Günter Kunert: Zu Helmut Heißenbüttels Gedichten „Katalog der Unbelehrbaren“ und „Zeitgenossen“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

− Zu Helmut Heißenbüttels Gedichten „Katalog der Unbelehrbaren“ und „Zeitgenossen“ aus dem Band Helmut Heißenbüttel: Textbuch 5. −

 

 

 

 

HELMUT HEISSENBÜTTEL

Katalog der Unbelehrbaren

es gibt Unbelehrbare die glauben daß alles wiederkommt
es gibt Unbelehrbare die wissen daß nichts wiederkommt
aber sie tun so als ob
es gibt Unbelehrbare die wissen daß nichts wiederkommt
sie tun so als ob und versuchen das weiterzuerzählen
es gibt Unbelehrbare die wissen daß nichts wiederkommt
und sie tun auch nicht so als ob aber sie haben nicht kapiert
was los ist
es gibt Unbelehrbare die haben kapiert was los ist aber sie
glauben daß alles wiederkommt und sie es noch einmal
schaffen
es gibt Unbelehrbare die haben kapiert was los ist und
glauben kapiert zu haben daß es wiederkommt wenn auch
nicht so wie damals
es gibt Unbelehrbare die haben kapiert was los ist aber sie
glauben nicht an das was sie kapiert haben und glauben daß
alles sich verändert
es gibt Unbelehrbare die wissen daß nichts wiederkommt
und haben kapiert was los ist und könnens doch nicht nach-
lassen und versuchens nochmal
es gibt Unbelehrbare die wissen daß nichts wiederkommt
und haben kapiert was los ist und könnens doch nicht nach-
lassen und räsonieren herum
es gibt Unbelehrbare die tun als ob nichts passiert ist und
leben herrlich und in Freuden
es gibt Unbelehrbare die tun als ob nichts passiert ist und
haben kapiert was los ist und machen wieder was sie wollen
es gibt Unbelehrbare die tun als ob nichts passiert ist und
haben kapiert was los ist und wissen daß nichts wieder-
kommt und machen wieder was sie wollen
überlebende Unbelehrbare

 

Zeitgenossen

I
blond und doch dagegen

II
grau und immer noch Wandervogel

III
vorsichtig und kurzsichtig

IV
PGiR

V
zwei Deutsche begegnen einander und reden deutsch miteinander

VI
wer einer Meinung ist ist nicht immer einer Meinung

VII
Aale sind schlechte Parteigenossen

VIII
wer nicht dafür ist ist dagegen wer dagegen ist ist dafür es
gibt keine Ausnahme

IX
dagegen sein oder Erfolg haben dafür sein und keinen Er-
folg haben das beste Rezept Nonkonformismus

X
der Mensch der ein Mensch war

XI
die Vergangenheit bewältigen mit der Gegenwart fertig
werden unbewältigte Vergangenheit nicht fertig gewordene
Gegenwart erblickte Zukunft

 

