Hans-Ulrich Treichel: Zu Günter Kunerts Gedicht „Todesferne Elegie“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Günter Kunerts Gedicht „Todesferne Elegie“ aus Günter Kunert: Abtötungsverfahren. –

 

 

 

 

GÜNTER KUNERT

Todesferne Elegie

In ihrer Weinhandlung
in der Via dei Chiavari
in der düsteren Höhle die beiden Alten
sind vollkommen unsterblich
Ein korpulenter Silen
unrasiert unter schmutziger Mütze
eine aufgetriebene Dryade
mit dicken unbeweglichen Säulenstümpfen
anstelle der Beine
Kühle und Stille nur ihre Gefährten
Osmotisches Sein
gezeichnet von heiliger Reglosigkeit

Hinter vergrautem Glas
ein wenig Wurst ein wenig Käse
Flaschen ohne Etikett erwartungsvoll leer
säuerlicher Geruch von den Fässern
und kein Gruß und kein Lächeln
Kühle und Stille und Schweigen

ein erstarrtes Arkadien
wo er nie gewesen scheint
hinter der nächsten Ecke
des Campo di Fiori.

 

Saurer Wein in Arkadien

In Rom gibt es eine Straße mit dem vielversprechenden Namen Via delle Botteghe Oscure. Allerdings ist die Straße nicht wegen ihrer dunklen Läden bekannt, sondern vor allem deshalb, weil sich hier viele Jahre der Hauptsitz der Kommunistischen Partei Italiens befunden hat. Letzterer hätte den 1929 in Berlin geborenen und 1979 aus der DDR ausgereisten Schriftsteller Günter Kunert wohl kaum zu einem Gedicht inspiriert. Und zu einem melancholischen schon gar nicht. Seine bottega oscura, seinen dunklen Laden, hat er denn auch nicht hier, sondern ein paar Straßen weiter in der Via dei Chiavari gefunden.
Bei dem Laden handelt es sich um eine Weinhandlung, in der es auch „ein wenig Wurst ein wenig Käse“ zu kaufen gibt und die von einem alten Ehepaar geführt wird. Was wäre verlockender, als sich nach einem Gang durch die heiße, sommerliche Stadt mit einem kühlen vino sfuso direkt vom Fass und einem Stück Käse zu versorgen? Doch hier, in diesem Laden lieber nicht. Die Weinfässer strömen einen „säuerlichen Geruch“ aus, die Wurst und der Käse liegen wer weiß wie lange schon „hinter vergrautem Glas“, und das alte, kränkliche und verwahrlost wirkende Ehepaar scheint auch nicht gerade auf Kundschaft zu warten: „kein Gruß und kein Lächeln“ wird dem Eintretenden gegönnt, nur „Kühle und Stille und Schweigen“ begegnen ihm.
Die meisten Passanten würden wohl rasch wieder verschwinden. Der Autor aber hält der „düsteren Höhle“ und den beiden reglos dasitzenden Alten stand. Und nicht nur das: er entdeckt in ihnen wahrhaft mythische Figuren. Einen „korpulenten Silen“ sieht er und „eine aufgetriebene Dryade“, einen Satyr also und eine Baumnymphe. Beide, Nymphen wie Silene, gelten wohl als überaus langlebig, aber nicht als unsterblich. In diesen Rang erhebt sie erst das Gedicht Günter Kunerts – genauer: der poetische Augenblick, in welchem sich dem Dichter die Weinhandlung und das reglose Paar als ein Bild der Unsterblichkeit offenbart. Und mehr noch: der düstere Laden mit den beiden Alten wird ihm zu einem „erstarrten Arkadien“, zu einem irdischen Paradies also, „wo er nie gewesen scheint“.
Kunert spielt hier auf das lateinische Wort „Et in arcadia ego“ an, das uns unter anderem durch Gemälde der Barockmaler Nicolas Poussin und Guercino überliefert ist, wo das Wort in einer idyllischen südlichen Landschaft als Grab- oder Sarkophaginschrift erscheint. Goethe wiederum hat es in deutscher Übersetzung seiner Italienischen Reise als Motto vorangestellt:

Auch ich in Arkadien!

Ein Motto, das wir sogleich als emphatisches Bekenntnis Goethes zu seinem glückhaften Italien-Aufenthalt lesen. Es gibt freilich noch eine gegenteilige Lesart, nach der der Urheber des Wortes der Tod selbst ist, der uns wissen lässt, dass er sogar in Arkadien gegenwärtig ist und dass es irdisches Glück und ein irdisches Paradies ohne die Anwesenheit des Todes nicht gibt.
Warum aber sollte es ausgerechnet hier, in diesem Weinladen, so sein? Weil die beiden Alten im Laufe ihres Lebens beinahe eins und geradezu „osmotisch“ geworden sind, so dass der Tod erst gar nicht gewagt hat, ihr Reich zu betreten? Das wäre die liebesutopische Deutung. Doch dazu scheint uns der Laden dann doch zu trist und die „heilige Reglosigkeit“ der beiden Alten allzu profan. Und es entspräche wohl auch nicht dem Lebens- und Existenzgefühl des ausgewiesenen Pessimisten und Vergeblichkeitsspezialisten Günter Kunert, der sich und uns an anderer Stelle ins Stammbuch schrieb: „Gebeine bilden unsern Lebensgrund“, und der weder an irdische noch an himmlische Erlösungen glaubt. Und wenn doch, dann sähe diese Erlösung wohl ebenso aus wie das erstarrte, „todesferne“ Leben in der römischen Weinhandlung, die in Wahrheit eine Grabkammer zu Lebzeiten ist.

Hans-Ulrich Treichelaus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Fünfunddreißigster Band, Insel Verlag, 2012

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