Kito Lorenc: Poesiealbum 143

Lorenc/Schade-Poesiealbum 143

ENDE DER VORSTELLUNG
Meinem Bruder, dem Schauspieler

Der erste Vorhang. Wer klatscht da, dies sei
der Anfang vom Ende? Ihr wißt es: Der Beifall
dauert nicht. Verneigt euch, solang ihr oben steht,
aber eilt euch, denn voller Hast sind, die sich zuvor
aufgaben in der Garderobe, um hernach
dieselben zu bleiben, haben sie sich
an den Nagel gehangen. Und dennoch: Erbarmt euch
ihrer, denn sie sind ihrer selbst nicht sicher.
Und gebt endlich Ruhe auch denen, die mit sich
schwanger gehen, daß sie sich sammeln
für die Vorstellung ihrer selbst. Dies übersteigt
die Grenzen jeder Vorstellung.

Jetzt, wenn ihr unten steht, richtet euch auf,
unter allen bleibt ihr selbsteigen, denn ihr
habt euch hingegeben an alle. Und geht ihr dann –
seht die Welt: eure Bretter. Das bedeutet:
mit denen sie vernagelt war, was bedeutet:
die wir vorm Kopf hatten. Ihr spieltet
uns vor, wie man mit beiden Beinen
drauf steht und losgeht. Dies ist
einer der Schlüsse des Anfangs.

 

 

Stimmen zum Autor

Das Gedicht wird getragen von einem Raum des Menschlichen, der abgemessen und erfüllt ist von der Wesenhaftigkeit und Dichte der Konflikte, die sich in ihm entfalten. Diese Erfahrungen sammelt der Lyriker im läuternden, klärenden Filter des Gedichts, durch das er sich mit beharrlicher, kathartischer Selbstbesinnung seinem Ausgangspunkt stellt.
Kito Lorenc

Kito Lorenc hat etwas von einer Weinbergschnecke, die sich auf den Weg macht, aber ihr sorbisches Haus stets mit sich trägt, aus dem hervor sie ihre Fühler in die Welt streckt und in welchem sie Schutz findet, nächtigt, überwintert. Entsprechendes gilt für seine Dichtung, die zu erneuerndem Sprachbewußtsein vordringt, aber unrodbar in der Poesie seines Volkes wurzelt.
Richard Pietraß

Kito Lorenc

Der sorbische Dichter Kito Lorenc weiß um Chancen und Gefahren, Medium einer Minderheit zu sein, bewahrt national Eigenes, ohne in Abkapselung zu verfallen. Deutschsprechend aufgewachsen, fand er erst als halbwüchsiger in die Stuben der Bauern, nachdem er ihre Sprache gelernt hatte. Später, als Volkskundler, kam er ihnen auf jahrhundertealte Überlebensschliche, geriet er in den Bann von Brauchkalender und Volkspoesie. Aber nicht das Umpressen alter Schäferhüte betreibt Kito Lorenc in seinen Gedichten, sondern die humorvoll behutsame Verkupplung von Altem und Neuem. Den Baggertod manchen Heidedorfes verschmerzend, ist er, sandschwer und phantasiebeflügelt, nachflüsternd wie vorsagend, eine wichtige Stimme in der Lyrik der DDR.

Ankündigung in Jakob Michael Reinhold Lenz: Poesiealbum 142, Verlag Neues Leben, 1979

 

Anstatt eines Vorwortes

– Zur Verleihung des „Goldenen Schlüssels von Smederevo“ (Serbien), am 5.11.2008. –

… šmjatańcu rěčow rozeznać
(Kito Lorenc: Běłohród, hotel „Slavija“)

