Joachim Sartorius: Zu Jakob van Hoddis’ Gedicht „Kinematograph“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Jakob van Hoddis’ Gedicht „Kinematograph“ aus Jakob van Hoddis: Dichtungen und Briefe

 

 

 

 

 

JAKOB VAN HODDIS

Kinematograph

Der Saal wird dunkel. Und wir sehen die Schnellen
Der Ganga, Palmen, Tempel auch des Brahma,
Ein lautlos tobendes Familiendrama
Mit Lebemännern dann und Maskenbällen.

Man zückt Revolver. Eifersucht wird rege,
Herr Piefke duelliert sich ohne Kopf.
Dann zeigt man uns mit Kiepe und mit Kropf
Die Älplerin auf mächtig steilem Wege.

Es zieht ihr Pfad sich bald durch Lärchenwälder,
Bald krümmt er sich und dräuend steigt die schiefe
Felswand empor. Die Aussicht in der Tiefe
Beleben Kühe und Kartoffelfelder.

Und in den dunklen Raum – mir ins Gesicht –
Flirrt das hinein, entsetzlich! nach der Reihe!
Die Bogenlampe zischt zum Schluß nach Licht –
Wir schieben geil und gähnend uns ins Freie.

 

Von den Enden der Welt und vom Anfang des Kinos

Der expressionistische Dichter Jakob van Hoddis wurde durch ein einziges Gedicht berühmt, das 1911 in der Zeitschrift Der Demokrat veröffentlichte Gedicht „Weltende“. Es hatte bei den Zeitgenossen so großen Erfolg, dass Kurt Pinthus seine inzwischen legendäre Anthologie Menschheitsdämmerung mit diesem Gedicht, mit der uns allen bekannten Anfangszeile „Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut“, eröffnete. Aber van Hoddis (ein Anagramm seines bürgerlichen Nachnamens Davidsohn) hätte für das Gedicht „Kinematograph“ ein ebensolcher Ruhm gebührt. Es ist das erste deutsche Gedicht, welches das Cinematische als lyrischen Gegenstand vor Augen führt. Es erschien im Januar 1911 – im gleichen Jahr wie „Weltende“ – in der Zeitschrift Der Sturm und trägt die Bezeichnung „Schlussgedicht“ in dem zehn Gedichte umfassenden Zyklus „Variete“.
Bereits seit dem Anfang des letzten Jahrhunderts wurden in den großen europäischen Metropolen Stummfilme in eigens dafür errichteten Lichtspielhäusern gezeigt. Es dauerte aber einige Zeit, bis die damalige Lyrik, beeinflusst von Stefan George, Hugo von Hofmannsthal und Rainer Maria Rilke, ihren hohen Kunstanspruch verließ und das Massenmedium Film, das Alltagsvergnügen und die Entwicklung der technischen Möglichkeiten, also die phantastisch anmutende Erweiterung der sichtbaren Welt in den Blick nahm. Ab den Jahren 1913/1914 befassten sich viele Dichter mit der neuen Kunstform. Walter Hasenclever, Else Lasker-Schüler, Albert Ehrenstein und Paul Zech verfassten „Kinostücke“, Kurt Tucholsky schrieb das Gedicht „Kino“, Ivan Goll verfasste „Die Chaplinade“ und Claire Goll schrieb ein ganzes Buch über das amerikanische Kino. Aber es war Jakob van Hoddis, der als Erster auf ästhetisch überzeugende Weise den Kintopp in die deutsche Poesie einführte.
Kino ist die Abkürzung für Kinematographie, die alte Bezeichnung für die Aufzeichnung rascher Bewegungen durch hohe Bildfolge. Für Jakob van Hoddis, gerade mal 22 Jahre alt, als er in Berlin das Neopathetische Cabaret mitbegründete, waren Reihung, Überblendung und Simultaneität die wichtigsten Stilmittel seiner Poesie. Hinzu kamen eine starke Chiffrenhaftigkeit und skurril-groteske Inhalte. Wahrscheinlich ist es die Kongruenz von diesen Stilmitteln und den besonderen Eigenschaften des Films, der eine rasche Abfolge von Lebenswelten und Dramen bietet und damit selbst bildoffene poetische Räume gestaltet, welche dieses Gedicht so überzeugend macht.
In den Berliner Kinos wurden in den Zeiten des Stummfilms häufig kürzere Filme nacheinander gezeigt. Von einem solchen Potpourri erzählt uns der Dichter, mit den ihm eigenen Mitteln der Groteske und der Ironie. Der Kinogänger erlebt die Enden der Welt – „die Schnellen der Ganga“ und „Tempel auch des Brahma“ –, um schließlich bei Kühen und Kartoffelfeldern zu landen. Bei diesem Gang durch sehr verschiedene Szenerien, Familiendramen und Duelle mit eingeschlossen, versteht es Jakob van Hoddis, seine Sprachbilder selbst zu einer Art Lichtspiel zu machen. Er verleiht ihnen Beweglichkeit, arbeitet mit Illusion und Ernüchterung. Der Sog des Gedichts entsteht durch Alliterationen, Reime, Vokalharmonien (fünfmal „a“ in der zweiten Zeile) und gipfelt in der Schlussstrophe mit dem Übergriff des Filmischen auf das Leben. In einer Art genialischen Volte wird die Wahrnehmung und das wahrnehmende Ich entkoppelt. Der Kinogänger ist geblendet, die „Bogenlampe“, die in jenen Jahren wegen ihrer hohen Leuchtdichte und Farbtemperatur für Projektionsgeräte verwendet wurde, „zischt“. Der eingangs dunkle Saal wird hell. Dieser dramatische Schluss steht im Gegensatz zur Enttäuschung der Besucher, die sich „geil“ zwar, mit ungestillten Phantasien, doch gähnend ins Freie schieben. Jakob van Hoddis hat diese Enttäuschung vorbereitet, indem er in süffisanter Weise den Gang der „Älplerin“ über Gebühr – sechs Gedichtzeilen lang – ausdehnt. So stellt das Gedicht auch implizit die Frage: Kann der Film mehr darstellen als die alten Medien? Wie immer, dieses Gedicht steht für den Anfang des Kinos und ist einer der expressionistisch aufgeladenen, großstädtischen Geniestreiche des jungen Jakob van Hoddis.

Joachim Sartoriusaus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Siebenunddreißigster Band, Insel Verlag, 2014

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