Hans Christoph Buch: Zu Heiner Müllers Gedicht „Traumwald“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Heiner Müllers Gedicht „Traumwald“ aus Heiner Müller: Werke I. Die Gedichte. 

 

 

 

 

HEINER MÜLLER

Traumwald

Heut nacht durchschritt ich einen Wald im Traum
Er war voll Grauen Nach dem Alphabet
Mit leeren Augen die kein Blick versteht
Standen die Tiere zwischen Baum und Baum
Vom Frost in Stein gehaun Aus dem Spalier
Der Fichten mir entgegen durch den Schnee
Trat klirrend träum ich seh ich was ich seh
Ein Kind in Rüstung Harnisch und Visier
Im Arm die Lanze Deren Spitze blinkt
Im Fichtendunkel das die Sonne trinkt
Die letzte Tagesspur ein goldner Strich
Hinter dem Traumwald der zum Sterben winkt
Und in dem Lidschlag zwischen Stoß und Stich
Sah mein Gesicht mich an: das Kind war ich

 

Harte Fügung

Dramatiker sind nicht automatisch die besseren Dichter auch wenn sie von Reim und Metrum meist mehr verstehen als ihre Kollegen von der lyrischen Zunft. Die Kunst, fünffüßige Jamben zu dichten, hatte Heiner Müller bei Shakespeare gelernt, als er sich, bei Ulbricht in Ungnade gefallen, nach der Premiere seines Stückes Die Umsiedlerin, mit Adaptionen von Klassikern notdürftig über Wasser hielt. In der DDR-Diktatur war das Übersetzen (ähnlich wie das Schreiben von Kriminalhörspielen) ein Rettungsanker für unliebsam gewordene Autoren und zugleich eine Art innerer Emigration.
Als Heiner Müller Mitte der siebziger Jahre aus der Versenkung wiederauftauchte, in der ihn die SED hatte verschwinden lassen, war er ein ausgereifter Dramatiker, der fünffüßige Jamben scheinbar mühelos aus dem Ärmel schüttelte, wenn es gewünscht wurde, auch gereimt. Was ihn vom sterilen Klassizismus seines Antipoden Peter Hacks unterschied, dessen formale Virtuosität Ausdruck politischer Anpassung war, ist die kompromißlose Härte, die Müller nicht im Leben, aber in seinen Stücken an den Tag legte. Er selbst hat sich sarkastisch als Sado-Marxisten bezeichnet, der nicht trotz, sondern wegen Stalins Verbrechen an seiner marxistischen Grundüberzeugung festhielt, nachdem der real existierende Sozialismus sein Verfallsdatum längst überschritten hatte.
„Die Revolution ist die Maske des Todes, der Tod ist die Maske der Revolution“: Dieser leitmotivisch wiederholte Satz aus dem Drama Der Auftrag könnte auch dem vorliegenden Gedicht als Motto dienen. Es ließe sich von einer nicht nur unbewußten, vielmehr bewußten Todesverfallenheit sprechen, die Müllers Werk zugrunde liegt, und dieser gleichsam abstrakte Todestrieb wird gesteigert und aktualisiert durch die Krebsoperation vom Herbst 1994, die den Autor mit seiner eigenen Sterblichkeit konfrontiert. Aus seiner existentiellen Not heraus schreibt er eine Serie von poetischen Notizen und stenogrammartigen Notaten, die zu den bewegendsten Zeugnissen der deutschsprachigen Literatur der neunziger Jahre gehören.
Aus diesem Umkreis stammt das vorliegende Gedicht, das, gereinigt von den Schlacken des bloß Privaten, Müllers persönliches Schicksal ins Allgemeingültige wendet – wie Stahl, der in der Glut gehärtet wird. Der martialische Vergleich ist durchaus angebracht, nicht nur wegen der Lanze, mit der das Alter ego des zum Kind mutierten Autors diesem entgegentritt. Auch der gekreuzigte Christus starb am Lanzenstich, und es ist ein Wiedergänger des Jesuskindes, das, als Strafe und Erlösung zugleich, dem Dichter den Todesstoß versetzt.
In seinen letzten Lebensjahren irritierte Heiner Müller seine linken Weggefährten durch innere Nähe zu und wachsende Sympathie mit Ernst Jünger, dessen kriegerische Bildwelt er hier indirekt zitiert. Aber noch ein anderer konservativer Autor ist als Vorbild unter dem Harnisch dieser nahtlos gefügten Verse versteckt: Stefan George, der ähnlich wie Heiner Müller die eigene Sterblichkeit ästhetisch transzendiert, indem er dem andrängenden Chaos die Strenge der vollendeten Form entgegenhält.

Hans Christoph Buchaus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Dreiundzwanzigster Band, Insel Verlag, 2000

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