Jürgen Engler zu Rainer Kirschs Gedicht „Petrarca hat Malven im Garten und beschweigt die Welträtsel“

Im Kern

Im Kern

– Zu Rainer Kirschs Gedicht „Petrarca hat Malven im Garten und beschweigt die Welträtsel“ aus dem Lyrikband Rainer Kirsch: Petrarca hat Malven im Garten und beschweigt die Welträtsel. –

 

 

 

RAINER KIRSCH

Petrarca hat Malven im Garten, und beschweigt die Welträtsel

Die Hände, manchmal, darf man gar nicht brauchen,
Nicht mal die Fingerkuppen. Vielmehr führte
Ein Lidschlag schon, der an ein Flaumhaar rührte,
Ratzbatz ins Aus, nichts bliebe, als zu rauchen –

So daß äußerstenfalles Quantensprünge
Der Pulsdichte oder des Atemdrucks
(Vielleicht auch einzig des Gedankenflugs)
Erwirken, daß das Innigste gelinge:

Nämlich, indem wir, beieinanderliegend,
Indes durch feinste Scheiben Luft getrennt,
Die Lust in uns so reglos höher leiten,

Bis, weil kein Ich mehr, wo es ist, erkennt,
Wir wie unhandelnd ineinandergleiten;
Und malvenfarben dehnt sich der Moment.

 

