Jakob Hessing: Zu Else Lasker-Schülers Gedicht „Ich liebe dich …..“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Else Lasker-Schülers Gedicht „Ich liebe dich …..“ aus Else Lasker-Schüler: Sämtliche Gedichte. –

 

 

 

 

ELSE LASKER-SCHÜLER

Ich liebe dich …..

Ich liebe dich
Und finde dich
Wenn auch der Tag ganz dunkel wird.

Mein Lebelang
Und immer noch
Bin suchend ich umhergeirrt.

Ich liebe dich!
Ich liebe dich!
Ich liebe dich!

Es öffnen deine Lippen sich …..
Die Welt ist taub,
Die Welt ist blind

Und auch die Wolke
Und das Laub –
– Nur wir, der goldene Staub
Aus dem wir zwei bereitet:
– Sind!

 

Tableaus der Unsterblichkeit

Schon bald nach der Machtergreifung, im April 1933, floh Else Lasker-Schiiler in die Schweiz. Aber das Land war unfreundlich zu ihr, und zweimal, 1934 und 1937, reiste sie nach Jerusalem, um sich von der Stadt inspirieren zu lassen, der zwei ihrer schönsten „Hebräischen Balladen“ gewidmet waren. Als sie 1939 zum dritten Mal fuhr, brach der Zweite Weltkrieg aus und verhinderte ihre Rückkehr nach Europa. So kam es, dass sie ihre letzten Lebensjahre in Jerusalem zubrachte, wo sie im Januar 1945 starb. Immer war sie einsam, und selbst Jerusalem, die Stadt ihrer poetischen Sehnsucht, konnte daran nichts ändern. Hier ist auch ihr spätes Liebesgedicht entstanden. „Ich sterbe am Leben und atme im Bilde wieder auf“ schreibt sie schon früh. Um ihr trauriges Leben zu bestehen, verwandelt sie es in Dichtung, und die Liebe ist eines ihrer zentralen Motive. „Deine Seele, die die meine liebet, / Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet“, heißt es in einem ihrem berühmtesten Gedichte. Das Muster des Teppichs zeigt ein asiatisches Liebespaar, und die Zeilen mögen an Karl Kraus gerichtet sein, aber sie beschreiben keine reale Liebe. Ihr Teppichtibet ist ein Land der Kunst, und das glückliche Paar ist ein Bild, in dem tote – ,verwirkte‘ – Seelen wiederauferstehen, weil ihre Liebe ihnen ein ewiges Leben schenkt.
Else Lasker-Schülers Liebespaare sind Tableaus der Unsterblichkeit, und oft rettet der Eros ihrer Dichtung sie vor dem Ersticken. Schon früh machte sie ihre unerwiderten Gefühle für Gottfried Benn zu großen Versen der Liebe, und auch in Jerusalem gelang ihr das noch einmal. Dort lernte die alte Frau Ernst Simon kennen, einen dreißig Jahre jüngeren Erziehungswissenschaftler und verheirateten Familienvater. Auf ihre eigene Weise verliebte sie sich in ihn, schrieb ihm fast täglich und hüllte seine Gestalt in den Glorienschein ihrer poetischen Sprache. Lange hielt die Familie ihre Liebesbriefe unter Verschluss, aber die jetzt abgeschlossene Kritische Ausgabe ihrer Werke und Briefe enthält auch die Korrespondenz mit ihm. Dort, unter dem 14. September 1942, findet sich der Entwurf eines Gedichtes für Ernst Simon, der mit den Zeilen beginnt:

So sag mir doch –
Ich liebe dich –
Bevor der Tag ganz dunkel wird.

Hier ist noch die Not zu spüren, aus der die Verse entstehen – der Wunsch der einsamen Frau, dass ein anderer sie ansprechen möge –, und unfertig ist auch der Schluss.

Nur wir und noch –
Der Anfang sind.

Ich liebe dich …..

Das war zunächst nur eine Idee, die Else Lasker-Schüler skizzierte, noch nicht das Gedicht, das dann im Druck erschien. Ein Jahr später – im August 1943, mitten im Krieg und auf Deutsch – bringt der Jerusalemer Verleger Mosche Spitzer Mein blaues Klavier heraus, Else Lasker-Schülers letzten Lyrikband, der zu den bedeutendsten Werken der Exilliteratur gehört. Der Vergleich zwischen dem ersten Entwurf und der endgültigen Fassung ihres Liebesgedichtes in diesem Band ist aufschlussreich, denn er zeigt, wie die Kunst sich vom Leben unterscheidet: wie eine Dichterin in ihren Text eingreift und wie sie ihre tägliche Not in ein Sprachwerk verwandelt, das der Biographie seiner Schöpferin nicht mehr bedarf.

Ich liebe dich
Und finde dich
Wenn auch der Tag ganz dunkel wird
:

Sie selbst ist jetzt die souveräne Sprecherin, sie selbst trägt das Licht ihrer Liebe in die Dunkelheit der Welt und entzündet einen Stern am Himmel der Nacht. Aber er kann die Finsternis nicht wirklich überstrahlen. „Mein Lebelang / Und immer noch / Bin suchend ich umhergeirrt“ – ihre Verzweiflung hält auch jetzt noch an. Ihre Liebe gibt ihr Kraft, doch hebt ihr fünffaches Bekenntnis, der Echoraum ihres Gedichtes, die Taubheit und Blindheit der Welt nicht auf.

– Nur wir, der goldene Staub
Aus dem wir zwei bereitet:
– Sind!

Else Lasker-Schüler weiß um den Tod, der in dieser Welt wütet, und sie weiß auch um ihre eigene Sterblichkeit. Nur in den Bildern ihrer Dichtung atmet sie auf, nur in ihnen verwandelt sie den Staub, zu dem alle Liebenden zurückkehren müssen, in das Gold der Ewigkeit.

Jakob Hessingaus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Fünfunddreißigster Band, Insel Verlag, 2012

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