Vor der Tür stehend, auf Kito Lorenc wartend,
dass er kommt, den sorbischen Dichter aus dem alten, unsrigen, Lausitzer Gebiet, vor dieser Tür, durch die man aus der Vergangenheit in die Zukunft geht, und umgekehrt, während Jahre im Luftzug sich verlieren, der mit der Fluggesellschaft GERMAN WINGS fliegt, auf mächtigen deutschen Flügeln, slovestan u nemosti (verständlich in der Unverständlichkeit), um den Schlüssel zu empfangen, den goldenen Schlüssel dieser Stadt am fünften paradiesischen Fluss, am Fisson, dem schattigen Fluss, mit welchem ihre Tore und Mauern geöffnet werden, und mit dem man den Raum und das Geheimnis eines Gedichts betritt, eines einzigen vielstimmigen Gedichts, des gleichen Gedichts, welches die Freundschaft feiert, das vor über vierzig Jahren verfasst und diesem Hotel gewidmet wurde, unter dessen Namen und Schutz – „SLA VIJA“ – unser Bruder seine Träume ausruhen kann, vom nervösen Jahrhundert und von den Trompetenstößen der hartnäckig Einheimischen, denn in diesem Hotel sprechen alle die gleiche Sprache, jene andre Sprache, oder wir können auch schweigen und durch die Stadt als Schlafwandler spazieren gehen, sprachlos, denn dieses Hotel hat, nebst Namen – und was tun die Dichter anderes als Benennen? – auch eine vorzügliche Lage, obwohl es doch vorübergehend ist diesseits und jenseits des Limes; die Stadt Smederevo aber liegt am Limes selbst; sie ist bereits für sich selbst die Grenze, und dieser Schlüssel öffnet, hinter der Grenze, grenzenlose Räume des neuen Hauses von Kito und unseres Hauses, dieses Sprachhauses, das sicherlich kein Hotel mehr ist, keine vorübergehende Unterkunft, keine verwandte, aber schwer verständliche slawische Sprache mehr, in eine andere Familie eingereiht. Ja, Du wirst nicht hungrig und nicht durstig bleiben, in keiner dieser Sprachen, aber! – nein, während ich nun hier stehe, vor der Tür, und auf den Dichter aus der alten Heimat warte, um ihm den Schlüssel vom Gedicht einzuhändigen, und nur weg will aus diesem Luftzug, der zu ziehen beginnt immer wenn Du die Tür dieses Hauses in der Mitte des Wegs aufmachst, er ist scharf und fegt gleich alle Knochen weg – und während ich so auf ihn warte, würde ich ihn gerne fragen, in welcher Sprache er träumt und ob er in dieser auch schreibt, ob er, sagen wir, bestimmte Gedichte nur in der Muttersprache verfassen kann, und was heißt es, wenn einer, wie er, nicht in seiner Muttersprache erzogen wird, welche Sprache ist dann die „andre Sprache“, und wie sieht es aus, die Muttersprache erst später für sich zu entdecken, wie ist es, gleichzeitig in einer der kleinsten und in einer der meistentwickeltsten Sprachen zu schreiben, wann wendet er sich an wen, und ist er zu seinem modernen Sprachausdruck durch die Elemente der sorbischen Folklore und Mythen gekommen, oder verlief dieser Prozess umgekehrt, und wie sah seine Begegnung mit Johannes Bobrowski aus, lässt sich die sarmatische Zeit in der