Des Rätsels Lösung

In immer neuen Variationen offenbart sich in Petrarcas „Canzoniere“ der Selbstgenuß der Liebe. Laura heißt die Besungene, Angebetete und Angehimmelte; ihre Unerreichbarkeit ist die Voraussetzung lyrischer Produktion: „Sehnsucht, die sich als Sehnsucht befriedigt“ (Hegel). Im Widerstreit der von der Spannung irdischer und himmlicher Liebe ausgelösten Gefühle und Gedanken wird das innere, das Seelenleben des Individuums Gegenstand der Poesie. Der Klang- und Sinnzauber der Sprache, die Mischung der Tonarten, die Vielgestaltigkeit des poetischen Ausdrucks ließen den „Canzoniere“ zu einer der wirkungsmächtigsten (Sonett-)Dichtungen der Weltliteratur werden.
Rainer Kirschs intensive Beschäftigung mit dem italienischen Sonettisten des 14. Jahrhunderts begann mit der Nachdichtung von vier Sonetten für das Petrarca-Poesiealbum, das Peter Gosse 1982 herausgegeben hat. Seitdem hat Rainer Kirsch eine ganze Anzahl von Sonetten geschrieben, die schon im Titel Petrarca aufrufen. Eines ist gar „Im Maß Petrarcas“ überschrieben. Eine „Lesehilfe“, enthalten in Kirschs Gedichtband Kunst in Mark Brandenburg (1988), gibt Auskunft. Zunächst sind Versmaß und Versbau gemeint, dann aber und darüber hinaus ist es das Maß, das Petrarca an Welt und Dichtkunst legte: Das glühende Interesse gilt der „Liebe als oberster Bewegungsweise der Materie“.
„Im Maß Petrarcas“ zu schreiben heißt, sich in der Verskunst an den Meister-Stücken des Altvorderen zu schulen, dem Un-Fug des Zeitgeistes das Gefügte entgegenzuhalten. Das Kunstvolle ist das Maßvolle.
Dem Titel kommt besondere Bedeutung zu, gibt er doch dem Gedicht eine gleichsam allumfassende Dimension: „Petrarca hat Malven im Garten, und beschweigt die Welträtsel“. Der Garten – hortus conclusus – ist die Enklave des Ichs, in der es, sich von den unruhigen Weltläuften absentierend, bei sich sein kann. Man denkt an Voltaires „Candide oder Der Optimismus“, an den Schluß dieser philosophischen Erzählung. „,Arbeiten wir, ohne zu philosophieren‘, sagte Martin, ,denn das ist das einzige Mittel, das Leben erträglich zu machen.‘“ Und als Pangloss bemerkt, wenn er, Candide, nicht mancherlei Unbill in der Welt erlitten hätte, könnte er jetzt nicht in seinem Garten das Leben genießen, läßt dieser sich gerade nicht auf die quasi teleologische Betrachtungsweise ein: „,Wohl gesprochen‘, versetzte Candide, ,aber wir haben in unserem Garten zu arbeiten.‘“
Gleich eingangs wird im Sonett Theorie beiseite gestellt, werden die Welträtsel beschwiegen, jene letzten Fragen also, wie die Welt entstand, was sie im Innersten zusammenhält und worauf sie hinausläuft. Stünde hier der Singular, wäre das Welträtsel die Frage, weshalb überhaupt etwas existiert und nicht vielmehr nichts. Doch bekanntlich hebt sich diese Frage selbst auf, denn wäre die Möglichkeit, daß nichts existiert, Wirklichkeit, gäbe es auch den Fragesteller samt seiner Frage nicht.
Nicht von Garten-Arbeit wie bei Voltaire ist im Sonett die Rede, sondern von Liebe. Zwar kann Liebe in verbissene Arbeit ausarten (wie in der Erzählung „Unschuld“ des amerikanischen Autors Harold Brodkey), aber hier – „Die Hände, manchmal, darf man gar nicht brauchen“ – triumphieren nicht Mechanik und Physik, hier regt sich, mühsal- und schwerelos, eher eine Art Metaphysik.
Vergessen wir darüber nicht die Arbeit des Gedichts. Es handelt sich um ein französisches Sonett in fünffüßigen Jamben. Das ist, wohlgemerkt, das metrische Grundmuster; nicht die schematischen Ausfüllungen schaffen die Lebendigkeit des Verses, sondern die Abweichungen, die Taktverschiebungen (wie z.B. im 3. Vers der Hebungsprall der spondeischen Wörter „Lidschlag“ und „Flaumhaar“). Nach einem einleitenden kurzen wird ein langer, vielfältig gegliederter Satz über die zwei Quartette und zwei Terzette geführt: das präzise Protokoll einer elektrisierten Situation, eines diffizilen Vorgangs. So kompliziert wie klar strukturiert – Gedankenstrich, Klammern, Semikolon leisten wertvolle Dienste – wird das Geschehen mitgeteilt. Wir lesen ein Liebesgedicht, das auf das traditionelle Wort- und Metapherngut verzichtet und wie selbstverständlich naturwissenschaftlich inspiriertes Vokabular („Quantensprünge“, „Pulsdichte“, „Atemdruck“) in den Dienst nimmt. Sind diese Begriffe eher auf einer protokollhaft-neutralen Sprachebene angesiedelt, so ist „Ratzbatz“ dem lautmalerisch Umgangssprachlichen zuzuordnen, während Wörter wie „erwirken“ und das „Innigste“ gehobener Provenienz sind. Nicht „bewirken“ heißt es, sondern eben „erwirken“ – ein Erwirken, das äußerer/äußerster Zurückhaltung bedarf, „daß das Innigste gelinge“.
Das Innige ist nun ganz ein Begriff der Petrarca-Tradition: Seine Gedichte beschwören ein Inbild der Geliebten. Wohl geschieht in Kirschs Gedicht eine „Triebveredlung“, insofern wir die Lust „reglos höher leiten“, im „Gedankenflug“ wird die irdische Liebe zur geistigen (himmlischen). Und umgekehrt! Denn das Tiefempfundene bleibt nicht aufs Gemüt beschränkt, das Innigste nicht losgelöst vom Leib. Die Idealisierung der Liebe, wie wir sie von Petrarca kennen, gipfelt in spürbarer Realisierung; Spiritualismus und Sensualismus verschmelzen auf utopische Weise.
Wenn „wir wie unhandelnd ineinandergleiten“, heben sich, für den Moment zumindest, die Gegensätze auf. Der Zeit, „der prekär auslaufenden (auslaufend für Individ wie Gattung) – ist Einhalt geboten, das Verweile-doch-du-bist-so-schön steht da nicht als Todesurteil wie weiland beim Großmeister, sondern als Lebens-Movens, herbeigeleistet durch Unleistung.“ (Peter Gosse). Wunderbar, wie der Spannungsbogen des Gedichts zur Entspannung des letzten, genußvoll sich dehnenden Verses führt: „Und malvenfarben dehnt sich der Moment.“ „Malvenfarben“ – es ist gibt auch weiße und ziegel- bis rostrosige Malven, aber man stellt sie sich, um Rudolf Borchardt, den „Leidenschaftlichen Gärtner“, zu Rate zu ziehen, wohl zuvörderst – und erst recht von der Lektüre dieses Liebessonetts erregt – als „seidig purpurviolett“ vor.
Der Malvengarten – das wiedergefundene Paradies. Die Liebe, ein Innehalten, ein gelöster Augenblick, eine kleine Ewigkeit, in der sich das Ich auflöst – und mit ihm das Welträtsel.

neue deutsche literatur, Heft 553, Januar/Februar 2004

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