, Zenit und Gloriole des Entwicklungsprozesses zu sein. Ich bin überzeugt, daß mit den gleichen ideologischen Hypothesen, die Sie entwickeln, seinerzeit Dschingis-Khan in China eingerückt ist. Ich meine damit: Die Weltgeschichte als Ganzes ist äußerst fragmentarisch. Eine Offenbarung der Weltvernunft, die Verwirklichung einer Idee, wie es Hegel aussprach, kann man nicht feststellen. Sie faßt etwas an, und dann läßt sie es liegen, sie beginnt großartig und endet namenlos, sie übersteht den Niagara, um in der Badewanne zu ertrinken, und die Hegelsche Ansicht vom großen Mann als dem Geschäftsführer der Weltvernunft fällt auch ins Wasser. Die Weltvernunft läßt ihn im Stich, der große Mann ist auf sich selber angewiesen.
Zweitens. Eine Frage: Die soziale Bewegung. Soziale Bewegungen gab es von jeher. Die Klassenumschichtung war von jeher der eine Inhalt der Geschichte. Die Unteren wollten immer hoch, und die Oberen wollten nicht herunter. Schaurige Welt, kapitalistische Welt, seit Ägypten den Weihrauchhandel monopolisierte und babylonische Bankiers die Geldgeschäfte begannen! Sie nahmen zwanzig Prozent Debetzinsen, Hochkapitalismus der alten Welt, der in Asien, wie am Mittelmeer. Trust der Purpurhändler, Trust der Reedereien, Import und Export, Spekulationen, Heereslieferungen und Konzerne, und daneben immer die Gegenbewegung, einmal die Heloten-Aufstände in den kyrenischen Gerbereien, einmal die Sklavenkriege in der römischen Zeit. Die Unteren wollen hoch und die Oberen wollen nicht herunter, schaurige Welt, kapitalistische Welt! Aber nach drei Jahrtausenden Geschichte darf man sich wohl dem Gedanken nähern, daß das alles weder gut noch böse ist, sondern rein phänomenal. Knechtschaft scheint ein Zwang der Schöpfung zu sein und Ausbeutung eine Punktion des Lebendigen. Die Formulierung und die Theorie nun, die die soziale Bewegung vor einem halben Jahrhundert gefunden hat, ist nur eine von den Formulierungen und Theorien neben vielen anderen, die ihr widersprechen und die ihr gegenüberstehen. Schließlich enthält sie ja auch nichts so prinzipiell Neues. Daß das „Ich“ nicht in der Luft schwebt, daß der Mensch zu einem sozialen Verband gehört, daß das Individuum in manchen Teilen ein Exponent des Zeitkollektivs ist, das hat ja keine Epoche bestritten. Schließlich gibt es doch seit zweihundertfünfzig Jahren eine Nationalökonomie, und schon Hobbes sagte 1700, das Gute, das sei das Gemeinnützige. Ich kann also aus Gründen der Erkenntnis die soziale Bewegung, die sich vor unseren Augen abspielt und zu der Sie sich rechnen, nicht als eine klare Offenbarung, als eine sinnvollere Verwirklichung, irgendeiner Wahrheit oder eines Menschheitsbildes und auch nicht als die Basis einer Weltanschauung ansehen. Ich sehe sie im Zuge und in der Folge aller der früheren sozialen Krisen und Kämpfe. Das klingt Ihnen vielleicht hart, aber in dieser Diskussion handelt es sich ja um Erkenntnis, und ich erinnere Sie nun nochmals an ein Hegelwort – diesmal im positiven Sinne. Das Wort lautet: „Es ist ein großer Eigensinn, ein Eigensinn, der dem Menschen Ehre macht, nichts in der Gesinnung anerkennen zu wollen, was nicht durch den Gedanken gerechtfertigt ist!“ Und ich muß Ihnen sagen, mein Gedanke rechtfertigt Ihre Gesinnung nicht!
Nun: Dichtung und Politik!
Betrachtet man die Geschichte und die soziale Bewegung so, wie ich es in den beiden vorhergehenden Thesen tat, kann die Frage, ob und wie weit die Dichtung sich mit ihnen zu befassen hat, überhaupt nicht auftauchen. Die politische Tendenz ist keine Tendenz der Dichtung, sondern eine Tendenz des Klassenkampfes; wenn sie sich in poetischer Form äußern will, ist das Zufall oder private Liebhaberei!

