Johannes Jansen: im keinland ist schönerland stumm

Jansen-im keinland ist schönerland stumm

GEWITTER

Wenn ich STILLE schreibe
Grollt der Donner
Hinter dem Dach

Der Wasserhahn tropft
Ein Auto fährt
Durch eine Pfütze
Die Scheibenwischer sind in Takt

Ich lösche die Lampe
Draußen
Photographiert ein Unwetter
Die Straße
Mit Blitzlicht

 

 

 

Vorwort

Vom Eckhaus Brehmestraße/Rettigweg in Berlin-Pankow steht die Mauer gerade zweihundert Meter entfernt. Oben wohnt Familie Jansen, im Parterre des Hauses befindet sich eine kleine Drogerie, in der ein schweigsamer alter Mann bedient. Er habe ausgesehen wie Charles Dickens, und dann habe da eben dieses Schild im Fenster gehangen: Schreibmaschine 100 Mark. Es ist 1979. Die Maschine sei noch in der Überarbeitung, heißt es, drüben in der Vinetastraße. Ein dreizehnjähriger Junge legt Taschengeld und Erspartes auf den Tisch, kurz darauf trägt er die schwere Adler-Maschine in die elterliche Wohnung.
Maßlos, sagt Johannes Jansen, habe er darauf herumgekloppt, zum Leidwesen seiner Schwester, die mit ihm ein Zimmer teilte. Neben den ersten Gedichten entstehen Theaterstücke, die heute nicht mehr auffindbar sind. Die Schule des Jungen liegt gleich um die Ecke, Eingang Wollankstraße, dort feiert er auf dem „Fest der jungen Talente“ seinen ersten Erfolg mit einer Erzählung, in der eine Schulklasse auf Ausflug mit ihren zwei Biologielehrern in einer nicht enden wollenden Müllhalde versinkt und verschwindet. Die Schule pflegt eine der DDR-spezifischen Partnerschaften mit einem Altersheim am Bürgerpark, dort darf der Jungautor die Lesung vor den Senioren wiederholen. Man tauscht Befremdlichkeit aus.
Im Jahr 2000 schrieb ich eine längere Arbeit zu Johannes Jansen und nannte sie Ausschreitungen des autobiographischen Raumes, aber ich dachte dabei nur an das Schreib-Ich und dessen Metamorphosen. Das ergab ein Bild, in dem Orte und Straßennamen eines Stadtbezirks keine Rolle spielten – dabei hat auch der Autor selbst einen Ausgangspunkt, von dem aus er sich die Welt in immer größeren Ringen erschließt.
Ein entscheidender Schritt findet zunächst noch auf Pankower Boden statt: Johannes Jansens Eltern sind schon aus Berufsgründen leidenschaftliche Kunst- und Literatursammler, 1983 platzt die Wohnung aus allen Nähten. Die kommunale Wohnungsverwaltung kommt, sieht und gestattet ihnen mehr Wohnraum. Sie finden nahebei eine 1-Zimmerwohnung im Rettigweg, die der 16-Jährige für 25 Mark Miete beziehen darf. Sukzessive knüpft Jansen von hier aus Kontakte und erweitert in den achtziger Jahren seine Spaziergänge durch Ost-Berlin. Der Rettigweg wird im Übrigen seine Heimstatt bleiben, Johannes Jansen ist gereist, aber innerhalb Berlins nur noch ein einziges Mal umgezogen – innerhalb desselben Hauses ein Stockwerk tiefer, nach der Sanierung in den neunziger Jahren.
Nach zehn Jahren Schule möchte er etwas lernen. Am liebsten Schrift- und Plakatmaler, Schriftsetzer, aber die handwerklichen Lehrstellen sind beliebt und begrenzt. Schließlich nimmt ihn der VEB Münze Berlin als Graveurlehrling. Früh um fünf geht’s mit Bus und U-Bahn zur Klosterstraße in Mitte, die Münzpräge liegt im Rücken des damaligen Kulturministeriums. Jansen erinnert sich an die Busfahrten, eingeklemmt zwischen grauen ND-Lesern. Während der Arbeitszeit prägt er Geld, Orden und Touristenblech. Er erlebt den Betrieb als schlampig, natürlich kursiert Schnaps zwischen den Arbeitern. Wer kann, lässt Ausschussware mitgehen, die bei der Herstellung neben die Maschinen gefallen ist. Reich wird man dadurch nicht. Einmal in der Woche kommen die Männer der Staatsbank und holen die Rollen ab. Immerhin, sagt Jansen heute lächelnd, sei er im Land doch einer der wenigen gewesen, die wussten, wie man Geld macht. In den Pausen schreibt er an seinen Gedichten. Als Facharbeiterstück prägt Johannes Jansen 1984 das älteste Siegel von Berlin (1253), an den gleichen Maschinen produziert er einen Stempel für den SCHADEN1, so heißt eine der unabhängigen Zeitschriften der Literaten, die sich vornehmlich am Prenzlauer Berg treffen.

