Hadayatullah Hübsch: Zu Nicolas Borns Gedicht „Es ist Sonntag…“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Nicolas Borns Gedicht „Es ist Sonntag…“ aus Nicolas Born: Das Auge des Entdeckers. –

 

 

 

 

 

NICOLAS BORN

Es ist Sonntag
die Mädchen kräuseln sich und Wolken
ziehen durch die Wohnungen –
wir sitzen auf hohen Balkonen.
Heute lohnt es sich
nicht einzuschlafen
das Licht geht langsam über in etwas
Bläuliches
das sich still auf die Köpfe legt
hier und da fällt einer
zusehends ab
die anderen nehmen sich
zusammen.
Diese Dunkelheit mitten im Grünen
dieses Tun und Stillsitzen dieses alles ist
der Beweis für etwas anderes

 

Die Ahnung von einer anderen Welt

Manchmal, vor dem Einschlafen, habe ich das Gefühl, am nächsten Tag ist Sonntag. Am nächsten Morgen kommt dann aber doch wie üblich der Briefträger, und die Nachrichten der Tageszeitung berichten nicht von Mädchen in weißen Kleidern, deren Rüschen sich kräuseln. Solch ein Sonntagsgedicht ist dieser Text von Nicolas Born; es spielt kaum eine Rolle, ob es wirklich Sonntag ist, Hauptsache, wir bekommen mit, wie anders die Luft riecht, manchmal. Man hat dann die Wattewolken gern, die uns einhüllen in unseren Wohnungen und ab und zu einen erfrischenden Schauer entlassen.
Natürlich spielt dieses Gedicht zu Hause, obgleich man nicht weiß, wo das nun eigentlich ist. Wir ahnen ja nur die nächste Dimension; die luftigen Blicke hinunter, hinunter auf Straßen und Land, halten uns wach. Ich mag diese geheimnisvollen Stunden, denen Born auf der Spur ist, ich mag seine Traumwelt von morgen, die wir, ohne schlaflos zu sein, in diesen Zeilen wiederfinden. Es ist die gelebte, geliebte Vorstellung von den anderen Welten in uns und außer uns, die den Weg zeigen zum Paradies. Born’s Gedicht indes umrahmt es nur mit seinen bunten Blumen-Versen, die sich in unser Herz ranken wollen, um uns die Realität vergessen zu machen.
Es ist eine Stimmung zu spüren, irgendwo wird es einen Mond geben, ab und zu eine vor sich hin nickende Straßenlaterne – blaue Montage, die uns den Wochenanfang nicht erleiden lassen, auch wenn hie und da der Schmerz durchschimmert und manch einer nicht weiter weiß vor lauter duftenden Gemütsregungen. Wer sich zusammen nimmt, wird wieder ganz. Keine panische Krankheit befällt ihn. Wir sind die einen und die anderen, wir locken die Vogelrufe in unsere Wohnungen, und nun wird es Abend, ja Nacht schon. Um uns herum nur hohe, grünende Bäume und Pflanzen, es kann Mitternacht werden und darüber hinaus, es ist ja ein Sonnentag.
Wir tun etwas, sehen uns das Wetter an, schauen hinein in unsere Gefühle, nie zuvor verspürte, kaum geahnte; die Andere Wirklichkeit nimmt uns gefangen, sie beweist sich in der strahlenden Dunkelheit, nicht von oben herab, sondern allen einsichtig; den mit Grazie Sitzenden, den Hellhörigen, den weiter Sehenden den Beweis liefernd: Du bist in den Zeilen dieses Gedichtes, kein Amoklauf kann das verhindern. Du bist Gefangener des Neuen Lebens und gibst keinem die Chance umzukehren, den Tag rückgängig zu machen, etwa doch einzuschlafen oder abzubauen, nicht mehr da für die anderen, die genau wissen, daß ein solcher Sonntag nur der Anfang ist für die Andere Welt.
Das Gedicht geht weiter, es hört nicht mit der letzten Zeile auf, dort fängt seine Lebendigkeit erst an, deswegen kann es auch keine Überschrift haben; sie würde dem Gedicht den Schein des Gewollten, ja Verkrampften liefern. Das Gedicht kommt aus heiterem Himmel.
Ich gehe mit Born, weil er mich an seinen feinfühligen Zeilen teilhaben läßt, weil er nicht aufhört zu sagen, daß wir auch morgen noch anwesend sein können. Es mag Regen kommen oder Hagel, wir haben gesehen und erinnern uns, daß die Zeichen, die wir empfingen, Wirklichkeit und nicht etwa Einbildung waren. Wir werden aufgefordert, den Neuen Menschen in uns entstehen zu lassen. Wir werden die geflüsterte Nachricht von der Anderen Welt in uns aufnehmen und das Warten lernen.

Hadayatullah Hübschaus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Zweiter Band, Insel Verlag, 1977

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