Aus: Gottfried Benn: Sämtliche Werke. Band VII/1, Klett-Cotta, 2003

Phase II

− Rundfunkgespräch Thilo Koch mit Gottfried Benn am 12.10.1949. −

Thilo Koch: Über den Dichter Gottfried Benn ist kürzlich im Nachtprogramm des Nordwestdeutschen Rundfunks ausführlich gesprochen worden. Es ging dabei um das gesamte Schaffen dieses so sehr besonderen Schöpfers merkwürdiger – und genau im Verstande des Wortes merkwürdiger – Sprachgebilde. Heute abend soll in dieser viel kleineren Sendung der Dichter selbst zu Worte kommen, und wir wollen auch nur seine jetzt neu erschienenen Bücher zum Anlaß nehmen zu einem sehr bescheidenen Exkurs über gewisse Probleme, die mit Gottfried Benns Dichtung aufstehn. Ich darf Sie zunächst herzlich begrüßen, Herr Dr. Benn, und mich bedanken dafür, daß Sie eingewilligt haben, mir einige Fragen zu beantworten, so gut es im Rahmen einer Viertelstunde möglich ist. Meine erste Frage wäre: Wie stehen Sie zu der Kritik Ihrer Bücher, die so überaus lebhaft eingesetzt hat, auch im Ausland, seit der Limes-Verlag in Wiesbaden in diesem Jahr mit der Auslieferung dieser neuen Bücher begann. Ich darf vielleicht eben die Titel aufzählen: Es handelt sich um Statische Gedichte, Drei alte Männer. Ein Gespräch, die Essaysammlung Ausdruckswelt und das erzählende Prosawerk Der Ptolemäer. Noch einmal also meine Frage: Welche Einwände erheben die Kritiker gegen Sie, und wie stehen Sie Ihrerseits dazu?

Gottfried Benn: Meine erste Antwort würde lauten: Ich bewundere meine Kritiker sehr, sowohl da, wo sie mir ihre Zustimmung bekunden wie da, wo sie mir entgegentreten. Es ist nämlich kaum einer unter ihnen, der nicht das Wesen meiner literarischen Art deutlich erfaßt, der nicht die Richtung meines Stils und meiner Ansichten aufzunehmen, seinen Blick einstellt. Ich schließe daraus mit Überraschung, daß die inneren Strömungen, denen ich Ausdruck zu geben versuche, innerhalb der europäischen Literatur weit allgemeiner verbreitet sind, als obenhin angenommen wird – daß innerhalb der produktiven Sphäre des heutigen abendländischen Menschen gewisse Spannungen einen Kondensationsgrad und einen Entladungsdrang erreicht haben, die bald auch den ferner Stehenden und nicht aktiv an künstlerischer Arbeit Teilnehmenden unerwartete Wesensänderungen des Psychischen nahebringen werden.

Koch: Und welche Veränderungen meinen Sie?