Jansens abendliche Wege nach Hause werden länger, er wächst in die Stadt hinein. Er treibt sich am Alexanderplatz und in den Cafés am Prenzlauer Berg herum. Auf einer Silvesterparty greift sich der Autor Ulrich Berkes die Schreibmappe, die Jansen immer mit sich herumträgt, und versinkt damit für Stunden im Sofa. Berkes ist bekennend homosexuell und lebt zusammen mit seinem Freund in der Albrechtstraße2. Er lädt Jansen ein, versorgt ihn mit Beatliteratur, ruft ihn herbei, wenn im dritten westdeutschen Programm ein großer Kinoklassiker wie Außer Atem läuft. Berkes wird für ihn zu einem wichtigen Mentor, stellt ihm sogar literarische Aufgaben, die er zu Hause zu erledigen hat. In der Albrechtstraße fällt Jansen auch der Debütband des Leipziger Lyrikers Thomas Böhme in die Hände – er möchte den Autor sofort kennenlernen. Sonnenbrille, Bart, Hut, erinnert sich Jansen: Wie eine Inkarnation von Allen Ginsberg erscheint Böhme wenig später im VEB Münze. Die beiden freunden sich an, pflegen intensiven Briefkontakt, später gehen sie auch gemeinsam auf Fotosafari, wie einige Abbildungen dieses Bandes belegen.
So zeigt die ABTEILUNG 1 (1984–1985) des vorliegenden Buches bereits einen frühreifen Dichter, der sich den Horizont nicht von den DDR-Grenzen abstecken lässt. Mit sozialistischem Realismus, denkt man, ist so einer nach der Schule nie mehr in Berührung gekommen. Jansen arbeitet sich an den Beatniks ab, eine Hommage an Frank O’Hara entsteht und beginnt folgerichtig mit:

Die einfachen Dinge an diesem Tag zu beschreiben geh ich hinaus.3.

Für einige Monate scheint er W.C. Williams’ Credo „No ideas but in things4 zu befolgen, das detaillierte Beobachten ist eine gute Übung. Doch die Ruhe der Dinge auf dem Tisch hält nicht lange vor. Der akustische Sinn kämpft mit dem visuellen um die Vorherrschaft in Jansens früher Lyrik: „Ich betrachte ein frühes Selbstbildnis von Max Beckmann, der schreiende Kopf eines Mannes, ein weit geöffneter Mund für taube Ohren“, schreibt er im Oktober 1984. Kriegserzählungen der Großvatergeneration mischen sich in Jansens Gedichte ein, Francis Ford Coppolas Apocalypse Now, Wolf Wondratscheks Schusswunde wird zitiert. Wer lesen wollte, sagt Jansen dazu, der kam schon an die Bücher heran.
Jansens Typoskripte, aus denen die Kapiteltitel dieses Buches übernommen sind, weisen eine Besonderheit auf. Akribisch hat er den dünnen Pergamentpapieren von Beginn an ein Inhaltsverzeichnis mit den jeweiligen Verfassungsdaten und Orten folgen lassen, mit dem er zumindest seine Reisefreiheit innerhalb der DDR belegt. Darüber hinaus gibt es sogar ein Register mit Anmerkungen zu Zitaten und Redewendungen. Denkt hier ein Achtzehnjähriger schon an die editierende Nachwelt? Zumindest nimmt er sein Metier wichtig5 – und er tut gut daran. Wer bereits mit achtzehn Jahren seine „Bilanz des Sommers“ in den Zeilen „Ich montierte einen Tag / Der kein Morgen brauchte / Ich war nie ein Land und / Ich war nie ein Wir“6 zieht, darf ahnen, dass aus ihm ein Schriftsteller wird. Jansens Begabung schlägt dem Leser offen entgegen. Wenn der Kurzprosatext „Gästebuch“ endet mit: „… wir finden die gestiegene Gasrechnung und das Gästebuch und auf der letzten Seite NEUERDINGS IST DAS LEBEN“ – dann entfaltet das eine enorme Kraft gerade durch doppelte Unvollständigkeit: Denn die Ellipse, der das Adverb fehlt, wird hier auch zum fragenden Ausruf eines Enttäuschten, dem DAS Leben nicht reicht. Oder das Gedicht „Heimatlich“:

