Hans Bender: Zu Peter Hilles Gedicht „Waldstimme“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Peter Hilles Gedicht „Waldstimme“ aus Peter Hille: Neue Welten. 

 

 

 

 

PETER HILLE

Waldstimme

Wie deine grüngoldenen Augen
aaafunkeln,
Wald, du moosiger Träumer,
Wie so versonnen deine Gedanken
aaadunkeln,
Saftstrotzender Tagesversäumer,
Einsiedel, schwer von Leben!

Über der Wipfel Hin- und
aaaWiederschweben:
Wie’s Atmen holt
und näher kommt
aaaund braust,
Und weiter zieht
und stille wird
aaaund saust!

Über der Wipfel Hin- und
aaaWiederschweben,
Hoch oben steht ein ernster Ton,

Dem lauschten tausend Jahre schon
Und werden tausend Jahre lauschen.
Und immer dieses starke,
aaadonnerdunkle Rauschen.

 

Wald du moosiger Träumer

Wer sind Sie? Was sind Sie? Wo sind Sie? Ein anonymer Prinz? Ein Geheimrat im Ministerium des Äußern? Ein stiller Stubengelehrter? Ein Lebemann? Ein Sportsmann? Ein Professor?

Die aufgeregten Fragen standen 1885 in einem Brief des jungen Detlev Freiherr von Liliencron. Er hatte eben das erste Heft einer Zeitschrift mit dem seltsamen Titel Die Völkermuse – ein kritisches Schneidemühl begeistert gelesen und wollte wissen, wer ihr Herausgeber war. Peter Hille hieß er, war 31 Jahre alt, hatte nach Aufenthalten in England und Holland und mehreren Städten in Deutschland einen Unterschlupf gefunden bei den Brüdern Heinrich und Julius Hart in Berlin. Was Liliencron erwarten oder vielleicht nur spöttisch ins Gegenteil verdrehen wollte, war er nicht.
Er war ein Bohemien, ein Literaturzigeuner, ein Vagabund, ein Asket, ein Träumer, ein Weiser, ein Heiliger. Die ihm begegneten, sahen ihn so. Corinth, Zille, Käthe Kollwitz haben ihn so porträtiert. Else Lasker-Schüler hat ihn als „Petrus“ angehimmelt und mit Legenden umwoben. Die Kennzeichnungen wurden weitergereicht, bis in unsere Zeit. Sie stimmen – und stimmen nicht. Gewiß, er war ein unsteter, mittelloser, sonderbarer Mensch. Er legte keinen Wert auf Kleidung. Haupt- und Barthaar ließ er wachsen, wie es wollte. Er schlief in Elendsquartieren; manchmal unter freiem Himmel. So erfolgreich wie Emanuel Geibel, Friedrich Wilhelm Weber oder Gerhart Hauptmann wollte er nicht sein.
Die Epoche, in die er hineingeboren worden war, gefiel ihm nicht. Die Prosperität, die Skat- und Bierwelt der Gründerjahre waren ihm zuwider. Er blieb lieber an der Peripherie. Zugleich war er ein polemischer Beobachter dessen, was rechts und links geschah. Er reflektierte über die „gesellschaftliche Therapeutik“ der Literatur. Er war auf der Seite der Naturalisten und Sozialisten. Er bewunderte Ibsen, Zola, Turgenjew, Poe, Hart. Und war stolz:

Ich bin mir selber Gesetz.

Oder:

Ich bin, also ist Schönheit.

Peter Hille schrieb Aphorismen, Gedichte, Essays, Dramen, Romane, ohne sie immer zu vollenden. Die Gesammelten Werke in sechs Bänden, deren Erscheinen angezeigt ist, werden nachweisen, was er geleistet hat; und wie unrecht es war, ihn fast ganz zu vergessen. Lediglich ein Gedicht hatte sich in den ersten fünf Jahrzehnten nach seinem Tod (1904) noch in Schullesebüchern und Lyrikanthologien behauptet: „Waldstimme“. Wie kühn und frei es in der Zeit seiner Entstehung gewirkt hat, ist ihm nicht anzusehen. Dahinter stand ein Theoretiker der Lyrik. Einer, der bewußt sich absetzen wollte von der Nachahmung verbrauchter Formen, Rhythmen und Gefühle. Früher als Arno Holz hat Peter Hille „Dinglaute und Dinggedichte“ propagiert. „Die graziöse Inkongruenz, die Einzigartigkeit der Dinge muß durch den Laut gegeben werden“ war eine von vielen anderen Forderungen. Der Dichter, der den Wald ansprach, übernahm von ihm den Laut oder die Stimme. Der „Wipfel Hin- und Wiederschweben“, des Waldes „Atem“, „ernster Ton“ und „Rauschen“ verliehen dem Gedicht seine frei-rhythmische Sprechweise; auch seine damals ungewohnte Graphik. Ein Grund auch, warum der Wald nicht angedichtet und seiner Huldigung keine falsche Empfindung hinzugefügt wurde.
Man weiß, Peter Hille liebte die Landschaft und die Wälder seiner ostwestfälischen Heimat. „Waldstimme“ war jedoch nie und nimmer als Protestgedicht gemeint. Uns aber, die wissen, daß es den Wald, wie Peter Hille ihn ansprach („du moosiger Träumer“, „saftstrotzender Tagesversäumer“), bald nicht mehr geben wird, trifft seine poetische Beschwörung deshalb noch viel mehr als vorher.

Hans Benderaus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Neunter Band, Insel Verlag, 1985

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