Insa Wilke: Zu Rolf Dieter Brinkmanns Gedicht „In Briefen“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Rolf Dieter Brinkmanns Gedicht „In Briefen“ aus Rolf Dieter Brinkmann: Standphotos

 

 

 

 

 

ROLF DIETER BRINKMANN

In Briefen

Die kleinen
Dinge, sie liebte sie so, verwachsen
damit, wie sie war.

In Briefen gelegentlich erwähnt
wohin sie gehörten
nach so vielen Jahren
besaß jedes seinen eigenen Platz.

Ihren Platz hatte sie auch
schon sich abstecken lassen
nur daß er ihr schließlich
zu groß geraten war.

Also gab sie ihn wieder auf
und lebte weiter von diesem
Brief zu jenem Brief.

 

Stille Post

Rolf Dieter Brinkmann war Mitte zwanzig, als er dieses Gedicht in seiner Kölner Altbauwohnung schrieb. Es erschien 1967 in seinem fünften Gedichtband Was fraglich ist wofür, mit dem er als Lyriker bekannt wurde. Ich war ungefähr 35 Jahre später auch Mitte zwanzig, als ich es entdeckte, an meine Zimmerwand pinnte und vollkommen anders verstand als Brinkmann selbst, nämlich warm und freundlich.
Das lässt sich genau sagen, weil Brinkmann seinem Übersetzer und Freund Hartmut Schnell 1974 Kurzinterpretationen zu allen Gedichten aus Was fraglich ist wofür geschickt hat. Über „In Briefen“ schrieb er: Da „siehst Du jemand, der so kleine Dinge, Souveniers mit persönlichen Bedeutungen, liebt und darin hockt. Die Dinge, das ist das grässliche daran, verwachsen dann, in so einem unbewegten Leben mit einer Person.“ Die Briefe seien die einzige vitale Widerstandsleistung gegen die Ding-Welt und Versuche, die Entfernung zu sich selbst, zu den Menschen, zum Leben zu verringern.
Heute, im Zeitalter von E-Mail und Kurznachricht, verstärkt sich diese Deutung und das Wort „Brief“ klingt sogar noch lebenszugewandter: Briefe schreibt man Menschen, für die man sich Zeit nimmt. Im Gegensatz zu Brinkmanns damaliger Lesart lässt sich auch die Liebe zu den kleinen Dingen positiv verstehen, gelesen als Zufriedenheit mit dem eigenen Raum und Leben, als Widerstand gegen das allgemeine Streben in die Öffentlichkeit von sozialen Netzwerken und Talkshows. Solche historischen Verschiebungen verändern den Grundton des Gedichts. Es hat in der stillen Post der Jahrzehnte und ihrer medialen und sozialen Entwicklungen seinen wertenden Akzent verändert. Oder besser: Man kann den Subtext heute deutlicher hören.
Denn schon 1967 beziehungsweise 1974 stand der Klang von „In Briefen“ im Gegensatz zu Brinkmanns abwertender Deutung – lauter helle, lange Vokale und weiche Konsonanten. Die Sparsamkeit dieses Gedichts, was Adjektive und Ausschmückungen angeht, wirkt nicht karg, sondern atmosphärisch, als habe Vermeer ein Bild in Worten gemalt. Gibt der sanfte Klang des Gedichts einen Hinweis auf eine weitere, anders geartete „stille Post“, die seinem Autor unterlaufen ist? Brinkmann plädierte ja immer für ein genaues Hinsehen und die Suche nach der richtigen Einstellung für ein Bild.
Was fraglich ist wofür sei eine „Gallerie von Momentaufnahmen aus dem alltäglichen Leben“, so Brinkmann an Hartmut Schnell. Er verfasse seine Gedichte spontan, vom Augenblick inspiriert. Also quasi eine écriture automatique, die das Unbewusste gewollt in der Schrift sichtbar macht. In seinen Briefen verwendet Brinkmann dieses Verfahren ganz offen.
Brinkmann war selbst einer, der in Briefen lebte. Sie sind Gegenschriften zu dem Bild des aufbrausenden Dichters und enfant terrible des Literaturbetriebs. Brinkmanns Briefe aus Rom an seine Frau Maleen beispielsweise verwandeln sein Collagebuch Rom, Blicke, so oft als Zeugnis von Aggression und Welthass gelesen, in eine der anrührendsten Liebesgeschichten der Literatur dieser Zeit. Die Briefe an Hartmut Schnell wiederum zeigen einen Dichter, der anders als offiziell behauptet sehr wohl das intellektuelle Gespräch liebte und die Reflexion über die Bedeutungen seiner Literatur. In seinen Briefen zeigt Brinkmann sich gelegentlich als ein anderer, wie auch die Frau seines Gedichts nur gelegentlich von dem spricht, was ihr Leben tatsächlich ausmacht.
Liest man „In Briefen“ aus dieser Perspektive noch einmal, tritt die von Brinkmann porträtierte Person als eine erstaunlich glückliche Frau hervor, die, selbst als ihr Lebensplan scheitert, kein Zeichen von Unglück aufweist. Frauen sind in Brinkmanns Gedichten oft sentimentalische Figuren, die etwas begriffen haben vom Leben und nur scheinbar naiv und passiv wirken. Auch diese Frau verzweifelt nicht, als ihr Platz sich, anders als der ihrer Dinge, nicht definieren lässt. Sie nimmt das Leben als eines an, das aus winzigen Momenten der Intensität und Nähe besteht, die in der monologischen wie auch dialogischen Form des Briefes (mit)geteilt werden können.
Den verachtungsvollen Blick ihres Betrachters verwandelt die beharrlich Zufriedene in einen staunenden, vielleicht gar einen liebenden. Eingeschrieben ist dem Gedicht die Sehnsucht nach einer solchen Existenz, in der die Furcht vor dem Scheitern und dem Lebensmangel und alles Streben zur Ruhe kommen. „In Briefen“ formuliert einen zwischen den Zeilen aufleuchtenden Wunsch, erzählt als ein Märchen aus dem Alltagsleben. Es ist ein Blick durch eine für kurze Zeit geöffnete Tür.

Insa Wilkeaus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Siebenunddreißigster Band, Insel Verlag, 2014

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