Das Land
Das hat sich nicht vorgestellt
Was es da durchmacht
Mit dir. Das Land
Ist die kleinere Beute
Der blinden Hühner
Das größere Übel
Bin ich.7

Das Gedicht hält in der Schwebe, ob hier eine zweite Person existiert oder ob Du und Ich deckungsgleich sind. Jansen schreibt auch das mit achtzehn Jahren, und noch möchte man sich den Jugendlichen vorstellen, der irgendeine Vorschrift missachtet hat, ins Amt vorgeladen wird und sich den Stoßseufzer „Mit dir macht man schon was mit“ anhören muss. Der Abschluss des Gedichts aber – vielleicht beim Verlassen des Büros, sich noch einmal in der Tür umdrehend – verdeutlicht schon, dass aus dem Jungen gerade ein Angry young man wird, der es in puncto „übel drauf sein“ mit dem ganzen Land aufnimmt.
Der dritte Teil der frühen Gedichte probiert Gangarten aus. Es sind Versuche, die eigenen Schritte ins lyrische Ich zu übersetzen, Spaziergänge zur Sprache zu bringen. Jansens Projekt, Leben und Schreiben in eins zu setzen, nimmt Formen an:

mögliche richtungen
zwischen schiene und strang
gehst du
vom ausgangspunkt
zum ausgangspunkt

Aber Sand gibt es auch im eigenen Getriebe, das Ich erlebt sich „im gehen stottern“, oder es bleibt gleich zu Hause und zieht aus den Büchern ein alibi, nicht losgegangen zu sein:

geh übern berg
sagt die notiz im kalender
allein sind die städte
davor und danach
sind sie leer
sagt das gedicht
8

Mitte der achtziger Jahre teilt sich der künstlerische Weg, Jansen entdeckt neben dem Typoskript auf der Schreibmaschine die viel größeren Freiheiten der eigenen Handschrift. Es entstehen wilde, aggressive Text-Grafiken, mit schwarzem Stift gezeichnet. Existenzielle Kraft erreichen diese Collagen vor allem in Jansens NVA-Tagebüchern, die unter dem Titel Liebling, mach Lack! vor drei Jahren erschienen. „Als Jansen Anfang 1987 seine Dienstzeit abgeleistet hat, ist es der Schriftsteller, der über den Zeichner triumphiert hat“, resümiert Andreas Platthaus in der FAZ.
Wenn sich dieser Band auch ausschließlich auf die Typoskripte des Autors beruft, so sind doch die ästhetischen Korrespondenzen bereits der frühen Gedichte und der Armeetagebücher zahlreich. Es ist vor allem das Wortfeld der Verfolgung, des Überwachtwerdens, es sind der wiederkehrende Käfig und DAS GROSSE GEHEGE9, die Varianten von Stehen und Gehen, Schritt und Tritt, die bereits für Jansens Prä-NVA-Gedichte kennzeichnend sind. Eines belegen die Texte dieses Buch mit Sicherheit: wie ein sensibler Mensch und Dichter den Überwachungsstaat auch als solchen empfinden musste. Ohne dass sich hier einer zum Opfer des DDR-Alltags stilisiert, scheint er viele seiner Mitgenossen doch vorzeitig als eine Art Stadtarmee wahrzunehmen, die ihm die Freiheit einschränkt.
So ist die NVA-Zeit nicht nur Einschnitt in ein Leben, sondern auch Fortführung. In ABTEILUNG 2 (1985–1987) ist eine ganze Reihe von Gedichten zu finden, die in den Brandenburger Kasernen und deren Arrestzelle entstanden, also zuerst als handschriftliche Textgrafiken. Auch das Gedicht, das mit dem titelgebenden Vers einsetzt, tippte Jansen erst später ab: „im keinland ist schönerland stumm.“
ABTEILUNG 3 schließlich versammelt jene Texte, die Johannes Jansen bereits im lange vergriffenen Band prost neuland (Aufbau Verlag, 1990) publiziert hat. Der darin enthaltene Prosatext „mär“ birgt wie kein anderer die Poetologie eines Schreibenden in Bewegung. Jansen lässt hier im Dialog einen Läufer gegen eine schon durch ihre Stimme personifizierte Landschaft antreten, die im Laufe des Textes immer stärker auch weiblich konnotiert wird. Die laufende Kommunikation bezeichnet der Läufer als „fluchtgespräch“. Formal werden dafür zwischen beinahe allen Wörtern jene Wände porös, die sonst Satzeinheiten voneinander trennen. Mehrdeutigkeit entsteht, lädt Jansens Prosa auf. Bewegung, so lässt sich bald erkennen, meint immer Fuß und Boden, Läufer und Landschaft, Mann und Frau. Für das pure Vorwärtskommen bräuchte es den Dialog nicht, doch Jansen ist nicht nur an der Bewegung, sondern auch an einer Stärkung der Beweglichkeit interessiert. Daher werden hier Schritt für Schritt die Annäherungs- und Ausweichmanöver von Läufer und Landschaft im sprachlichen Erfahrungsaustausch sichtbar. Und die DDR wird noch einmal gegenwärtig als ein Gelände, das die ständige Selbstbefragung fordert und auch fördert: Wer oder was treibt mich hier an bzw. hält mich zurück? Ins Böse gewendet: Wie will eine Regierung vorankommen, die sich nicht befragen lässt?
Je weiter man in diesen Teil des Buches vordringt, desto weniger Gedicht wird man finden. In Jansens Texten der realsozialistischen Endzeit gehen dem Dichter Satzanschlüsse gänzlich verloren, die Interpunktion fällt aus, immer schneller schlängelt sich die Prosa über die Seiten. Vor mir entsteht dabei das Bild des flanierenden, sich vernetzenden Autors, der auf seinen Gängen wie in Trance immer wieder auf die Berliner Mauer stößt. Und dem es gelingt, in aggressiv mäandernder Sprache die Wege zu ersetzen, die ihm in Stadt, Land und Welt nicht offenstehen. Heraus kommt, so darf man wohl sagen, literarischer Trotz auf höchstem Niveau. Die Grenzen des guten, realsozialistischen Geschmacks spielen schon lange keine Rolle mehr, wofür die fünf Texte aus dem Sommer und Herbst 1989, die Jansen unter die „spottklagen des abseitigen“ subsumiert, das eindrucksvollste Dokument abgeben:

doch ich kann nur dienen mit dem was in mich hineinschrie also schallender schimpf und schlecht bekömmliche schande und dem rest den die verleider vor allem behaupten gilt mein hohn mein verlachen ihr verlängertes sterben zu beschauen stell ich mich über sie als köter von gottes klagen voll und meines spottes kundig10

Bald nachdem die Mauer fällt, wird Johannes Jansen ein Stipendium zugesprochen. Die Akademie Schloss Solitude bei Stuttgart möchte, dass sich zehn ostdeutsche Autoren eine Route durch Westeuropa überlegen und auf der Reise ihre Eindrücke dokumentieren. Man hat verstanden, wonach sich die meisten sehnen. Jansen fährt nach London, Wien und Amsterdam.
ABTEILUNG 4 bildet den Schluss des Bandes, hier sind einige Notizen aus den späten Achtzigern versammelt, in denen der Autor selbst seine Poetik zu fassen sucht. Wenn es da 1987 heißt: „der text ist nicht ausdruck einer scheinbar konkreten idee sondern die dokumentation des lebensabschnitts in dem er entstand“11, hört man den beweglichen Autor, der es versteht, sich selbst die Türen zu öffnen. Darüber hinaus formuliert Johannes Jansen, noch nichts von der Wiedervereinigung ahnend, hier bereits eine Schreibhaltung, die bei ihm weit über die DDR-Zeit hinaus und bis heute reicht. Es ist mitnichten ein Paradox: Wer das Gesamtwerk des Autors m den Blick nimmt, kann sich von der Konsequenz überzeugen lassen, die Jansens Bewegungen zugrunde liegt.

Jan Böttcher, Vorwort, Herbst 2007

 

Das Frühwerk

des Ostberliner Dichters Johannes Jansen erzählt DDR-Geschichte als aufreibendes Wechselspiel: Hier der sich selbst zu behaupten versuchende „Läufer“, ein Großstadt-Ich, das mitunter raubtierartige Züge annimmt – dort die geografische wie politische „Landschaft“ als den Läufer umgrenzendes Gehege. Die meisten Texte entstanden in Berlin-Pankow mit Blick auf die Mauer. Gegen diesen Blick setzt Jansen eine Poetik der Bewegung, die auch deren beständige Verhinderung zum Thema hat. Schon in den Jugendgedichten, die an W.C. Williams geschult sind, lässt der 17-Jährige seine Prägung durch die gesamtdeutsche Geschichte erkennen, und der Schmerz, den sein Ich unter der Sprachverhunzung im ideologischen Alltag empfindet, ist allgegenwärtig. In den späten Achtzigern wächst sich die Landschaft zu einem konzertierten Angriff auf den Läufer aus, er wird im Stehen und Gehen verfolgt, auf Schritt und Tritt überwacht. Der Drang des Ichs, in Bewegung zu bleiben, verflicht sich in der Lektüre mit Jansens Textfabrikation: Zwischen den Spaziergängen bleibt oft genug nur das Schreiben als Rettung vor Übermannung und Paranoia. Das Ich probiert „gangarten“ aus und schafft sich, als das Gedicht der zunehmenden Aggressivität keine Form mehr geben kann, Lyrik-Prosa-Hybride, um seiner Wirklichkeit weiter gerecht zu bleiben. Im Wendejahr schließlich zerfallen ihm die Gedichte endgültig – mit den „spottklagen eines abseitigen“ entsteht eine giftige Blocksatz-Prosa, die sich heute als herausragendes literarisches Dokument zum Ende des DDR-Sozialismus liest.
im keinland ist schönerland stumm versammelt zahlreiche unveröffentlichte wie auch bereits in der DDR erschienene, aber seit langem vergriffene Texte aus den Bänden Poesiealbum 248 (1988) und Prost Neuland (1990) – ausgewählt und mit einem Vorwort versehen von Jan Böttcher.