heutigen erkennen, und im Zusammenhang damit würde ich ihm eine Frage über seine Heimat stellen, die einstige und die jetzige, diese eingeengte und doch aufgeteilte, auf die obere und die untere, auf zwei Sprachen, die obere und die untere, auf zwei Glauben, den oberen und den noch obereren – was, sie vermehren sich auch durch Teilungen und Auswanderungen, wie wir auch – und wo wohnte dieses Volk einmal, und hat es einmal, und wann und wo, einen Fehler begangen, was für einen, und wie ist es ihm doch gelungen, zusammenzuhalten und nicht zu verschwinden, und dann würde ich ihn über jene Frau mit Fädchen und Knötchen ausfragen, aus seinem gleichnamigen Gedicht, ob sie etwas damit zu tun hat, trotz dieses Luftzugs, der zieht, sobald man die Tür aufmacht, von der Erinnerung in die Vorahnung, vom Plusquamperfekt direkt ins zweite Futur, er kann aber in jedem Augenblick vorbeikommen, deshalb stehe ich hier, jahrhundertlang und lese, schreibe, übersetze und frage mich, werde ich ihn erkennen, ich habe ihn ja noch nie getroffen, und wenn ich ihn erkenne, muss ich ihn fragen: wie war die Reise, bzw. wie sieht es aus, wenn ein sorbischer Dichter auf deutschen Flügeln fliegt, und gibt es da doch eine Zukunftsaussicht, wenn er dazu noch auf diesen Flügeln nach Belgrad, nach Smederevo fliegt, und ich stelle mir unser lebhaftes Gespräch vor, das sich nur fortsetzt, als wäre es nie unterbrochen, das war es auch nicht, davon zeugt am besten sein Gedicht übers Hotel Slavija, denn dieses Gespräch dauert fortwährend schon seit der ersten Unterscheidung zwischen „verständlich und stumm“ und dem ersten Versuch einer Übertragung und Nachdichtung des einen ins andere; wir dichten und dichten nach seit Jahrtausenden und haben uns noch nicht satt gedichtet und nachgedichtet, denn die Donau trägt immer anderes Wasser an Smederevo vorbei; und alles, was zu sagen ist, endet im Schwarzen Meer; – trotzdem sage ich aber noch etwas, und zwar: ich stehe hier, vor der Tür, im Luftzug, und warte auf meinen Freund und freue mich, während die Staatsgrenzen entlang der Donau geändert werden, während die Blätter fallen, in diesem Oktober und sich auf den Grund der Seele legen, dort wo meine Onkel und meine Tanten mir ihre unterschiedlichen Rosen eingepflanzt haben; das war viele Jahre bevor ich geboren wurde und lebt alles in einem Gedicht, das man weinen würde, wenn man darauf nicht ein- und ausatmete; in einem Gedicht, um welches wir uns mit unseren Sprachen bemühen und es bitten, uns wieder aufzunehmen, so unverständlich und stumm wie wir sind, erkrankt an der Vergänglichkeit, in einem Gedicht, um dessentwillen wir die Melodien unserer Sprachen zusammenstellen und das ganze Leben an der Tür stehen, mit dem Schlüssel in der Hand, dem vergoldeten, und auf den Dichter warten, dass er kommt aus der alten Heimat, aus der Lausitz, damit wir ihm endlich sagen können: Das ist Dein Schlüssel. Uđi, brate, u svoj dom.