Benn: Im Vordergrund Stilfragen, im Hintergrund Verwandlungsfragen. Ich schrieb kürzlich: „Von Homer bis Goethe ist eine Stunde, von Goethe bis heute sind 24 Stunden.“ So hat das Tempo sich verschärft, das Tempo der Verwandlungen und das Tempo der Gefahren. Sie wissen: die Paläontologie lehrt, daß in bestimmten Phase der Erdgeschichte die Bereitschaft zu grundsätzlichen Bauplanänderungen eine besonders starke war zur Anlage neuer Rassen, zu konstruktiven Mutationen. Eine solche Bereitschaft, den Menschen grundsätzlich zu verändern, scheint mir heute vorhanden. Das fühlen viele, das sprechen weite Kreise, nicht nur artistische aus. Wer diese Verwandlungsdichte und diese Verwandlungsnähe mit künstlerischen Mitteln zum Ausdruck bringen will, muß andere Stilprinzipien anwenden, den Zwang zu anderen Stilformen in sich fühlen als die früheren Epochen und, um nun auf die Literatur zu sprechen zu kommen, Sie können heute nicht mit den Mitteln einer gepflegten Prosa, eines lange bewährten Reimrefrains, mit den harmlosen Konflikts- und Ansichtsäußerungsdialogen der Weite und Wüste der heutigen Psyche beikommen. Sie müssen anders schreiben, sie müssen anders sein.

Koch: Sie müssen anders sein, sagen Sie, Herr Dr. Benn. Wie sind Sie denn?

Benn: Sie fragen sehr direkt, und ich werde direkt antworten: Zunächst bin ich, wie wir alle, Prothesenträger. Wir bewegen uns noch in gewissen Gelenken Antike, Humanismus, Religion, Kollektivismus, Nationalismus, aber die Gelenke wackeln. Es sind orthopädisch gesprochen Schlottergelenke. Was ist da zu machen? Wo also ist Halt zu bekommen? Da sehe ich nur einen Weg. Diesen ganzen Zerfall einer Welt, einer alten, hohen, tragischen Welt, in sich zu tragen, ihn sich aufzuerlegen, dies Schicksal seiner Generation nirgends zu verleugnen und doch ohne Richtstrahlen in das Universum, ohne Glauben an Synthese, an den Dingen arbeiten, die man in sich trägt, die einem auferlegt sind, um ihnen Ausdruck zu verleihen, an diesen herkunftsverschleierten, zwangsverstrickten, zukunftsberaubten Dingen zu arbeiten, nämlich – und nun kommt das Wort, das Sie, Herr Koch, als Leser meiner Bücher, kennen und erwarten – Kunst zu machen, dieses umstrittene Wort.

Koch: Ja, dieser Begriff Kunst spielt ja bei Ihnen eine zentrale Rolle. Sie erklären sie fortgesetzt als völlig autonom, fast könnte man sagen als totalitär, und Sie berufen sich gern auf ein Nietzschewort von der Kunst als der letzten metaphysischen Tätigkeit, die Europa verblieben ist. Sie weigern sich, die Kunst mit kunstfremden Maßstäben messen zu lassen. Ich könnte mir denken, es belustigt Sie höchstens, wenn Ihre Bücher im Prüfstand der Politiker, der Theologen, der Kunstreferenten aller Farben unter die spezifisch dogmatisch zugeschliffene Lupe genommen werden. Aber, sagen Sie, Herr Dr. Benn, ist das nicht der alte Ästhetizismus von Oscar Wilde und Mallarmé?

Benn: Keine schlechten Namen. Ich wäre froh, wenn ich dahin gehörte. Aber bitte hören Sie: Ich griff heute eine wissenschaftliche Zeitschrift von diesem Jahr aus Universitätskreisen, bekannte Herausgeber, unter diesen ganz große europäischen Namen, auch Jaspers und Weizsäcker waren darunter. Da lese ich einen Aufsatz mit dem Titel „Das Problem des Menschen in Gegenwart und Vorzeit“. Daraus ein Satz lautet: „Im 19. Jahrhundert beginnend und im 20. gesteigert, erlebt der europäische Mensch sein Absolutes mehr und mehr im Ausdruck der Kunst.“ Der nächste Satz lautet: „Durch die Kunst erlebt der Mensch der Gegenwart seine Beziehung zum Ewigen; in der Kunst sieht er das Letzte ausgedrückt, fühlt er seine Sterne und erkennt er sein Göttliches, das jenseits des Diesseits ruht.“ Diese zwei Sätze von einem prominenten wissenschaftlichen Autor. Ist das Ästhetizismus? Nein. Das bestätigt das, was ich vorhin andeutete, die große Verwandlung des Menschen, in der wir stehen.

