Hans Christoph Buch zu Wulf Kirstens Gedicht „werktätig“

Im Kern

Im Kern

– Zu Wulf Kirstens Gedicht „werktätig“ aus dem Band Wulf Kirsten: die erde bei Meißen. –

 

 

 

 

WULF KIRSTEN

werktätig

ein schmiedefeuer mit dem blasebalg entfachen,
den feldern ein schön ansehen machen,

einen baum auf den stock setzen,
die sense mitten im schwaden wetzen,

das getreide hinter dem mäher abraffen,
den halben abend aufs feld hinausschaffen,

korn aufschütten, ein pferd beschlagen,
den segen der kultur im korbe tragen,

die haferkluppen forscheln und flegeln,
einen steinblock aufbanken und schlegeln,

ein heufuder bäumen, das vieh beschicken,
einen brüchigen topf mit draht einstricken,

krallt schlagen, rüben blatten,
einen reifen aufziehn, einen zaun anlatten,

eine schmelze abstechen, eine glocke gießen,
das brot in den backofen schießen,

kalk anstoßen, ein beil schärfen,
ein schwein ins salz werfen,

eine kammer mit weißkalk ausweißen,
die federfahnen vom kiel reißen,

einen giebel verbrettern, eine tür anschlagen,
die dachbalken zapfen und schragen,

eine leiter lehnen, haferstroh häckseln,
das zeitliche mit dem ewigen verwechseln.

 

Lob der Werktätigen

– Wulf Kirsten zum 70. Geburtstag. –

Kein anderes Wort wurde in der ehemaligen DDR so inflationär gebraucht und zugleich ideologisch mißbraucht wie das Adjektiv, das im Titel des vorliegenden Gedichts erscheint. Unter Berufung auf die werktätigen Massen, substantiviert zu: die Werktätigen konnte die alleinherrschende Partei schlechthin alles rechtfertigen: den Verzicht auf Konsumbedürfnisse ebenso wie die Einschränkung der Freiheit, deren sichtbarster Ausdruck der Bau der Mauer war. Wulf Kirsten nimmt das Unwort beim Wort, indem er es von den lichten Höhen der Ideologie herunterholt und auf seine ursprüngliche Bedeutung zurückführt. Die Wahrheit ist konkret, und demgemäß bezeichnet das Adjektiv werktätig hier eine Serie von praktischen Verrichtungen, die zusammen mit den Wörtern, die sie bezeichnen, aus unserem Sprachschatz und damit auch aus dem Bewußtsein verschwunden sind. Es handelt sich um landwirtschaftliche Arbeitsvorgänge, aber nicht im Sinne einer industrialisierten Landwirtschaft, wie sie die UdSSR nach amerikanischem Vorbild einzuführen versuchte – in meinem Russischlehrbuch galt der Mähdrescher als Inbegriff von Fortschritt und Modernität. Auch in der DDR war Produktivitätssteigerung oberstes Gebot, wobei die ökologischen Folgen ebenso ausgeblendet wurden wie das durch die Zwangskollektivierung verursachte menschliche Leid und die dadurch ausgelöste Massenflucht nach Westen.
Von all dem ist nicht die Rede in Wulf Kirstens Gedicht, das stattdessen eine vorindustrielle Epoche heraufbeschwört, in der Bauern und Handwerker noch in eigener Regie arbeiten, ohne Vorgaben des Fünfjahresplans und ohne Genehmigung der Partei. Nicht um Blut und Boden geht es – das wäre nur die andere Seite der ideologischen Medaille –, sondern um unentfremdete Arbeit, wie sie Hegel in seiner Ästhetik am Beispiel der homerischen Helden exemplifiziert hat: Achill schmiedet sich Schild und Schwert, und Odysseus zimmert sein eigenes Bett.
So besehen, entpuppt sich die Flucht in ein ländliches Idyll als subversive Strategie, mit deren Hilfe das Gedicht die Zensur unterläuft in einem Staat, der seine Bürger entmündigt, indem er ihnen vorgaukelt, die entfremdete Arbeit – und mit ihr die Entfremdung des Menschen – sei abgeschafft. Der Hinweis auf sach- und fachgerechtes Arbeiten enthält eine implizite Kritik am staatlich verordneten Murks, der durch die Berufung auf Marx nicht besser wurde. Dagegen ist der vorliegende Text ein solides Werkstück, gekonnt verfertigt nach allen Regeln der Kunst, die selbst ein Handwerk ist. Und es spricht für den mit dem Peter-Huchel-Preis ausgezeichneten Dichter, daß er das Landleben nicht idealisiert, sondern in seiner Kargheit und Härte sichtbar macht. Wulf Kirsten hatte in den verschiedensten Berufen gearbeitet, bevor er als Lektor des Aufbau-Verlags in Weimar seßhaft wurde, wo er nach der Wende ein Bürgerkomitee zur Aufklärung der Stasi-Verbrechen leitete, und er ist alles andere als provinziell: ein kosmopolitischer Spracharchäologe, der vergessene und verschollene Redewendungen unter dem Wortmüll der Gegenwart zutage fördert. Man braucht nicht in Grimms Deutschem Wörterbuch nachzuschlagen, um herauszufinden, daß „halber abend“ Vesperbrot und „segen der kultur“ Ernte bedeutet, während „bäumen“ aufladen und „blatten“ entblättern heißt. Wichtiger ist, daß das ästhetische Vergnügen, welches der Autor beim Schreiben empfand, bei der Lektüre des Gedichts auf die Leser überspringt. Kirstens Freude an altertümlichen Wortfügungen ist kein Ausdruck von rückwärtsgewandter Nostalgie oder selbstgenügsamem „L’art pour l’art“: Nicht der Dichter verwechselt das Zeitliche mit dem Ewigen, sondern die alleinseligmachende Partei, die „ewige Freundschaft mit der Sowjetunion“ predigte und den Sieg des Sozialismus verkündete, als dieser sein Verfallsdatum längst überschritten hatte.

Hans Christoph Buch, aus Gerhard R. Kaiser (Hrsg.): Landschaft als literarischer Text. Der Dichter Wulf Kirsten, Glaux Verlag Christine Jäger, 2004

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