Zlatko Krasni, 17.10.2008, aus Smederevo – Dresden – Kamenz. Ehrungen für Kito Lorenc, Sorbisches Institut, 2009

Danksagung

– Zur Verleihung des „Goldenen Schlüssels von Smederevo“ (Serbien), am 5.11.2008. –

Liebe Freunde, liebe Slavica und lieber Jan Krasni1,
nicht sorbisch, – deutsch soll ich mich bedanken, sagte man mir, wegen der Simultanübersetzung. So nehme ich diesen „Goldenen Schlüssel“ der Poesie entgegen in der einen, gemeinsamen Sprache der Gedichte, als hätte Zlatko Krasni, wie er es wollte, ihn mir heute übergeben, zusammen mit dem Buch meiner Gedichte in seinen Nachdichtungen, und ihm vor allem danke ich es.
Ein erstes Mal sah, las ich einige meiner Verse auf Serbisch neben ihren sorbischen Originalen in der 1976 in Belgrad erschienenen Anthologie Slovenske rime von Stevan Raičković. Das war eine sehr schöne „gesamtslawische“ Sammlung, die auch Nachdichtungen sowie die entsprechenden Originale aus dem Russischen, Ukrainischen, Belorussischen, Polnischen, Tschechischen, Slowakischen, Bulgarischen, Slowenischen und Mazedonischen enthielt. Nun aber, über dreißig Jahre später, halte ich einen ganzen serbischen Band meiner Gedichte in Händen. Er heißt Drugi jezik – Andre Sprache nach dem Titel eines der Gedichte. Diese „andre“ Sprache, mag sie bei mir ursprünglich Sorbisch oder Deutsch heißen und in der literarischen Zweisprachigkeit Verlust oder Gewinn bedeuten oder beides – sobald sie zu jener einen, gemeinsamen Sprache des Gedichts geworden ist, steht diese Frage nicht mehr, ebenso wenig wie die Frage nach dem Original bei der Nachdichtung, wenn sie denn Dichtung ist. So hoffe und wünsche ich, dass es meinen Gedichten erginge mit diesen serbischen Nachdichtungen. Die Probe aufs Exempel lassen sie uns sogleich machen mit einem Gedicht, in das ich mich 1966 rettete, als ich zum ersten Mal in Belgrad war, auf einem internationalen Autorentreffen, und wohl etwas verstört war von den vielen allzu flüchtigen, oberflächlichen Berührungen und Begegnungen und dem Sprachengewirr dort. Auch dieses Gedicht hat Zlatko aufgenommen in unser beider Buch, mit seiner serbischen Nachdichtung und dem sorbischen Original, das ich Ihnen abschließend vortrage:

BEOGRAD, HOTEL „SLAVIJA“

Auch ich, Freunde, könnte singen
ein trauriges Lied. Dieses Leben, wie
ein Hotelzimmer eilig am Ende
verlassen wir es, kaum
daß wir unsere Nummer behielten,
das Sprachengewirr unterscheiden
lernten hinter den dünnen Wänden
in der Hälfte unserer Zeit, die
wir nicht schlafwandelten durch die Stadt,
fremd, getrieben vom ungeduldigen
Hupen der hartnäckig Einheimischen
(obwohl wir uns doch traumsicher
bewegten). Und noch in der Tür
ist uns, als hätten Wichtiges
wir vergessen, während unsere Verse
schon verabschieden, was
leer bleibt, weil ohne uns fürder:
der Tisch, dort steht er, Stuhl, Schrank
und Bett – so standen sie. Freunde, auch ich
könnte singen ein trauriges Lied.

Aber nicht zu Besuch wollen wir sein:
Wohnen laßt uns in den Gedichten, wie
in den Häusern von Neu-Beograd, hoch
gespannt unter den Himmel guter
Erwartung, gelöste Einheit aus Vielfalt,
und zwischen die weißen Zeilen schreitend
Erdes grüner Rhythmus – laßt uns
ein freundliches Gedicht schreiben, Freunde.

Kito Lorenc, aus Smederevo – Dresden – Kamenz. Ehrungen für Kito Lorenc, Sorbisches Institut, 2009

 

Fakten und Vermutungen zum Poesiealbum + wiederentdeckt

Klassiker der Gegenwartslyrik: Kito Lorenc – Am 18.9.2013 in der Literaturwerkstatt Berlin in Lesung und Gespräch moderiert von Thomas Rosenlöcher.

Zum 75. Geburtstag des Autors:

Ulf Heise: Zwang zur Genauigkeit: Am Montag feiert Kito Lorenc seinen 75. Geburtstag
Leipziger Volkszeitung, 4.3.2013

Fakten und Vermutungen zum Autor
Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde OhlbaumGalerie Foto Gezett
Dirk Skiba Autorenporträts
Nachrufe auf Kito Lorenc: SZ ✝︎ MDR ✝︎ SAdK

 

Bestiarium Literaricum-Der Lorenc

 

Kito Lorenc und Miodrag Pavlovic erhalten den Petrarca-Preis 2012.

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