Koch: Ja gut, wir verwandeln uns, wir verwandeln uns meinetwegen auch rapide. Aber bitte sagen Sie mir doch, Herr Dr. Benn, Ihre Meinung: Wie wird denn diese Kunst aussehen, die den so zerstörten Menschen zum Ausdruck bringt?

Benn: Der Stil der Zukunft wird der Roboterstil sein, Montagekunst. Der bisherige Mensch ist zu Ende. Das Getue in den Romanen, als ob es an sich weiterginge und etwas geschähe, mit dem altmodischen Begriff des Schicksals oder dem neumodischen einer autochthonen gesellschaftlichen Bewegung, ist Unfug, es geht nichts an sich weiter, und es geschieht nichts, der Mensch stockt und arbeitet – der Künstler ist es, der weiter muß, sammelt, gruppiert – ländlich-großväterlich mit Hilfe von zeitlichräumlichen Kategorien, aktuell-neurotisch durch absolute transzendente Schwerpunktsbildungen, Fesselungen, Drehpunktskonstituierungen – nur so schafft er etwas jenseits von Relationen und Ambivalenz. Diese Technik selbst ist das Problem, und man soll sie ruhig bemerken.
Wenn Sie nämlich einmal darüber nachdenken, werden Sie zu dem Resultat kommen, wir bewegen uns mehr in unserer zerebralen Sphäre als in unserer sexuellen oder intestinalen oder muskulären. Uns beschäftigen Gedanken, die brennen. Wir kommen auf sie zurück auch während praktischer Tätigkeiten, kaufmännischer, wir fahren aus dem Schlaf auf und sie sind sofort wieder da. Es ist fraglich, ob das immer so war, heute jedenfalls ist es die Lage.
Der Mensch muß neu zusammengesetzt werden aus Gedanklichem, aus Redensarten, Sprichwörtern, sinnlosen Bezügen, aus Spitzfindigkeiten, breit basiert −: Ein Mensch in Anführungsstrichen. Seine Darstellung wird in Schwung gehalten durch formale Tricks, Wiederholungen von Worten und Motiven – Einfälle werden eingeschlagen wie Nägel und daran Suiten aufgehängt. Herkunft – Unsinn! Schwarzwald oder Königsberg, das hat jeder. Jetzt werden Gedankengänge gruppiert, Geographie herangeholt, Träumereien eingesponnen und wieder fallen gelassen. Nichts wird stofflich-psychologisch mehr verflochten, alles angeschlagen, nichts durchgeführt. Alles bleibt offen. Antisynthetik. Verharren vor dem Unvereinbaren. Das bedarf allerdings größten Geistes und größten Griffs, sonst ist es Spielerei und kindisch. Es bedarf größten tragischen Sinns, sonst ist es nicht überzeugend.

Koch: Sie sprachen also von einem Stil und seinen Elementen, seinen Bedingungen. Wie würden Sie diesen schwer vorstellbaren, sonderbaren Stil nennen?

Benn: Er ist gar nicht mehr so schwer vorstellbar, und ich könnte Ihnen eine ganze Reihe von Dichtern und Schriftstellern, auch Malern, hierfür nennen, einige gehören ja bereits der großen Welt an. Bezeichnen würde ich diesen Stil als Phase II, nämlich Phase II des expressionistischen Stils, aber auch Phase II des nachantiken Menschen.

