Hans Christoph Buch: Zu Theodor Däublers Gedicht „Flügellahmer Versuch“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Theodor Däublers Gedicht „Flügellahmer Versuch“ aus Theodor Däubler: Dichtungen. Band I. 

 

 

 

 

THEODOR DÄUBLER

Flügellahmer Versuch

Es schweift der Mond durch ausgestorbne Gassen,
Es fällt sein Schein bestimmt durch bleiche Scheiben.
Ich möchte nicht in dieser Gasse bleiben,
Ich leid es nicht, daß Häuser stumm erblassen.
Doch was bewegt sich steil auf den Terrassen?
Ich wähne dort das eigenste Betreiben,
Als wollten Kreise leiblich sich beschreiben,
Ich ahne Laute, ohne sie zu fassen.
Es mag sich wohl ein weißer Vogel zeigen,
Fast wie ein Drache trachten aufzusteigen,
Dabei sich aber langsam niederneigen.
Wie scheint mir dieses Mondtier blind und eigen,
Es klopft an Scheiben, unterbricht das Schweigen,
Und liegt dann tot in Hainen unter Feigen.

 

Ein trüber Gast auf der dunklen Erde

Theodor Däubler, geboren 1876 in Triest, gestorben 1934 im Schwarzwald, ist einer der großen Unbekannten der deutschen Literatur: Von Dichterkollegen als poetischer Visionär hoch geschätzt, aber wenig gelesen, blieb er zeit seines Lebens ein unstet Wandernder zwischen Nord und Süd, Deutschland und Italien, denen er sich gleichermaßen zugehörig fühlte – eine Künstlerexistenz, wie Thomas Mann sie in der Novelle Tonio Kröger geschildert hat, Antipode des seßhaften Bürgers und dessen unfreiwillige Bestätigung zugleich: ein dunkler Gast, der nur vorübergehend, als PEN-Präsident und Mitglied der preußischen Akademie, aus dem Schatten ins Rampenlicht trat. Das paßt zum Porträt des Autors, wie es der Bildhauer Wilhelm Lehmbruck gezeichnet und die Literaturgeschichte überliefert hat, mit geschlossenen Augen und nach innen gekehrtem Blick, als lausche er einer unhörbaren Musik: Beethoven oder Wagner vielleicht, unter deren Einfluß er sein vielstimmiges Poem Nordlicht schuf. „Ich ahne Laute, ohne sie zu fassen“, heißt es in diesem Gedicht. Däubler war ein nordischer Barde und südländischer Rhapsode zugleich: Mit Homer verband ihn der persönliche Bezug zum Mittelmeerraum, den er als Schiffsjunge befuhr und später zu Fuß durchwanderte. Sein mehrfach umgeschriebenes, erweitertes und ergänztes Hauptwerk Nordlicht ähnelt eher einem Epos als einem lyrischen Gedicht und sprengt die gängigen Kategorien, weil es wie Däublers gesamtes Werk mehr zum Symbolismus und Jugendstil als zum Expressionismus paßt, dessen Wortführer Kurt Pinthus das Sonett in die zu Recht berühmte Anthologie Menschheitsdämmerung aufnahm. Dabei war Theodor Däubler das Gegenteil eines avantgardistischen Kaffeehausliteraten der zwanziger Jahre: ein dichterischer Seher, Religionsstifter und Hohepriester eines mystischen Kults, der wie Stefan George eine Gemeinde von Jüngern um sich zu scharen versuchte – ohne Erfolg. Von der Endfassung seines Poems Nordlicht wurden nicht einmal zehn Exemplare verkauft, und der Dichter klagte:

Ich breche unter dem Druck meines Tempels zusammen. Keine Leser bevölkern ihn.

Und dann dieses Sonett aus Däublers einzigem Buch, dem ein gewisser Erfolg beschieden war, dem bei Insel erschienenen Gedichtzyklus Der sternhelle Weg: Verse von klassischer Schönheit, formvollendet und verstörend modern zugleich. Das beginnt schon beim Titel, der den ernsten Anspruch des Texts mit augenzwinkernder Ironie unterläuft, wie dies Heine in den desillusionierenden Schlußzeilen seiner Gedichte tut. Humor ist etwas, das man von einem selbsternannten Propheten am wenigsten erwartet – oder ist der Titel womöglich ernst gemeint und bezieht sich, statt auf den Autor, auf den am Nachthimmel aufsteigenden Mond, der von oben herab das Treiben der Menschen kommentiert? Es wird nicht ganz klar, wer hier zu wem spricht, ob es der Dichter ist oder der Mond, den das Erblassen der Häuser stört. Oder ist das lyrische Ich ein einsamer Wanderer, der aus finsteren Gassen aufblickt zu mondbeschienenen Terrassen, die zugleich die höheren Kreise der Gesellschaft symbolisieren? Ein Zaungast wie Däubler, ausgeschlossen vom „eigensten Betreiben“ der Menschen, deren Aufbegehren gegen ihr Schicksal so halbherzig und kurzlebig ist wie der flache Bogen, den der Mond am Himmel beschreibt, bevor er bleich und tot am Boden liegenbleibt, „unter Feigen“, wie es in schönem Dopppelsinn heißt.
Schon die knappe Rekapitulation der Themen und Motive zeigt die Vielfalt und Widersprüchlichkeit dieses Gedichts, das sich durch seine metrische Monotonie und das mechanisch durchgehaltene Reimschema der Parodie annähert: Als wolle der Dichter das klassische Sonett durch sklavische Befolgung aller Vorgaben ad absurdum führen, um die Hohlheit der überlieferten Form zu entlarven. Bekanntlich ist der Schein des Mondes von der Sonne geborgt, die im Zentrum von Däublers kosmischen Visionen steht, und an diesem Punkt wird das religiöse Anliegen des Autors sichtbar, jene Mystik des Leben erschaffenden Lichts, die dem virtuosen Sprachspiel zugrunde liegt. So besehen enthält Däublers Sonett eine versteckte Hommage an Goethes Gedicht „Selige Sehnsucht“:

Und so lang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erd
e.

Hans Christoph Buchaus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Einunddreißigster Band, Insel Verlag, 2007

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