Hubert Schirneck: Zu Günter Kunerts Gedicht „Besuch in Weimar“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Günter Kunerts Gedicht „Besuch in Weimar“ aus Günter Kunert: Mein Golem. 

 

 

 

 

GÜNTER KUNERT

Besuch in Weimar

Fremder Himmel. Fremde Laute.
Mein einziger Vertrauter besteigt
mit mir den Lift. Aus poliertem Messing
unser Gesicht. Archaische Maske.
Wenigstens die Speisekarte besteht noch
auf der Wahrheit des gedruckten Wortes.
Und die üblichen Handgriffe stillen
das übereifrige Herz. Lauter lächelnde
Mädchen erfüllen alle Wünsche
außer den unbezahlbaren. Später
bereiten die Korridore sich einhellig
auf Archäologen vor. Hinter den Türen
die bloße Hoffnung auf ein Leben bei Lebzeiten.
Für sonstige Befürchtungen
bietet ein Piktogramm den Ausweg.

Draußen auf dem Platz aber Goethe
und Schiller halten einander
an den Händen fest
angesichts ihrer Nachkommenschaften.

 

Die Fremde, die man selber ist

Günter Kunert muss nicht unbedingt nach Weimar fahren, um Goethe zu begegnen. „Dieser deutscheste aller deutschen Dichter“ taucht häufig auf in Kunerts Texten. Aber nur hier sieht er ihn frierend auf dem Theaterplatz, offenbar verzweifelt händchenhaltend mit Schiller. Und dies ist nun einmal der Ort, an dem die Diskrepanz zwischen der Goethezeit und unserer scheinbar wesentlich komplexeren Gegenwart derart augenfällig wird.
Kunert versetzt sich gern in zukünftige Archäologen und betrachtet unsere Welt mit ihren Augen. Das ist mehr als eine Marotte und auch kein bloßer Kunstgriff. Es ist tatsächlich Kunerts Weltsicht und unbestreitbar eine effektive Methode, um eine gewisse Distanz zu den gesellschaftlichen Unausweichlichkeiten zu gewinnen – nicht nur als Dichter, sondern als ganz privater Bewohner dieser wunderlichen Welt, die ihn mit ihrer steten Umarmung zu erdrücken droht. Das unvermeidbare Nachdenken über die täglichen Ereignisse und die tägliche Stagnation, insbesondere über die sich ständig reproduzierende Weltgeschichte im Kleinen und Großen braucht dringend Abstand. Zu Thüringen bestand diese Distanz offensichtlich sowieso, wie auch die Thüringer Autoren den in nördlicheren DDR-Gebieten beheimateten Kollegen bisweilen wie seltsame Fremdlinge erschienen. Und auch beim Besuch in Weimar ist Kunerts einziger Vertrauter sein eigenes Spiegelbild, das sich ihm auch noch maskenhaft darbietet. Man könnte vermuten, dass sich Kunert in Pompeji heimischer gefühlt haben mag als in der Klassikerstadt. Beide Orte sind Symbole für diesen Dichter, der seinen Stempel als unverbesserlicher Pessimist schon vor langer Zeit aufgedrückt bekam, der als „männliche Kassandra von Kaisborstel“ gilt und als „Apokalyptiker“. Er entgegnet für gewöhnlich, er sei Realist und beschreibe einfach nur „eine Welt, die pausenlos in Nichts zerfällt“ – und in der Piktogramme die bestmögliche Orientierung bieten. Auch das Schreiben ist dem Reisen eng verwandt:

Man zieht in die Fremde, die man selber ist.

Hubert Schirneckaus Jens Kirsten und Christoph Schmitz-Scholemann (Hrsg.): Thüringer Anthologie. Weimarer Verlagsgesellschaft, 2018

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