Koch: Phase II. Das klingt allerdings auch schon recht montagehaft. Ich entsinne mich da eines Satzes aus Ihrem Ptolemäer: „Das Quartär geht hintenüber.“ Ja, vielleicht haben Sie recht, und es ist soweit. Aber glauben Sie, daß Ihnen viele auf Ihrem Wege folgen werden?

Benn: Die Prinzipien der Kunst können soziologisch und politisch nicht verallgemeinert werden. Es sind sakrale Prinzipien. Es wäre provinzielle Unentwickeltheit des Künstlers zu erwarten, daß die Öffentlichkeit sich für ihn interessiert, ihn ökonomisch unterstützt, seinen 60. Geburtstag mit Banketts und Blattpflanzen feiert. Er schreitet seinen Kreis ab, Moira, seinen ihm zugewiesenen Teil. Er ist der Asket, der abstrakte und der einsame, dafür wird ihn das, was die Politik, die Geschichte, die Soziologie von ihm hält, kaum beschäftigen. Es wäre vielleicht gut, wenn die Öffentlichkeit zwei Begriffe zu trennen begönne: den des Kunstträgers und den des Kulturträgers. Das schlug ich schon in einem meiner Bücher vor fünfzehn Jahren vor. Es sind nämlich zwei völlig getrennte Wesen. Der Kunstträger ist statistisch asozial, lebt nur mit seinem inneren Material, er ist ganz uninteressiert an Verbreiterung, Flächenwirkung, Aufnahmesteigerung, an Kultur. Er ist kalt, das Material muß kaltgehalten werden, er muß ja die Idee, die Wärme, denen sich die anderen menschlich überlassen dürfen, kalt machen, härten, dem Weichen Stabilität verleihen. Er ist meistens äußerst nüchtern und behauptet auch gar nichts anderes zu sein, während die Idealisten unter den Kulturträgern und Erbwerbsständen sitzen. So schrieb ich vor etwa 15 Jahren, und die Phase II wird diese Trennung vielleicht durchsetzen. Dies alles klingt reichlich überspannt in einem Augenblick, wo weite Kreise, auch künstlerische, noch an Versöhnung der Gegensätze und Synthesen denken. Ich glaube nicht daran. Die geistigen Entwicklungen sind durch Restauration nicht zu beleben, sie sind irreversibel. Sie sind von einer Härte, gegen die jede Illusion und jede Träumerei vergeblich anläuft. Sie gehen bis ans Ende, bis ans Ende der Nacht.
Aber, Herr Koch, falls uns nun ein Jugendlicher im Augenblick zuhört – wir wollen ihn nicht ohne Aufrichtung entlassen. Mein Trostwort lautet: Man muß es tragen. Wir leben in einer Zeit unversöhnlicher Gedanken, nicht mehr zu vereinbarender Antithesen, Form und Körperinhalt, Kunst und Politik, Intellektualismus und Moral sind für die heute Lebenden nicht mehr zu versöhnen, aber man muß es tragen. Wir müssen im gleichen Raum leben, in der gleichen Stadt, im gleichen Zeitalter, ja sogar in der gleichen Wahlzelle, also muß man sich begegnen, nicht ausrotten, sondern dulden. Das abstrakte und die Einsamkeit in die inneren Gesetze, aber die Verträglichkeit in das Nebeneinander. Die Fragwürdigkeit unserer Existenz ist ohnegleichen, aber hören Sie nochmals: Man muß es tragen.

Koch: Was Sie hier mit anderen Worten sagen, Herr Dr. Benn, ist ja auch im Fazit enthalten, das aus Ihren Büchern bleibt. Um noch einen direkten Eindruck von Ihrer Weise zu schreiben zu bekommen, würde ich Sie gern bitten, zum Schluß ein Stück zu lesen. Wie wäre es mit dem Ptolemäer? Da wo Sie sagen, das Quartär geht hintenüber.