Zwei Gedichte von Heißenbüttel

Helmut Heißenbüttels Textbuch 5, aus dem die beiden Gedichte stammen, trägt den Untertitel 3 X 13 mehr oder weniger Geschichten. Dieser Untertitel ist irreführend: keines der 39 Stücke entspricht dem Kriterium Geschichten erzählender Schreibweise: der Darstellung evolutionärer Vorgänge.
Man könnte diese Stücke als polemische Meditationen bezeichnen; das scheint eine in sich widersprüchliche Definition, aber da auch die Stücke sich den überlieferten ästhetischen Kategorien entziehen, können die gängigen Formeln die Bedeutung dieser literarischen Gebilde nicht fassen. Die „Texte“, Produkte literarischer Grenzbereiche, weder Prosa noch Lyrik, beziehen einen Teil ihrer inneren Spannung und Dynamik aus ebendiesem widersprüchlichen Charakter ihrer Form. Die heterogenen Elemente sind zwar durch den Stil des Autors verschmolzen, aber die Spannung zwischen den Sprachpartikeln ist geblieben – zum Vorteil der Texte. Geblieben ist eine Nähe zur Lyrik, eben durch den monologischen, meditativen Sprachgestus. Ich würde die Texte Gedichte nennen.
Die formale Spannung der Gedichte allein jedoch würde den Leser kaum veranlassen, sich mit ihnen eingehend zu befassen, sich – der gewohnten Balken der Zeichensetzung beraubt – auf dem endlosen Rhythmus der Sätze dahintreiben zu lassen, gäbe es nicht Lohn für die Lesemühe: Sinn nämlich.
Kritische Stimmen, die auf der Rückseite des Textbuches abgedruckt sind, nennen Heißenbüttel einen intellektuellen Pop-Artisten, einen Sprachlaboranten, einen experimentellen Lyriker, einen Avantgardisten – ich halte es für durchaus richtig, ihn mit einem Begriff zu bezeichnen, der ihn wahrscheinlich wundern wird: Heißenbüttel ist Realist. Ich halte seine Gedichte für realistisch. Allerdings ist Realismus hier nicht als Stilart oder als Kriterium für größtmögliche Wirklichkeitsnähe verstanden, sondern als kritische Auseinandersetzung mit der Gesellschaft, als literarische Notwehr gegen eine aggressiv-regressive Wirklichkeit, als Aufdeckung gesellschaftlicher oder zwischenmenschlicher Zustände. Dieser Realismus ist der Schlüssel, der Heißenbüttels Gedichte aufschließt.
In den vorgetragenen Gedichten zeigt sich das ganz besonders deutlich. Beide denunzieren allgemeines Verhalten, summieren es auf unterschiedliche Art, um am Schluß mit zwei Worten ein pointenhaftes Fazit zu erreichen. Dabei bedient sich Heißenbüttel in beiden Gedichten ganz verschiedener Mittel.
Der Katalog der Unbelehrbaren ist in einer Sprache geschrieben, deren Nüchternheit, Simplizität, ja Plattheit kaum zu überbieten ist: es werden Gemeinplätze aus der Sprache der Unbelehrbaren variiert, Redewendungen des Alltags: „kapiert haben was los ist“, „tun als ob nichts passiert ist“, „leben herrlich und in Freuden“ und so weiter und so weiter. Kein Begriff aus einer erkennbaren Wirklichkeit wird benutzt, kein Finger deutet auf ein Konkretes, nichts Gegenwärtiges wird benannt, und doch assoziiert der Leser (oder Hörer) die Realität der halb deutschen Restauration, den Opportunismus des deutschen Halbvolkes, die Verdrängung der Vergangenheit aus dem Bewußtsein der meisten. Die Sequenzen steigern sich bis zu einem doppelten: „… und machen wieder was sie wollen“. Dann: In zwei Worten Fazit und Urteil: „überlebende Unbelehrbare“. Deutlicher kann in diesem Falle die Warnung vor der Wiederholung nicht sein. In diesem Gedicht spricht die Wirklichkeit für sich selber.
Das andere Gedicht, betitelt „Zeitgenossen“, ist in elf Abschnitte unterteilt und besteht nur aus knappen Sentenzen. Diese sind realitätsbezogener, manche Formulierung ist ganz direkt, dann ist sie schlecht wie „PGiR“ (Parteigenosse im Ruhestand); das gehört ins Kabarett und mindert die Wirkung. Einige der Sentenzen gehören in den Büchmann und haben große Chancen, volkstümlich zu werden, wie das lapidare: „Aale sind schlechte Parteigenossen“. Oder das treffende Paradoxon: „Wer einer Meinung ist ist nicht immer einer Meinung“. Eine schlichte Wahrheit, eine Binse über Relativierung und Manipulierung dessen, was jeder gern für sein Ureigenstes, Selbstgebildetes hält und ausgibt: Meinung.
Die von Heißenbüttel zitierten Verhaltensmuster werden in diesem Gedicht mit einer objektiven gesellschaftlichen Aufgabe konfrontiert: „die Vergangenheit bewältigen mit der Gegenwart fertig werden…“. Doch die gesellschaftliche Rechnung geht nicht auf und ergibt: „unbewältigte Vergangenheit nicht fertig gewordene Gegenwart…“ und daraus wieder in zwei Worten die Pointe: „erblickte Zukunft“.
Die Sprache, die wie von selber Zusammenhänge und Zustände aufdecken soll, verfällt manchmal ins lähmend Mechanische; um des sprachlichen und dialektischen Widerspiels willen werden die Fakten verdrängt und zurückgedrängt; das schwächt die gedankliche Reflexion und den sprachlichen Reflex in den Dichtungen. Bei dieser Schreibweise ist die Verführung, sich einem gewissen Automatismus zu überlassen, der der Dialektik eingeboren scheint, für den Autor besonders groß.
Gefahr für die Wirksamkeit literarischer Arbeiten entsteht, wenn ein Autor geneigt ist, die Eigengesetzlichkeit der Schreibweise für das Gesetz zu halten, das der Wirklichkeit eigen ist. Dann wird aus der moralischen Veranstaltung, die Literatur zu sein hätte, eine literarische Veranstaltung. Diesem Dilemma entgeht Heißenbüttel nicht immer.
Und noch ein Ingredienz fehlt Heißenbüttels Gedichten: jenes Einsprengsel, jene Spur von Irrationalität, die den Realismus aus seiner Verflachung erlöst und ihm die Dimension der Tiefe gibt.

Günter Kunert, 1965, aus: Günter Kunert: Warum schreiben. Notizen zur Literatur, Aufbau Verlag, 1976

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