kookbooks, Ankündigung

 

für Johannes Jansen

Einen viel längeren Text hättest du verdient als nachfolgende wenige Worte. Trete ich aber aus mir heraus und betrachte als Ina 2 die Neigung der Ina 1 zum Langtextschreiben und deren Folge – überbordende Wortfülle –, die auch zu einem Sich-Erschlagen-Fühlen führen kann, dann sagt meine 2., schelmisch lächelnde Erscheinung:

Nein, das hat er nicht verdient.

Bewahre ich dich also vor einem Ina-1-Langtext, greife als wesentlich Ältere in meinen riesigen Erfahrungsschatz und ziehe eine 50.-Geburtstag-Begleit-Verkündigung heraus, die ich dir hiermit schicke wie einen Flieger, den du für dich abwandeln kannst, wann immer du einen brauchst:

Man sollte der Erinnerung ein wenig vorauseilen können.

Flügel am Hut, Flügel an den Schuhen, einen immergeeigneten Teppich, einen weitschwingenden, blauen Mantel aus dem Stoff des Schmetterlingmachers, das viertürige Klassenzimmer und eine ganze Schar von Cherubim, Seraphim und aerodynamischen irdischen Flüstereien für all deine Wege.

Ina Kutulas, in Tief aus der Dämmerung. Ein stiller Portier für Johannes Jansen zum 50., Distillery, 2016

 

VERBREITUNG (SUBSTANZ)
für johannes

träume teilen (ohne not) im jardin du luxembourg (wunschweise) hohe wege von einem der ausstieg den auftrag zu teilen (die klarheit der luft dem atem zuteilen)
nimm auf lass ab ader und fließen (wer hat dich so geschlagen) der wege anstoß und aufschrei ernten (von klippe zu klippe) die tage fällen (wachsein) kumpanin komplizin (von ungefähr) steh ich dir bei nahe gewähr aufleben (lange) auf leben lauern (zum sprungbereit) die zeit (in form einer birne) schlägt an wenn sie dauert (weiter grasen) in straßenszenen halt für halt (jede blöße keine scheu) die warte von der hand in den blick gehen über
an grenzen ausnüchtern: wer aber kann einen chor aus fünfzig schreienden müttern ertragen (ohne vorleben nachlähmung) beileibe zuleibe die frage (mehr nicht) bahnt den ausgang (und bricht mit dem kreis) noch gegen morgen zu (wissen aufatmen) es gelingt

Kristin Schulz, in Tief aus der Dämmerung. Ein stiller Portier für Johannes Jansen zum 50., Distillery, 2016

 

JANSEN LIEST.

In gebeugter Haltung
die Brille abgesetzt
eine Hand auf den Stuhl
die andere stützt das Kinn

Haare jugendlich kurz
inzwischen ergraut
auch das Lächeln gealtert
in versunkener Traurigkeit

Im Vortrag ganz Johannes
putzmunter, dunkle Hose
weißes Hemd
Wenn Lesen das Leben
wäre es traurig & schön

Joerg Waehner, in Tief aus der Dämmerung. Ein stiller Portier für Johannes Jansen zum 50., Distillery, 2016

 

Fakten und Vermutungen zum Autor
Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde Ohlbaum +
Autorenarchiv Susanne Schleyer + Galerie Foto Gezettt
shi 詩 yan 言 kou 口

 


 

Johannes Jansen: kein richtig, kein falsch. Die Masken meiner totgesagten Freunde
Lesung im Heiner Müller Transitraum im Institut für deutsche Literatur, Humboldt Universität Berlin
Moderation: Kristin Schulz

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