Benn: Gerne. Wenngleich gerade an dieser Stelle von Phase II nicht viel finden werden. Also ich lese: „Ein Morgen erhob sich… aber das Dogma, das vom Homo sapiens, war zu Ende.“

Aus: Gottfried Benn: Sämtliche Werke. Band VII/1, Klett-Cotta, 2003

Gottfried Benn 1886–1956

Manche Dichter kommen nicht in Schrift zu einem, man hört sie, bevor man sie hat lesen können, und man hört sie so, daß man sie danach nie mehr anders lesen kann. Es war in einem alten Landhaus voller Bücher inmitten von Ländereien und Wäldern irgendwo in der Nähe des Bodensees, Osterwoche, alles in Blüte, Erscheinungsbilder des Glücks; ein kleiner Kreis deutscher Freunde, ein Philosoph, ein Anwalt. Und auf einmal beginnt ihr Wettstreit, ein langes Tennismatch ohne Ergebnis. Beide kennen Gedichte auswendig, an diesem Nachmittag ist es Gottfried Benn, den sie vortragen, die mit spitzer Nadel radierten Gedichte von jemandem, der lange ins Dunkel der Welt geblickt hat, mit Melancholie, Bosheit und Enttäuschung vertraut ist und weiß, wie er deren Farbwirkung noch verstärken kann: mit merkwürdigen Reimwörtern und einer bitteren, aber nicht verbitterten, resignierten Weisheit und einem wogenden Metrum, das von Zeit zu Zeit schwer erträgliche Pausen macht. Der Tag schlich auf den Abend zu, und unsere kleine Gruppe wurde von immer neuen Versen wie mit Fäden eingesponnen, wir schienen langsam im Dämmer zu versinken, die beiden Stimmen wechselten einander ab, als würden sie von einer langen Dünung getragen, wir anderen lauschten schweigend, und später, als ich Benns Gedichte las und wieder las, hörte ich sie immer noch von diesen Stimmen gesprochen, die ich nun nie mehr vergessen werde.

Cees Nooteboom, in: Cees Nooteboom: Gesammelte Werke Band 9, Suhrkamp Verlag, 2008

 

Gottfried Benn. Der Mann ohne Gedächtnis

Lesung: Holger Hof
Moderation: Jörg Magenau
Im Literarischen Colloquium Berlin am 13.12.2011

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Tondokument: Peter Rühmkorf und Adolf Muschg über Benn und Brecht am 16.9.2006 in der literaturwerkstatt berlin.

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Zum 60. Geburtstag des Autors:

Carl Werckshagen: Gottfried Benn 60 Jahre
Schleswig-Holsteinische Volks-Zeitung, 27.4.1946

Zum 70. Geburtstag des Autors:

Max Rychner: Gottfried Benn
Die Tat, Nr. 120, 3.5.1956

Zum 90. Geburtstag des Autors:

Peter Rühmkorf: „Und aller Fluch der ganzen Kreatur“
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.6.1976

Zum 20. Todestag des Autors:

Gert Westphal: Gottfried Benn – nach zwanzig Jahren
Neue Zürcher Zeitung, 23.7.1976

Zum 100. Geburtstag des Autors:

Albrecht Schöne: Gottfried Benn?
Die Zeit, 2.5.1986

Peter Rühmkorf: Gottfried Benn oder „teils-teils das Ganze“
Deutsches Sonntagsblatt, 6.7.1986

Zum 50. Todestag des Autors:

Wolfram Malte Fues: Nur zwei Dinge
manuskripte, Heft 174, 2006

Fakten und Vermutungen zum Autor + Nachlaß + Sammlung 1 + 2
Georg-Büchner-Preis
Autorenäußerungen zu Person und Werk von Gottfried Benn
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Nachrufe auf Gottfried Benn: Deutsche Rundschau ✝ Merkur

 

Gottfried Benn – das letzte und einzige Fernseh-Interview mit Gottfried Benn am 3. Mai 1956 zum 70. Geburtstag.

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