Hilde Domin: Zu Christoph Meckels Gedicht „Gedicht für meinen Vater“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Christoph Meckels Gedicht „Gedicht für meinen Vater“ aus Christoph Meckel: Wenn es angeht.

 

 

 

 

 

CHRISTOPH MECKEL

Gedicht für meinen Vater

Lebenslang
lebendig begraben
in einem grauen Grab Melancholie,
dort wirst du nicht verlangt, und bist allein
eingerichtet mit zerbrochenen Glocken
Sonnenblumen, Laub und nächtlichem Wind
dort gehst du umher, einen kleinen verklingenden
Donner hauchend in eine Flasche Wein
und hälst ein Lachen
vor dein zersprungenes Gesicht.

Der dir den Vers schreibt, besucht dich
in einer Nacht, da Tau und Nüsse fallen
aufsteigend aus Räumen voll Bläue, worin Gebirge
kommen und gehn, und meerentstiegenes
felsenspaltendes Licht verschwendend raucht in den Himmel
und schenkt dir Strophen aus Salz, ein Lachen
teilend mit dir, und Schweigen
dein tägliches Grab.

Alleingelassen, träumst du gern
weltreisende Engel
die sich niederließen zur Nacht
im märzlichen Weinberg nahe deinem Haus;
der warme Wind weht Steine auf deinen Tisch
und zu der Zeit, da Tau und Nüsse fallen
besucht dich, der dir schreibt den Vers
Kirschwasser mit dir zu trinken
im Schwarzwälder Herbst.

Eine Hand voll
verwelklicher Verse hältst du
gegen den großen Untergang. Dein Herrgott
schlägt sein Wasser ab an deinem Sarg
er spuckt in dein Schweißtuch
und kennt deine Verse nicht.

Einmal
herab von den Hügeln
wird wandern der Kirschbaum, funkelnd
Einzug halten in dein verfinstertes Haus
und herabschnein Blüte Schneeglanz
auf dein im Schlaf noch ruheloses Gesicht,

einmal verklingen werden deine Strophen
im kirschenweißen Mittag, und der vergebliche
Vers, deine Marter
macht dich gelassen am Ende.

 

Eine besondere Totenklage

Am 15.7.1969 hatte ich dies Gedicht von Christoph Meckel in der F.A.Z. gelesen und mir ausgeschnitten. Den Adressaten habe ich noch ein Jahr zuvor getroffen, bei einem Freiburger-Colloquium. „Ich bin der Vater von Christoph Meckel“, hatte er sich vorgestellt. Davon, daß er selber schreibe, kein Wort. Kurz darauf brachte die Zeit ein Protestgedicht gegen das Morden in Biafra, von Meckel: dem Vater Meckel, was aber unbemerkt blieb, obwohl das Gedicht einiges Aufsehen erregte. Es war das einzige Biafra-Gedicht, neben Hunderten für Vietnam, und galt ohne weiteres als ein Meckel: Meckel Christoph, natürlich. Derartige politische Gedichte sind ja fast anonym. Meckel hat meines Wissens keine produziert.
Diese Totenklage ist eine sehr besondere: Ein erfolgreicher und von vielen geliebten Autor beklagt seinen Vater, dem die Gabe des Worts versagt blieb. Ein solcher Sonderfall, wieso bewegt er uns, was ist das Exemplarische daran? Denn nur das exemplarische Gedicht hat die Kraft, den Leser anzurühren. Was nicht durch das Nadelöhr der Einzelerfahrung hindurchgeht ins Allgemeine, das bliebe privat und ginge nur den Betroffenen an. Hier spricht der Sohn, der erreicht hat, was dem Vater das ganze Leben nicht gelungen ist, und beide wußten es, beide haben darum Kummer gehabt.
Wie der Vater sich gefreut hat an der größeren Begabung des Sohnes, wenn auch vermutlich nicht ohne Traurigkeit, so identifiziert der Sohn sich zärtlich mit dem Mißlingen, das ihm selbst erspart blieb. Die Klage um den toten Vater ist der Schmerz um die lebenslängliche Vergeblichkeit, an der der Sohn teilnimmt, als würde die Bürde dadurch für den Toten leichter. Keine Spur von Rivalität, wenn es sie je gegeben hätte, nur liebende Identifizierung mit dem Scheitern des Gescheiterten. In diesem Akt der Selbstentäußerung, des Schmerzes über den nicht gelungenen Vers des andern, gelingen ihm – und dies Paradox ist noch dazu typisch für das Wesen der Poesie – einige seiner stärksten Verse überhaupt. „Strophen aus Salz.“ Kein Mißverständnis: diese Strophen „passieren“ ihm nicht. Sprachbegabung und handwerkliches Können gehören zu diesem Gelingen, Emotion und Ratio, beides. Die „Geschenke“ (Valéry) lassen sich nachträglich beim guten Gedicht nicht mehr herausfiltern aus dem Arbeitsprozeß.
Im Hineingehen in die Vergeblichkeit sind Meckel äußerste Demutsformeln geglückt, die an die des Mittelalters erinnern, wo sich einer im Boden an der Kirchentür begraben ließ, „damit alle gleich meine Knochen mit Füßen treten“. „Dein Herrgott“, sagt Christoph Meckel zu seinem Vater, „schlägt sein Wasser ab an deinem Sarg / er spuckt in dein Schweißtuch / und kennt deine Verse nicht.“ Und der Sohn trinkt auf dem Grab (Schwarzwälder Kirschwasser), wie es die Menschen in der Antike taten und wie es, Meckel vermutlich unbekannt, noch heute manche Völker auf den Gräbern ihrer Familie tun.
Ein Vertrauensverhältnis zwischen den Generationen wie das seines Altersgenossen Reiner Kunze (DDR) zu seiner Tochter, der Adressatin so vieler zärtlicher Gedichte. Es ist also möglich, auch heute und hier, wo die, „die Nase rümpfen, ehe sie sie schneuzen“ (Lichtenbergs Definition der Deutschen), lautstark den Ton angeben und wo Väter, die nicht ins Schienbein getreten werden, fast dankbar sein dürfen.
Dabei ist Meckel mitnichten ein unkritischer Autor:

In die menschenleere Menge sprech ich, ohnmächtig
und mit dem Verlangen zu lieben: dich, mich und alle.

Der so spricht, wird nächstes Jahr [im Jahr 1975] vierzig.

Hilde Dominaus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Erster Band, Insel Verlag, 1976

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.